Filmfest 1420 Cinema – Werkschau Buster Keaton (28) – Die große Rezension
My Wife’s Relations ist eine US-amerikanische Kurzkomödie aus dem Jahr 1922 unter der Regie von und mit Buster Keaton./1
Handlung (1)
Durch einen Justizirrtum findet sich Buster mit einer großen, herrschsüchtigen Frau mit einem unfreundlichen Vater und vier tyrannischen Brüdern wieder.
Rezension
Die Handlungsangabe in der französischen Wikipedia (die deutsche Version beschreibt den Film nicht, was bei Keatons Werken relativ selten vorkommt) spricht am Ende von einer Verfolgungsjagd, die damit schließt, dass das frisch vermählte Paar nach Reno flieht (um sich scheiden zu lassen). In der von mir gesichteten Version des Films, die immerhin 3 Minuten länger war als die Wikipedia-Angabe (22 Minuten) sitzt er alleine auf der Straße, die Szene wirkt aber sehr kurz, nicht ausgespielt, für einen Film von 1921.
Nachfolgend eine ausführliche Analyse des Films anhand unserer üblichen Fragen (a.-g.) und individueller Zusatzfragen für den vorliegenden Film (ab h.)), Ergänzungen im Analysetext sind mit * gekennzeichnet.
a) Stellung des Films im Werk von Buster Keaton
„My Wife’s Relations“ ist ein frühes Kurzwerk von Keaton, produziert 1922 (oft datiert 1922, teils auch 1921/22) als zweireeliger Stummfilm. (silentera.com) In der Chronologie seiner kurzen Werke liegt der Film nach einer Reihe von sehr starken und innovativen Two-Reelern wie etwa „The Goat“ (1921) oder „The Play House“ (1921) und vor seinen größeren Feature-Werken wie „The Three Ages“ (1923). Laut Neibaur/Niemi gehört er zu den 19 Kurzfilmen, die Keaton zwischen 1920-23 gemacht hat und die sein komisches Handwerk schärften. (Bloomsbury Publishing)
In diesem Sinne ist der Film Teil der Phase, in der Keaton seine Stimme als Regisseur, Drehbuchautor und Darsteller festigt – nicht mehr als reiner Schauspieler für andere, sondern als kreative Kraft mit größerer Kontrolle. Gleichzeitig zeigt er aber noch nicht die volle strukturelle und thematische Tiefe, die seine späteren Kurz- oder Spielfilme erreichen. Kritiker*innen sehen ihn daher häufig als soliden, aber nicht herausragenden Vertreter seiner frühen Kurzwerke (vgl. z. B. IMDb-Usermeinungen). (IMDb)
Daraus folgt: Der Film ist kein Hauptwerk im Sinne von „The General“ (1926) oder „Sherlock Jr.“ (1924), aber er ist wichtig, weil er zeigt, wie Keaton Elemente seiner komischen Persönlichkeit und seines visuellen Stils auszubauen beginnt – etwa das Motiv des verkannten, überforderten Mannes, die intensive physische Komik und die Idee von Irrtum/Kostümierung/Verwechslung. Dieser Film gehört also zur Etappe des „Übens & Verfeinerns“ – nicht mehr Pionierphase, aber noch nicht Meisterwerk-Status.
*Hier ist beizufügen, dass der Film von den erwähnten IMDb-Nutzern durchschnittlich 6,6/10 erhält, was für Keatons Solo-Kurzfilme relativ wenig ist, hingegen schon die allerersten, also zuvor entstandenen Werke dieser Phase in der Regel über 7/10 erhalten, mit dem herausragenden Beispiel „Flitterwochen im Fertighaus“ („One Week“) mit 8,1/10, über dem nur noch (knapp) „The General“ als Langspielfilm angesiedelt ist (1926, ebenfalls 8,1/10). Das Kurzfilmwerk schwankt also eher, als dass es sich kontinuierlich weiterentwickelt, denn der vorausgehende „Buster und die Polizei“ („Cops“) wiederum gilt mit 7,6/10 als einer der besten unter Keatons Kurzfilmen. Ich hatte vermutet, mindestens auf der Höhe ist auch „Das vollelektrische Haus“ angesiedelt, weil er als ikonisch gilt, aber dieser wird wiederum „nur“ mit 7,2/10 bewertet.
b) Besonderheiten des Films
Einige Besonderheiten, die „My Wife’s Relations“ kennzeichnen:
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Ausgangslage einer Ehe durch Irrtum („judicial error“) – Der Film beginnt mit einer Gerichtsszene (*in der von mir gesehenen Version wird noch gezeigt, wie es zu der Gerichtsszene kommt), in der Keaton eine Fenster-Zerstörung begangen haben soll und vor einen polnisch-sprechenden Richter geführt wird, wo es zu einem Missverständnis kommt und eine Heirat zustande kommt. (sensesofcinema.com) Diese etwas surreale Grundsituation (in einer Einwanderer- oder „foreign section of a big city“) gibt dem Film einen absurden Einstieg – die Welt ist bereits einmal schief. (sensesofcinema.com)
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Familiäre Konfrontation: Keaton wird Teil einer großen, kräftigen, dominanten Familie – Frau, vier Brüder, Vater – wo er als Schwiegersohn wider Willen lebt. Diese Konstellation erzeugt zahlreiche physische und soziale Spannungen.
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Wandlung der Dynamik: Eine Wendung im Film ist, als die Familie glaubt, Keaton erhalte ein großes Erbe – plötzlich ist er nicht mehr Opfer, sondern Objekt des Begehrens. Diese Wendung erlaubt eine Umkehrung von Rollen.
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Set-Gags und visuelle Einfälle: Beispiele sind der Familienporträt-Tripod-Gag (wenn das Stativ einsinkt und alle sich ducken) oder eine Flut von Bier-/Schaum-Küche-Wohnzimmer-Chaos zum Finale. Diese Gags verbinden körperliche Komik mit Raum- und Set-Design.
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Wechsel vom bescheidenen Wohnumfeld in eine luxuriösere Unterkunft – und die damit verbundene Überforderung: Damit verbindet der Film das Thema sozialer Aufstieg (wenn auch fälschlich) mit Komik-Effekten.
In Summe: Der Film zeigt typische Keaton-Motivik (das kleine Mann gegen die Umstände, Irrtum, Mobilität, Flucht) und vermischt sie mit einer Heirats-/Familienkomödie-Prämisse, die relativ ungewöhnlich in seinem Kurzkatalog ist.
c) „Firsts“ / Innovationen im Film
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In Bezug auf Keaton: Zwar ist das Motiv von Ehe/Heirat nicht völlig neu (in Kurzkomödien vorkommend), aber bei Keaton ist die Kombination „versehentliche Ehe durch Gericht/Irrtum + Familien-Druck + vermutetes Erbe“ nicht so häufig. Insofern stellt der Film eine Variante seines Themas „Mann im falschen Umfeld“ dar, aber nicht notwendigerweise eine radikale Innovation.
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Technisch oder formal sehe ich keine berühmte Kamera- oder Schnittinnovation, die in der Literatur als Meilenstein ausgewiesen wäre (im Gegensatz etwa zu „The Play House“, den wir kürzlich rezensiert haben und der durch sein Multiple Exposure bekannt ist).
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Dennoch: Der Film steht für eine Weiterentwicklung des Set-Gag-Designs bei Keaton – z. B. das Treppen-Carpet-Rollen-Gag, das Fenster-/Dach-Markisen-Fluchtmoment (im Haus/Außenbereich). Die Quelle SilentLocations belegt eine Stuntsequenz: „Buster descends from the third floor by swinging diagonally from upper window awning to lower window awning“. (silentlocations.com) Diese Art der spatialen Stunt-Choreographie zählt zu Keatons Stärken und dieser Film zeigt eine Variation davon.
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Wenn man also etwas als „First“ markieren will: Vielleicht ist es eine Intensivierung des Themas „dominante Schwiegerfamilie“ im Kurzformat bei Keaton – aber es ist kein radikal neues Element im Werk.
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Ein kleiner Hinweis: Der Film beginnt mit einer Intertitle-Einblendung „In the foreign section of a big city – where so many different languages are spoken, the people misunderstand each other perfectly…“ – diese Selbstreflexion auf sprachliche/verbalen Missverständnis könnte man als frühe Form des Mehr-Sprachen/Irrtum-Gags bei Keaton sehen. (sensesofcinema.com)
Kurz gesagt: Der Film enthält keine bahnbrechende formale Innovation, aber er zeigt eine Reifung von Keatons Stil und Gag-Mechanik und bringt frühe Elemente, die in seinen späteren Werken noch stärker ausgeformt werden.
d) Tonalität des Films
Die Tonalität von „My Wife’s Relations“ ist komödiantisch, slapstickbetont, mit einer Mischung aus Überforderung, Chaos und – typisch Keaton – stoischer Gelassenheit. Einige differenzierte Beobachtungen:
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Der Grundton ist absurd bis grotesk: Die Idee, dass eine Heirat durch Verwaltungs-/Sprach-/Irrtumsfehler zustande kommt, setzt eine Welt in Gang, in der das Normale bereits ins Schiefe gekippt ist.
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Keatons Figur ist der ruhige Pol in einem Umfeld von dominanten Charakteren – die Körpersprache und der „Stoic“ (sein berühmtes „Great Stone Face“) sorgen dafür, dass trotz des Chaos eine gewisse Kontinuität entsteht.
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Die Komik ist stark physisch, aber auch sozial: Es geht um Unterdrückung, Ausgeliefertsein, die Aufwärtsbewegung (als vermeintlicher Erbe) und die Rückkehr ins Chaos. Somit ist der Ton nicht harmlos, sondern mit einem kleinen Hauch von Bitterkeit oder Ironie (z. B. wenn Keaton in der Familie lebt, aber Opfer ist).
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Insgesamt fehlt dem Film die sentimentale Leichtigkeit einiger Keaton-Kurzfilme (z. B. „One Week“), hier liegt der Schwerpunkt mehr auf Konfrontation, Anpassung und Flucht. Manche Kritiker*innen haben dies als struktur- oder humormäßig weniger ausgewogen beschrieben („thin story“, „moments shine brightest“) – vgl. QuietBubble. (quietbubble.wordpress.com)
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Ich würde sagen: Tonalität = „situationskomisch, körperlich, leicht misanthropisch gegenüber dem Familien-/Ehealltag, mit einer Flucht-Dynamik“. Der Ausstieg („escape back to train“) unterstreicht, dass es eine Rückkehr zur Ursprungsposition gibt – typisch für viele Keaton-Kurzfilme.
e) Rezeption damals und heutige Einschätzung
Damals (in den 1920ern):
Direkt verfügbare Informationslage zur Zeitrezeption ist begrenzt, da Kurzfilme oft weniger intensiv reviewt wurden als Spielfilme. Dennoch finden sich Hinweise: Eine aus dem Jahr 1922 zitierte Tageszeitung meinte, das Finale enthalte „an exciting acrobatic feat that has not been equalled in Buster’s previous ‘stunts’“. (Reddit) Dies deutet darauf hin, dass das Publikum zumindest die Stunt-Komponente bemerkte. Dennoch scheint der Film nicht als Spitzenleistung von Keaton gehandelt worden zu sein.
Heutige Einschätzung:
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Auf Websites wie IMDb liegt die Bewertung eher im mittleren Bereich (z. B. 6.6/10 laut IMDb) für diesen Kurzfilm. (IMDb)
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Kritiken heben hervor: „funny, but doesn’t do enough with a great idea“ – z. B. „the story doesn’t go anywhere and stunts are just random“. (IMDb)
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Andererseits: Fachliteratur (z. B. Neibaur/Niemi) zeigt, dass der Film relevant ist für das Studium von Keatons Kurzwerk – nicht als Meisterwerk, sondern als wichtiger Baustein.
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In retrospektiven Programmen bzw. Festivals wird er gelegentlich gezeigt (z. B. Viennale) und als Teil der Sammlung „Buster Keaton: The Short Films Collection 1920-23“. (Viennale)
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Folgende Tendenz: Der Film wird geschätzt für seine Gags und Komik-Mechanik, aber er wird nicht so hoch bewertet wie etwa „The Goat“, „The Play House“, „Cops“ oder später seine Langfilme.
Zusammenfassung: Für das damalige Publikum war der Film vermutlich ein unterhaltsamer Kurz-Slapstick; für heutige Kenner*innen wird er als solide, aber nicht Spitzenleistung bezeichnet. Er zeigt sehr gut die berufliche und kreative Phase Keatons, aber als politisch oder gesellschaftlich tiefgreifend würden wir ihn nicht einordnen.
f) Technische Besonderheiten
Technisch gilt folgendes für den Film:
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Der Film wurde als zwei-Reeler produziert (ca. 2.096 ft laut SilentEra, rund 20-30 Minuten) und im Format 35 mm, Seitenverhältnis etwa 1,33:1. (silentera.com)
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Kamera: Der ständige Kameramann von Keaton, Elgin Lessley, ist für die Bildgestaltung genannt. (silentera.com)
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Set- und Stunt-Design: Wie oben schon erwähnt: Die Szenen mit Fenster-/Dach-Awnings-Flucht, die Treppen-/Roll-im-Teppich-Sequenz zeigen eine choreographierte Raumkomik, die über reines Gag-Abreiten hinausgeht. Beispielsweise: „Buster descends from the third floor of a building like a circus acrobat using the window awnings.“ (silentlocations.com)
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Weniger ausgeprägt als bei spektakulären Keaton-Stücken: Es scheint keine bahnbrechende Kamera-Tricktechnik oder Spezialeffekt zu geben, wie etwa bei „The Play House“ (Multiple Exposure). Die technische Innovation ist hier subtiler.
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Wichtig zu bemerken: Der Film zeigt, wie Keaton bereits die Integration von Komik und Architektur/Set erzwingt – der Raum wird zum Mitspieler, nicht nur Hintergrund. Das ist eine technische wie gestalterische Stärke.
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Allerdings: Einige Kritiker*innen bemängeln, dass die Handlung ungewöhnlich lose sei und Gags teilweise wenig miteinander verbunden (siehe IMDb Kritik). (IMDb)
Zusammengefasst: Technisch solide + stilistisch versiert im Bereich Raum/Stunt, aber nicht bahnbrechend in der Kamera- oder Effekttechnik.
g) Wie wirkt Keatons Figur / Keaton als Bräutigam und Ehemann wider Willen
Die Rolle, die Keaton spielt – „The Husband“ – ist eine typische Variante seiner Filmpersona: Der ruhige, stoische Mann in turbulenten Umständen, nicht ganz Herr seiner Lage, oft Opfer von Umständen, aber mit Einfallsreichtum und körperlichem Einsatz. Speziell in diesem Film:
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Opferrolle: Er wird durch ein Missverständnis verheiratet, ohne wirklich die Kontrolle zu haben – eine Ehe „wider Willen“. Schon diese Figur ist eine Variation des Themas „Mann ins Chaos geschmissen“.
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Konflikt mit der Familie: Die Frau ist groß und dominant, ihre Brüder kräftig und bullyhaft – Keaton wirkt schlaksig und unterlegen. Dieses körperliche Ungleichgewicht erzeugt Komik (und vielleicht auch eine subtile Kritik an Machtverhältnissen).
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Unbeholfenheit und Einfallsreichtum: Er versucht sich anzupassen, wird aber ständig überrascht und überrollt – typisches Sujet: Er reagiert auf die Umwelt, statt sie zu kontrollieren.
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Flucht und Rückkehr zur Selbstständigkeit: Am Ende – nachdem die Familie ihn begehrt hat, als man ein Erbe wähnte – fliegt die Wendung auf und er muss fliehen. Das Muster: vom unterdrückten Bräutigam zu begehrtem Schwiegersohn zu gejagtem Mann – und dann zur Rückkehr.
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Im Sinne unserer Analyse: Keaton fungiert als „kleiner Mann“, der durch soziale Umstände – Ehe, Familie, Erbe – in eine Rolle gepresst wird, die ihn überfordert. Seine Ehe im Film ist keine romantische Verbindung, sondern eine komische Belastungsprobe.
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Bemerkenswert ist, wie der Film traditionelle Geschlechter-/Familienrollen überzeichnet, aber Keaton bleibt nicht ein passives Opfer – er handelt, reagiert, flieht – und zeigt eine Art Selbstbehauptung.
Insgesamt wirkt seine Figur sympathisch, leicht bemitleidenswert, aber nie bloß Opfer – das macht die komische Wirkung aus.
h) Rolle der Frauen im Film
In „My Wife’s Relations“ ist die Frau (gespielt von Kate Price) die dominierende Figur – groß, kräftig, mächtige Präsenz im Verhältnis zu Keaton. Einige Aspekte zur Rolle der Frauen:
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Die Frau ist nicht ein zartes romantisches Wesen, sondern eine starke Persönlichkeit, die den Mann und die Familie völlig übernimmt. Das ist für die Zeit (frühe 1920er) relativ ungewöhnlich – zumindest im Sinne, dass die Ehefrau nicht primär Objekt der Begierde, sondern enforcer ist.
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Allerdings bleibt ihre Rolle konsequent innerhalb komödiantischer Stereotype: Die „battle-axe“ Schwiegermutter/Schwägerinnen-Figur, die kräftigen Brüder, das dominierende Umfeld. Es ist nicht primär feministisch gedacht – eher überzeichnet. So gesehen: Die Figur hat weniger Tiefe und Eigenmotivation, sondern mehr Funktion als Gag-Element.
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Es gibt kaum Reflexion ihrer eigenen Perspektive oder Autonomie – ihr Handeln ist im Wesentlichen auf das Mannsein Keatons, die Familie, das Erbe ausgerichtet. Insofern: Frauenrolle bleibt eher instrumental im Handlungskonstrukt.
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Aus heutiger Sicht könnte man kritisieren: Zwar stark präsent, aber nicht differenziert – die Frau repräsentiert „Familie“ und „Eheproblematik“, jedoch nicht weibliche Subjektivität.
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Es ist interessant, dass eine Frau hier nicht nur dekorativ ist, sondern Macht im Setting hat – dennoch fehlt es an einer echt emanzipatorischen Rolle. Man könnte argumentieren, dass der Film durch das Überzeichnen patriarchaler/heteronormativer Strukturen eine Kritik impliziert, aber das bleibt spekulativ.
i) Sozialer Kommentar – Schichtwechsel, Ortwechsel, Versehen
Der Film enthält durchaus soziale Elemente und Möglichkeit zur Interpretation:
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Schicht-/Ortwechsel: Zu Beginn lebt Keatons Figur unter einfachen Umständen, wird in eine Großfamilie aufgenommen. Später – als das vermeintliche Erbe auftaucht – bezieht die Familie ein luxuriöseres Wohnhaus („town-house with sky-high rent“) und lebt über ihre Verhältnisse. Diese Art sozialer Aufstieg (wenn auch falsch) und Rückfall (als Irrtum erkannt) ist zentral. (vgl. Dead2Rights Blog) (Dead 2 Rights)
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Versehen/Missverständnis-Motiv: Der Film funktioniert durch mehrere Versehen: Heirat durch Gericht/Irrtum; Erbe falsch zugeordnet; daraufhin Luxus; schließlich Ausscheiden und Rückkehr. Dieses Motiv ist klassisch – „alles war ein Irrtum“ – und gibt dem Film eine Kreislaufstruktur: Ausgangspunkt → Irrtum → Höhepunkt → Fall → Rückkehr.
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Sozialdynamik: Die Familie reagiert auf Geldversprechen, zeigt sich opportunistisch. Keaton als Außenseiter wird zunächst unterdrückt, dann begehrt – eine Satire auf Materialismus, Statusverhalten und familiäre Opportunität. Man könnte hierin einen Kommentar auf die amerikanische Gesellschaft der 1920er („Roaring Twenties“, Konsum, Aufstieg) sehen.
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Integration/Exklusion: Keaton integriert sich nicht wirklich in die Familie, bleibt Außenseiter. Die Familie ist geschlossen, kräftig, gebündelt – seine Figur ist fremd. Damit reflektiert der Film Themen von Zugehörigkeit, Macht und gesellschaftlicher Position.
Der Film liefert zwar keine radikale Gesellschaftskritik, aber er weist auf soziale Mechanismen (Status, Verführung durch Geld, Ausnutzung) hin – und thematisiert Spaß- und Grenzräume des Aufstiegs/Abstiegs.
j) Warum eine polnische Familie? Kulturrassistische Aspekte?
Die Familie im Film wird als polnisch-sprachige Einwandererfamilie vorgestellt („In the foreign section of a big city – where so many different languages are spoken…“) – so der Vorspann. (sensesofcinema.com) Warum gerade „polnisch“?
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Möglichweise war dies eine populäre Quelle für Klischees in der 1920er-USA: Einwandererfamilien mit kräftigen physischen Merkmalen, vielen Söhnen, eingeschworener Gemeinschaft – als komisches Setting für einen Ehe-„Fremden“.
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Der Einsatz einer polnisch-sprechenden Richterfigur, die Englisch nicht versteht, dient direkt dem Zweck des Missverständnisses – ist also dramaturgisch intendiert.
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Heute würde man den Einsatz solcher ethnischer Klischees kritisch sehen: Die Darstellung ist stereotypisiert – „große Polin“, „vier gorilla-ähnliche Brüder“ – und entspricht nicht dem heutigen Sensibilitätsstandard gegenüber Einwanderer*innen und Minderheiten. Rotten Tomatoes’ Kurzfassung spricht von „large Polish woman with four gorilla-like brothers“. (Rotten Tomatoes)
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Aus heutiger Maßstäben: Ja – man könnte argumentieren, dass der Film rassistisch bzw. zumindest ethnisch stereotyp ist. Obwohl nicht rassistisch im Sinne von direkter Rassenfeindlichkeit, nutzt er ethnische Merkmale zur Komik und grenzt die Figuren als „anders“ aus. Das entspricht heute weniger dem bewussten Umgang mit Diversität und Einwanderung.
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Man sollte das historische Setting anerkennen – 1920er, Einwanderung, ethnische Viertel – gleichzeitig kritisch hinterfragen, wie solche Darstellungen zur Stereotypisierung beitragen. Der Film bleibt als Produkt seiner Zeit lesbar, aber mit einem Vorbehalt.
k) Handlungskohärenz: Motivation, Logik, Rudimentarität?
Ihr Eindruck, dass der Film teilweise schlecht die Motivation der Handlungselemente erklärt, teile ich in großen Teilen – und hier die Analyse:
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Handlung: Der Plot ist relativ simpel und sehr gag-orientiert: Fensterbruch → Gericht → Heirat → Familie → Erbe → Luxus → Enthüllung → Flucht. Es gibt eine klare Struktur, aber die Motivationen einzelner Elemente bleiben oft skizzenhaft. Beispiel: Der große Teig in der Anfangsszene (laut Program Notes: „kneading a large strand of dough to make bread… knocks down passer-by… breaks a window“). (Robert Constable) Der Übergang von Teig → Fensterbruch → Heirat ist dramaturgisch etwas lose.
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Der Springseil-/Teig-Aufroll-Moment: In Program Notes heißt es, er knetet Teig, wirft einen großen Passanten um, dann … der Fensterbruch. Technisch ein Gag-Setup, aber in motivischer Logik wenig erklärt. Der Zuschauer nimmt es eher als Slapstick-Katalysator denn als narrative Motivation. *Es ist nicht aus der Luft gegriffen, der Springseil-Teig-Gag führt dazu, dass der Briefträger umgehauen wird und seine Post durcheinander gerät, was wiederum zu den folgenden Verwechslungen führt, aber das ist optisch und dramaturgisch nicht sehr geschickt gestaltet – oder heute schwerer lesbar, zumal auf einem kleinen Bildschirm, als vom Slapstick gewohnten Publikum der frühen 1920er bzw. wird durch die analytische Herangehensweise als zu salopp eingeordnet, besonders für Keatons Verhältnisse und seine bereits in zuvor veröffentlichten Filmen sichtbaren Fähigkeit zur Präzision.
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Popcorn-/Schaum-Flut-Ende: Laut Blog-Beschreibung übernimmt ein zu viel Hefe im Hausgebrauten Bier zu einer Flutszene mit Schaum. Diese Flut dient dem Final-Gag, weniger der psychologischen oder motivierten Handlung. (Dead 2 Rights)
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Story vs. Gags: Viele Kommentator*innen merken an, dass die Geschichte mehr als Rahmen für Gags dient – z. B. QuietBubble: „the story doesn’t go nowhere and random stunts … just random gags“. (quietbubble.wordpress.com)
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Vergleich mit anderen Kurzfilmen von Keaton: Einige seiner besten Kurzfilme wirken geschlossen und kohärent (z. B. „One Week“). Hier scheint das Verhältnis etwas schwächer.
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Fazit zur Kohärenz: Ja, der Film ist handlungsmäßig eher rudimentär im Verhältnis zu Keatons besten Werken. Die Motivationen sind häufig sekundär gegenüber den Gags. Dennoch: Es gibt eine erkennbare Dramaturgie – Irrtum → Familienleben → Aufstieg → Rückfall.
Zusammenfassende Bewertung
„My Wife’s Relations“ ist ein interessanter Kurzfilm von Buster Keaton, der en passant viele Elemente seines komödiantischen Universums versammelt: körperliche Komik, Irrtum, Außenseiterfigur, Architekturen von Chaos und Flucht. Er zeigt ihn in der Phase, in der er seine Stimme als Regisseur und Autor formt, nicht mehr nur Schauspieler.
Gleichzeitig ist der Film in mehrfacher Hinsicht nicht sein stärkstes Werk: Die Handlung bleibt skizzenhaft, die Motivationen nicht immer stringent, die innovativen Elemente begrenzt. Aus heutiger Sicht wird er daher oft als solider, aber nicht zentraler Keaton-Kurzfilm bewertet.
Aus unserer links-mittigen Perspektive und mit Blick auf demokratische Werte lässt sich Folgendes festhalten:
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Positiv: Der Film stellt soziale Mechanismen (Familie, Macht, Aufstieg/Abstieg) in den Mittelpunkt – und zwar humorvoll, aber nicht respektlos gegenüber dem einfachen Mann. Keaton bleibt sympathisch und zeigt Widerstand gegen Übermacht bzw. Anpassungsdruck.
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Kritisch: Die Darstellung der polnisch-stämmigen Familie nutzt Stereotype und ethnische Klischees – das entspricht heute weniger sensibler Ethik in der Darstellung von Diversität. Auch die Frauenrolle bleibt wenig differenziert.
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Schlussendlich: Der Film bietet Stoff zur Reflexion (Ehe, Familie, Außenseiterrolle) – ist aber kein radikales Gesellschaftsstück oder Kommentar zur Demokratie. Daher eignet er sich im Rahmen einer demokratiekritischen Analyse als Beispiel für frühe filmische Komik- und Machtstrukturen, nicht als Manifest.
Finale
Ich mag Filme mehr, in denen eine Figur nicht durch andere so unter Druck gerät, wie man es hier bei Keaton sieht, Chaplins Tramp zum Beispiel in seinen frühen Filmen ist sogar überwiegend Akteur, der sich selbst in Schwierigkeiten bringt, wenn man die gagreichen Situationen, die manchmal im See enden, als solche bezeichnen mag. Die Idee, dass jemand ausgeliefert ist, finde ich vermutlich per se nicht besonders komisch. Auch die Kreisstruktur des Films ist durch ihren Mangel an Amerikanismus sehr spezifisch – obwohl wiederum chaplinesk, das ist unbestreitbar, trifft aber bei beiden Komikern nicht immer zu und ist bei Keaton sogar stärker ausgeprägt. Gerade Kurzfilm-Meisterstücke wie „One Week“ zeigen das deutlich. Es ist am Ende kein Mehr zu erkennen gegenüber dem Anfang, manchmal wird sogar etwas zerstört, wie der sicher nicht ganz billige Traum vom eigenen Fertighaus (ähnlich in „The Boat“, der als eine Art Fortsetzung davon geplant war, aber wesentlich dramatischer und stellenweise sogar dunkel-gefahrgeneigt wirkt).
Man hat viel darüber geschrieben, dass Busters Grund-Passivität, sein Stoizismus im ewigen Verlust, eine geradezu postmoderne Philosophie dokumentiert und ihn daher als viel avantgardistischer eingeschätzt als Chaplin. Es gibt viele Aspekte, bei diesem Vergleich, aber ich habe während der gut ausgedachten und gut getimten Tischszene, in der Buster nicht zum Essen kommt, weil er ständig irgendetwas an- oder weiterreichen muss, auch lachen müssen. Später nicht mehr, weil die Schlafzimmergags mich trotz des innovativen Kopfhörer-Moments nicht direkt gewinnen konnten, und während der Markisen-Szene habe ich vor allem wieder darüber gestaunt, wie gut Keaton Raum, Zeit und Aktion beherrscht, wobei hier doch ein Rätsel bleibt: War diese Szene wirklich an einem hohen Gebäude „echt“ und ohne Netz gefilmt? Falls ja, war sie typisch für Keatons Waghalsigkeit und für seine technischen Fähigkeiten, denn die Markisen mussten ja so präpariert worden sein, dass die vorderen Teile, die eingerissen werden, zwar als eine Art von Lianen funktionieren, aber eben nicht ganz abreißen, das wäre mindestens schmerzhaft für Keaton geworden. Dazu haben wir noch einmal gesondert recherchiert, weil die Szene wichtig für das Verständnis von Keatons eigenem Verständnis von Stunt-Komik ist und dafür, warum er für diese Einstellung so gepriesen wird.2
Wenn ich eine Empfehlung geben darf: Der Film lohnt sich als Teil einer Gesamt-Sicht auf Keatons Kurzwerk – insbesondere wenn man seine Entwicklung verfolgen möchte. Aber sollte man ihn isoliert als „Meisterwerk“ einsetzen, wäre das überhöht. Wovon wir beim Wahlberliner abgesehen haben: Eine Sonder-Abwertung wegen der Darstellung der polnischen Familie vorzunehmen. Es war eine knappe und nicht ganz unkomplizierte Entscheidung.
64/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie: | Buster Keaton Edward F. Cline |
|---|---|
| Geschrieben von | Buster Keaton Edward F. Cline |
| Produziert von | Joseph M. Schenck |
- Buster Keaton als der Ehemann
- Monte Collins als Der Vater (nicht im Abspann)
- Wheezer Dell als Bruder (nicht im Abspann)
- Harry Madison als Bruder (nicht im Abspann)
- Kate Price als Ehefrau (nicht im Abspann)
- Joe Roberts als Bruder (nicht im Abspann)
- Tom Wilson als Bruder (nicht im Abspann)
2Kurzantwort: Die „Markisen-Szene“ in My Wife’s Relations ist kein filmischer Fake-Schnitttrick — das war ein praktischer, von Buster Keaton persönlich ausgeführter Stunt, real und riskant, zwar unterstützt durch durchdachtes Bühnen-/Set-Design und Wiederholungs-Vorbereitung, aber ohne optische Kameratricks, die die Gefahr nur suggerieren würden. (silentlocations.com)
Warum ich das so bewerte — kurz erklärt mit Belegen
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Keaton machte seine Stunts selbst und arbeitete mit praktischen Sets.
Keaton ist bekannt dafür, keine Schnitttricks zu verwenden, sondern die Action real zu inszenieren — er ließ Fassaden kippen, schraubte aufwändige Kulissen, nutzte markierte Bodennägel etc. Das gilt sowohl für spektakuläre Beispiele wie Steamboat Bill, Jr. als auch für kleinere Stunts wie das Herunterschwingen an Markisen. (Wikipedia) -
Neu entdecktes bzw. dokumentiertes Filmmaterial zeigt die echte Ausführung.
Recherchen/Archivfunde haben eine längere Fassung / verlorene Aufnahmen von My Wife’s Relations dokumentiert, in denen die Sequenz des Abstiegs von einer Etage zur anderen über Markisen/Awnings klar als physische, choreographierte Abfolge zu sehen ist. Fachleute, die Sets und Studio-Luftaufnahmen untersucht haben, beschreiben die Szene als echte Stunt-Choreographie. (silentlocations.com) -
Set-Tricks waren handwerklich, nicht optisch.
Wenn Keaton „Sicherheit“ baute, dann durch mechanische Vorkehrungen am Set (verstärkte Markisen, angebrachte Halterungen, aufklappbare Fassaden, genormte Fallmechanik), nicht durch Kameraschummeleien. Zeitgenössische Berichte und spätere Analysen berichten, dass er oft mit vorgefertigten, auf Gelenken montierten Kulissenteilen arbeitete, so dass ein Fall reproduzierbar und kontrollierbar war — aber immer noch gefährlich. (Ähnliche Technik verwendete er z. B. auch beim berüchtigten Fassaden-Fall in Steamboat Bill, Jr..) (Reddit) -
Zeitzeugen-/Expertenkommentare betonen das Risiko.
Filmfans, Stunt-Historiker und Archivforscher weisen darauf hin, dass bei nur wenigen Zentimetern Abweichung schwere Verletzungen möglich gewesen wären. Keaton selbst erlitt im Laufe seiner Karriere tatsächliche Verletzungen durch solche praktischen Stunts, was den Eindruck bestätigt, dass hier nichts „kosmetisch“ getrickst wurde. (Reddit)
Was das praktisch bedeutet (wie die „Sicherheit“ aussah)
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Verstärkte, tragfähige Markisen/Awnings: Die Markisen wurden nicht als fragile Stoffbahnen benutzt; sie waren verstärkt und so konstruiert, dass sie Keatons Gewicht kurz halten bzw. kontrolliert nachgeben konnten. (silentlocations.com)
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Sorgfältig aufgebaute Kulisse / Gelenk-Fassaden: Häufig ließ Keaton Fassadenteile auf Scharnieren montieren, damit einfallende Teile immer auf vordefinierte Weise reagierten (ähnlich den Methoden bei anderen Keaton-Stunts). Dadurch wurden Wiederholungen möglich und das Risiko etwas kalkulierbarer. (Reddit)
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Rehearsal & Präzision: Keaton probte Bewegungen genau; Kamerapositionen und Landepunkte waren markiert (z. B. sogenannte „nail marks“ bei anderen Stunts). Trotzdem war die Toleranz klein — oft reichten Zentimeter, um ernsthaft verletzt zu werden. (Wikipedia)
Fazit
Die Markisen-Abstiegssequenz in My Wife’s Relations ist keine Illusion durch Schnitt oder frühe Trickfotografie — sie ist echtes Stunthandwerk: praktisch, aufwändig gebaut, clever abgesichert, aber immer noch gefährlich. Keaton reduzierte visuelle Täuschung zugunsten realer akrobatischer Leistung; die Bühne und Mechanik machten das wiederholbar, aber nicht harmlos. (silentlocations.com)
Offenbar gibt es auch Untersuchungen der Fassaden-Szene, die belegen,dass man bei sehr genauem Hinschauen die oben erwähnten Vorrichtungen wie etwa Gelenke erkennen kann.
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