Filmfest 1423 Cinema
Fritzi – Eine Wendewundergeschichte (englischer Titel: Fritzi: A Revolutionary Tale) ist ein deutsch–luxemburgisch–belgisch–tschechischer Animationsfilm über die Friedliche Revolution im Herbst 1989 aus dem Blickwinkel eines Kindes. Der Film basiert auf dem Kinderbuch Fritzi war dabei von Hanna Schott, das 2009 im Leipziger Verlag Klett Kinderbuch erschien. Der Film wurde von den Trickfilmstudios Balance Film, Trickstudio Lutterbeck, Maur Film in Koproduktion erstellt. Das österreichische Trickfilmstudio Neuer Österreichischer Trickfilm steuerte große Teile des Storyboards bei.
Wenn sich die belgische Comictradition, die tschechische Expertise in Sachen Kinderfilm und die deutsche Erfahrung mit der friedlichen Revolution von 1989 zusammenschließen, muss das doch zu einem überzeugenden Ergebnis führen, oder? Wir sehen etwas genauer hin in der – Rezension.
Die Veröffentlichung des Textes erfolgt als Beitrag zur deutschen Einheit am Vorabend des 35. Jahrestages am 03.10.2025.
Handlung (1)
Sommer 1989 in Leipzig, DDR. Die zwölfjährige Fritzi verspricht ihrer besten Freundin Sophie auf deren Hund Sputnik aufzupassen. Sophie macht mit ihrer Mutter Kati zwei Wochen Urlaub in Ungarn und der kleine Terrier darf nicht mit. Doch nach Ablauf der Ferien ist Sophie immer noch nicht zurück und Fritzi erfährt, dass sie mit ihrer Mutter in den Westen geflohen ist. Weil Sputnik seine Besitzerin so sehr vermisst, beschließt Fritzi, ihrer Freundin den Hund zurückzubringen. Während eines Klassenausflugs in Grenznähe will sie ihn über die Grenze schmuggeln. Ihr Plan hat weitreichende Folgen und Fritzi gerät mitten hinein in die Friedliche Revolution, die das Land für immer verändert.
Für den ersten Animationsfilm, der die Wende und friedliche Revolution in der DDR aus dem Blickwinkel eines Kindes darstellt, ließen die Animatoren Leipzig im Jahr 1989 detailgetreu wieder auferstehen. Mit Originaltonaufnahmen von den Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR gibt der Film authentisch die Atmosphäre des Umbruchs in der DDR wieder und spricht damit nicht nur Kinder an.
Stimmen (1)
Die Form der Animation sei nicht unbedingt das erste Mittel der Wahl, um einen historischen Stoff zu erzählen, schrieb Katrin Hoffmann bei epd Film. Aber gerade deswegen sei der Rückblick so spannend und authentisch gelungen. Fritzi sei „im besten Sinne ein Vorbild für die heutige Zeit“, weil es den Regisseuren gelinge, eine visuelle Ästhetik als Brücke zwischen einst und jetzt zu schaffen und den Ruf „Wir sind das Volk“ den friedlich Protestierenden zurückzugeben, denen sie gehören. „Gleichzeitig machen sie der heutigen jungen Generation Mut, sich weiterhin an den Freitagsdemonstrationen der Umweltbewegung zu engagieren.“[9]
In der Berliner Morgenpost beschrieb Ralf Krämer den Film als eher niedlich als realistisch. Die Zuschauer seien besser beraten, „nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und jede Handlung zu hinterfragen“. Die bisweilen gezwungen wirkende kindliche Perspektive mache sich zu angreifbar, zu didaktisch wirke das einmontierte Realfilm-Archivmaterial. Es bleibe der „Eindruck eines recht reißbrettartig hingeworfenen Jubiläumsbeitrags und schön anzusehende, sorgfältig gestaltete Bilder einer gerade mal 30 Jahre zurückliegenden, aber geradezu unwirklich fern wirkenden Zeit“.[10]
Im Zusammenhang mit der Filmpremiere ging Deutschlandfunk Kultur der Frage nach, warum Kinder kaum noch etwas über die friedliche Revolution und die Zeit der Wende wissen, und verwies auf Berlin, wo Geschichte als eigenständiges Unterrichtsfach in Sekundarschulen abgeschafft wurde. Selbst an Gymnasien könne es vorkommen, dass Jugendliche die Schule verlassen, ohne den Stoff im Unterricht behandelt zu haben, berichtete der Vorsitzende des Geschichtslehrerverbandes. Die Berliner Bildungsverwaltung berief sich darauf, dass die Friedliche Revolution ein Querschnittsthema sei. Wer in Deutsch Christa Wolf lese, beschäftige sich automatisch mit der Friedlichen Revolution. Dafür brauche es kein Extrafach Geschichte.[11]
Rezension
Die von ARTE gezeigte Version, die ich mir angeschaut habe, weist nur 78 Minuten Spielzeit aus. Aber was sollte man bei einem Film aus dem Jahr 2019, der auf der Höhe des aktuell Zeigbaren sein dürfte, wegzensiert haben, der auch Kindern ein besseres Verständnis der Wendezeit mit auf den Weg geben soll? Der Einwand der Niedlichkeit ist berechtigt, daran besteht kein Zweifel. Der geopolitische Hintergrund der Wende wird komplett außen vor gelassen, und damit ist der Film auch kein Instrument, das einen profunden Geschichtsunterricht ersetzen kann. Mich hatte es überrascht, dass Geschichte nicht mehr als eigenständiges Fach gelehrt wird.
Kein Wunder, dass junge Menschen keine Kenntnis von historischen Zusammenhängen haben, aber es bleibt erschreckend. Zwar ist der Geschichtsunterricht immer auch Einfallstor für die gerade herrschende Ideologie, aber nichts wissen macht es keinesfalls besser als z. B. die Darstellungen, von kundigen, modern ausgebildeten Lehrer:innen angeleitet, auch kritisch zu hinterfagen und bestimmte Aspekte gezielt zu vertiefen, wie es bei uns zumindest teilweise der Fall war: bei den jüngeren Pädagog:innen, die mit dem Stoff nicht vorgeblich neutral, sondern progressiv umgingen. Wer die Vergangenheit nicht kennt und nicht aus ihr lernen kann, der wird in der Zukunft die alten Fehler wiederholen. Es ist, als ob man technisches Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse einfach nicht mehr vermittelt und sie dadurch der kritischen Anwendung ebenso wie dem ethischen Diskurs entzieht.
Die Vereinfachungen und Auslassungen in „Fritzi“ sind, vor dem heutigen Hintergrund der Bildungsvermittlung betrachtet, gravierender, als wenn man, wie das bei mir noch der Fall ist, eine reizend gemachte persönliche Geschichte entsprechend einordnen und sich das Fehlende hinzudenken kann. Auf dieser Ebene funktioniert der Film, Fritz ist eine reizende Göre, nicht exponiert, nicht außergewöhnlich, ein ganz normales Kind, das ein wenig mehr seine Träume lebt als andere, wie man dem fantasievollen Baumhaus ansieht, das sie sich eingerichtet hat. Und man beachte die linke Socke, die immer in heruntergerutschtem Zustand dargestellt wird. Da merkt man gleich, in der Trägerin dieser roten Strümpfe schlummert eine kleine Rebellin, jedenfalls ein nicht perfekt eingepasstes Individuum.
Solche Details braucht es, damit eine Figur sich heraushebt und Identifikationspotenzial hat. Dass sie strohblond ist, trotz ihrer dunkelhaarigen Eltern, nun ja. Dass die böse Mitschülerin, die später mal bei der Stasi gearbeitet hätte, wenn die Wende nicht dazwischengeraten wäre, eine dicke Rothaarige ist, nun ja.
Hoffentlich führt das alles nicht in der Zukunft noch zu Problemen mit dem Film, aber heute kann man ja alles rasch umgestalten. Was dem Film technisch zugutekommt, ist die durchaus erkennbare Orientierung an der belgischen „Ligne clair“, die auch die Tim-und-Struppi-Geschichten von Hergé auszeichnet. Mit ihnen ist diese aufs Wesentliche reduzierte Art der Comicgestaltung populär geworden. Wer Hergés Werke kennt, wird sich sofort mit dem Stil von „Fritzi“, speziell die Figuren betreffend, klarfinden. Sie selbst hat etwas von Tim und ihr Vater wirkt optisch (nicht charakterlich) ein wenig wie Kapitän Haddock. Vielleicht findet sich in dieser Gestaltung der belgische Teil des Beitrags, denn Hergé war Belgier. Die Hintergründe sind stärker ausgeformt und so ergibt sich die für heutige Comicverfilmungen typische Dualität, dass die Figuren eine andere Anmutung haben als die Szenenbilder.
Die schlichte und meist unaufgeregte Handlungsführung, die aber blitzschnell emotional anspringen kann, rechnen wir eher dem tschechischen Kinderkino zu, das im Ostblock eine herausragende Stellung hatte. Koproduktionen mit der DEFA wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sind legendäre Beispiele dieser Filmkunst, die es versteht, emotionale Stimmigkeit herzustellen, ohne dabei kitschig zu wirken und oftmals einen feinen Humor zu implementieren, der rein deutschen Produktionen allzu häufig abging. Von der Multinationalität des Films profitiert „Fritzi“ also durchaus, aber zu den großen Wendefilmen wie „Goodbye Lenin“ wird er wohl nicht zählen, weil in der Tat in einem kindgerechten Animationsfilm viele kleine Details weggelassen werden müssen, die einen Erinnerungswert und eine Brücke in die heutige Zeit bilden. Dass hingegen in Leipzig alle Westfernsehen schauten, wird auf eine wirklich niedliche und gleichermaßen intuitive Art dargestellt, indem die Farbwechsel des TV-Bildes, hier mehr in ein richtiges Flimmern übersetzt, in fast allen Wohnungen des Hauses, in dem Fritzi wohnt, synchron stattfinden.
Ich finde, der Film ist auch eine Hommage an die Stadt im Osten, in der die Menschen damals Mut und den Willen zur Freiheit zeigten. Es ist, wenn schon die Tatsache nicht erwähnt wird, dass ohne Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion die DDR niemals so unblutig dahingeschieden wäre, wichtig, das nicht zu vergessen. Als das Buch entstand, war dieser Aspekt noch nicht vorhanden, wohl aber, als der Film inszeniert wurde: Mitten in einem Umfeld des besorgniserregenden Rechtsdralls, gerade in Sachsen (niemand in dem Film sächselt) ist Leipzig nach wie vor eine „rote“, eine selbstbewusste linke Stadt. Diese Tradition muss man sich bewusst machen, wenn man sich „Fritzi“ anschaut. Das kann man nur, wenn man wenigstens Grundwissen über die Wende vorweisen kann. Die Nikolaikirche, die Montagsdemos, der starke Bezug dazu in „Fritzi“, das ist immer noch berührend und ein Hoffnungszeichen für heute, wo es wieder so wichtig ist, sich für Demokratie und Frieden (und natürlich für das Klima, wie eine Kritikerin nicht vergessen hat zu erwähnen) zu engagieren.
Finale
Unter denjenigen, die der DDR heute noch nachtrauern, oftmals, ohne sie gekannt zu haben, wird „Fritzi“ kaum Anhänger:innen finden, schon gar nicht unter verbohrten Ideologen. Aber die Schüsse und Todesfälle an der Grenze gab es nun einmal und sie lassen sich nicht ausradieren aus einer Geschichte, von der offenbar jüngere Leute viel zu wenig wissen. Wie gefährlich das war und wie bedrückend ein Regime, in dem jede:r ein Spitzel sein konnte, wird in „Fritzi“ gut deutlich, auch wenn es wohl nicht so häufig vorgekommen sein dürfte, dass ein Schlapphut mit Vierkantbrille eine Zwölfjährige in Form eines Wettrennens verfolgt. Das ist natürlich ein Zugeständnis an ein Publikum, das auch ein wenig unterhalten werden möchte. Ob der Film für Kinder wirklich unterhaltend ist, habe ich mich ebenfalls gefragt, denn er beinhaltet weitaus weniger Action als in heutigen Animationsfilmen üblich. Ich glaube, es läuft mehr über die Identifikationsschiene. Wer die Figur Fritzi und zwei, drei weitere mag, der wird mitgehen können. Der Film war übrigens ein Beitrag zu „30 Jahre Wende“ und wurde von ARTE anlässlich „32 Jahre deutsche Wiedervereinigung“ ins Programm genommen.
Nachtrag anlässlich der Veröffentlichung 2025: Leipzig sticht im Osten immer noch heraus, aber insgesamt ist es düsterer geworden als vor drei Jahren, als ich den Entwurf verfasst hatte. Auftrieb hat nicht nur die extreme Rechte, sondern auch das Beschönigen der Zeit vor der Wende. 2022 sah es eher nach einer Atempause für die Demokratie aus, trotz der sichtbaren Verschleißerscheinungen, die sich u. a. im Umgang vieler Menschen mit der Corona-Pandemie manifestierten. Mittlerweile muss man genau hinschauen, ob sich in der heute jungen Generation noch genügend Revolutionäre finden, die für Freiheit und Menschenrechte einstehen, wie vor 35, 36 Jahren in der damaligen DDR. Wiewohl sie einer Minderheit waren, das muss immer klargestellt werden. Heute Teenager, morgen Revolutionärinnen in roten Söckchen für eine Zeit, die vielleicht viel gefährlicher wird als die DDR in ihrem lethargischen Endzustand.
73/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2022)
| Synchronsprecher | Rolle |
|---|---|
| Naomi Hadad | Fritzi |
| Ben Hadad | Bela |
| Jördis Triebel | Julia |
| Jonas Schmidt-Foß | Benni |
| Katharina Lopinski | Frau Liesegang |
| Winfried Glatzeder | Stasioffizier |
| Peter Flechtner | Klaus |
| Amelie Sophie von Redecke | Sophie |
| Jan Treviño Kräling | Hanno |
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