Abschied von der Mittelschicht – Die prekäre Gesellschaft (DE 2020) #Filmfest 1424 #DGR

Filmfest 1424 Dokumentation

Die Menschen und das System

Im Februar 2020 hatte diese interessante Dokumentation Premiere, ich habe sie damals schon aufgezeichnet, aber erst jetzt gesichtet. Anhand von Beispielen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Spanien wird beschrieben, wie die untere Mittelschicht immer mehr  zum Prekariat wird und dabei in eine Situation getrieben, aus der jegliche Sicherheit verschwindet. Wie ich den Film aufgenommen habe und worüber ich mich jenseits der Dokumentation selbst geärgert habe, steht in der -> Rezension. Den in der Inhaltsangabe genannten Film „Push – für das Recht auf Wohnen“ habe ich im Sommer 2019 im Kino gesehen, werde ihn zum Zwecke einer Besprechung aber noch einmal anschauen.

Inhalt

Nicht nur in Deutschland oder Frankreich wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Selbst in Schweden, das vielen noch als „Sozialparadies“ gilt, wird die soziale Schere immer größer. Jeder fünfte Rentner lebt dort unter der Armutsgrenze, Frauen sind besonders betroffen. In Spanien sind mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen prekär beschäftigt.

Das Prekariat lebt immer hart am Rand der Verschuldung. Ein Fehler, eine Krankheit zum falschen Zeitpunkt, ein Unfall oder einem Familienmitglied passiert irgendwas, das kann das Ende bedeuten“, so der britische Wirtschaftswissenschaftler Guy Standing.
Welche Explosivität steckt in der neuen Klasse des Prekariats? Wie steht es um Europas sozialen Frieden? Welche Chancen und Herausforderungen gehen mit der Idee eines Grundeinkommens einher? Wie könnte man der großen Unsicherheit und der Polarisierung des politischen Systems entgegenwirken?
Karin de Miguel Wessendorf und Valentin Thurn spüren diesen Fragen in der Dokumentation „Abschied von der Mittelschicht – Die prekäre Gesellschaft“ nach und begleiten junge und alte Menschen aus verschiedenen Ländern Europas bei ihrem Alltag im Prekariat.

  • Themenabend: Prekariat – Die ausgebeutete Klasse

Existenzängste, trotz Job? Das ist in Europa keine Seltenheit mehr. Rund ein Drittel aller Beschäftigten lebt in Unsicherheit. Obwohl sie Arbeit haben, teilweise sogar mehrere Jobs gleichzeitig, kommen sie nur knapp über die Runden. Wohnen wird immer mehr zum Luxus. Sie bilden eine neue soziale Klasse, die Ökonomen das „Prekariat“ nennen.

Wer sind die Menschen, die diese neue Gesellschaftsschicht bilden, fragen sich Karin de Miguel Wessendorf und Valentin Thurn. In ihrer Dokumentation „Abschied von der Mittelschicht – Die prekäre Gesellschaft“ begleiten sie junge und alte Menschen aus verschiedenen Ländern Europas bei ihrem Alltag im „Prekariat“.

Im Anschluss folgt „Push“ von Fredrik Gertten. Die investigative Dokumentation zeigt Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, wie sie die Welt bereist, um herauszufinden, wer aus der Stadt verdrängt wird und warum.

Besprechung

Die meisten „Fallbeispiele“ nämlich drei, stammen aus Deutschland. Vermutlich, weil der Film deutschen Ursprungs ist. Dazu kommt jeweils eine Person aus Frankreich, aus Spanien, aus Schweden, die Raum erhält, sich über ihr Dasein und ihr Befinden zu äußern. Bei der Nachrecherche bin auf diesen Artikel der Berliner Morgenpost zu dem Film gestoßen. Selbstverständlich interessiert mich, was unsere Stadtmedien schreiben, denn sie kennen die soziale Wirklichkeit in der Berlin und wissen daher über die vielen prekären Arbeitsverhältnisse in unserer Stadt, die von Dienstleistungen aller Art, nicht von hochwertigen Industriearbeitsplätzen geprägt ist. Hochwertige Industriearbeitsplätze? Wie war das früher mit der Leiharbeit, in der Menschen nicht etwa, der Unsicherheit und des erhöhten Stresses wegen ständig wechselnder Arbeitsumgebungen und des damit verbundenen Einarbeitungszwanges in kurzen Abständen und weil es vorkommen konnte, dass man gar keine Arbeit hatte, mehr, sondern sogar weniger verdient haben als die Stammbelegschaft? Einer der Interviewten lässt einen Einblick zu. „Abschied von der Mittelschicht“: Arte-Doku über Armut in Europa – Berliner Morgenpost:

In dem vom RBB produzierten Film bekommen diese Leute viel Raum. Nur ist das auch schon das Beste, leider, was sich über den Film sagen lässt. Der Film verschenkt sein Thema, schon weil er sich verzettelt. Ohne Fokus, ohne Ziel sammelt er stattdessen diffuse Stimmungen und diverse Unzufriedenheiten ein. Er bebildert quasi nur das soziale Elend, in fast allen seinen Schattierungen – als wollte er unbedingt zeigen, dass ein Leben in Armut in Europa kein individuelles Pech ist, sondern ein strukturelles, gesellschaftliches Problem. Die unterschiedlichen Ursachen, die in den unterschiedlichen Regionen zum Armutsproblem führen, werden wenig berücksichtigt. So machen die Filmautoren im Grunde genau das, was sie in ihrem Film anprangern: Die Zuschauer verunsichert zurückzulassen, weil sie am Ende keinen Deut klüger sind als zuvor.

Ich hätte mir denken müssen, dass ein Medium, das angesichts des drohenden Berliner Mietendeckels titelt „Die Linke zündet die Stadt an“ und damit apokalyptische Nero-Vergleiche evoziert, zu sozialen Problemen keinen Zugang hat. Wenn die MoPo wirklich der Ansicht ist, dass es sich um individuelle Probleme handelt, dann sollen sich die Redakteure mal fragen, ob sie in ihrer Redaktion lieber selbst den Wischmopp schwingen wollen, weil, wie sie selbst, niemand mehr Lust auf händische Arbeit hat. Dann würden sie schnell merken, dass nicht nur diese, sondern auch viele andere systemerhaltende und vergleichsweise schwere Arbeit krass unterbezahlt ist, während viele Bullshit-Jobs viel zu hoch dotiert werden. Unter anderem, weil die tricky Finanzblase, die nur einer dünnen Oberschicht dient, es möglich macht. Aber das wird sich noch ändern, versprochen. Dann werden dort die ohne Arbeit generierten Einkommen zurückgehen, ebenso wie die Verkaufszahlen der Berliner Morgenpost es unter anderem tun, weil zu einseitig für das rechtskonservative Kapital geschrieben wird.

Selbstverständlich gibt es individuelle Konditionen, wer wollte das abstreiten. Diese werden aber im Film nicht verschwiegen, sondern – weitgehend unkommentiert, nur gezeigt – und sind für meine Begriffe sogar etwas zu sehr in den Vordergrund gerückt worden. So wird zum Beispiel erwähnt, dass die spanische Journalistin nicht den Notenschnitt hatte, um an einer staatlichen Journalistenschule angenommen zu werden, und auf eine teure private Institution ausweichen musste, um ihren Traum zu verwirklichen.

Insbesondere die deutschen Beispiele lassen keineswegs ratlos zurück, sondern weisen ganz klar drei Wege und sind sehr instruktiv. Da ist zum Beispiel der Schul-Instruktor für Inklusion aus dem Ruhrgebiet, der trotz dieses Jobs, in dem man Menschen zugewandt sein muss, jetzt nicht mehr SPD, sondern AfD wählt. Nicht nur das, er engagiert sich sogar in der Ortsgruppe. Dann der junge Postmigrant türkischer Herkunft, Sohn von Einwanderern, der sich am Arbeitsplatz immer wieder subtil diskriminiert fühlt und sich nun in einer Stadtteilinitiative engagiert, die Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammenbringen und gegen soziale Missstände aktivieren will. Last but not least, der Stahlarbeiter aus Leipzig, der am meisten über seine Firma erzählt und deren Schicksal und der ein FCKNZS-T-Shirt trägt, also das, was wir als Hashtag auch in unserem Twitter- und Mastodon-Profil haben. Er hat sich mit anderen aus dem Betrieb gewerkschaftlich organisiert und in einer besonders kritischen Phase, in der die Werksschließung drohte, aktiv Widerstand geleistet.

In Schweden verkauft eine ältere Dame, die früher selbst soziale Arbeit verrichtet hat und jetzt in der Institution einchecken muss, für die sie tätig war, nebenbei Strickwaren, die junge Spanierin hat sich mit anderen zu einem kollektiv organisierten Kurierdienst zusammengeschlossen, um nicht mehr von den berüchtigten Plattformen ausgebeutet zu werden – nur das Beispiel der Französin, die wesentlich älter ausschaut, als sie ist, zeigt eine gewisse Resignation und Ratlosigkeit. Wenn man Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ gelesen hat, weiß man aber das Gezeigte einzuordnen: Viele frühere Linkswähler, die sich von den Kommunisten und Sozialisten vor allem soziale Sicherheit und Schutz vor ebenjener Ausbeutung erwartet hatten, wählen nun den Front National, der mittlerweile, etwas weniger martialisch, Rassemblement National heißt und sich konservativ-anschlussfähig gibt.

In Deutschland dürfte diese Darstellung dazu führen, dass die Gesellschaftslinken fragen: War da nicht immer doch ein versteckter Rassismus, der so was möglich gemacht hat? Ganz sicher, liebe Freund*innen, aber etwas Ähnliches gibt es bei euch auch, mindestens in Form der Verachtung für soziale Schichten, die sich nicht „akademisch“ nennen dürfen. Selbst das rasant zunehmende Akademikerproletariat muss ja etwas haben, womit es sich nach unten abgrenzen und somit Selbstbestätigung holen kann. Dies ist die Fähigkeit, das angesagten Codes zu verwenden und die richtigen Knöpfe zu drücken, wenn es um Meinungsmache geht. Aber dies ist kein Ersatz für soziale Sicherheit und für soziales Engagement.

Ich kann nur davor warnen, angesichts des Films z. B. zu sagen: Der Typ aus Leipzig, der macht es richtig, der ist ein Held der Arbeit und des trotz allem Mitte-Links-Kurses. Leipzig ist im Osten ein Sonderfall, das wird im Film auch erwähnt. Ich mochte ihn auch, diesen innerlich wie äußerlich kräftigen und trotz aller Probleme sicher wirkenden Mann, aber – wie sollen sich zum Beispiel Menschen gewerkschaftlich organisieren, die nicht in einem Produktionsbetrieb arbeiten, sondern in einer fragmentierten Dienstleistungswelt, dort fast immer in Betrieben, in denen es keine gewerkschaftliche Organisation und meist auch keinen Betriebsrat gibt?

Diese sind von Grund aus mehr auf sich allein gestellt, und ver.di ist für viele von ihnen weit weg. Ich finde, dieser Mann macht es schon richtig, aber denkt er klassenkämpferisch, wenn er sich irgendwo engagiert, wo die SPD vermutlich die parteipolitische Anbindung darstellt? Hinterfragt er, warum es in seinem Werk gerade schon wieder schlecht aussieht, obwohl der Aufkauf durch eine Heuschrecke abgewendet werden konnte? Warum Leih- und Zeitarbeiter lange Zeit so viel weniger verdient haben? Er spricht auch von Glück. Von dem Glück, dass er vor einer Entlassungswelle gerade noch rechtzeitig übernommen wurde, um verbesserten Kündigungsschutz zu genießen. Und das Glück, gesund zu sein, das schimmert dabei auch durch, und dass viele die körperlichen Strapazen in diesem Werk, in dem Graugussmotoren hergestellt werden, nicht aushalten. Sicher, er tut was für seine Gesundheit, aber da wird er nicht der Einzige sein. Und: Wer heute den Begriff Motorenherstellung hört, der hat ohnehin ein mulmiges Gefühl. Es wird in einigen Jahren aus ökologischen Gründen keine Verbrenner mit aus Eisen hergestellten Motoren mehr geben dürfen, und was macht unser Held der Arbeit dann, als Mann in mittleren Jahren? Ich traue ihm zu, dass er sich umorientieren kann, er ist ja auch derjenige, der als in einem Netzwerk außerhalb der Familie eingebunden gezeigt wird. Umorientierung ergibt aber nur Sinn, wenn auch Jobs vorhanden sind. Und die nächste Welle der Automatisierung, KI oder AI genannt, wird wieder viele derzeit noch systemrelevante Jobs kosten.

Das hat mir in dem Film gefehlt, aber es liegt an meiner Herangehensweise. Zwischentafel, knackig, oder den Bildern unterlegter Sprechtext: Wir haben in Deutschland, je nach Berechnungsweise, nicht etwa 2,3 Millionen Arbeitlose (vor Corona, jetzt etwa 3 Millionen), sondern eine reale Unterbeschäftigung von 6 bis 8 Millionen, die wunderbar statistisch verschleiert wird und viel mit prekären, insbesondere mit Teilzeitarbeitsverhältnissen zu tun hat, nicht nur mit kompletter Abwesenheit von Arbeit in Regionen und Biografien.

Die beiden anderen Beispiele aus Deutschland sind diffiziler. Der junge türkischstämmige Mann schleppt ganz offensichtlich ein Identitätsproblem mit sich herum. Nicht mehr so einfach gestrickt wie seine Eltern, der Vater war Hilfsarbeiter am Bau, bis er Rücken bekam, die Mutter ist Hausfrau, aber trotzdem fühlt er sich „anders“ und nimmt Dinge sehr subjektiv wahr, sodass man nicht recht unterscheiden kann, was individuell und was strukturell ist, wenn es um die Analyse seiner Probleme geht. Seine Idee, sich in einer Initiative zu engagieren, in der Menschen mit ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenfinden und dadurch auch mit vielen älteren, vorurteilsfreien Menschen ins Gespräch zu kommen, ist nicht falsch, außerdem ist er handwerklich begabt, irgendwie findet sich da meist etwas – nur leider schlecht bezahlt, wenn jemand nicht bereit ist, ohne Ende Überstunden zu machen und Wochenendarbeit. Und in vielen Fällen Schwarzarbeit. Das wird hier nicht angedeutet, aber es ist nun einmal lukrativer, als sich in irgendwelchen Klitschen zum Mindestlohn schinden zu lassen. Unser System funktioniert kaum noch ohne Schwarzarbeit, und weil die Politik das weiß, geht sie nicht dagegen vor. Von wegen Marktwirtschaft als Freiheit und gleiches Recht in scharfer Konkurrenz, jeder gegen jeden, aber eben zu gleichen Bedingungen. Selbst dies: Fake News, und zwar aus fast allen Parteien. Der Massen-Billig-Konsum und sogar der Verkauf mancher Luxusgüter wäre längst zusammengebrochen, hätte er sich nur aus offiziellem Einkommen aus der Oberflächenwirtschaft zu speisen. In der Berliner Citylage ist die BIP-Abweichung zwischen oberflächiger und unterflächiger Wirtschaft besonders ausgeprägt, aber es gibt sie in allen Großstädten und in Form der handwerklichen Schwarzarbeit auch auf dem Land. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass unser Mann mit den türkischen Wurzeln noch einen Weg findet, der nicht in die kompette Illegalität führt.

Das Beispiel des Sozialarbeiters aus NRW ist ein besonders schwieriges. Ich kenne Menschen aus dem Ruhrpott und weiß, wie dort die Strukturen zusammenbrechen und die Städte veröden und die Kriminalität in bestimmten Vierteln so steigt, dass von „rechtsfreien Räumen“ gesprochen wird. Ich musste beinahe lachen, als der Interviewte mit dem Filmteam durch die Straßen ging und angesichts leerstehender Ladenlokale sagte: „Wenn das Bier einen Euro sechzig kostet, gehen die Leute  halt nach einem Getränk oder kommen gar nicht mehr.“ Sinngemäß. In Berlin gelten 3,50 als Sozialpreis. Damit möchte ich auch eine Gefahr kurz ansprechen, die im Kerngebiet meiner politischen Interessen angesiedelt ist: Was ist schlimmer: Wenn die Wirtschaft nicht mehr funktioniert und die Preise so niedrig bleiben müssen, dass Geschäfte in Konkurs gehen, wenn weniger Menschen kommen, und die Mieten steigen? Oder wenn die Preise, wie bei uns seit Jahren, rasant anziehen und Gentrifizierer die Alteingesessenen verdrängen, weil sie es sich leisten können und die traditionelle Wohnbevölkerung eines Kiezes es nicht kann? Letzteres sieht schick und auch schön monoton aus, weil immer mehr Shops sich breitmachen, die glauben, dass sie stylisch sind und auch mit auffällig wenigen Kunden oder Gästern funktionieren. Ersteres wirkt ehrlicher und zeigt die Schwachstellen unseres Systems gnadenlos auf. Letzteres kaschiert sie, bis sich auch diese Systematik totläuft.

Nun hat sich dieser Mann aber der AfD angeschlossen. Das ist natürlich bitter, weil er nicht erkennt, dass wir von unten alle ein Schicksal haben und uns alle zusammen wehren müssen. Das gemeinsame Schicksal wird im Film auch kurz angesprochen, so viel Kommentar muss dann doch sein, wenn jemand rechte Parolen äußert. Was ich herausgehört habe, ist aber auch die Verletzung der Würde arbeitender Menschen, die zu jenen falschen Richtungsentscheidungen führt. Es kommt niemand als AfD-ler auf die Welt, schon deswegen, weil es die Partei, die so viel Wirbel verursacht, erst seit 12 Jahren gibt (Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes). Besonders die SPD muss sich fragen, was sie falsch gemacht hat. Aber die Hoffnung auf Einsicht ist gering, wie sich nach jedem Wechsel an der Parteispitze erneut zeigt. Die Partei der Arbeiter*innen in Westdeutschland ist selbst ein konfuser, orientierungsloser Haufen geworden, Schröder & Co. haben es eingeleitet, unter Kanzler Scholz schien kurzfristig ein Innhalten und eine sachte Umkehr möglich, jetzt folgt die SPD der Union in Richtung demokratietechnisch und verfassungsseitig fataler Sozialstaatsdemontage.

Der „dritte Mann“ in Deutschland, der früher handwerklich gearbeitet hat  und dann wegen Gesundheitsproblemen in einen Bereich hinein umschulte, in dem Menschen gebraucht werden und man sich nützlich fühlen sollte, ärgert sich schwarz über Konsorten wie Gerhard Schröder, die heute mit Millionenbezügen Lobbyarbeit für Konzerne betreiben. Das ist es in der Tat, was arbeitende Menschen moralisch fertig macht und was unsere Demokratie untergräbt. Die unfassbare Ruchlosigkeit, mit der Politiker*innen absahnen und sich einen Kehricht um die Menschen und deren Probleme kümmern. Schon während ihrer gestaltenden Tätigkeit haben sie soziale Tatbestände planiert, damit der Profit der Reichen besser rollen kann, und dann stecken sie sich persönlich die Taschen voll. Unlogisch ist das nicht, aus deren egozentrischer Sicht, aber verheerend für die politische Kultur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, besonders dann, wenn diese Politiker einer vorgeblichen Arbeiterpartei angehören und wenn sie die Substanz einer solchen Partei so zerstört haben, dass auch nach ihnen keine nachhaltige Korrektur möglich ist. Das alles klingt kurz an, wobei man es natürlich als Zuschauer schon ein wenig ausdeuten bzw. die Hintergründe kennen sollte und uns insoweit nicht ratlos zurücklässt. Aus jedem Missstand kann man Konsequenzen ziehen. Bei der SPD läuft das so: Sie wird immer mehr marginalisiert. Die aktuelle Parteispitze träumt von 30 Prozent – in zehn Jahren. Sowohl der Wunsch, ohne dass es wehtun darf, ihn umzusetzen, als auch der wenig ambitionierte Zeithorizont sind lächerlich. Letzteres sagt schon viel darüber aus, wie energisch man das Ganze angehen möchte. Nicht. 

Anlässlich der Veröffentlichung ein kleiner Einschub: Beinahe hat es ja geklappt, dank eines Unfalls in Sachen Kanzlerkandidatenwahl bei der Union im Jahr 2021, der Scholz die Kanzlerschaft eingebracht hat. Mittlerweile steht die SPD wieder auf dem 15-Prozent-Fundament, und nicht einmal dies ist frei von Rissen.

Im Grunde hat mir das Modell aus Spanien am besten gefallen, weil jedermann und weil jede Frau, soweit er oder sie arbeitsfähig ist, es versuchen kann: kooperativ arbeiten, sich in einer Solidargemeinschaft absichern. Da fällt dann doch mal eine Zahl: 50 Prozent der jungen Spanier*innen, ob akademisch oder nicht, ist in „atypischen“ Beschäftigungsverhältnissen gefangen – oder hat gar keinen Job. Was bleibt dieser von der Bankenkrise 2008 vernichteten Generation, als auszuwandern oder es anzugehen wie die junge Frau, die selbstredend und gemäß ihrem Lernberuf auch die PR-Managerin der Kooperative ist? Nicht viel. Dass Barcelona der Ort des Geschehens ist, verwundert nicht.

Barcelona ist berühmt für seine Wege in Richtung „Municipality“, für Selbstorganisation auf Stadtebene. Dies wiederum weiß, wer sich mit der Bewegung der Mieter*innen und Genossenschaften und mit Stadtpolitik im Allgemeinen befasst. Dass also ein solches selbstorganisiertes Firmenmodell wie jenes Film beschriebene gerade dort entsteht, kam mir stimmig vor. Es lässt sich auf alle Wirtschaftszweige anwenden, die nicht allzu hoch kapitalisiert sind, demnach nicht in der Großindustrie. Da diese ohnehin auf dem Rückzug ist: 80 Prozent aller nicht beim Staat oder eben in der Produkton Beschäftigten könnten sich so organisieren. Die meisten wissen gar nicht, welch eine Power sie damit in der Hand halten, sofern sie gelernt haben, wenigstens innerhalb einer solchen Struktur solidarisch zu denken. Ich merke es in Berlin daran, wie komplett die Kapitalisten freidrehen, wenn sich am Horizont ein selbstverwaltetes Modell zeigt und tatsächlich umgesetzt wird. Mit nichts anderem kann man die Profitgeier besser auf die Palme bringen, als dass Menschen sich selbst ermächtigen und sich nicht mehr von anderen das sauer erarbeitete Geld aus der Tasche ziehen lassen.  Und, ja, ich würde den einen oder anderen Euro mehr für einen Bringservice ausgeben, von dem ich weiß, dass dieser höhere Beitrag den Menschen zugutekommt, die sich die Beine abstrampeln und eine der gefährlichsten Arbeiten ausführen, die es heute gibt.

Dass auch in Schweden der Sozialstaat nicht mehr das ist, was er mal war, dass die jüngere Generation der älteren nicht helfen kann, weil sie nicht mehr so gut verdient, das erfahren wir ebenfalls. Um ihr kleine Datsche halten zu können, ihr Gärtchen, auf das sie stolz ist, macht die oben erwähnte Frau, in Rente stehend, noch Handarbeiten. Sie ist eine ehemalige Mitarbeiterin einer sozialen Einrichtung, die sie jetzt selbst aufsuchen muss, um ein günstiges Mittagessen zu bekommen. Sie verkauft auf einem Flohmarkt, der offenbar nur einmal im Jahr stattfindet und bisher nicht außerhalb ihrer Community, der Laubengemeinschaft, in der es vergleichsweise viele Abnehmer*innen gibt. Dadurch, dass Schweden jahrelang ein Vorbild war, sind die Menschen noch nicht auf ihre Stellung als Prekäre eingerichtet und müssen erst die Scham überwinden, sich selbst als bedürftig darzustellen. Es ist herzzerreißend, dass jemand ins Sozialkaufhaus gehen muss, der immer gearbeitet hat und lakonisch feststellt, das geht jetzt, dazu hat man sich überwunden, aber seit Jahren keine Kleidung mehr gekauft. Sprich: In einem „normalen“ Geschäft würde man sich so nicht mehr sehen lassen.

In Ländern wie den skandinavischen, wo die Menschen relativ ernst sind, wo das Wetter oft ungemütlich ist, wo sie dafür aber ihre sozialen Skills lange trainiert haben, ist der Zusammenbruch des Sozialen besonders gefährlich, weil die Mentalität und die Umgebung nicht dafür geeignet sind, alles auf großfamiliärer Ebene zu regeln – ähnlich wie bei uns, muss man hinzufügen. Sich ein paar Euro mit Stoffarbeiten nebenbei, also schwarz, zu verdienen, nachdem der Start einen in die Schulden getrieben hat, weil man unwissentlich eine Zuverdienstgrenze überschritt, das ist schon ein großer Schritt, das darf man nicht unterschätzen, wenn man es mit der suboffiziellen Organisationsfähigkeit vergleicht, die sich in Deutschland in 40 neoliberalen Jahren herausgebildet hat und dazu führt, dass auch das Steuersystem ausgehöhlt wird, das die Sozialaufgaben tragen muss (der Schaden liegt nach einhelliger Meinung bei mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr, Grauzonen-Steuertricks und dergleichen nicht eingerechnet). Ich bin mir sehr sicher, die rüde FDP weiß das auch und zielt genau auf diese Form der Zerschlagung des Staates zugunsten einer Herrschaft der Gewalt der Kapitalstärkeren ab, anstatt den redlichen Selbstständigen zu helfen, damit sie konkurrenzfähig bleiben. Nach dem Motto, wenn wir auf parlamentarischem Weg nicht erreichen, dass die Reichen sich überhaupt nicht mehr an Gemeinschaftsaufgaben beteiligen müssen, dann eben dadurch, dass die Strukturen, die Säulen der Demokratie, immer mehr ausgehöhlt werden, weil viele Menschen nicht mehr anderes über die Runden kommen als mit illegalen Handlungsweisen.

Ziemlich trostlos ist das französische Beispiel. Eine Reinigungskraft in Zeitarbeit & Leiharbeit, die nie weiß, ob und wo sie nächste Woche Arbeit haben wird, 56 Jahre alt, da geht umschulungsmäßig nicht mehr viel, und sie wirkt auch nicht, als ob sie die Kraft dazu noch hätte, die innere Spannung. Denn eigentlich macht die Arbeit ihr auch Spaß. Aber die Konditionen! Ganz recht, 13 Euro Mindestlohn für diese Akkord-Maloche wären angemessen, das immerhin weiß sie. Und sie wählt den oder das Rassemblement National, das ist offensichtlich. Spricht davon, dass die den Laden mal durchpusten müssen, also die traditionellen Eliten. Das geht an Emmanuel Macron, wen sonst, aber auch an seinen Vorgänger François Hollande, der die Arbeiterklasse so verraten hat wie alle anderen „Sozialisten“ in Europa das jahrzehntelang zu tun pflegten. Die Gelbwesten werden gezeigt und ein Stadtgeograph erklärt, wie sie systematisch von der Gesellschaftslinken als rassistisch oder antisemitisch diskreditiert wurden, um diesem sozialen Massenprotest den Stachel zu ziehen und ihn moralisch in die Ecke zu drängen. Genau wie unsere Publizist*innen und sonstigen Meinungsmacherchen das getan haben, ohne zu differenzieren. Mit dem Hautgout, dass sie sich in Frankreich und der dortigen, generell widerständigeren und an der Kontroverse, nicht am Zukleistern von Problemen per politisch korrekter Sprache orientierten Mentalität nicht auskennen oder sich wenigstens der Mühe unterzogen hätten, Darstellungen zu lesen, die aus dem Land selbst stammen und die Realität mit vielen hellen und dunkleren Schattierungen kenntlich machen – in denen auch der Kampf innerhalb der Gelbwesten gegen eine Übernahme von Rechts beschrieben wird. Was hingegen bei den deutschen Corona-Leugnern kein Problem darzustellen scheint. Von innen beschrieben, den journalistischen Spins kommt das durchaus entgegen.

Wenn sie jünger wäre, sagt die französische Reinemachfrau, würde sie bei den Gelbwesten mitlaufen. Wenn sie nicht wäre, wie so viele im Prekariat: Das eigene Leben im Griff behalten, die Unsicherheit besiegen, das steht im Vordergrund. Das frisst die gesamte Energie. Falls man überhaupt noch wählen geht, dann die Falschen. Und weil die herrschende Politik weiß, dass sie die unteren Klassen heute aus dem Spiel nehmen kann, das sich Klassendemokratie nennt (in Deutschland auch Lobbykratie), indem sie sie immer weiter niederdrückt, wird es ganz leicht, nur noch für das Kapital tätig zu sein. So findet sich, was einander gesucht hat. Nein, der Film ist schon sehr aufschlussreich.

Hingegen ist der Beitrag zur Lage vieler Menschen nicht als Bedienungsanleitung oder Roadmap zur Selbstermächtigung gedacht, denn er ist eine Dokumentation, kein politisches Programm und kein Ratgeber, der aufzeigt, wie man so resilient wird, dass man trotz eines beschissenen Arbeitslebens noch die Kraft findet, sich dem Durchgriff des Kapitals entgegenzustellen. Derlei gibt es aber auch, und was uns selbst angeht, müssen wir eine gewisse Kritik platzieren: Wir schreiben auch nur über das, was schiefgeht. Das reicht ja auch für den ganzen Zeitraum, der uns zur Verfügung steht, aber vollständig ist es trotzdem nicht.

2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2024) 

Kategorie Information
Titel Abschied von der Mittelschicht – Die prekäre Gesellschaft Herder.de fernsehserien.de
Format Dokumentarfilm / TV-Dokumentation fernsehserien.de
Produktionsland Deutschland fernsehserien.de
Jahr der TV-Premiere 04.02.2020 (arte) fernsehserien.de
Länge ca. 88 Minuten fernsehserien.de
Regie Karin de Miguel Wessendorf, Valentin Thurn IMDb
Autoren Karin de Miguel Wessendorf, Valentin Thurn IMDb
Thema / Inhalt Prekariat in Europa, Unsicherheit trotz Arbeit, soziale Ausgrenzung, politische Folgen (u. a. Aufstieg populistischer Parteien) fernsehserien.de Frankfurter Rundschau
Beobachtete Personen / Beispiele Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern, u. a. Reinigungskräfte, prekär Beschäftigte, Kleinunternehmer fernsehserien.de T-Online
Produktion / Sender rbb / arte (Ausstrahlung) fernsehserien.de
Besetzung (Auswahl) Diverse reale Personen; u. a. Archivmaterial mit politischen Akteuren wie Alexander Gauland oder Abdullah II (als „Self“) IMDb

 


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