Briefing Gesellschaft, Verkehrssicherheit, Verkehrsunfälle, Verkehrsopfer, Unfalltote, Europa, EU, Deutschland, Autobahnen, Bundesländer, Stadt und Land
Ist heute der Tag der Verkehrssicherheit? Nein, das ist der dritte Samstag im Juni, er variiert also datumsmäßig. Uns fiel diese Frage ein, weil Statista heute zwei Grafiken zur Verkehrssicherheit erstellt hat, die wir zu einem Artikel komponieren. Oft orientiert sich das Team von Statista ja an Tagen, die einem Thema oder Menschengruppen gewidmet sind. Vielleicht liegen nun auch endgültig die Daten aus allen Ländern zum Jahr 2023 vor und deshalb wurden die Grafiken genau jetzt erstellt. Wir haben auch für Sie weiterrecherchiert – zu einem wichtigen Teil der Sicherheitsausstattung heutiger Kraftfahrzeuge, das neben dem Sicherheitsgurt wohl am meisten zum Rückgang der tödlichen Unfälle weltweit beigetragen hat.
Infografik: In welchen Ländern Europas gibt es die meisten Verkehrstoten? | Statista

Begleittext
Die Zahl der Verkehrstoten variiert im Europavergleich deutlich. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Zahlen der Europäischen Kommission. Besonders hoch ist die Zahl der tödlich Verunglückten in Relation zur Einwohnerzahl in vielen Ländern Osteuropas. An der Spitze liegen Rumänien und Bulgarien mit jeweils 81 tödlich verunglückten Personen je eine Million Einwohner. Auf Platz drei folgt Lettland mit 75 Todesfällen, auf Rang vier liegt Kroatien mit 71 Toten. Auch in Griechenland (65 Tote) und Portugal (61 Tote) sterben verhältnismäßig viele Menschen im Straßenverkehr. Deutschland liegt mit 34 Toten im unteren Mittelfeld.
Besonders geringe Todesraten verzeichnen hingegen Norwegen und Schweden. Schweden hat seit Jahrzehnten eine der niedrigsten Verkehrstodesraten weltweit. Dafür sind mehrere Faktoren verantwortlich. So war Schweden das erste Land, das mit „Vision Zero“ ein langfristiges Ziel eingeführt hat, bei dem kein einziger Verkehrstoter akzeptiert wird. Statt klassischer Überlandstraßen wurden viele durch Straßen mit zwei Fahrstreifen in eine Richtung und einem Fahrstreifen in der Gegenrichtung ersetzt, mit mittlerer Leitplanke. So wird gefährliches Überholen vermieden. Weitere wichtige Faktoren, die in Schweden und auch in Norwegen für geringe Todesraten sorgen: Verkehrsberuhigung in Städten, sehr niedrige Promillegrenzen, konsequente Alkoholkontrollen, häufige Tempokontrollen sowie ein Punkte- und Bußgeldsystem mit einer starken abschreckenden Wirkung.
Kommentar 1
Wir sehen es wie die Schweden, jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Andererseits liegt Deutschland für ein Land, in dem so rüde und auch knalldumm gefahren wird wie in Deutschland, gar nicht so schlecht. Man ist sogar versucht, zu schreiben, dass Deutschland, würden hier die Platzverhältnisse herrshen wie in Schweden oder Norwegen, vermutlich auch ähnlich gute Zahlen aufweisen würde. Hinweis: Bis auf Norwegen und die Schweiz zeigt die Darstellung nur EU-Länder.
Wie wird bloß in anderen europäischen Ländern gefahren, dass die Zahlen dort schlechter sind als in Deutschland? Nun ja, wir waren schon u. a. In Italien unterwegs und haben eine gewisse Vorstellung davon, warum es dort noch häufiger zu tödlichen Unfällen kommt, hingegen ist uns in Frankreich und Österreich nichts Besonderes am Verhalten der Autler aufgefallen, was es nicht bei uns auch geben würde. Belgien und die Niederlande liegen ohnehin etwa auf deutschem Niveau. Die Niederlande müssten bei dem Hype, der dort ums sichere, langsame, entspannte, fahrradgerechte Fahren gemacht wird, allerdings erheblich besser liegen. Als wir zuletzt mit dem Auto in Polen waren, herrschten dort noch andere Ausbauzustände des Straßennetzes und des Kraftfahrzeugbestands, als das heute der Fall ist, außerdem waren hauptsächlich Kleinwagen unterwegs, nicht sehr schnell, aber auch nicht gerade sicher konstruiert, der Vergleich würde hinken.
Wir waren aber noch nicht in Südosteuropa unterwegs. Bevor Sie dorthin mit dem Auto verreisen, sollten Sie eine gute Lebensversicherung für Ihre Hinterbliebenen abschließen. Auffällig sind die deutlichen Unterschiede zwischen den baltischen Staaten, besonders die Letten scheinen eine riskante Fahrweise zu bevorzugen. Freilich gibt es auch in Deutschland erhebliche Unterschiede, die wir als erste Recherche beauftragt haben:
Im Jahr 2023 lag die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland bei etwa 2.839 Personen. Die Rate pro 1 Million Einwohner variierte stark zwischen den Bundesländern – von unter 20 bis über 60. Für 2024 sind erste Zahlen verfügbar: insgesamt 2.780 Verkehrstote, was einem Rückgang von etwa 2 % entspricht mobilitree.net ADAC.
🚗 Verkehrstote pro 1 Million Einwohner in den Bundesländern (2023)
Hier eine Übersicht der geschätzten Werte für 2023, basierend auf Daten des Statistischen Bundesamts und des ADAC:
|
Bundesland |
Verkehrstote pro 1 Mio. Einwohner (2023) |
|---|---|
|
Bayern |
ca. 55 |
|
Brandenburg |
ca. 60 |
|
Mecklenburg-Vorpommern |
ca. 58 |
|
Sachsen-Anhalt |
ca. 65 |
|
Sachsen |
ca. 50 |
|
Thüringen |
ca. 52 |
|
Niedersachsen |
ca. 48 |
|
Rheinland-Pfalz |
ca. 45 |
|
Hessen |
ca. 40 |
|
Baden-Württemberg |
ca. 38 |
|
Schleswig-Holstein |
ca. 35 |
|
Nordrhein-Westfalen |
ca. 30 |
|
Berlin |
ca. 20 |
|
Hamburg |
ca. 22 |
|
Bremen |
ca. 18 |
|
Saarland |
ca. 42 |
Deutschland gesamt: ca. 34 Verkehrstote pro 1 Mio. Einwohner im Jahr 2023
📉 Entwicklung 2024 (vorläufig)
-
Gesamtzahl: 2.780 Verkehrstote (−59 gegenüber 2023) mobilitree.net ADAC
-
Trend: Rückgang um etwa 2 %, drittniedrigster Wert seit Beginn der Erhebungen
-
Besonders betroffen: Radfahrer (jeder sechste Verkehrstote), ländliche Regionen mit höherem Risiko
🧭 Interpretation
-
Städtische Bundesländer wie Berlin, Hamburg und Bremen haben deutlich niedrigere Quoten – bedingt durch bessere Infrastruktur, ÖPNV-Nutzung und geringere Geschwindigkeiten.
-
Ländliche Bundesländer wie Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern weisen höhere Quoten auf – wegen längerer Fahrstrecken, Landstraßen und weniger medizinischer Versorgung im Notfall.
Damit relativiert sich auf den ersten Blick vieles: Die Bayern und Brandenburger fahren fast so Harakiri wie die Südosteuropäer, Berlin hingegen hat geradezu schwedische Verhältnisse. Kaum zu glauben, wenn man mitbekommt, welche haarsträubenden Unfälle in dieser Stadt vorkommen, wenn man bei einigen davon überhaupt noch von Unfällen sprechen kann und sie nicht vollendete Morde nennen muss, sofern ein nicht schuldiger Verkehrsteilnehmer dabei ums Leben kommt. Berlin hatte demnach im Jahr 2023 lediglich etwa 75 Verkehrstote zu beklagen, darunter vermutlich eine überproportional hohe Anzahl von Radfahrern, die von Kfz-Fahrern erlegt wurden.
Dass man mit solchen Generalvergleichen vorsichtig sein muss, wie wir sie oben ein wenig ins Klischee gehend vollzogen haben, besagt die Tatsache, dass städtische und ländliche Regionen generell weit auseinanderliegen. Dabei zählen aber nicht nur die oben von der KI genannten Gründe, auf dem Land wird tatsächlich auch anders gefahren, wie wir dank unserer Herkunft aus einem gemischt städtisch-ländlichen Raum wissen. Einzelne Kennzeichen, die auf ländliche Herkunft der Fahrzeughalter hinwiesen, waren bei uns geradezu berüchtigt für ihre Art, ein Automobil zu steuern. Ein ähnliches Gefühl beschleicht uns heute, wenn wir die Unterschiede zwischen Fahrzeugen mit B-Kennzeichen und insbesondere den Drei-Buchstaben-Kennzeichen des Umlandes wahrnehmen. Vor allem, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, sind die Unterschiede sozusagen hautnah spürbar. Schwach schneiden allerdings Kennzeichen „von außerhalb“ generell ab, noch schlechter bestimmte Berufsgruppen, die man anhand der Fahrzeuge, die sie steuern, ermitteln kann, allen voran die Taxifahrer.
Dass in Bundesländern, die sehr verdichtet sind, wie z. B. NRW, das zur Hälfte ein einziges Ballungsgebiet darstellt, die Todesfallquote eher städtisches Niveau hat, wirkt im Vergleich logisch, nicht hingegen, dass im eher ländlichen Schleswig-Holstein nur wenig mehr als halb so viele Verkehrstote pro 1 Million Einwohner zu beklagen sind wie in Bayern. Da spielen sehr wohl Mentalitätsunterschiede eine Rolle, vielleicht auch ein wenig die Topografie – dann dürfte aber das flache, mit eher geraden Strecken ausgestattete Brandenburg nicht so weit vorne liegen, das für seine hohen Verkehrsopferzahlen nicht nur in Berlin berüchtigt ist.
Ähnlich strukturierte Bundesländer im Südwesten wie Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, und, im erweiterten Sinne, Baden-Württemberg, weisen hingegen ähnliche Verkehrsopferzahlen im mittleren Bereich aus.
Deutschland ist aber insgesamt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr stark verdichtet, und das könnte ein Grund sein, warum hierzulande die Zahl der Verkehrstoten pro Einwohner relativ gering ist. Das wirkt auf den ersten Blick widersinnig, zumal es hier noch Autobahnabschnitte gibt, auf denen man ungehemmt rasen kann. Die Autobahnen tragen aber nur wenig zu den Verkehrsopferzahlen bei. Das mag auf den ersten Blick anders wirken, weil mittlerweile jeder schwere Autobahnunfall von den Medien hemmungslos ausgeschlachtet wird – wir sind gespannt, wann die ersten Bilder auftauchen werden, die tote Menschen in Autowraks zeigen, aber die Autobahnen, trotz der deutschen Sondersituation mit legalen Raserstrecken, sind es nicht, vor allem nicht im Vergleich zu den hohen Fahrleistungen, die auf deutschen Autobahnen erbracht werden, die insofern sogar die sichersten Straßen im Land sind, wie auch die folgende Grafik belegt:
Infografik: Immer weniger Tote auf Autobahnen | Statista

Begleittext
Die Zahl der Unfalltoten auf Bundesautobahnen ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken. Im Jahr 1972 gab es pro 1 Milliarde Fahrzeugkilometer 27,9 Getötete – 2024 waren es Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge noch 1,2 Getötete. Dies entspricht einem Rückgang von rund 96 Prozent. Dazu beigetragen haben verschiedene Faktoren, wie etwa die Senkung der Promillegrenze und die Einführung einer Anschnallpflicht. Auch die Weiterentwicklung von Sicherheitsfeatures in Pkw (u. a. des Airbags, ABS, ESP) haben ihren Anteil an der Entwicklung. Bei der Todesrate auf europäischen Autobahnen je 1.000 km Autobahn liegt Deutschland im europäischen Vergleich im Mittelfeld.
Im Jahr 2024 gab es bundesweit rund 2.770 Verkehrstote zu verzeichnen. Insgesamt ist die Anzahl der bei Straßenverkehrsunfällen getöteten Verkehrsteilnehmer in den vergangenen 30 Jahren stark zurückgegangen. Je eine Million Einwohner gehört Deutschland im europäischen Vergleich zu den Ländern mit den wenigsten Verkehrstoten. Die meisten Verkehrstoten, gemessen an der Einwohnerzahl, gibt es nach den aktuellsten Zahlen in Rumänienund Bulgarien – dort gab es 81 Verkehrstote je eine Million Einwohner. Danach folgten Lettland und Kroatien.
Kommentar 2
Schon etwas kurios, eine solche Grafik zu erstellen, ohne die Gesamtzahl der Autobahntoten zu benennen. Im Jahr 2023 waren es 317, im Jahr 2024 etwa 300. Woraus sich aber anhand der Grafik wiederum die Fahrleistung auf deutschen Autobahnen errechnen lässt: etwa 250 Milliarden Fahrkilometer. Sie geben natürlich auch eher Aufschluss über den tatsächlichen Stand der Sicherheit als die Toten pro Autobahnkilometer, denn es ist nun einmal eine Tatsache, dass Deutschlands Autobahnen der Verkehrs-Hotspot in Europa, insbesondere für den LKW-Verkehr, und besonders dicht befahren sind.
Hierzu aber auch die zweite Recherche:
2023 betrug die Fahrleistung auf deutschen Autobahnen rund 239,8 Milliarden Kilometer, 2024 stieg sie leicht auf etwa 243 Milliarden Kilometer. Die gesamtdeutsche Fahrleistung lag 2023 bei 709,1 Mrd. km und 2024 bei 711,6 Mrd. km.
🚗 Fahrleistung in Deutschland – Übersicht
|
Jahr |
Fahrleistung auf Autobahnen |
Gesamtfahrleistung Deutschland |
|---|---|---|
|
2023 |
ca. 239,8 Mrd. km Statista |
ca. 709,1 Mrd. km Kraftfahrt-Bundesamt |
|
2024 |
ca. 243 Mrd. km (geschätzt) |
ca. 711,6 Mrd. km Kraftfahrt-Bundesamt |
📊 Erläuterungen
-
Autobahn-Fahrleistung: Bezieht sich auf alle Kraftfahrzeuge, die auf deutschen Bundesautobahnen unterwegs waren. Die Zahl ist besonders relevant für Unfallstatistiken, da sie als Bezugsgröße für Todesraten pro Mrd. Fahrzeugkilometer dient.
-
Gesamtfahrleistung: Umfasst alle Straßenarten (Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen, innerstädtische Straßen) und alle Fahrzeugtypen (Pkw, Lkw, Busse, Motorräder).
-
Entwicklung: Nach pandemiebedingtem Rückgang steigt die Fahrleistung seit 2022 wieder leicht an – vor allem durch Güterverkehr und wieder zunehmende Mobilität im Alltag.
🧮 Beispielrechnung zur Todesrate auf Autobahnen
-
2023: 317 Verkehrstote auf Autobahnen → 1,32 Tote pro Mrd. km
-
2024: 300 Verkehrstote auf Autobahnen → 1,23 Tote pro Mrd. km
Das zeigt eine leichte Verbesserung der Sicherheit, trotz steigender Fahrleistung.
Kommentar 2, Weiterführung
Autobahnen zeichnen also für fast 35 Prozent der Fahrleistung verantwortlich, aber nur für knapp 11 Prozent der Verkehrstoten (2024). Allerdings, wenn man dem Prinzip folgt, jeder davon ist einer zu viel: Durch ein Tempolimit könnte man die Sicherheit wohl noch einmal etwas erhöhen, denn gerade diese furchtbaren Bilder von Autobahnunfällen zeigen, dass die Todesfälle teilweise auf extrem hohe Geschwindigkeiten zurückzuführen sind – sonst würden sie angesichts der Sicherheitsausstattung heutiger Fahrzeuge, zu der in letzter Zeit noch immer mehr ausgefeilte Assistenz-System hinzukommen, nicht tödlich verlaufen. Der Vorteil eines Tempolimits ist für uns aber (nach wie vor) eher im niedrigeren CO2-Ausstoß als in einer verbesserten Verkehrssicherheit begründet.
Wenn man sich hingegen die Zahlen zu Beginn der 1970er Jahre anschaut, kann man froh sein, diese Zeit überlebt zu haben. Damals gab es bis zu 21.000 Verkehrstote pro Jahr, viele davon auch auf Autobahnen, wo sich die Sicherheit seitdem besonders deutlich erhöht hat. Wohl auch, weil hier nur Kfz-Fahrer betroffen sind, es nicht zu Unfällen zwischen Kfz-Fahrern, Fußgängern und Radfahrern kommt, bei denen letztere beide Gruppen nicht davon profitieren, dass die Autos für die Insassen sicherer geworden sind. Seit der Stadtpanzer in Form des SUV immer mehr das Straßenbild bestimmt, dürfte auch der Fußgängerschutz bei Autos durch sanfte Frontgestaltung, über den man vor Jahrzehnten angestrengt nachgedacht und den man bis zu einem gewissen Grad sogar umgesetzt hat, obsolet geworden sein.
Wir steigen nicht tiefer in die Beobachtung der einzelnen Verkehrsteilnehmergruppen ein, was wir oben schon ansatzweise getan haben, sondern hoffen einfach, dass die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland weiter abnehmen wird.
TH
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