Was sind Haushalte mit niedriger Arbeitsintensität? (Statista + Kurzkommentar)

Briefing Wirtschaft, Economy, Arbeitszeit, Arbeitsintensität

Wir knüpfen heute an unsere Darstellungen zum Arbeitsmarkt im August und September 2025 an (Update 2: Jugendarbeitslosigkeit in Europa, Definitionen von Arbeitslosigkeit +++ 10-Jahres-Vergleich, Sozialstaats-Lügen und Steuergerechtigkeit +++ Steigende Arbeitslosenzahlen (Statista + Kommentar)

Viele Statistiken werden Ihnen ein Begriff sein: Die Arbeitslosenzahlen, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der EU und einige mehr. Aber was sind Haushalte mit niedriger Arbeitsintensität, von denen es in Deutschland offenbar überdurchschnittlich viele gibt? Wir klären mit Statista auf:

Infografik: Wo gibt es viele Haushalte mit wenig Arbeit? | Statista

Begleittext / Erklärung

Derzeit leben 7,9 Prozent der EU-Bevölkerung im Alter von 0 bis 64 Jahren in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsintensität. Die prozentualen Anteile variieren dabei in den verschiedenen EU-Ländern stark. Die Spanne reicht von nur 3,5 Prozent in Slowenien und 3,9 Prozent in Luxemburg bis hin zu 11,4 Prozent in Belgien. Auch Dänemark und Deutschland weisen mit 10,6 bzw. 10,0 Prozent erhöhte Werte auf, wie die Statista-Infografik auf Basis von Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat).

Wie definiert Eurostat eine geringe Erwerbsintensität? Die Arbeitsintensität eines Haushalts ist demzufolge das Verhältnis der Gesamtzahl der Monate, die alle erwachsenen Haushaltsmitglieder im Einkommensbezugsjahr gearbeitet haben, zur Gesamtzahl der Monate, in denen dieselben Haushaltsmitglieder theoretisch im gleichen Zeitraum hätten arbeiten können. Eurostat definiert „mögliche Arbeitsmonate“ dabei nicht als durch Arbeitsämter angebotene Arbeit, sondern rein theoretisch, basierend auf dem Alter und der Arbeitsfähigkeit der Haushaltsmitglieder.

Um den Anteil der Haushalte mit geringer Arbeitsintensität zu verringern und mehr Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, könnten Regierungen verschiedene Maßnahmen ergreifen. Hierzu zählt etwa eine stärkere Förderung von Vollzeit- und Teilzeitjobs mit flexiblen Arbeitszeiten, die auf die Bedürfnisse verschiedener Haushalte zugeschnitten sind. Sinnvoll könnte auch die Intensivierung von Maßnahmen wie Weiterbildung, Qualifizierungsprogramme und Umschulungensein, um Menschen mit geringer Beschäftigungsperspektive noch besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Förderlich wäre es nach Meinung vieler Experten zudem, Alleinerziehende, Menschen mit Pflegeaufgaben oder ältere Erwerbstätige noch gezielter zu unterstützen, z. B. durch Arbeitszeitflexibilisierung, Fortbildungen oder Betreuungsangebote.

Kommentar

Arbeitsmarktdaten sind tückisch. In Deutschland werden sie nach mehreren Statistik-Reformen, die unter anderem die Beschäftigungseffekte von Hartz IV günstig darstellen sollten, von der Bundesagentur für Arbeit, die dafür zuständig ist (nicht Destatis, das Statistische Bundesamt) gnadenlos kleingerechnet, die wahre Unterbeschäftigung liegt weitaus höher, als es die offizielle Arbeitslosenzahl von 2.885.000 im November 2025 vermuten lässt (Arbeitslosigkeit 6,1 Prozent der Erwerbsbevölkerung). So klein, dass der ganze Hype um die Bürgergeldempfänger:innen eigentlich gar nicht nachzuvollziehen ist. Noch radikaler geht die ILO zu Werke, die internationale Labor-Organisation. Demzufolge hat Deutschland immer noch eine Traum-Arbeitslosigkeitsquote von 3,9 Prozent (September 2025). Dass das Quatsch sein muss, verrät schon ein Blick aufs berüchtigte Straßenbild. Wir schätzen die reale Unterbeschäftigung, auf Vollzeitarbeitsplätze gerechnet, auf 6–8 Millionen Menschen, wenn man alle Arbeitsstunden, die jemand leisten könnte oder leisten will, wofür aber keine Jobs vorhanden sind oder nicht angenommen werden, das sind 12,5 bis 17 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung (derzeit 47,4 Millionen). Wir rechnen dabei nicht Missstände wie Schwarzarbeit dagegen, die in keiner Statistik erfasst sind – außer kurioserweise beim BIP, wo die EU die Einbeziehung (bis zu einem gewissen Grad, in Deutschland) aufgrund einer Statistik-Richtlinie vorgibt. Wenn man so will, wird dadurch eine höhere Produktivität vorgegaukelt, als tatsächlich vorhanden ist, aber das ist ein anderes Thema.

Auch die obige Grafik hat ihre Schwachstellen. Um zu ermitteln, woran es wirklich hängt und warum Deutschland eine relativ hohe Zahl von Haushalten mit geringer Arbeitsintensität aufweist, müsste man nämlich die tatsächlichen Arbeitsangebote doch einbeziehen und in den Vergleich zu jenen in anderen Ländern setzen. Deutschland ist bekannt dafür, dass es im Hinblick auf Teilzeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch immer hinter anderen Staaten zurück ist. Die auffällig niedrigen Quoten in Mittelosteuropa hingegen dürften auf die allgemeine Tatsache zurückzuführen sein, dass die Länder noch nicht so saturiert-dienstleistungsorientiert sind wie die westlichen, wodurch es in Relation zur Bevölkerung tatsächlich mehr Vollzeitarbeitsplätze gibt. Polen zum Beispiel hat einen Anteil von etwa 40 Prozent Industrie am BIP, Deutschland 30, und auch das ist mehr als der EU-Durchschnitt (mit rasch fallender Tendenz allerdings, aufgrund der anhaltenden Wirtschaftsflaute mit sich verschärfendem Arbeitsplatzabbau, insbesondere bei hochgradig wertschöpfenden Industrie-Arbeitsplätzen).

Die obige Grafik ist eine von vielen, die Daten zeigen, mit denen man den Arbeitsmarkt und letztlich die Gesellschaft eines Landes vermessen kann, aber allein sagt sie nicht viel aus, sondern ist im Zusammenhang mit anderen Werten zu lesen. Von jenen werden wir in nächster Zeit wieder einige besprechen, um die Kontinuität unserer Berichterstattung über Themen von Arbeit und Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

TH


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar