Briefing Wirtschaft, Economy, Einkommen, Ungleichheit, Gini-Index, Einkommens-Gini, Vermögens-Gini, Income, Fortune, Asset
Wir arbeiten weiter an der Vermessung der Gesellschaft nach ökonomischen Gesichtspunkten – denn sie ist eine wichtige Basis für politische Überlegungen. Der Gini-Koeffizient ist vielen ein Begriff, aber die meisten assoziieren ihn mit dem Vermögens-Gini, der die dramatische Ungleichheit der Vermögensverteilung in den meisten Ländern, auch in Deutschland, misst.
Wir betrachten hier aber einmal den Einkomnens-Gini und nur Länder der EU. Schaut man über den europäischen Rand hinaus, ist sowieso wieder alles anders, vor allem in Ländern, in denen die Mehrheitsbevölkerung nicht einmal ihre grundsätzlichen Bedürfnisse sichern kann, während wenige Reiche das wirtschaftliche Geschehen nicht nur vermögens-, sondern auch einkommensseitig dominieren.
Infografik: Wie ungleich sind Einkommen in Europa verteilt? | Statista

Begleittext von Statista
Die am so genannten Gini-Koeffizienten gemessene Ungleichheit des verfügbaren Einkommens liegt in 14 Ländern der Europäischen Union über dem EU-Durchschnitt von 29,4 Punkten. Die größten Einkommensungleichheiten innerhalb der EU wurden in Bulgarien (38,4), Litauen (35,3) und Lettland (34,2) verzeichnet. In Deutschland, Dänemark und Kroatien lagen die Gini-Koeffizienten nahe am EU-Durchschnitt. In der Slowakei, Tschechien, Slowenien und Belgien war das Einkommen gleichmäßiger verteilt; dort lag der Gini-Koeffizient unter 25,0. Das zeigt die Statista-Infografik mit Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat).
Der Gini-Koeffizient zeigt, inwieweit die Einkommensverteilung in einem Land von einer vollkommenen Gleichverteilung abweicht. Ein Gini-Wert von 100 bedeutet, dass eine einzige Person das gesamte Einkommen des Landes erhält, während ein Gini-Wert von 0 eine gleichmäßige Einkommensverteilung über die Bevölkerung bedeutet. Daher ergänzt der Gini-Koeffizient die Zahl des mittleren verfügbaren Einkommens. Letzteres gibt Aufschluss über den durchschnittlichen Lebensstandard, erfasst aber nicht die Einkommensverteilung innerhalb der Bevölkerung. Die Anpassung an die Haushaltsgröße bedeutet, dass das Haushaltseinkommen so umgerechnet wird, dass unterschiedlich große Haushalte fair miteinander vergleichbar sind. Dabei wird berücksichtigt, dass Personen in größeren Haushalten Kosten teilen und deshalb weniger zusätzliches Einkommen benötigen, um denselben Lebensstandard zu erreichen.
Eurostat belässt es bei der reinen Messung der Ungleichheit und nimmt keine soziale Bewertung der Ergebnisse vor. Auch eine Aufstellung bestimmter Wertespannen in hohe oder niedrige Ungleichheit etwa unterbleibt. Eurostat konzentriert sich somit auf objektive, vergleichbare statistische Indikatoren und vermeidet bewusst normative Bewertungen oder politische Empfehlungen. Nach der UNICEF/World‑Bank‑Klassifikation können Werte unter 25 = als „relativ gleich“ angesehen werden, Werte zwischen 25 bis 35 als „moderat ungerecht“ und Werte über 40 als „relativ ungleich“.
Zusatzinfos
Uns war der obige Text zwar eine gute Grundlage, aber doch zu abstrakt, deswegen haben wir um eine Verdeutlichung gebeten.
Gerne — ich kann dir am Beispiel erklären, was ein Gini‑Koeffizient (bzw. Gini-Index) von 29,5 in Deutschland konkret heißt, und mit einigen vereinfachten Beispielen illustrieren.
🔎 Was misst der Gini-Koeffizient
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Der Gini-Index misst, wie gleich oder ungleich Einkommen in einer Bevölkerung verteilt ist. Bei 0 (bzw. Gini-Koeffizient = 0) hätten alle Personen desselben Landes exakt dasselbe Einkommen — das ist perfekte Gleichheit. (Destatis)
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Ein Wert von 100 (bzw. 1) würde bedeuten: eine Person bekommt alle Einkommen, alle anderen bekommen nichts — maximale Ungleichheit. (Destatis)
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Ein Wert von 29,5 (wie aktuell für Deutschland angegeben) liegt also näher an Gleichheit als an maximaler Ungleichheit — aber: es gibt dennoch deutliche Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“. (Statista)
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Wichtig: Der Gini sagt nicht etwas darüber aus, ob Einkommen insgesamt hoch oder niedrig sind — er sagt nur, wie breit die Spreizung ist. (Estoppey Value Investments)
🌍 Warum 29,5 % als „mäßig ungleich“ gelten
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Laut den Daten liegt Deutschland mit 29,5 knapp über dem EU-Durchschnitt (2024 für EU-27 ~ 29,3) (Statista).
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Ein solcher Wert bedeutet: Es gibt zwar Einkommensunterschiede zwischen Haushalten, aber keine extreme Konzentration des Einkommens auf eine kleine Elite — im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im mittleren Bereich. (Wikipedia)
📊 Einfache Beispiele — was könnte 29,5 praktisch bedeuten
Stell dir eine Gesellschaft mit 10 Haushalten vor — Gesamtjahreseinkommen sei hypothetisch immer dasselbe, z. B. 1 000 000 € insgesamt (also im Schnitt 100 000 € pro Haushalt, wenn gleich verteilt).
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Perfekt gleich (Gini = 0): Jeder Haushalte bekommt 100 000 €.
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Realistische Gini von 29,5: Vielleicht verdienen einige Haushalte 60 000 €, andere 140 000 €, wieder andere 220 000 € — also erheblich unterschiedliche Einkommen, aber nicht so extrem, dass z. B. ein Haushalt 900 000 € bekommt und alle anderen nur 10 000 €.
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Anders gesagt: Der Mittelwert (100 000 €) wird relativ häufig verfehlt — manche liegen deutlich drunter, andere deutlich drüber, aber eine dramatische Konzentration auf ganz wenige bleibt aus.
Oder vereinfacht mit Personen statt Haushalten:
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Vielleicht verdienen 20 % der Menschen nur halb so viel wie der Durchschnitt, 20 % verdienen doppelt so viel, der Rest liegt nahe beim Durchschnitt — das könnte ungefähr zu einem mittleren Gini führen.
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Wären alle Einkommen extrem nahe beieinander, wäre der Gini deutlich niedriger (z. B. 10–15). Wären sie extrem weit auseinander (viele sehr arme, wenige sehr reiche), läge der Gini viel höher (z. B. 40–50 +).
⚠️ Was der Gini nicht zeigt
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Er sagt nichts über das absolute Wohlstandsniveau — ein niedriger Gini bei sehr niedrigen Einkommen wäre kein Zeichen für Wohlstand. (Bundesbank)
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Er sagt nichts über Vermögensungleichheit — Einkommen und Vermögen sind verschieden. Tatsächlich liegt die Vermögensungleichheit in Deutschland deutlich höher als die Einkommensungleichheit. (bpb.de)
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Er erfasst auch nicht, wie gleichmäßig Einkommen innerhalb von Gruppen sind — der Gini spiegelt die Verteilung über alle Haushalte hinweg. (Statistikportal)
🎯 Warum kann trotzdem 29,5 „problematisch“ sein — und wo zeigt er Vorteile
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Problematisch, weil 29,5 eben nicht Gleichheit bedeutet: Viele Menschen haben deutlich weniger, manche deutlich mehr — das kann zu sozialen Spannungen führen, z. B. wenn Menschen mit mittlerem oder geringem Einkommen das Gefühl haben, dass andere unverhältnismäßig profitieren.
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Aber: Im Vergleich zu Ländern mit sehr hohen Gini-Werten (starke Ungleichheit) liegt Deutschland relativ moderat — das heißt, extreme Armut bei gleichzeitig enormem Reichtum ist nicht ganz typisch. Und Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen dämpft starke Ungleichheiten bei Einkommen. (bpb.de)
Wir sind noch einmal etwas mehr ins Präzise und Anschauliche gegangen und haben diese Darstellung weiter konkretisieren lassen:
Ich habe eine konkrete, leicht nachvollziehbare Verteilung konstruiert, die zur aktuellen deutschen Gini-Zahl (~29,5) passt, und zeige dir typische Einkommenswerte (Jahres- und Monatsbeträge) in verschiedenen Perzentilen. Zuerst kurz die Quellenlage: der Gini-Wert 29,5 (≈0,295) wird so ausgewiesen (Statista / EU-SILC / DNS-Indikatoren).(Statista)
Als Bezugsgröße für „Durchschnitt“ / Mittelwert habe ich das Netto-Äquivalenzeinkommen von rund 30.308 € pro Jahr (angabenbezogen auf die übliche Statistikdarstellung) verwendet.(Wikipedia)
Wie ich vorgegangen bin (kurz)
Ich habe eine plausible (log-normale) Einkommensverteilung simuliert und diese so skaliert, dass sie den Mittelwert ≈ 30.308 € und einen Gini ≈ 0,295–0,30 hat. Wichtig: das ist ein modellhaftes Beispiel — keine echten Haushaltsdaten, sondern eine anschauliche Verteilung, die die Implikationen des Gini-Werts zeigt.
Konkrete Werte (jährlich und monatlich)
Die Tabelle zeigt ausgewählte Perzentile (1., 5., 10., 20., 30., 40., 50. = Median, 60., 70., 80., 90., 95., 99.) — Jahres- und Monatsbeträge:
|
Perzentil |
Jahres-Einkommen (€) |
Monats-Einkommen (≈ €) |
|---|---|---|
|
1% |
7.432 € |
619 € |
|
5% |
10.775 € |
898 € |
|
10% |
13.111 € |
1.093 € |
|
20% |
16.629 € |
1.386 € |
|
30% |
19.718 € |
1.643 € |
|
40% |
22.866 € |
1.906 € |
|
50% (Median) |
26.201 € |
2.183 € |
|
60% |
30.037 € |
2.503 € |
|
70% |
34.774 € |
2.898 € |
|
80% |
41.255 € |
3.438 € |
|
90% |
52.216 € |
4.351 € |
|
95% |
63.780 € |
5.315 € |
|
99% |
92.366 € |
7.697 € |
(Arithmetik gerundet; Mittelwert der Verteilung: ≈ 30.308 € / Jahr ≈ 2.526 € / Monat.)
Was das praktisch bedeutet (Interpretation)
-
Der Median (~26.200 € jährlich → ~2.183 €/Monat) teilt die Bevölkerung in zwei Hälften: die Hälfte verdient weniger, die andere mehr.
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Die 10-%-Marke (~13.100 €/Jahr → ~1.093 €/Monat) zeigt, wie niedrig die Einkommen am unteren Rand sein können.
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Die 90-%-Marke (~52.200 €/Jahr → ~4.351 €/Monat) liegt knapp doppelt so hoch wie der Median (Verhältnis ≈ 1,99). Das heißt: Wer zu den oberen 10 % gehört, verdient etwa das Doppelte des Median-Einkommens.
-
Die 1-%-Marke (~92.400 €/Jahr → ~7.697 €/Monat) ist etwa 3,5-mal so hoch wie der Median (Verhältnis ≈ 3,53).
Diese Spannen sind genau die Art von „Ungleichheit“, die ein Gini von ≈29,5 anzeigt: nicht extrem konzentriert (wie in Ländern mit Gini >40), aber doch deutliches Gefälle zwischen unten, Mitte und oben.
Wichtige Hinweise
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Das Beispiel erklärt die Bedeutung des Gini-Werts numerisch; es ist keine Aussage über Armut, Lebenshaltungskosten oder regionale Unterschiede. (Gini misst nur die Spreizung, nicht das Niveau.)(Destatis)
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Vermögensungleichheit ist davon zu unterscheiden — sie ist in Deutschland deutlich stärker ausgeprägt als die Einkommensungleichheit.(Süddeutsche.de)
Kommentar
Wir wollten uns sodann eine Lorenz-Kurve (Erklärung der Gini-Berechnung siehe Wikipedia) zeichnen lassen, hatten aber den Eindruck, dass es sich beim Ergebnis um eine idealisierte bzw. geglättete Darstellung handelt und verzichten auf die Wiedergabe.
Im Jahr 2010 betrug der Einkommens-Gini in Deutschland noch 30,2, nun ist er also auf 29,5 gesunken. Gleichermaßen sank der Vermögens-Gini von 0,76 auf ca. 0,725 (Wert 2023). Beim Einkommens-Gini-Index liegt der Rückschluss nah, dass die Einführung des Mindestlohns die Verhältnisse hier leicht verbessert hat. Man kann diesen Effekt auch nicht einfach herausrechnen und sollte es nicht tun wollen, denn der Mindestlohn stellte in den letzten Jahren die einzige echte Verbesserung für Menschen dar, die für ein relativ geringes Entgelt arbeiten.
Beim Vermögens-Gini kommt es auch stark darauf an, wie er berechnet wird, die Unschärfen sind viel größer als beim Einkommen, weil Vermögenswerte von verschiedenen Erstellern des Vermögens-Gini unterschiedlich erfasst werden, teilweise nicht vollständig, teilweise werden Schulden gegengerechnet. Und, seien wir ehrlich: Ganz oben an der Spitze wird Vermögen in hohem Maße verschleiert, indem es in unzugänglichen „Steueroasen“ verbuddelt wird.
Eine andere Berechnung als die eben erwähnte zeigte für Deutschland im Jahr 2021 einen Vermögens-Gini von fast 80 (78,8) Liste der Länder nach Vermögensverteilung – Wikipedia. Das ist für europäische Verhältnisse eine sehr hohe Ungleichheit, nur traditionelle Ungleichländer wie die USA (85) oder gar Russland (88) zeigen unter den größeren Volkswirtschaften eine noch größere Schere zwischen Arm und Reich. Da es in Deutschland den Reichen relativ einfach gemacht wird, Vermögen zu verschleiern, gehen wir davon aus, dass der echte Vermögens-Gini auch hierzulande über 80 und damit in einem für eine demokratische Gesellschaft inakzeptabel hohen Bereich liegt.
Für die EU lässt sich sagen, der Einkommens-Gini nimmt von West nach Ost ab, allerdings ist mit „Ost“ Mittel-Mittelosteuropa gemeint, abzüglich wiederum der baltischen Länder und auf jeden Fall abzüglich einiger Länder in Südosteuropa. Dass z. B. Polen, Tschechien, die Slowakei einen relativ geringen Einkommens-Gini aufweisen, spiegelt sich auch im Vermögens-Gini dieser Länder, er liegt in der Regel deutlich niedriger als z. B. in Deutschland. Das ist auch der Tatsache zu verdanken, dass es in diesen Ländern erst nach 1990 zur Bildung großer Vermögen kommen konnte. Auch Ostdeutschland ist gegenüber dem Westen des Landes weitaus seltener dabei, wenn es um die Zählung größerer Vermögen und die Vermögensbildung allgemein geht.
Wir werden in den nächsten Tagen eine Grafik zeigen, die erläutert, dass promovierte und habilitierte Akademiker zwar wesentlich mehr verdienen als Ungelernte am anderen Ende der Einkommensskala, man die Unterschiede aber doch als in einem gerechten Rahmen liegend bezeichnen kann, wenn man auch die Schwere der Arbeit und die Notwendigkeit, dass sie getan werden muss, um das Land „am Laufen“ zu halten, berücksichtigt, die häufig eine Art Gegenrechnung zur reinen Investition in Ausbildung als Einkommensmaßstab nahelegt – aber es handelt sich um Durchschnittswerte, das darf man dabei nicht vergessen, und die Spreizung (in Prozent, in Euro ohnehin) bei gleicher Qualifikation ist in den unteren Einkommensklassen viel geringer als ganz oben.
TH / Zusatzinformationen durch KI erstellt
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