Briefing Gesundheit, Gesellschaft, Wirtschaft, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitgeber, Arbeitende,
Es war erst vorgestern. Da haben wir geschrieben, wir trauen der Bundesregierung auf jeden Fall Reformen zu, nämlich in Form von Neuregelungen, welche die Menschen schlechterstellen. Heute liefert ein Lobby-Funktionär wieder eine Vorlage. Wir sind sicher, spätestens morgen wird die rechte Politik darauf anspringen wie’s Hundi auf den Wurstzipfel. Dieses Mal im Fokus des Blamings: Der Arbeitnehmer in seiner Eigenschaft als unnötig Krankfeierender. Daraus hat Civey eine Umfrage generiert. Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall auf maximal sechs Wochen pro Jahr begrenzen?
Genauer Wortlaut der Frage, zu der Sie abstimmen können: Wie bewerten Sie die Forderung des Arbeitgeberverbandes, Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall auf maximal sechs Wochen pro Jahr zu begrenzen, statt wie bisher für jede Krankheit separat?
Civey-Begleittext
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert eine Begrenzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf maximal sechs Wochen pro Jahr. Bislang erhalten Beschäftigte für jede Krankheit bis zu sechs Wochen Lohnfortzahlung. In der Welt erklärte Dulger, dass großzügige Regelungen zu steigenden Fehlzeiten führten – vor allem bei leichten Erkrankungen. Eine Analyse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigte: 2024 war jeder Beschäftigte im Schnitt 20,8 Tage krank, was Produktionsausfälle in Höhe von 134 Milliarden Euro verursachte.
Dulger spricht sich für weitere Einschnitte aus. Zuschläge für Nacht-, Sonntags- oder Mehrarbeit sollten im Krankheitsfall nicht mehr gezahlt werden. „Wer nicht arbeitet, hat auch keine Mehrbelastung“, so Dulger. Auch die telefonische Krankschreibung lehnt er ab und fordert stattdessen Videosprechstunden. Aus seiner Sicht sei die telefonische Krankschreibung ein „Einfallstor für Missbrauch“. Zudem soll der Medizinische Dienst der Krankenkassen Krankschreibungen schneller und gezielter prüfen können.
Gewerkschaften und Sozialverbände lehnen Kürzungen bei Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall entschieden ab. Der DGB Bayern sprach bereits im Sommer gegenüber der Abendzeitung von einem „Angriff auf die Gesundheit der Beschäftigten“, als das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ähnliche Vorschläge unterbreitete. Auch die Präsidentin des Sozialverbands VdK , Verena Bentele, betonte damals: „Die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ist eine sozialstaatliche Errungenschaft, die es zu verteidigen gilt.“ Die Hans-Böckler-Stiftung fordert statt Kürzungen, die Ursachen hoher Krankenstände durch bessere Arbeitsbedingungen und Prävention zu bekämpfen.
Kommentar
Für uns rechnet der Artikel zu unserer Serie „Welt der Arbeit“. In deren Rahmen haben wir hier schon dargelegt, was von Aussagen zu halten ist: Die deutschen Arbeitnehmer würden zu viel „krankfeiern“. Allein der Begriff ist eine Frechheit, aber in der Sprache blitzt immer wieder durch, wie die Leute hier wirklich gestrickt sind. Komischerweise sind sie weit überwiegend gegen diese Einschränkung der Lohnfortzahlung. Wir müssen immer schmunzeln, wenn diejenigen, denen sonst kein Bashing zu niedrig sein kann, sich bei Fragen wie diesen selbst enttarnen: Wenn es ums eigene Wohl geht, sieht alles ganz anders aus, als wenn man gefahrlos gegen Schwächere treten kann.
Wir können natürlich nicht genau wissen, wer wie abgestimmt hat. Wenn jedoch große Mehrheiten für sozialfeindliche Maßnahmen bestehen und gleichzeitig eine deutliche Mehrheit für die eingeschränkte Lohnfortzahlung zustandekommt (derzeit 48 Prozent „sehr negativ“ und weitere 9 Prozent „überwiegend negativ“), muss es Überschneidungen zwischen diesen Gruppen geben. Es sei denn, man behauptet, diejenigen, die sich zu einer Maßnahme äußern, seien gänzlich andere als die, die bei der anderen abstimmen. Das glauben wir nicht. Einige Menschen nehmen nie an solchen Umfragen teil, während andere sich bei ähnlichen Themen regelmäßig beteiligen; das ist unsere Annahme.
Trotzdem hat diese Mehrheit in der Sache recht. Im Oktober gab es bereits einen ähnlichen Vorschlag, der quasi vom anderen Ende an die Fehlzeiten wegen Krankheit heranging: Mehr Karenztage bis AU-Bescheinigung einführen? (Umfrage + Kommentar) +++ Welche Krankheit verursacht wie viele Fehltage (Statista + Zusatzinfos, internationaler Vergleich + Kommentar) Der Artikel ist eine Fortführung unserer Darstellung zu den Fehltagen an sich und stammt aus dem Oktober 2025. Damals haben wir auch darüber referiert, dass wir beim Abstimmen einen Fehler gemacht haben. Wir waren zu gutmütig. Umso klarer haben wir Ross und Reiter im Artikel selbst benannt. So bleibt es auch dieses Mal.
Die Idee, die Lohnfortzahlung auf ein Jahresbudget zu beschränken, ist im Wesentlichen die Kernbotschaft des Lobbyisten der „Arbeitgeber“. Natürlich gibt es Fälle, in denen die Lohnfortzahlung missbraucht wird, so wie überall bei Sozialleistungen. Es gibt auf der anderen Seite zahlreiche Formen und eine enorme Größenordnung, in der „Arbeitgeber“ und andere Wohlhabende Steuern hinterziehen, kürzen oder Schlupflöcher ausnutzen. Außerdem erscheint die Zahl von 134 Milliarden Euro „Produktionsausfall“ ziemlich fragwürdig. Sie basiert offensichtlich auf dem, was in den Arbeitsstunden verloren geht, die durch Krankheit ausfallen, berücksichtigt aber wahrscheinlich nicht, dass die meisten Ausfälle durch Kolleg:innen im Unternehmen kompensiert werden können. Zusätzliche Kosten zeigen sich oft in Überstunden, es sei denn, Unternehmen sind besonders gut organisiert und können Krankheitsausfälle durch kluges Management auffangen, wobei sie die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten bereits bei der Personalplanung einbeziehen. Das sind aber meistens jene Firmen, die ihre Mitarbeitenden nicht bis zum Limit auslasten und bei denen die Fehlzeiten eher niedriger ausfallen.
Was wir hingegen mitbekommen, ist, dass überall, wo es nur irgend geht, an Personal gespart wird, dass permanente Unterbesetzung herrscht, zum Beispiel im Gesundheitswesen, dass dadurch die Arbeitenden extrem belastet werden, was wiederum die Anfälligkeit für Erkrankungen steigert. Die „Arbeitgeber“ wollen nicht etwa die Bedingungen der Arbeitenden verbessern, sondern ihnen einfach die Lohnfortzahlung wegnehmen, sodass sich Menschen mehr mit Erkrankungen zur Arbeit schleppen, weil sie anderweitig finanzielle Einbußen haben. Die Schäden, die einer Volkswirtschaft dadurch entstehen, dass Menschen für länger oder vollständig aus dem Arbeitsleben ausscheiden, weil sie diesem doppelten finanziellen und sozialen Druck nicht standhalten. Nach sechs Wochen springt, wie die obige Darstellung richtig ausweist, die Krankenkasse für die „Arbeitgeber“ ein. Wenn eine Erkrankung sich länger fortsetzt und auch das Krankengeld endet, ist zunächst die Agentur für Arbeit zuständig, später das Jobcenter, falls jemand ganz aus dem Job gehen muss. Es ist dieses Abstraktum der Gemeinschaft, das dann zuständig ist, aber konkret sind es Steuernzahlende. Sie finanzieren Krankheiten, die in ihrer konkreten Gemeinschaft entstehen, durch miserable Arbeitsbedingungen zustandegekommen sind, also selbst. Wie alle diese neoliberalen Ansätze zeigt auch dieser eine klare Tendenz zur Auslagerung sozialer Kosten, die vom Kapital verursacht werden, an die Allgemeinheit. Das muss man wissen, wenn man hier abstimmt. Da wir viele Argumente aber schon in dem oben verlinkten Artikel und dem zugehörigen Update vorgebracht haben, fassen wir uns hier kurz und stellen noch einmal den Link zur Abstimmung in den Text:
TH
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