Vermissen Sie die FDP? (Umfrage, Fakten, Kommentar)

Briefing PPP Politik Personen Parteien, FDP, Umfragewerte, Niedergang, Lindner, MASZ, Neoliberalismus, Disruption, Marktradikalismus, Bürgerrechte, Menschenrechte, Schuldenbremse, Rüstung

Nach der anstrengenden Arktisexpedition von heute Morgen nun wieder politischer Alltag in Deutschland. Kennen Sie die Gelben? Sagen Sie Ihnen noch etwas? Es gibt die Schwarzen, die Roten und die Blauen und die Grünen. Die Roten haben sich etwas aufgefächert, von Pink bis Lila, und ausgerechnet die SPD behauptet, wenn es um Wahlergebnisgrafiken geht, ein sattes Grundrot, obwohl sie die blasseste aller mit irgendeinem im weitesten Sinne als rot bezeichneten Ton markierten Parteien darstellen. Die Gelben hingegen sind weg. Zumindest sieht man sie im Bundestag nicht mehr. Civey macht sich offenbar Sorgen und hat aus diesem Tatbestand folgende Umfrage generiert:

Vermissen Sie die FDP?

Stimmen Sie ab! Oder lesen Sie erst unseren Artikel.

Begleittext von Civey

Heute findet traditionell das Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart statt. Mit der Veranstaltung eröffnen die Liberalen das Wahljahr 2026, in dem unter anderem Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz anstehen. Besonders Baden-Württemberg gilt als Stammland der Partei. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 war die FDP mit nur 4,3 Prozent der Stimmen an der Fünfprozenthürde gescheitert. Vorausgegangen waren monatelange Konflikte innerhalb der Ampel-Koalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), insbesondere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

FDP-Parteichef Christian Dürr will seine Partei als Reformkraft neu positionieren. In der Welt sagte er, die Liberalen sollten als „Gegenentwurf zum Status quo“ auftreten. Es gebe Millionen Menschen, die sich nach einer radikalen Reformkraft sehnten, die zugleich die liberale Demokratie schütze. Als konkrete Vorschläge nannte Dürr unter anderem die Abschaffung des Kündigungsschutzes für Fachkräfte in Start-ups sowie eine Neuausrichtung der Migrationspolitik, bei der „Asyl die absolute Ausnahme“ und „Arbeitsmigration die absolute Regel“ sein solle.

Bei den anstehenden Landtagswahlen drohen der FDP weitere Verluste. In vielen Landesparlamenten ist sie bereits nicht mehr vertreten. Der baden-württembergische Landesvorsitzende und Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke bezeichnete die Wahl in seinem Bundesland als „Mutter aller Wahlen“. Sollte die FDP dort scheitern, „werde keiner glauben, dass sie irgendwo noch die Fünf-Prozent-Hürde überspringen kann“, so Rülke.

Fakten und Kommentar

Baden-Württemberg gilt als das Stammland des deutschen Liberalismus, wenn die FDP da nicht im Parlament bleibt, wo dann? Bei der letzten Landtagswahl war sie hier sogar noch zweistellig, gemäß dem damals für sie sehr positiven nationalen Trend. Stand Januar 2026 stellt sich die Situation für die FDP in den Bundesländern wie folgt dar:

a.) In welchen Parlamenten ist die FDP derzeit vertreten?

Die FDP ist aktuell in 8 von 16 deutschen Landesparlamenten vertreten. In der anderen Hälfte der Bundesländer (darunter alle Flächenländer im Osten außer Sachsen-Anhalt sowie Bayern und Hamburg) scheiterte sie bei den jeweils letzten Wahlen an der Fünf-Prozent-Hürde. Und hier kann man sie noch bei der parlamentarischen Arbeit besichtigen:

  • Baden-Württemberg (Wahl 2021: 10,5 %)
  • Bremen (Wahl 2023: 5,1 %)
  • Hessen (Wahl 2023: 5,0 %)
  • Mecklenburg-Vorpommern (Wahl 2021: 5,8 %)
  • Nordrhein-Westfalen (Wahl 2022: 5,9 %)
  • Rheinland-Pfalz (Wahl 2021: 5,5 %)
  • Sachsen-Anhalt (Wahl 2021: 6,4 %)
  • Schleswig-Holstein (Wahl 2022: 6,4 %)

b.) In welchen Landesregierungen ist die FDP Mitglied?

Trotz der Präsenz in acht Parlamenten ist die FDP derzeit nur noch in 2 Bundesländern an der Regierung beteiligt:

  1. Rheinland-Pfalz: Hier regiert die FDP in einer „Ampel-Koalition“ mit der SPD und den Grünen.
  2. Sachsen-Anhalt: Hier ist die FDP Teil einer „Deutschland-Koalition“ aus CDU, SPD und FDP.

Diese Zahlen verdeutlichen den enormen Druck, unter dem die Liberalen zu Beginn des Jahres 2026 stehen. Mit den anstehenden Landtagswahlen im März (Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) kämpft die Partei in ihren traditionellen Hochburgen um den Verbleib in den Parlamenten bzw. in der Regierung. Ein Ausscheiden in diesen westdeutschen Ländern würde die bundespolitische Rolle der FDP, die nach der Bundestagswahl 2025 bereits geschwächt ist, weiter marginalisieren.

In Umfragen (Bund) steht die FDP derzeit gemäß Zeit-Panel bei durchschnittlich 3,6 Prozent Bundestagswahl: Wer führt in der aktuellen Sonntagsfrage? | DIE ZEIT. Civey, die auch die Umfrage erstellt haben, auf der wir diesen Artikel basieren, listen die FDP gegenwärtig sogar nur bei 2,6 Prozent Zustimmung. Civey-Umfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?

Und wie sieht es im Moment bei der Abstimmung aus? Eindeutig vermissen 53 Prozent die FDP nicht, wenig Trauer herrscht bei weiteren 10 Prozent. Das ist beinahe eine Zweidrittel-Mehrheit. Aber: 22 Prozent vermissen die FDP ganz doll und weitere 10 Prozent immerhin ein wenig. Ja, dann sollen diese Leute sie doch wählen, wenn sie es so sehen. Dann haben die Gelben auch keine Existenzsorgen mehr. Und sie würde die AfD zurückdrängen, denn wir sehen ein starkes Austauschpotenzial zwischen beiden Parteien.

Wir wissen nicht, warum andere die FDP vermissen. Für uns müsste sie, nicht, weil wir sie unbedingt wählen, sondern weil wir sie wiedersehen wollten, eine unverzichtbare Funktion im politischen Spektrum erfüllen, um ein Recht auf Zukunft zu haben. In ihren Glanzzeiten war die FDP breit aufgestellt. Sie war, nachdem sie ihre starke Nazi-Lastigkeit in den Anfangsjahren der BRD hinter sich gelassen hatte, die Bürgerrechtspartei in Deutschland und die erste, die sich noch vor der Gründung der Grünen mit Umweltschutz-Themen befasste. Damals war sie noch nicht ausschließlich das neoliberal verengte, marktradikal durchideologisierte Hebelinstrument des Kapitals und wurde in einer insgesamt freundlicheren Politik-Epoche auch nicht so wahrgenommen.

Sie galt als echte Mitte, Zünglein an der Waage, Regierungsmacherin, hatte zeitweise mit Männern wie Theodor Heuss, der auf eine väterliche Art, die Adenauers eher sprödes Wesen jovial ergänzte und für die oben genannte südwestdeutsche Liberalismus-Stärke stand, mit Walter Scheel, der vor seiner Präsidentschaft maßgeblich an Willy Brandts Ostpolitik mitgewirkt hat, mit Langzeit-Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte sie den mit Abstand beliebtesten deutschen Politiker seiner Zeit in ihren Reihen, der zur Kultfigur wurde.

Von diesem Glanz ist nicht viel übrig, und wenn man das Gepräge von Christian Lindner als dem führenden FDP-Mann der letzten Jahre mit Heuss, Scheel, Genscher und einigen weiteren aus der Vorwendezeit vergleicht, merkt man erst, wie verzwergt die FDP ist.

Der Verlust an Substanz betrifft andere Parteien ebenfalls, aber die FDP hat sich nicht nur personell, sondern auch inhaltlich auf eine radikale Weise verengt und scheint nicht gewillt zu sein, diese Verengung zu überdenken. Das Lindner-Modell hat der FDP ja auch zum Wiederaufstieg verholfen. Sie stand vor 15 Jahren ähnlich schlecht da wie jetzt, das darf man nicht vergessen. Welche Funktion könnte sie aber heute übernehmen, würde sie wieder in den Bundestag einziehen?

Für mehr Sparsamkeit werben? Wenn wir in den letzten Jahren die FDP angeschaut haben, haben wir immer doppelt gesehen. Da war Herr Lindner auf der einen Seite, dem die Infrastruktur des Landes und die Bildungs-Chancengleichheit und derlei Dinge, die im Grundgesetz eigentlich als unabdingbar festgeschrieben sind, herzlich egal waren. Keine Bürgerrechtsverteidigung, keine Humanität, lediglich eine relativ gelassene Haltung gegenüber dem Aufwuchs an Gruppenrechten, der ja einen hinterlistigen Aspekt hat: Je mehr sich Menschen über alle möglichen Identitäten jenseits der ökonomischen Lage definieren und formale Fortschritte bejubeln, desto leichter sind sie vom Kapital zu steuern.

Was macht Ex-FDP-Chef Lindner eigentlich heute? Dazu weiter unten an passender Stelle. Wir versprechen: alles passt auch in unser Bild von dieser Partei.

Und da war noch MASZ. Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Die Frau, die gar nicht genug Lobbyarbeit für die Hochrüstung betreiben konnte. Das passte überhaupt nicht zu Lindner. Während seine Linie angesichts der aktuellen Politik als gescheitert gelten darf, müsste sie überglücklich sein. Man hört im Moment wenig von ihr, aber wir gehen davon aus, dass sie die Linie der aktuellen Bundesregierung weitgehend billigt. Inklusive des Abbaus sozialer Rechte, der angeblich notwendig ist, um die Militarisierung zu finanzieren.

Beiden gemein ist, dass sie niemals die Reichen stärker zur Verantwortung für diese riesigen Gemeinschaftsaufgaben ziehen würden. Da wird die FDP wieder kohärent: Gute Bildung, gute Dienstleistungen, gute Gesundheitsversorgung nur noch für die oberen zehn Prozent der Einkommenspyramide, die auch tatsächlich die Klientel der FDP darstellen, wenn man die Interessenvertretung realistisch betrachtet. Die FDP hat noch Potenzial für mehr als fünf Prozent der Stimmen. Die könnte sie bei der Union einsammeln – und bei der AfD. Die FDP und die AfD haben erstaunlich viele Anknüpfungspunkte, das hat sich auch in der Realpolitik schon gezeigt.

Was hat sie der AfD gegenwärtig noch voraus? Ihre enge Anbindung und Einbindung in den Lobbyismus in diesem Land, also in der Zone, in der diejenigen sitzen, welche die BRD wirklich regieren. Die FDP ist immer noch dabei, viel mehr, als ihre Wahlergebnisse es vermuten lassen. Und Christian Lindners Werdegang verdeutlicht, warum es keiner demokratischen Repräsentanz mehr bedarf, wenn man erst genug „Kontakte“ hat, die man hinter den Türen der Macht nutzbar machen kann:

Nun aber zu Christian Lindner, weil sein Werdegang so typisch für das heutige Politiker-Dasein ist.

Christian Lindner hat nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag eine ganze Palette an Rollen übernommen, die ihn in der Tat tief im Geflecht aus Wirtschaft und politischer Einflussnahme verankern.

Christian Lindner ist seit dem 1. Januar 2026 als stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei der Autoland AG tätig, dem größten herstellerunabhängigen Autodiscounter Deutschlands.

In seiner neuen Rolle verantwortet er die Bereiche Marketing, Vertrieb und Digitalisierung. Er selbst kommentierte den Wechsel mit den Worten „Auto statt Hedgefonds, Sandersdorf-Brehna statt New York“, womit er auf den Hauptsitz des Unternehmens in Sachsen-Anhalt anspielt.

Während sein Job bei der Autoland AG medial am stärksten als „bodenständiger“ Wechsel ins Herz des Mittelstands inszeniert wurde, sind es vorwiegend seine anderen Mandate, die Kritiker wie LobbyControl auf den Plan rufen. Er wird oft als „Tausendsassa“ bezeichnet, da er seit Anfang 2026 mindestens sechs verschiedene Tätigkeiten parallel ausübt.

Wir fassen so zusammen, dass etwas wie Übersicht entsteht.

Christian Lindner: Das Portfolio nach der Politik (Stand Januar 2026)

Hier sind die zentralen Rollen, die seine Nähe zum Lobbyismus und zu finanzstarken Interessen verdeutlichen:

Organisation Funktion Schwerpunkt & Brisanz
Teneo Senior Advisor Lobbyberatung: Die US-Firma berät Kunden wie die UniCredit-Bank. Kritiker sehen hier massive Interessenkonflikte, da Lindner als Finanzminister den Verkauf von Commerzbank-Aktien mitverantwortete.
Stiftung Familienunternehmen Kuratoriumsmitglied Interessenvertretung: Hier vertritt er offiziell die Interessen der reichsten Familienclans Deutschlands (die „Superreichen“), was perfekt ins Bild von der heutigen FDP passt.
Stepstone Group Shareholder-Board Personal & Wirtschaft: Beratung des großen Jobportals, das zum Axel-Springer-Konzern (KKR) gehört.
Lhoist Germany Aufsichtsrat Industrie: Der Kalksteinriese nutzt Lindners Expertise bei Rohstoff- und Geopolitikfragen.
Autoland AG Stellv. Vorstand Operatives Geschäft: Fokus auf Vertrieb und Digitalisierung beim größten freien Autohändler.

Einschätzung im Kontext der Analyse

Dass Lindner nun als „Senior Advisor“ für ein US-Beratungsunternehmen arbeitet, das ausgerechnet die Banken berät, deren Dossiers er noch vor Kurzem auf dem Schreibtisch hatte, ist das klassische Beispiel für einen „Drehtür-Effekt“.

Das Personal, das jahrelang die fiskalische Strenge (Schuldenbremse) gepredigt und staatliche Investitionen in die Infrastruktur gebremst hat, profitiert nun direkt von der Expertise aus dieser Zeit in der Privatwirtschaft. Dies untermauert die These, dass die Vernachlässigung staatlicher Strukturen zugunsten privater Dienstleister kein Zufall, sondern ein Systemmerkmal dieser Politik ist.

In diesem Video wird Christian Lindners Wechsel in die Autobranche und die Kritik an seinen multiplen neuen Rollen näher beleuchtet: Christian Lindners sechs neue Jobs

Die deutsche Politik zerstört auf diese Weise das Vertrauen der „Normalbürger“, die dieses Land am Laufen halten. Überraschend ist dieser Move von Lindner aber nicht; es gibt viele ähnliche Beispiele. Es gibt auch viele Karrieren, die erst durch massive Promotion seitens des Kapitals zustande kamen, wie etwa die von Jens Spahn. Deswegen treten solche Leute auch nie zurück, egal, welchen Mist sie bauen. Das Kapital hat zu viel in sie investiert. Plötzlich ist die gewisse Austauschbarkeit nicht mehr gegeben, die der Politik eine Zeitlang anhaftete.

In der Breite ist keine Partei so stark im Lobbyismus verortet wie die CDU / CSU, das hat schlicht mit deren Größe zu tun und mit dem Einfluss, den sie hat, aber wenn man es pro Person sieht, dürfte die Lobby-Akkumulation der FDP-Politiker noch stärker sein. Gut möglich, dass das bald nicht mehr so ist, sondern dass die AfD für das Kapital nun das kommende Ding darstellt. Der Verband der Familienunternehmer hat diese Richtung bereits beschritten.

Er ist nicht identisch mit der Stiftung, für die Lindner arbeitet, aber machen wir uns nichts vor: Es handelt sich grundsätzlich um denselben Cluster von Leuten, die primär eines im Kopf haben, nämlich immer reicher zu werden, während die allgemeine Kaufkraft sinkt. Demokratie, Bürgerrechte? Gar in ihrer Ausprägung als Arbeitnehmerrechte? Die FDP ist die Partei, die gerne die Axt legen würde, nicht nur mit der Säge zu arbeiten, wie die aktuelle Regierungskoalition es angeht, und sicher auch erreichen zu können.

Wir benötigen eine solche Partei nicht einmal mehr als klassischen Gegner, seit Friedrich Merz Bundeskanzler ist, denn er wirkte für denselben Cluster des Großkapitals. Wir können uns an ihn halten, um Muster eines Systems aufzuzeigen, in dem die Reichen immer geschont werden und in dem die Mehrheit ständig auf eine zudem sehr primitive Art eins auf die Mütze bekommt.

Und so haben wir abgestimmt: Wir leben in einer Zeitenwende, und wir haben mit der Union und in Zukunft mit der AfD genug Vertreter des Kapitals in der Politik. Die FDP kann wiederkommen, wenn sie sich darauf besinnt, dass sie auch einmal die deutsche Bürgerrechtspartei war. Und nicht unter Freiheit ausschließlich den freien Kapitalverkehr verstand. Wir sehen diese Rückkehr zu den besseren Traditionen nirgends. Und keine Notwendigkeit, der FDP nachzutrauern, sollte sie endgültig aus der politischen Landschaft verschwinden. Hier noch einmal der Link zur Abstimmung:

Vermissen Sie die FDP?

Meinung, Kommentar: TH / Faktenblöcke mithilfe von KI recherchiert

 


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar