Ist das BSW regierungsfähig? (Umfrage + analytischer Leitkommentar)

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Wir haben schon lange nicht mehr über das BSW geschrieben. Nach den Vorgängen der letzten Wochen in der Partei bietet sich ein Zwischenbericht an, zumal Civey heute eine Umfrage aufgesetzt hat: Ist das BSW regierungsfähig? Wir geben einen Kommentar ab – im Anschluss an den Civey-Begleittest.

Bevor Sie abstimmen, können Sie also auch erst ein wenig weiterlesen, wenn Sie möchten.

Begleittext

Diese Woche hat der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) seine Koalition mit dem BSW beendet. Auslöser war der Austritt des Finanzministers und Vize-Regierungschefs Robert Crumbach aus dem BSW. Dieser Konflikt ist aufgrund der zahlreichen Landtagswahlen in 2026 für das BSW heikel, da die Partei besonders bei den ostdeutschen Wahlen gute Ergebnisse erzielen möchte. Die Partei konnte nach ihrer Gründung sehr schnelle Erfolge aufweisen. Sie erreichte zweistellige Wahlergebnisse in drei ostdeutschen Bundesländern und wurde Teil von zwei Landesregierungen. In vielen Landesverbänden dominieren jedoch interne Machtkämpfe um konkretes Regierungshandeln und den richtigen Umgang mit der AfD. 

Für viele politische Beobachter gilt das BSW inzwischen als nicht regierungsfähig. Der ehemalige BSW-Landeschef in Brandenburg, Robert Crumbach, kritisiert die Partei im Spiegel scharf: „Das BSW taugt zu gar nichts mehr. Nicht mal zur Opposition. Es gibt keinen Gestaltungswillen mehr in der Partei.” Brandenburgs SPD-Chef Woidke schrieb an die SPD-Mitglieder, das BSW sei „auf toxische Art und Weise auseinandergebrochen“. In Thüringen regiert die Partei weiterhin unter der Führung von Katja Wolf mit CDU und SPD, doch der BSW-Landtagsabgeordnete Stefan Wogawa warnt im Spiegel: „Der Druck auf uns von der Parteispitze wird nun weiter steigen, man wird weiter versuchen, uns herabzuwürdigen.” 

Das BSW kontert und sieht die Schuld vor allem bei den Abweichlern. Parteigründerin Sahra Wagenknecht kritisiert Crumbach auf X: „Nicht das BSW in Brandenburg, das konsequent für die Themen einsteht, für die es von den Bürgern gewählt wurde, ist regierungsunfähig, sondern ein Finanzminister, der sich diesem Auftrag nicht verpflichtet fühlt.“ Die BSW-Vorsitzende Amira Mohamed Ali gibt sich zudem kämpferisch: Es seien laut Tagesschau „Anfangsschmerzen“, das BSW werde sich „noch einige Häutungen“ leisten und gestärkt daraus hervorgehen. Generalsekretär Oliver Ruhnert verspricht für die anstehenden Landtagswahlen 2026 eine klare Linie: Wer BSW wähle, „soll auch BSW bekommen“.

Kommentar

Wir verzichten heute auf weitere Informationen, es sei denn, sie sind Inhalt des Kommentars, den wir als Selbstinterview angelegt haben.

Die Frage, die wohl alle interessieren dürfte, zuerst: Wie wirken sich die aktuellen Vorgänge beim BSW auf die Umfragewerte aus?

Anhand der Umfragen der klassischen Meinungsforscher lässt sich das noch nicht so gut ablesen, aber das Panel von Civey selbst, das immer rasant auf Veränderungen reagiert und sehr feinfühlig ist, zeigt bereits eine Veränderung: Civey-Umfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag die Bundestagswahl wäre?

Geht diese eher zu: Position geklärt, alle Kraft für volle Opposition voraus oder kann man eher ein Kopfschütteln der Wähler:innen erkennen?

Eindeutig Letzteres. Das BSW hatte sich nach einem Tiefstand bei etwa 2,6 Prozent wieder auf die 3-Prozent-Marke zubewegt. Das klingt marginal, aber die 2,4, die heute zu Buche stehen, sind der geringste Zustimmungswert seit der Gründung der Partei. So sieht auch das Abstimmungsergebnis aus. 69 Prozent der Abstimmenden halten das BSW derzeit keinesfalls für regierungsfähig, weitere knapp 13 Prozent für eher nicht. Über 80 Prozent glauben nicht an eine konstruktive Rolle des BSW.

Ist Regierungsfähigkeit mit einer konstruktiven Rolle gleichzusetzen?

Das ist eine berechtigte Frage. Es gibt im BSW einige Verächter der hiesigen Demokratie, für die ist es eher umgekehrt: Je weniger regierungsfähig, desto besser. Zu ihnen  gehört leider auch die Gründerin, daher ergibt sich ein Generalkonflikt zwischen ihr  und allen, die tatsächlich Politik machen und nicht nur Forderungen aufstellen wollen. Das haben viele, die her unbedarft ins BSW gekommen sind und die Hintergründe nicht so kannten, nicht bedacht. Und nicht, dass Demokratieverachtung auch Tendenz zu autoritärem Verhalten mit sich bringt.

Das ist eine harte Aussage.

Ich würde mich selbst nie davon ausnehmen, dass man Fehler machen kann. Ich bin vor fast 10 Jahren auch auf die Linke hereingefallen. Dabei haben Wagenknecht-Anhänger übrigens eine bedeutende Rolle gespielt. Ich kannte damals die Hintergründe auch nicht, ich wollte nur eine sozialere Politik. Aber zehn Jahre sind eine lange Zeit, da lernt man viel.

Das klingt frustrierend.

Ja, die Linke betreffend, gibt es ein solches Gefühl. Nicht das BSW betreffend. Ich war von Beginn an skeptisch, nach diesen Jahren des Lernens und des Wiedereinfindens in politische Kommentierung und Analyse. Und wegen meiner Kenntnis der wirkenden Persönlichkeiten.

Also der von Sahra Wagenknecht.

Eines möchte ich an der Stelle gerne loswerden: Ich fühle mit denen, die unbedarft ins BSW eingetreten sind und glaubten, jetzt hätten sie endlich eine politische Heimat gefunden. Da sind ja viele ältere Menschen dabei, die lange gesucht haben, die viele politische Enttäuschungen hinter sich haben und doch nicht zur AfD gedriftet sind. Das muss man ihnen erst einmal hoch anrechnen. Leider gibt es auch die Politprofis im BSW, die ich anders sehe.

Robert Crumbach und andere haben die früheren Linke-Politiker:innen im BSW adressiert und attackiert.

Einerseits sieht man daran, dass Menschen, die schon in der SPD Funktionäre waren, nicht vor Naivität gefeit sind. Andererseits hatten sie wohl kaum interne Kenntnisse über das BSW und seine Macher. Anders als jemand, der jahrelang in der Linken war und in einem Bezirksverband, der von Wagenknecht-Anhängern dominiert wurde. Jetzt wird er das nicht mehr, weil diese Gruppe ja beim BSW gelandet ist. Man könnte meinen, das hat mehr Klarheit geschafft, diese Trennung zwischen Lagern. Leider ist es nicht so, aus mehreren Gründen.

Bleiben wir noch beim BSW: Warum klappt Politik machen dort nicht?

Ich habe es schon angedeutet. Um in dieser Demokratie Politik machen zu können, muss man sie verstehen und akzeptieren. Viele im BSW haben entweder eher Stalin als das Grundgesetz gelesen, oder sie agitieren bewusst dagegen. Etwa mit ihrer vorgeblich demokratisch-affirmativen Haltung der AfD gegenüber, mit ihrem Hype um den russischen Autokraten und Aggressor Wladimir Putin. Wer nach 35 Jahren noch nicht versteht, wie dieses System funktioniert, was man mit machtvoller linker Politik darin erreichen könnte, sich stattdessen in unfassbar sachfremder DDR-Nostalgie ergeht und daher keinen weiten Weg bis zur Verherrlichung des rechten Putin-Regimes hat, der kann die FDGO nicht „bespielen“. Schon gar nicht von links. Er trägt zu deren Gefährdung bei, und diese Position unterstütze ich natürlich nicht.

Die BSW-Spitze will also, kurz gefasst, ein anderes System? Das würde heißen, sie ist verfassungsfeindlich.

Die Verfassung erlaubt ein System, das in vielem vom aktuellen Zustand abweicht, sie wird weit, weit rechts von ihren Möglichkeiten in die Verfasstheit des Systems übertragen. Das muss man aber verstehen und als Möglichkeit, als Chance ansehen, bevor man die Verfassung ablehnt, und nicht Unrechtsregimen das Wort reden. Um das zu sehen, zu verstehen, es als Chance zu begreifen, muss man konstruktiv veranlagt sein.

Die Kunstpause bedeutet: Und das ist Sahra Wagenknecht nicht. Konstruktiv.

Ihr Talent zur Destruktion war von Beginn an der Fallstrick, den ich beim BSW gesehen habe. Eine Lesart von mir, warum es trotzdem funktionieren könnte, war: Ich kenne einige, die dort aktiv und administrativ mitwirken. Sie haben in der Linken schon praktische Politik vor Ort, auf kommunaler Ebene vor allem, gemacht und sind daher m. E. prinzipiell fähig, konstruktiv zu arbeiten und die organisatorischen Mängel Wagenknechts abzusichern oder auszugleichen. Deswegen hätte ich nicht von Anfang an gesagt, das wird eh nichts. Aber ich glaube, auf Wagenknecht  hat niemand einen echten Einfluss außer einer Person.

Schon wieder diese Pause … deren Initialen sind O. L.?

So ist es.

Erklärung?

Oskar Lafontaine ist der einzige, der Wagenknecht wirklich mitgeformt hat, leider in die falsche Richtung. Er hat ihre narzisstischen Tendenzen verstärkt, anstatt sie im Sinne konstruktiver Politik zu dämpfen oder gar nutzbar zu machen. Das geht nämlich auch, sie nutzbar zu machen. Aber nicht bei jemandem, der selbst destruktiv bis zum Anschlag ist.

Lafontaine als ehemaliger Ministerpräsident und SPD-Vorsitzender ist destruktiv?

Ich hole etwas aus, weil man ohnehin SW nicht deuten kann. Als er sehr rasch in der SPD des Saarlandes aufstieg, war die Partei am Boden, von der CDU des beliebten MP Franz-Josef Röder zertrampelt, obwohl es ein Arbeiterland ist, teilweise jedenfalls. Lafontaines populistische Art war in der dortigen SPD etwas ganz Neues, er ging damit sozusagen wie das Messer durch die Butter, erhielt keinerlei Widerstand, hatte alsbald unter jungen SPD-Leuten viele Anhänger, weil er ein Hoffnungsträger war. Auch da habe ich persönliche Einblicke, dank einer Freundin bei den Jusos. Als MP hat er vorwiegend Front gegen die Kohl-Regierung im Bund gemacht, sie zu erpressen und dabei für das Saarland bis zu einem gewissen Grad was herauszuholen, aber den Leuten auch suggeriert, es wird nie einen Zwang zur radikalen Konversion des Landes geben. Außer ein paar kleineren Ansätzen gab es zur OL-Zeit keine wirkliche Strategie für das Land, das Resultat sehen wir heute: abgehängt. Natürlich haben seine guten Wahlergebnisse im Saarland ihm in einer ebenfalls wackeligen Bundes-SPD, die nach der Ära Vogel-Rau eine Neuorientierung gesucht hat, das Aufsteigen erleichtert. Bis er auf Gerhard Schröder traf. Der erste Typ, der ähnlich war wie er, nur härter, hat OLs Scheitern ausgelöst. Seitdem wandert er politisch, hatte in der Linken noch einmal ein Podium, hat ihre Wahlergebnisse auch positiv beeinflusst, keine Frage, aber das war’s. Da ist er auch raus, wie wir wissen.

Eine gescheiterte Karriere, die auf Wagenknecht abfärbt?

OL ist nicht der Typ, der sich selbst als gescheitert definieren würde, zumindest nicht öffentlich. Aber natürlich färbt seine Unfähigkeit, wirklich demokratisch zu regieren, Widerspruch auszuhalten und zu moderieren, auf seine Frau ab, die ähnlich konstruiert ist. Beide korrespondieren auf eine ungute Weise miteinander und bestärken einander in ihren negativen Eigenschaften. Schade, könnte man sagen, aber das tue ich nicht.

Also ist das vermutliche Scheitern des BSW nicht schade?

Noch ist es nicht ganz sicher. Ich würde mich derzeit noch davor hüten, zu sagen, das war’s. Es sieht nicht gut aus, das ist klar zu erkennen. Aber vielleicht kommen ein paar Leute, die auch politisches Talent haben, zum Vorschein und geben dem Begriff BSW eine neue Statur. Bündnis für soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Vernunft halte ich übrigens für einen Witz. Marketingtechnisch ein Fail ersten Grades. Ich erkenne auch Lafontaines WASG wieder: Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit, wenn ich es richtig im Kopf habe. Das war schon damals sperrig, und heute erst, im Zeitalter der gewandelten Aufmerksamkeitsökonomie!

Zumal die Marke ja nicht mehr in vorderster Reihe durch Wagenknecht als Markenbotschafterin vertreten sein soll.

Wagenknecht will lieber ins Politbüro als ins ZK des BSW. Also die Fäden ziehen von hinten. Wieder dieses typische Denken, das aus ihrer DDR-Prägung stammt. Es wird nicht funktionieren, wenn sie damit Menschen wie Marionetten steuern will, die reale Politik zu gestalten haben. Sie hat im Grunde noch nicht begriffen, dass viele, die etwas können und wollen, anders sozialisiert sind und sich von ihr nicht alles vorschreiben lassen. Sie ist insofern auch nicht lernfähig, sie hätten nach ihrem Scheitern in der Linken schon nachdenklich werden und sich korrigieren müssen. Dass sie das nicht schafft, sondern denkt, jetzt kommen nur noch Linientreue in die neue Partei, das wirft wieder Fragen bezüglich ihrer angeblich so hohen Intelligenz auf. Und bezüglich der Substanz des BSW natürlich.

Das Programm sollte Wagenknecht sein, mit ihrem kruden Positionenmix, mit dem jede an Sacharbeit orientierte Partei unweigerlich in ein Bermudadreieck aus Widersprüchen hineinfährt. Die Linke ist schon mehrfach beinahe in diesem Bermudadreieck versunken, sie hat es gerade noch geschafft, daran vorbeizukommen. Das BSW hat kein inneres Korrektiv, das dieses Einlaufen in politische Fallen verhindern könnte. Es darf kein Korrektiv haben, wie man im Moment deutlich sieht. Jeder, der dieses Korrektiv sein könnte, wird niedergemacht. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das abläuft. Obwohl sie in der Minderheit in der Linken waren, haben auch dort die Wagenknechtianer die anderen gebasht, so gut es ging. Oft vereint mit der KPF, die immer noch in der Linken ist und dort m. E. eine Rolle spielt, die der Linken weiterhin nicht gerade nützt.

Und aus der Wagenknecht ja kommt, also aus der Strömung innerhalb der Linken.

Diese Leute können alle keine Realpolitik machen. Sie sind auch gar nicht darauf aus. Viele, die das BSW als neue, starke Kraft gesehen haben, wollten aber genau das, als sie eingetreten sind. Nach wie vor, der ideologische Hintergrund Wagenknechts war ihnen wohl nicht klar, der im Verbund mit ihrer Persona keine kohärente Zukunftspolitik zulässt. Ich betone es gerne noch einmal: Ich kann diese Menschen verstehen, die sich von ihrer Attraktivität und medialen Eloquenz haben einfangen lassen. In einem Land, in dem die meisten Politiker:innen überhaupt kein Charisma haben, kann man schnell in Gefahr geraten, so jemanden als Lichtgestalt anzusehen. Ich hatte von Anfang an eine gewisse Skepsis, aber ich habe mich  natürlich von der Aufbruchstimmung im Jahr 2016, auch  noch 2017, mittragen lassen, obwohl ich da schon um die vielen Brüche innerhalb der Linken wusste oder sie in Umrissen erkannte.

Für mich war Wagenknecht ein Zugpferd. Keine Heilige, aber jemand, der das Vakuum füllen könnte, das ihr Mann und Gregor Gysi nach ihrem planmäßigen Rücktritt vom Parteivorsitz hinterlassen haben, wenn es um die Massenwirksamkeit von Politikern geht. Die „Realos“ in der Linken waren zu der Zeit keine Burner. Das hat sich im Grunde jetzt erst wieder geändert, mit Heidi Reichinnek als neuem Politstar. Die Linke benötigt keine SW mehr. Das ist auch gut so. Ob Die Linke es schafft, ihre inneren Widersprüche zu meistern, ist eine andere Frage. Der Umfragen-Erfolg verdeckt diese Widersprüche im Moment relativ gut, aber wehe, wenn er mal nachlässt. Dann geht das interne Hickhack vermutlich wieder los bzw. tritt nach außen.

Also wie im BSW, nur größer? Können Linke generell keine konstruktive Arbeit?

Doch. Das hat Die Linke mehr als jede andere Partei in der damaligen Koalition Rot-Rot-Grün in Berlin bewiesen. Wie sehr positiv sie die Zeit von 2017 bis 2023 geprägt hat, merkt man jetzt erst, im Zeitalter der schwarz-roten Rückschrittskoalition. Was wünsche ich mir die Zeit vor 2023 zurück! Wir haben damals, aus der Sicht der Mietenbewegung, so vieles kritisiert. Aber welch eine Progression im Vergleich zum jetzigen Zustand. Unsere Kritik war aber auch konstruktiv. Wir wollten mehr und Besseres. Wir wären nie auf die wirklich blöde Idee gekommen, der Berliner Stadtregierung einen Koalitionsvertrag aufzudrücken, in dem sie sich zu Krieg und Frieden positionieren muss. Und das, obwohl die Bundespolitik hier nur wenige Kilometer vom Zentrum der Stadtpolitik entfernt ist.

Anders als in Brandenburg und in Thüringen.

Schon an diesen unsäglichen Vorgängen im Wege der Koalitionsbildung hätte man merken dürfen, dass bei der BSW-Spitze die Machbarkeit auf der Ebene der Landespolitik nicht unbedingt im Vordergrund steht. Schon damals war Wagenknecht gegen ihre eigenen Leute bzw. ist ihnen in den Rücken gefallen, dabei war ganz klar, dass  z. B. Katja Wolf in Thüringen nicht für Totalverweigerung stehen wird, ebenso Robert Crumbach in Brandenburg. Das ist nicht der Typ von Politikern, der sich in die ideologische Nische zurückzieht, anstatt Politik zu machen. Falls es überhaupt eine Nische ist: Die Positionen des BSW sind doch ziemlich inkohärent, weil das Ganze zwischen rechts und sozialdemokratisch-links (nicht klassenkämpferisch-links) mäandert und selbst ein Bermuda-Dreieck bildet, wenn man die im Grunde verfassungsfeindlichen Autokraten-Verehrungs-Allüren mitrechnet. Das ist ungut.

Das führt zu nichts. Wenn das BSW wirksam werden will, muss es seine Linie klären. Außerdem hat das „Friedensthema“ so dominiert, dass soziale Positionen kaum sichtbar wurden. Es gibt sie, aber die BSW-Leute sind Profis genug, um zu wissen, dass davon nichts sichtbar wird, wenn man ständig viel mehr mit Putin-Unterstützungsmeldungen zugange ist als mit sozialem Protest. Letzteren kennen eigentlich nur diejenigen noch, die Wagenknechts Newsletter oder BSW-Meldungen lesen. Ich kenne sie also, aber was sind sie bei der Priorisierung, die nach außen sichtbar wird, wert? Was wir heute nicht schaffen werden: Das näher zu untersuchen, was im BSW unter Frieden verstanden wird, das haben wir u. a. im Zuge der Ukraine-Berichterstattung schon getan, es wird weitere Gelegenheiten dazu geben. Nicht mehr so viele im vorliegenden Zusammenhang, falls das BSW sich weiter zerlegt.

Aber mal von der Seite betrachtet: Was sollen Menschen in Deutschland machen, die diesen ganzen Politikbetrieb satthaben und nun auch vom BSW enttäuscht sind? Doch AfD wählen?

Die Gefahr ist real. Der Niedergang des BSW hilft der AfD, überhaupt keine Frage. Auch wenn die meisten BSW-Wähler:innen bei den Landtagswahlen 2024 wohl nicht von der AfD gekommen sind. Aber das BSW fällt als mögliches Korrektiv weg.

Apropos Korrektiv: Wird das BSW via Bundesverfassungsgericht doch noch in den 21. Deutschen Bundestag einziehen?

Unsicher. Das BVerfG ist eine von vielen Institutionen, welche die Verfassungswirklichkeit leider zuletzt nicht progressiv mitgestaltet haben, sondern sich an der  zunehmenden  Schieflage zugunsten des Eigentumsrechts und anderer proprietärer und gruppenorientierter Rechte zulasten der Menschenwürde für alle beteiligt haben, und das wird sich so schnell nicht ändern, dafür haben die Konservativen mit der Besetzung des BVerfG gesorgt. Aber auch das können wir heute nicht besprechen: wie politische Einflussnahme die Justiz auf Kurs bringt, ohne dass auf den ersten Blick ein Unabhängigkeitsmangel der Judikative sichtbar wird. Das sind Dinge im System, die man stark kritisieren muss, aus einer progressiven Position. Dazu haben sie im BSW kaum Zeit, alles ist darauf ausgerichtet, Putin zu frönen und den Laden auf Linie zu trimmen.

Dieses Putin-Ding ist jetzt aber auch polemisch.

Ein wenig. Aber nicht sehr. Denn im Grunde läuft es darauf hinaus. Der Witz ist, dass sich durch Donald Trumps Verhalten wieder richtig schön zeigt, wie diese Leute ständig ideologisch ins Stolpern geraten.

Also inhaltlich zum BSW. Es ist bekannt, dass viele Trump mögen, egal, ob er zu Hause gerade die Menschenrechte und die Demokratie schleift, weil er Putin mag. Und weiter?

Es geschah am 3. Januar 2026. Da wurde alles ganz klar. Trump griff sich den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro (jeder, der bis drei zählen kann, weiß, dass das Wahlergebnis von 2024 gefälscht war), und jetzt sitzt das BSW in der Tinte. Denn Venezuelas Regime gehörte zu den Pluspositionen des BSW und natürlich der KPF in der Linken, von deren asymmetrischem Antiimperialismus viele im BSW beeinflusst sind / es gibt Positionsähnlichkeiten und -gleichheiten. Jetzt wird Trump entsetzt als typischer amerikanischer Imperialist beschimpft, und das ist voll lächerlich. Er war natürlich kein Imperialist, solange er nur mit dem Imperialisten Putin gut war. In Wirklichkeit ist Trump einfach Trump, er greift an, wo er kann und zieht den Kopf ein, wo es nicht geht, wie bei Putin, weil Russland zwar ökonomisch ein Zwerg ist, in Relation zu den USA, aber auch ein Atomstaat und Rohstofflieferant. Trump macht das, was er für Interessenpolitik zugunsten der USA hält, sonst nichts. Und wenn er jetzt noch in oder auf Kuba interveniert, was dann? Wo doch „Cub sí“ so wichtig ist für die Wagenknechtianer und die KPF.

Das kommt davon, wenn man nicht klar im Kopf ist. Ich habe Trump von Beginn an einfach als bösartig und übergriffig angesehen, und genau diese Haltung funktioniert bei ihm immer. Man ist von konkreten Moves auch mal überrascht, aber man kann sie gut in das Koordinatensystem einordnen, das man sich bezüglich der aktuellen US-Politik erstellt hat. Das können Leute nicht, die Antiimperialismus nur als Antiamerikanismus verstehen, Trump aber davon ausnehmen wollen, solange er sich so verhält, dass er für sie als nützlicher Idiot erscheint.

Wie ist die Lage geopolitisch tatsächlich?

Für mich sind Trump, Putin und Xi allesamt auf unterschiedliche Weise gefährlich für eine wirklich multipolare und friedliche Welt, auch wenn zumindest einer davon ständig von dieser Welt faselt, dabei aber andere Staaten immer mehr von sich abhängig macht oder ökonomisch gegen die Wand drückt. Für mich in dieser Triade der Imperien kein Ding, das zu erkennen und zu benennen. Wohl aber für Menschen, die ideologisch so in Schieflage sind wie jene mit einem Weltbild, das dem von Sahra Wagenknecht ähnelt.

Wenn China nun wegen Trumps Exzessen sich aufgefordert fühlt, nach Taiwan zu greifen, werden Wagenknechtianer sagen: okay so. Wurscht, ob die Taiwaner demokratisch dagegen sind und etwas anderes wollen. Wenn Trump nach Grönland greift: auch okay, denn gegen die EU ist man ohnehin. Das Imperium frisst seine Vasallen, richtig so. Selbst schuld. Wenn Trump aber in Südamerika richtig Wellen macht, und das ist nun wirklich sein erklärtes Ziel, dann sieht es ganz anders aus, dann muss er im Grunde alle nur halbwegs linken Regierungen dort in die Zange nehmen, darunter auch die Lieblingsdiktaturen der KPF und Wagenknechts, wie die  kubanische. Dann ist das Imperium wieder böse, wie es immer schon war.

Da tun sich ja Abgründe auf.

Und nun frage ich: Wie will eine solche politische Kraft in einer gefährlichen und fragilen Welt helfen, ein kleines, vulnerables Land wie Deutschland durch die Stürme zu steuern, die geopolitisch und auch ökologisch noch auf uns zukommen werden, wenn es schon auf dem Ententeich der Landespolitik beim ersten raueren Lüftchen zu kentern droht? Diese Leute sind in gewisser Weise auch infantil in ihrer einseitigen Wahrnehmung der Dinge. Auf der ökologischen Seite ist das BSW ja auch mehr oder weniger blind. Muss es auch sein, weil es sich da auch wieder mit einer logischen Haltung außerhalb der eigenen Widersprüche wiederfände, und wo wäre man ohne diese?

Vielleicht dazu doch bitte eine kurze Erklärung

Heute nicht mehr. Ich muss noch etwas Konstruktives tun, einen Artikel in Ausübung meines Jobs schreiben. Also im Auftrag und im Sinne von Menschen, die jeden Tag konsequente, stetige, nimmermüde, wertvolle soziale Arbeit leisten.  

Okay, das war deutlich genug.

Man liest sich weiterhin auf diesem Blog. Und zur Belohnung fürs Dranbleiben hier noch einmal der Link: Ist das BSW regierungsfähig?

TH


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