Wie stehen die Menschen zur Steuergerechtigkeit? (Statista + Kommentar)

Briefing Wirtschaft, Economy, Steuersystem, Erbschaftsteuer, Steuerbefreiung, Rentner, Überstunden, Vermögensteuer, Steuerberater, Lohnsteuer, Steuergerechtigkeit

Liebe Lesende, wir müssen gleich etwas anmerken: Der Titel der Grafik ist irreführend. Die Erbschaftsteueränderung ist zwar nicht ganz so populär wie andere steuerpolitische Maßnahmen, findet aber über alle Parteigrenzen hinweg mehrheitlich Zustimmung. Nur die Anhänger einer Partei fallen ab. Und damit zunächst zur Grafik:

Infografik: Was denken die Deutschen über eine Erbschaftsteuererhöhung? | Statista

Der Inhaltstitel ist also, anders als jener der Grafik, richtigerweise neutral gehalten.

Begleittext von Statista

Die SPD fordert eine Reform der Erbschaftsteuer. Dabei geht es der Partei vor allem um größere Vermögen. Für kleinere Erbschaften soll der Steuerfreibetrag dagegen auf bis zu eine Million Euro steigen, schreibt die SPD-Zeitung Vorwärts. Wie die Wähler:innen dazu stehen, lässt eine infratest dimap-Erhebung aus dem September 2025 erahnen. So sind 51 Prozent der Befragten für eine Anhebung der Steuern auf hohe Erbschaften – 42 Prozent finden dagegen, dass diese steuerpolitische Maßnahme in die falsche Richtung gehen würde. Damit ist die Erschaftsteuererhöhung im Vergleich zu anderen potenziellen Steueranpassungen eher unpopulär, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt. Ein erklärter Gegner der SPD-Idee ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Und das, obwohl auch etwas mehr als die Hälfte der Unionsanhänger:innen eine Reform unterstützen würde. So richtig dagegen ist eigentlich nur die AfD.

Kommentar

Bei Civey zeichnete sich kürzlich eine deutlichere Mehrheit für die Anhebung der Erbschaftsteuer ab: Sollten sehr große Erbschaften und Vermögen stärker besteuert werden? (Civey + Infos, Analyse, Kurzkommentar) – DER WAHLBERLINER.

In den Artikel zur obigen Umfrage haben wir eine Darstellung integriert, wie es in der Realität mit den Belastungen von Großerben aussieht.

Lassen Sie sich bitte nicht von Kapitalvertretern und deren Hofjournalisten Unsinn erzählen. Unsere Informationen zur Civey-Umfrage zeigen, wie wenig insbesondere von dem immer als Argument gegen mehr Steuergerechtigkeit angeführten Betriebsvermögen tatsächlich steuerlich belastet wird.

Man kann überschlägig sagen, die Belastung tendiert gegen Null. Und das würde sich auch mit dem SPD-Reformvorschlag nicht wesentlich ändern. Lediglich könnte es sein, dass einige, die sich mit hohem Aufwand an Expertise vor jedweder Steuer drücken, also die wirklich Reichen und deren Privatvermögen, einmal etwas zu der Infrastruktur beitragen müssen, die ihnen mehr zugutekommt als allen anderen.

Sehr interessant ist die Aufschlüsselung der Meinungen nach Parteien. Derlei zeigt Civey in seinen  Umfragen nicht, daher ist die Infratest-Forschung, die Statista verbildlicht hat, auf jeden Fall von zusätzlichem Wert.

Die Umfrage zeigt einen Mix aus Steuerentlastungsmaßnahmen und Steuererhöhungen. Zwei der Punkte sind auf den ersten Blick Entlastungsmaßnahmen, die anderen beiden der Form nach Steuererhöhungen. Diese sind generell weniger populär als Entlastungen – selbst dann, wie wir gleich sehen werden, wenn die Erhöhungen viele Personen, die dagegen sind, niemals treffen werden.

Bei der Steuerfreiheit für Arbeitseinkommen der Rentner:innen gibt es eine überragende Mehrheit über alle Parteigrenzen hinweg. Natürlich: Viele könnten jetzt schon davon profitieren und werden künftig davon profitieren, wenn wir alle länger arbeiten müssen. Nicht nur bis zur Rente, sondern aufgrund der miserablen Rentenhöhe auch als Renter, sofern es noch geht. Das ist Ausbeutung, das muss man so klar sagen. Dass Menschen, die schon 45 Arbeitsjahre hinter sich haben, sich auf die Steuerfreiheit der Einkommen freuen, die sie danach werden erzielen müssen, um über die Runden zu kommen, also ab dem 46. Arbeitsjahr. Wir gehen dabei von einem „Normalarbeitsleben“ aus.

Auch die Steuerfreiheit von Überstundenzuschlägen ist äußerst beliebt. Wobei die AfD-Anhänger:innen hier an der Spitze liegen. Aber leider gilt das Gleiche wie bei den Renten: Hier wird prämiert, dass Menschen sich über die eigentliche gesetzlich festgelegte Höchstarbeitszeit hinweg schinden. Das heißt auch, dass Steuerfreiheit quasi mit möglichen Gesundheitsfolgen gegengerechnet wird, die dann wieder die Gemeinschaft der Steuerzahlenden tragen muss. Es gibt in Deutschland nicht umsonst das Verbot der progressiven Entlohnung von Akkordarbeit: Es darf nicht immer mehr gezahlt werden, je mehr jemand produziert oder je mehr Stunden er kloppt. Das ist eine notwendige Schutzmaßnahme für Arbeitende. Die Steuerbefreiung von Überstunden geht aber in die Richtung, das Akkordplus auszuhebeln, und soll die Menschen zu mehr Überstunden animieren, anstatt dass endlich die Unternehmen so viel Personal einstellen, dass Überstunden nicht notwendig sind.

Kommen wir zu den Erhöhungen von Steuern auf hohe Einkommen. FDP-Wählende wurden nicht ausgewiesen, aber alle anderen sind mehrheitlich dafür. Bis auf die AfD-Anhänger:innen. Der sofortige Schluss: Offenbar sammeln sich bei der Rechtsaußenpartei mittlerweile diejenigen mit den hohen Einkommen. Das ist aber Quatsch. Das Sozialprofil der AfD-Wähler:innen gleicht nicht dem der FDP-Wähler:innen, sondern eher jenem der CDU-Anhänger. Und die liegen in allen Punkten ziemlich genau im Bundesdurchschnitt, sind also mehrheitlich für höhere Steuern für Spitzenverdiener. Was nichts anderes bedeutet als: Die AfD-Anhänger sind am leichtesten einzufangen von den Spins der Neoliberalen, dass eine gerechte Einkommensbesteuerung Gift für die Wirtschaft sei oder so ähnlich. Das wirft auch ein schiefes Licht auf deren politische Deutungsfähigkeit insgesamt, denn diese Leute votieren klar gegen ihre Interessen. Es geht nicht nur um das übliche nach oben buckeln und nach unten treten, das diese Klientel zeigt, sondern auch um eine verschobene Wahrnehmung.

Nun zur Erbschaftsteuer. Wir können gleich weitermachen, wo wir bei der Einkommensteuer aufgehört haben. Tatsächlich sind nur 30 Prozent der AfD-Anhänger für eine höhere Erbschaftsteuer. Nur mal so: 80 Prozent von ihnen werden niemals Erbschaftsteuer zahlen müssen, wenn nicht noch mehr (ein höherer Prozentsatz). Das ist schräg und gleichermaßen typisch. Wer immer noch glaubt, AfD-Wählende sind vorwiegend aus Protestgründen bei dieser Partei, und nicht etwa wegen kontraproduktiver Ansichten, der sollte sich Gedanken machen. Gerade diejenigen, die so kritisch gegenüber diesem System sein wollen, wollen es am liebsten noch ungerechter machen. Wir müssen gerade nicht nur schmunzeln, wie häufig bei der Auswertung von Umfragen, sondern wirklich lachen. Es ist einfach grotesk.

Auch bemerkenswert: Dass unter den Grünen-Anhängern ein höherer Prozentsatz von Befürwortern der Einkommensteuerreform anzutreffen ist als bei SPD-Fans (über 80 Prozent gegenüber 63 bis 64 Prozent), sondern, dass es der höchste Anteil überhaupt ist, sogar Linke-Anhänger:innen stehen nur bei etwa 68 Prozent Befürwortung. Woher kommt das bei Menschen, die bezüglich ihres Weltbilds nicht so vergurkt sein sollten wie AfD-Sympathisant:innen? Wir glauben, dass Grüne relativ gut wissen, wo die Stulle gebuttert ist, wie deren hohe Präsenzquote auf sicheren Staatsstellen zeigt, nachdem sie sich in der Jugend noch ein wenig nach links ausgetobt haben.

Aber große Vermögen häuft man im öffentlichen Dienst nicht an, und viele Grüne gehören zu den Bildungsaufsteigern der 1960er bis 1980er Jahre, sind nicht Nachkommen traditioneller, größere Anlagegüter vererbender Mittelständler. Die meisten Grünen werden nicht von einer Erbschaftsteuerreform betroffen sein, wie natürlich auch die meisten Anhänger anderer Parteien – außer vielleicht der FDP. Also sind Grüne für mehr Steuergerechtigkeit. Das ist wenigstens kohärent und sachlich nachvollziehbar, inklusive der Heraushebung der eigenen Welt oder Blase, in der man lebt.

Eine wichtige Steuer, die im Moment ausgesetzt ist, wird nicht erwähnt. Die Vermögensteuer. Die hätten wir auch gerne in der Grafik noch gesehen, denn um sie ranken sich unzählige Mythen, über die natürlich, wie bei der Erbschaftsteuer, die Neoliberal-Rechten gerne die Deutungshoheit gewinnen würden. Die Vermögensteuer wurde 1997 ausgesetzt, weil nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts die Erfassung von Immobilien nicht gerecht geregelt war. Seitdem nutzt eine dem Kapital gegenüber äußerst willfährige Politik den Status quo, anstatt eine Neuregelung auf den Weg zu bringen. Wenn man so will, ist die Erbschaftsteuer-Diskussion eine Folge der Vermögensteuer-Misere: Würde man das Vermögen der Lebenden gerecht besteuern, gäbe es nicht so viel Anpassungsbedarf im Erbfall.

Was wir auch immer lustig finden, gerade, wenn die Mittelschicht, die auch von der Vermögensteuer meist nicht betroffen ist, Videos postet, die in etwa darauf hinauslaufen: Wie oft wurde alles schon versteuert, was Vermögen ist? Und dann auch noch das Vermögen selbst? So ein böser Staat!

Das ist Unsinn, wenn man bedenkt, wie viele Privilegien und Absetzungsmöglichkeiten Reiche haben. Das ist offenbar einer breiten Mittelschicht nicht so geläufig. Wir haben es aber mal – mit einer ziemlich heftigen Resonanz seitens möglicherweise wirklich Betroffener – für die Eigentümer fremdgenutzter Immobilien dargestellt: Diese Anlageklasse kann sich sogar lohnen, wenn das eigentliche Geschäft gar keine Rendite einbringt. Das ist nur ein Teilaspekt des deutschen Steuerdschungels, der mit voller Absicht so unübersichtlich gemacht wurde, dass die meisten Menschen nicht durchblicken. Wohl aber tun dies jene Spezialisten, die sich die Reichen leisten können und die alle Steuervorteile ausschöpfen und dabei auch manches nicht so legale Steuerschlupfloch zu finden wissen. Diese Schieflage sollte man im Kopf haben, wenn man über Steuergerechtigkeit redet.

Für angestellte Arbeitende haben wir aber auch einen kleinen Tipp: Gehen Sie zur Lohnsteuerhilfe, machen Sie Ihren Steuerkram nicht selbst, wenn Sie nicht fachlich ausgebildet sind, auch wenn Sie technisch und kognitiv in der Lage sind, alle Formulare selbst auszufüllen. Sie werden sehen, es gibt auch für Sie ein paar Euro zurück, mit denen Sie vielleicht nicht gerechnet haben. Freuen Sie sich darüber. Und propagieren Sie bitte nicht die luschige Einstellung der Superreichen zu Gemeinschaftsaufgaben, also von Menschen, die ganz andere Lebenswelten, Weltbilder und vor allem Interessen und Möglichkeiten haben als Sie selbst.

TH


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