Wie viele Menschen sperrt die ICE ein? (Statista + Zusatzinfos)

Briefing Geopolitik, USA, ICE, Nicole Good, ungesetzliches Handeln, Tötungsdelikt 

Nach dem Tod von Nicole Good durch einen Angestellten der ICE ( Immigration and Customs Enforcement) in Minneapolis wurde die ICE auch bei uns ein Begriff. Im Ausgangsartikel (siehe unten) haben wir anhand einer Umfrage die Einstellung der Amerikaner zur ICE beleuchtet – und uns in den Zusatzinformationen mit dem Fall Good befasst, der im Dickicht der Deutungshoheit über den Tathergang feststeckt. 

Heute geht es um harte Fakten. Wie viele Menschen werden von der ICE eingesperrt? Auch dazu hat Statista eine Grafik erstellt, die wir zeigen:

Wie viele Menschen sperrt die ICE ein?

 

Die neue Statista‑Grafik zur Zahl der Menschen in ICE‑Gewahrsam zeigt eine dramatische Verschärfung der US‑Einwanderungspolitik unter Präsident Donald Trump. Ende 2025 befanden sich rund 70.000 Menschen in ICE‑Haft – ein historischer Höchststand und ein Zuwachs von fast 74 Prozent. Diese Entwicklung steht in einem deutlichen Missverhältnis zur allgemeinen US‑Gefängnispopulation von rund 1,25 Millionen Menschen USAFacts und zu den etwa 300.000 Abschiebungen, die ICE im ersten Jahr der Trump‑Regierung voraussichtlich durchgeführt hat CBS News.

Die ICE‑Haftzahlen im Kontext: Ein System auf Expansion. Ein Blick auf die Gesamtzahlen pro Jahr.

 


Geschätzte Gesamtzahl der Menschen in ICE‑Haft pro Jahr (2017–2025)

Jahr Geschätzte Gesamtzahl der Menschen in ICE‑Haft (jährlich) Politischer Kontext
2017 ca. 323.000 Trumps erstes Amtsjahr, starke Ausweitung der Innenraum‑Razzien
2018 ca. 396.000 Weitere Eskalation, „Zero Tolerance“-Politik
2019 ca. 511.000 (offizielle ICE‑Zahl) Höchststand der Trump‑Ära vor der Pandemie
2020 ca. 200.000–250.000 Pandemie senkt die Zahlen deutlich
2021 ca. 110.000–140.000 Biden reduziert Innenraum‑Festnahmen
2022 ca. 150.000–180.000 Langsame Normalisierung
2023 ca. 170.000–200.000 Weiterhin moderat, Fokus auf Grenzübertritte
2024 ca. 180.000–220.000 Letztes Biden‑Jahr, stabile mittlere Zahlen
2025 ca. 400.000–500.000 Trump zurück im Amt, massive Ausweitung der Haftkapazitäten

Hinweise zur Interpretation

  • Die Zahlen sind Jahresdurchlaufzahlen, also wie viele Menschen insgesamt im Laufe eines Jahres in ICE‑Gewahrsam geraten.
  • Sie sind mehrfach höher als die gleichzeitige Belegung (z. B. 70.000 Ende 2025), weil die durchschnittliche Haftdauer nur 30–40 Tage beträgt.
  • 2019 ist die einzige Zahl, die ICE selbst vollständig veröffentlicht hat – sie dient als Referenz für ein „typisches“ Trump‑Jahr. 

Unterschied zur Statista-Grafik:

Diese zeigt nur die Zahl der gleichzeitig von der ICE Inhaftierten, nicht die „Jahresdurchlaufzahl“ in diesem System.

Aber auch die Statista‑Grafik dokumentiert eine Entwicklung, die sich bereits seit Trumps Rückkehr ins Amt abzeichnete: Die US‑Einwanderungsbehörde ICE expandiert ihre Haftkapazitäten massiv. Ende 2025 saßen rund 70.000 Menschen in ICE‑Einrichtungen – ein Wert, der selbst frühere Rekordjahre übertrifft. Die Zunahme um fast 74 Prozent innerhalb eines Jahres ist kein statistischer Ausreißer, sondern das direkte Resultat einer politischen Strategie, die auf Abschreckung, Härte und Sichtbarkeit setzt.

Während die USA insgesamt weiterhin eines der Länder mit den weltweit höchsten Inhaftierungsraten sind – rund 1,25 Millionen Menschen befanden sich Ende 2023 in staatlichen oder bundesstaatlichen Gefängnissen USAFacts –, wächst der Anteil derjenigen, die nicht wegen Straftaten, sondern wegen Verstößen gegen das Einwanderungsrecht festgehalten werden. Eine weitere Quelle schätzt die Gesamtzahl aller Inhaftierten in den USA, inklusive lokaler Gefängnisse, sogar auf über 1,9 Millionen Menschen im Jahr 2025 The Global Statistics.

Damit entfällt inzwischen ein signifikanter Teil des US‑Haftsystems auf Menschen, die nie eines Verbrechens beschuldigt wurden.

Wer sitzt in ICE‑Haft – und warum?

Wie der Guardian berichtet, ist die große Mehrheit der Inhaftierten nicht kriminell in Erscheinung getreten. Ihr einziges „Vergehen“ besteht darin, dass sie aus Sicht der Behörde als „illegal aliens“ gelten. Diese Entkriminalisierung im juristischen Sinne – aber gleichzeitige Kriminalisierung im politischen Diskurs – ist ein Kernmechanismus der aktuellen US‑Einwanderungspolitik.

Interessant ist dabei, dass laut einer YouGov‑Umfrage viele US‑Bürger:innen glauben, ICE inhaftiere regelmäßig auch US‑Staatsbürger:innen. Diese Wahrnehmung zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber der Behörde inzwischen reicht – und wie undurchsichtig ihre Praktiken für die Öffentlichkeit geworden sind.

Abschiebungen im ersten Jahr der Trump‑Regierung

Die Haftzahlen stehen in engem Zusammenhang mit der Zahl der Abschiebungen. Laut internen Regierungszahlen, die CBS News veröffentlichte, führte ICE in den ersten sechs Monaten von Trumps Amtszeit rund 150.000 Abschiebungen durch. Die Behörde war damit auf Kurs, über 300.000 Abschiebungen im ersten Jahr zu erreichen CBS News.

Damit übertrifft Trump zwar nicht die absoluten Rekordwerte der Obama‑Jahre, setzt aber auf eine deutlich aggressivere Strategie der Innenraum‑Razzien – also Festnahmen von Menschen, die bereits lange in den USA leben, arbeiten und Familien haben. Diese Praxis führt zu besonders hohen Haftzahlen, weil viele dieser Menschen zunächst in ICE‑Gewahrsam landen, bevor über ihren Fall entschieden wird.

Todesfälle in ICE‑Einrichtungen: Ein alarmierender Trend

Parallel zur steigenden Zahl der Inhaftierten verzeichnet Statista auch einen deutlichen Anstieg der Todesfälle in ICE‑Hafteinrichtungen. Diese Entwicklung ist besonders brisant, weil ICE‑Gefängnisse seit Jahren wegen schlechter medizinischer Versorgung, mangelhafter Aufsicht und struktureller Überlastung kritisiert werden.

Die Kombination aus:

  • überfüllten Einrichtungen,
  • beschleunigten Abschiebeverfahren,
  • fehlender medizinischer Infrastruktur
  • und politischem Druck, möglichst viele Menschen festzuhalten

führt zu Bedingungen, die Menschenleben gefährden.

Einordnung im Lichte unseres Ausgangsartikels

In unserem ursprünglichen Artikel vom 13. Januar 2026 haben wir bereits darauf hingewiesen, dass die Wahrnehmung der ICE in der US‑Bevölkerung stark polarisiert ist. Viele Amerikaner:innen sehen die Behörde als notwendiges Instrument zur Grenzsicherung, während andere sie als Symbol staatlicher Übergriffigkeit betrachten.

Die neuen Zahlen verstärken diese Debatte:

  • Die Haftzahlen steigen schneller als je zuvor.
  • Die Todesfälle nehmen zu.
  • Die Abschiebungen erreichen historische Dimensionen.
  • Die Mehrheit der Inhaftierten ist nicht kriminell.

Diese Fakten widersprechen dem politischen Narrativ, ICE richte sich primär gegen „gefährliche Kriminelle“. Stattdessen zeigt sich ein System, das vor allem Menschen trifft, die in den USA leben, arbeiten und Familien haben – oft seit vielen Jahren.

Politische Bedeutung: Härte als Botschaft

Die massive Ausweitung der ICE‑Haft ist nicht nur Verwaltungspraxis, sondern politische Kommunikation. Trumps Regierung setzt auf sichtbare Härte, um Stärke zu demonstrieren – sowohl gegenüber der eigenen Wählerschaft als auch gegenüber Migrant:innen weltweit.

Die Botschaft lautet: Wer ohne Papiere in den USA lebt, lebt in permanenter Gefahr.

Diese Strategie hat weitreichende Folgen:

  • Familien werden auseinandergerissen.
  • Gemeinden verlieren Mitglieder, Arbeitskräfte und Steuerzahler:innen.
  • Migrantische Communities leben in Angst vor Razzien.
  • Das Vertrauen in staatliche Institutionen sinkt.

Fazit: Ein System am Limit – und eine Gesellschaft im Konflikt

Die Statista‑Grafik macht sichtbar, was sich seit Monaten abzeichnet: Die US‑Einwanderungspolitik unter Präsident Trump hat ein Ausmaß an Repression erreicht, das selbst für amerikanische Verhältnisse außergewöhnlich ist. Die Haftzahlen steigen, die Todesfälle nehmen zu, und die Abschiebungen erreichen historische Höhen.

Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität: Viele US‑Bürger:innen glauben, ICE handle gezielt gegen Kriminelle – doch die Daten zeigen das Gegenteil.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob diese Politik weiter eskaliert oder ob gesellschaftlicher und juristischer Widerstand Grenzen setzt. 

Kommentar

Auch während Joe Bidens letztem Amtsjahr gab es (sichtbar primär anhand der Zahlen Jahresbeginn 2024 gegenüber 2023) höhere Inhaftierungsraten, aber die Steigerung war unwesentlich gegenüber dem, was 2025 ablief. Mit den Todesfällen in den ICE-Haftanstalten befassen wir uns in einem weiteren Update – diese Grafik zeigt nämlich etwas Alarmierendes noch deutlicher als die Inhaftierungsgrafik, weil sie längerfristig angelegt ist (Start 2004). Wir fügen auch dieses Mal hinzu, dass das amerikanische System, abgesehen davon, dass es menschenfeindlich ist, sich nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt. Die Abschiebungspraxis ist hierzulande kostenintensiv; das wird mit Sicherheit auch ein politisches Thema werden, sollten die Abschiebungen auch hierzulande signifikant ansteigen. 

Was die Eindrücke der Amerikaner:innen über das Wirken der ICE angeht: Denkt tatsächlich die Mehrzahl der US-Bürger:innen, es handele sich bei den Inhaftierten um Kriminelle? Aufgrund der Grafik im Ausgangsartikel (s. u.) sind wir bezüglich dieser Aussage vorsichtig. Denn  eine Mehrheit  der Befragten sieht, wie diese Grafik belegt, gemäß einer Meinungsumfrage der Angemessenheit des ICE-Handelns skeptisch gegenüber. 

Ein weiterer Vergleich, der die Dimensionen des Inhaftierungsgeschehens in den USA beleuchtet: In Deutschland sitzen insgesamt 50.600 Menschen in Haft oder in der Sicherungsverwahrung. Das sind weniger, als allein die ICE in den USA festsetzt. Nun ist  zwar die US-Bevölkerung viermal größer als die deutsche, aber die fast 2 Millionen Menschen (oder 1,3 Millionen, je nach Quelle) sind mindestens das 25-fache, oder pro Einwohner das Fünffache. 
Die Wahscheinlichkeit, einmal im Leben in einem Gefängnis zu landen, ist in den USA auch nach anderen Quellen fünfmal höher als in Deutschland – wobei nur Gefängnisse des Bundes und der Bundesstaaten, keine lokalen Haftanstalten berücksichtigt sind. Würde man sie hinzurechnen, wäre die Quote noch einmal wesentlich höher. 

Nun mag der eine oder andere sagen, bei uns laufen auch zu viele Kriminelle frei herum. Selbst, wenn das stimmt: Wenn man absolut alle, die tatbestandlich Delikte begehen, inhaftieren würde, kämen bei Weitem nicht die US-Zahlen heraus, das hat auch mit der Sanktionierung von Straftaten zu tun, nicht nur mit der Häufigkeit der Begehung. Das passt zu weiteren Daten wie der gegenwärtig etwa 4-mal höheren Tötungsdelikte-Rate in den USA im Vergleich zu Deutschland: Die Gesellschaft dort ist gewalttätig und noch einmal erheblich ungleicher und ungerechter als die hiesige, das Repressionssystem erheblich weiter ausgebaut.

Ausarbeitung / Recherche: KI, Kurzkommentar: TH

13.01.2026

Vor dem 7. Januar 2026 hatten sich hierzulande viele Menschen sicherlich nicht mit der amerikanischen ICE befasst. Seit der Erschießung einer Einwohnerin von Minneapolis, Nicole Good, ist das anders geworden. Statista hat seine US-Aktivitäten in Form einer Grafik mobilisiert und zeigt, was die Amerikaner über die ICE denken. 

Handelt die ICE ungesetzlich?

Begleittext von Statista

Renee Nicole Good wurde am 7. Januar vom ICE-Beamten Jonathan Ross in Minneapolis erschossen. Der Vorfall hat landesweit für Entsetzen gesorgt. In der Stadt demonstrierten in der Folge zehntausende Menschen. Auch in der öffentlichen Meinung steht die US-Einwanderungsbehörde schlecht da. Einer YouGov-Umfrage zufolge ist die Mehrheit der US-Bürger:innen der Ansicht, dass ICE-Agent:innen regelmäßig ungesetzlich handeln. So zeigen sich 60 Prozent der Befragten überzeugt, dass diese manchmal (18 Prozent) oder oft (42 Prozent) unnötige körperliche Gewalt gegen US-Amerikaner:innen einsetzt, die keine Einwanderungs– oder Zollverstöße begangen haben. Ähnlich viele Umfrageteilnehmer:innen glauben, dass die Behörde Unschuldige einsperrt.

Zusatzinfos / Kommentar

ICE steht für Immigration and Customs Enforcement. Da es sich um eine Behörde handelt, heißt es gemäß der Analogieregel im Deutschen „die ICE“. Wir gehen in einem nüchternen Ton mit dem Fall um und stellen strukturiert dar, wie der Stand der Dinge ist: 


Paraphrasierte Transkription der Infografik (B)

Die Infografik fasst eine YouGov‑Umfrage zusammen: 60 % der Befragten geben an, ICE wende manchmal (18 %) oder oft (42 %) unnötige körperliche Gewalt an; ein ähnlicher Anteil glaubt, ICE inhaftiere unschuldige Personen. Statista nennt den tödlichen Schuss auf Renee Nicole Good (7. Jan.) als aktuellen Auslöser für die Debatte und verweist auf landesweite Proteste; Methodik‑Details sind in der Grafik nicht vollständig aufgeführt (Statista USA TODAY).


Was die Videoanalysen zeigen (Ablauf)

Mehrere Medien haben Frame‑für‑Frame‑Analysen veröffentlicht: USA Today und ABC rekonstruieren den Ablauf anhand von Bodycam‑, Agenten‑ und Zuschauer‑Videos; die Sequenz zeigt eine kurze, hektische Konfrontation, dann mehrere Schüsse innerhalb weniger hundert Millisekunden, gefolgt vom Zusammenstoß des Fahrzeugs mit parkenden Autos USA TODAY ABC News. Ein vom schießenden Agenten veröffentlichtes Handyvideo liefert zusätzliche Perspektiven auf Blickwinkel und Distanz CBC CBS News.


Widersprüchliche Darstellungen und Faktenlage

  • Bundesbehörde (ICE/DHS): Behauptet, der Agent habe in Notwehr gehandelt, weil das Fahrzeug als Waffe eingesetzt worden sei CBS News.
  • Stadt/State‑Offizielle & Augenzeug:innen: Sehen Good als unbewaffneten Beobachter, der sich entfernte; sie bezweifeln die Notwehr‑Darstellung ABC News USA TODAY.
  • Unabhängige Video‑Analysen: Zeigen, dass die Entscheidung des Agenten in einem Zeitfenster von unter einer Sekunde fiel; Experten betonen, dass kleine Blickwinkel‑ und Zeitunterschiede die Bewertung stark beeinflussen USA TODAY CBC.

Rechtlicher und polizeilicher Rahmen

ICE‑Richtlinien zur Einsatz‑Gewalt erlauben tödliche Gewalt bei unmittelbarer Lebensgefahr, enthalten aber mehr Ermessensspielraum als einige andere Bundesbehörden; Experten weisen darauf hin, dass Fahrzeuge oft als potenzielle Waffen gelten, gleichzeitig aber die Praxis, auf fahrende Fahrzeuge zu schießen, zunehmend kritisch bewertet wird ABC News govfacts.org.


Bewertung & Risiken (Einschätzung)

Kurz: Auf Basis der Videos ist die Lage nicht eindeutig; die schnelle Schussfolge und die Nähe sprechen gegen eine ruhige, abgewogene Eskalationsvermeidung, Expert:innen sehen große Zweifel an der Verhältnismäßigkeit des Einsatzes. Politische Vorverurteilungen (DHS vs. Stadt) erschweren unabhängige Ermittlungen; strafrechtliche Anklagen gegen den Agenten gelten laut Berichten als weniger wahrscheinlich, bleiben aber möglich, falls neue Beweise auftauchen Star Tribune Yahoo.


Vergleichstabelle (Sichtweisen)

Kriterium ICE/DHS Stadt/Zeugen Unabhängige Expert:innen Öffentliche Wahrnehmung
Tathergang Fahrzeug als Bedrohung Frau fuhr weg; keine Bedrohung Sequenz sehr kurz; Interpretation schwierig Misstrauen gegenüber ICE hoch
Rechtfertigung Notwehr Unverhältnismäßig Prüfung nötig; Zweifel an Verhältnismäßigkeit Mehrheit skeptisch gegenüber ICE

Sources: Statista USA TODAY ABC News CBC CBS News ygo-assets-websites-editorial-emea.yougov.net ABC News govfacts.org Star Tribune.

Kommentar mit einem Blick auf die Lage bei uns

Eine Freundin, die wir für eine sehr nüchterne Beobachterin halten, hat sich die erhältlichen Videos zum Fall Nicole Good angeschaut und meint, eine Notwehrlage sei daraus nicht herleitbar und die Art, wie die US-Regierung ein Untersuchungsergebnis vorwegnimmt, sei unglaublich. Wir haben die Good-Videos nicht analysiert; uns hat gereicht, was in hiesigen Medien zu lesen war, aber es war natürlich eine günstige Fügung, dass jemand, dessen Wahrnehmungsfähigkeit wir vertrauen, es getan hat. Manchmal will man bestimmte Dinge glauben, weil man eine bestimmte Meinung hat, und unsere Meinung über die Trump-Regierung ist ziemlich klar. Wir müssen uns aber vermutlich nicht verrenken, wenn nicht noch entscheidende neue Beweise gegen Nicole Good auftauchen. Außerdem ist es nicht so, dass es in Deutschland keine fragwürdige oder ungesetzliche Staatsgewalt gibt. Auch bei uns werden immer häufiger Menschen von der Polizei erschossen und nicht immer handelt sie dabei eindeutig rechtmäßig. 

Die Dimensionen aber, die das ganze Kesseltreiben in den USA angenommen hat, sind erschreckend, und es wird schlimmer. Wer nun glaubt, Recht oder Unrecht ist sowieso egal, solange Menschen deportiert werden können und die Migration gestoppt wird, der versteht nicht, wie solche Handhabungen auf alle Bereiche des Lebens übergreifen und auch diejenigen betreffen können, die glauben, sie seien nicht gemeint. Und wer meint, diese amerikanische Politik ließe sich in Deutschland nachbilden, liegt sowieso falsch. 

Zwischen den USa und Deutschland besteht ein wichtiger Unterschied. Die USA können so viel ökonomischen und politischen Druck ausüben, dass andere Länder Menschen lieber zurücknehmen, als eine Konfrontation mit der Trump-Administration zu riskieren. Deutschland hingegen  hat keine solchen Druckmittel, Rückführungen bzw. Abschiebungen müssen mit teuren Deals erkauft werden. Hinzu kommt, dass die technische Abwicklung bereits aufwendig ist.

Wir sind auch der Meinung, dass man die Begeher schwerer Straftaten aus dem Land ausweisen darf, aber man muss wissen, dass dies eine kostspielige Angelegenheit ist. Wer schlicht rassistisch ist und Millionen, die überhaupt nichts verbrochen haben, „remigrieren“ lassen will, redet sowieso vollkommen an der Realität vorbei. Glücklicherweise, sonst würden wir viele Menschen verlieren, die sich unter widrigen Bedingungen hier einbringen. Aber man kann mit solchen Fantasien offenbar immer noch Stimmung machen, wie der anhaltende AfD-Erfolg in aktuellen Umfragen zeigt.

TH


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