15 Minuten Lesezeit - Analyse Wirtschaft Analyses Economy, Geopolitik, EU, Indien, India, Mercosur, USA, FTA, Freihandelsabkommen, Binnenmarkt nicht, Wirtschaftsblöcke, free trade agreement
Es ist schon ein wenig seltsam – das EU-Mercosur-Abkommen (unser Artikel dazu hier) war und ist ein großer Aufreger, aber fast im Verborgenen bahnt sich ein weiteres Freihandelsabkommen an, das einen größeren Umfang und eine größere Zukunftsperspektive haben dürfte.
Bereits am morgigen 27.01.2026 sollten zwischen der EU und Indien entscheidende Schritte in die Wege geleitet werden, den (nach der Zahl der Einwohner) größten und drittgrößten Wirtschaftstraum enger miteinander zu verzahnen. Wir haben dazu eine Analyse erstellen lassen, die Fragen dazu finden Sie hier. [1].
| Note |
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Dieser Artikel beinhaltet eine exklusive Gegenüberstellung von EU-Indien und EU-Mercosur nach Größenordnung, nach Bedeutung, nach Knackpunkten sowie eine Einordnung des Volumens und Darstellung der verschiedenen Wirtschaftsräume gemäß ihrer Bedeutung. |
Die EU und Indien haben die Verhandlungen über ein umfassendes Freihandelsabkommen (EU–Indien-FTA) gerade abgeschlossen; die politische Einigung steht, der formale Abschluss folgt nach juristischer „Feinwäsche“ und Ratifizierung. Parallel dazu wird das EU–Mercosur-Abkommen politisch fertiggestellt, seine Umsetzung hängt aber stärker von inner‑europäischen Konflikten und dem Europäischen Parlament ab.reuters+3
Wichtiger Hinweis, wie von Ihnen gewünscht: Weder zwischen EU und Indien noch zwischen EU und den Mercosur‑Staaten entsteht ein echter gemeinsamer Binnenmarkt im klassischen Sinn; auch innerhalb der EU und des Mercosur behalten die Nationalstaaten zentrale wirtschafts‑ und zollpolitische Kompetenzen und ticken weiterhin eigenständig, selbst wenn sie Handelsbarrieren abbauen. Die EU ist zudem nicht der weltgrößte Binnenmarkt, wie faktenarmer Journalismus gerne behauptet, sondern bezüglich der Einwohnerzahl die Nummer drei hinter dem chinesischen und dem indischen Markt, und in der Wirtschaftskraft ebenfalls nur die Nummer drei nach den USA und China.Verlauf+5
a) Zeitplan: Wann soll der Abschluss erfolgen?
- Die Verhandlungen EU–Indien sind „erfolgreich abgeschlossen“, die Texte werden derzeit juristisch überarbeitet („legal scrubbing“).hindustantimes+2
- Die offizielle Unterzeichnung soll „zu einem frühen Zeitpunkt“ erfolgen; Quellen sprechen von einem Gipfelankündigungstermin am 27. Januar 2026 in Neu‑Delhi, danach folgen einige Monate Rechtsprüfung.india-briefing+2
- Ein hoher indischer Regierungsvertreter rechnet damit, dass das Abkommen innerhalb eines Jahres in Kraft tritt, also etwa 2027, nach EU‑Ratifizierung und indischer Zustimmung.reuters+1
Für EU–Mercosur gilt:
- Das Abkommen soll in Kürze in Paraguay von den EU‑Spitzenpolitikern unterzeichnet werden, nachdem der Rat am 9. Januar die Unterzeichnung autorisiert hat.reuters+1
- Die Handelsbestimmungen könnten nach Zustimmung des Europäischen Parlaments (erwartet im Frühjahr 2026) vorläufig angewendet werden; der umfassendere Partnerschaftsvertrag braucht zusätzlich nationale und teils regionale Ratifizierungen in den Mitgliedstaaten.ga-alliance+1
- Anmerkung: Interessant, dass die Zustimmung des Europäischen Parlamentes doch zeitnah erwartet wird, wir äußern uns an dieser Stelle nicht zu den Modalitäten, wie diese Änderung zustandekommen könnte.
b) Inhalte des EU–Indien-Abkommens: Zölle, Struktur, Änderungen
Die vollständigen Zolltabellen liegen noch nicht öffentlich aus, aber aus den politisch kommunizierten Eckpunkten lässt sich die Struktur relativ klar zeichnen.swastika+9
Warenhandel und Zölle
Ausgangslage:
- EU‑Exporte nach Indien unterliegen im Schnitt einem gewogenen Zoll von über 9 %, mit extrem hohen Sätzen (teils 100–150 %) auf Autos, Wein, Spirituosen, Milchprodukte und einzelne Chemikalien.thefederal+4
- EU‑Zölle auf indische Industrieexporte (Textilien, Chemie, Maschinen etc.) liegen deutlich niedriger, da die EU viele Partner über das Meistbegünstigungs‑ und Präferenzsystem ohnehin begünstigt.reuters+2
Kern der Einigung:
- Indische Zölle auf EU‑Autos:
- Reduktion von heute bis zu rund 110 % auf 40 % für importierte Fahrzeuge aus der EU.Reuters+2
- Für teurere Fahrzeuge (über ca. 15.000 € Importpreis) sollen die Sätze schrittweise in Richtung 10 % sinken; für Elektrofahrzeuge gilt zunächst ein fünfjähriger Schutzzeitraum ohne Begünstigung.Wirtschaftszeiten+1
- Dies öffnet den Markt für Hersteller wie Volkswagen, Stellantis, Mercedes-Benz, BMW u.a., die bisher durch hohe Einführunggaben gebremst wurden.unn+2
- Wein, Spirituosen, Käse, andere agro-industrielle Produkte:
- Sehr hohe indische Zölle auf europäischen Wein und Spirituosen (teils 150 %) werden deutlich verringert, allerdings gestuft und teilweise durch Kontingente (Tarifquoten) organisiert.englisch.mathrubhumi+2
- Viele „sensible“ Agrarprodukte (insbesondere Molkereiprodukte und ein Teil des Getreide- und Zuckerbereichs) bleiben vorerst ausgenommen oder nur begrenzt liberalisiert.Wirtschaftszeiten+2
- Indische Industrieexporte:
- EU senkt oder beseitigt Zölle auf einen großen Teil der indischen Ausfuhren, insbesondere Textilien, Bekleidung, Maschinen, Pharmazeutika, Chemieprodukte und Elektronik.Hakenkreuz+3
- Für besonders sensible EU-Branchen (z.B. bestimmte Stahl- und Metallsegmente) bleiben längere Übergangsfristen oder Restzölle möglich.weforum+1
- Umfang der Zollabschaffung:
- Die EU drängte auf Zollabbau für mehr als 95 % der Warenpositionen, Indien zielte eher auf rund 90 %; das Ergebnis liegt laut Berichten leicht unter der 95-Prozent-Marke, mit einer Liste ausgenommenen Agrar- und Sensitivprodukte.Reuters+2
Dienstleistungen, Investitionen, Mobilität
- Das Abkommen umfasst weitreichende Marktzugangsregeln für Dienstleistungen (IT, Consulting, Finanzen, Telekommunikation, Ingenieur- und Umweltleistungen).Der Bundesstaat+3
- India drängt erfolgreich auf Erleichterungen bei der Entsendung und Mobilität qualifizierter Fachkräfte (IT-Spezialisten, Ingenieure, Manager) in die EU, etwa über vereinfachte Visa- und Anerkennungsregeln.Hakenkreuz+2
- Investitionsschutz und die Regeln zu geografischen Herkunftsangaben (GIs) werden in separaten Abkommen bzw. Protokollen verhandelt und sind (noch) nicht voll Teil des FTA-Kerns; hier bleiben Differenzen.weforum+2
Regulierung, Standards, Nachhaltigkeit
- Das Abkommen enthält Kapitel zu technischen Handelshemmnissen, Zoll-Kooperation, digitalen Handelsthemen und einem Nachhaltigkeitskapitel (Arbeits- und Umweltstandards), allerdings in weniger harten, justitiablen Formen als viele NGOs erhofft hatten.Nachhaltigkeit im Geschäft+3
- Ein neuralgischer Punkt ist die Interaktion mit dem CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU (CBAM); Indien befürchtet, dass dieser einen Teil der Zollabbau-Vorteile de facto wieder „auffrisst“.Reuters+1
- Die EU besteht auf Formulierungen zu ILO-Kernarbeitsnormen, Klimaschutz und Biodiversität; Indien drängt auf flexible, nicht-sanktionsbewehrte Regelungen.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
Änderungen gegenüber dem Status quo
Gegenüber der bisherigen WTO-basierten Handelsbeziehung ändern sich insbesondere:
- Deutliche Zollsenkungen auf Autos, Wein/Spirituosen und Teile der Industriegüter.Reuters+3
- Besserer Zugang für indische Dienstleistungen und Fachkräfte zum EU-Markt, über WTO-GATS-Niveau hinaus.Der Bundesstaat+2
- Institutionalisierte Dialoge zu Nachhaltigkeit, Standardsetzung, Zollabwicklung und digitalen Fragen, was bisher nur fragmentarisch vorhanden war.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
c) Handelsströme: EU–Indien vs. EU–Mercosur
Aktuelle Größenordnung EU–Indien
- Der bilaterale Warenhandel zwischen EU und Indien lag 2024/25 bei rund 120–135 Mrd. € (bzw. ca. 136,5 Mrd. US-$).DW+4
- Einschließlich Dienstleistungen summiert sich der Handel (Waren + Dienste) auf etwa 190 Mrd. US-$ im Fiskaljahr 2024/25.[thefederal]
EU–Mercosur
Exakte, einheitliche 2024-Zahlen sind fragmentarischer, aber:
- EU-Mercosur-Handel bewegt sich in einer Größenordnung von grob 80–110 Mrd. € Warenhandel jährlich (Agrar-Exporte aus Mercosur, Industrie- und Dienstleistungsexporte aus der EU).Greenpeace+2
- Der Handelsmix ist anders: Mercosur exportiert stark Agrar- und Rohstoffgüter (Rindfleisch, Soja, Zucker, Erz), während Indien und die EU vor allem Industrie- und Dienstleistungsprodukte austauschen.Greenpeace+2
Vergleich in Tabellenform
Größenordnung der bilateralen Handelsströme (Waren, jüngste Jahre, gerundete Größenordnungen)
| Beziehung | Warenhandel p.a. (ca.) | Strukturprägende Güter |
|---|---|---|
| EU–Indien | 120–135 Mrd. € Reuters+3 | Autos, Maschinen, Chemie, Pharma, Textilien Reuters+2 |
| EU–Mercosur | 80–110 Mrd. € Nachhaltigkeit im Geschäft+2 | Agrarprodukte, Fleisch, Soja, Erz vs. Industrieprodukte Nachhaltigkeit im Geschäft+1 |
Damit sind die EU–Indien-Handelsströme heute bereits größer als jene mit Mercosur und wachsen dynamischer, insbesondere im Dienstleistungsbereich.DW+3
d) „Binnenmarkt“-Größe: EU–Indien vs. Mercosur
Noch einmal Ihr Hinweis: Weder EU–Indien noch EU–Mercosur bilden einen echten Binnenmarkt; es handelt sich um Freihandelsräume mit weiterhin eigenständigen nationalen Wirtschaftspolitiken.Verlauf+2
Bevölkerungsdimension:
- EU (27) rund 450 Mio. Einwohner.DW+1
- Indien rund 1,4 Mrd. Einwohner, inzwischen größer als China.DW+1
- Mercosur (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) zusammen etwa 270–300 Mio. Einwohner.Verlauf+2
Damit gilt:
- Das potenziell durch die EU–Indien-FTA besser integrierte Marktgebiet umfasst knapp 1,85 Mrd. Menschen, während EU–Mercosur etwa 700–750 Mio. Menschen umfasst.Reuters+4
- Trotzdem bleiben dies keine Binnenmärkte im Sinne einer einheitlichen Wirtschafts- und Zollhoheit; politisch bleiben Zollpolitik, Industrie- und Agrarpolitik weitgehend national bzw. auf Unions-/Blockebene getrennt.Greenpeace+2
e) Größenordnung der Wirtschaftsblöcke (BIP, Marktgröße)
Hier einige gerundete Vergleichswerte (aktuelle Schätzungen um 2025/26):
- USA: BIP etwa 27–28 Billionen US-$, größter einzelner Wirtschaftsraum.Hakenkreuz+1
- China: BIP etwa 18–19 Billionen US-$.DW+1
- EU (27): BIP um 16–17 Billionen US-$, damit global Nummer drei.Hakenkreuz+1
- Indien: BIP etwa 4,2 Billionen US-$, aber mit sehr hoher Wachstumsdynamik; um 2030 wird Indien voraussichtlich die drittgrößte Volkswirtschaft sein.DW+1
- Mercosur (als Block): je nach Wechselkursumrechnung im Bereich 3–4 Billionen US-$, stark dominiert von Brasilien.Verlauf+2
In Bezug auf die Binnenmarkt-Logik:
- Der chinesische und der indische Markt stellen die größten (demografischen) Binnenmärkte dar, während die EU in ihrer Binnenmarkt-Form an dritter Stelle rangiert.Hakenkreuz+1
- Beim aggregierten BIP liegt die EU hinter den USA und China, ist also ebenfalls Nummer drei.DW+1
f) Mediale Präsenz: Warum weniger Aufmerksamkeit für EU–Indien als für EU–Mercosur?
Mehrere Faktoren erklären, warum das EU–Indien-Abkommen bislang medial weniger durchschlägt als das EU–Mercosur-Abkommen:
-
Symbolik „Regenwald vs. Klima“
- EU–Mercosur berührt direkt den brasilianischen Amazonas und damit ein ikonisches globales Thema: Entwaldung, Rindfleisch, Soja, Klimakrise.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
- NGOs, Umweltbewegungen und Teile der europäischen Landwirtschaft haben das Abkommen als Hebel- und Konfliktfeld entdeckt, Medien greifen diese Bilder intensiv auf.Greenpeace+1
-
Europäische Bauernproteste
- Das Mercosur-Abkommen wird in Europa stark mit der Sorge vor billigen Fleisch- und Agrarimporten verknüpft, die europäische Bauern unter Preisdruck setzen; dies mobilisiert Verbände, Demonstrationen, nationale Parlamente.Reuters+2
- EU–Indien ist agrarisch deutlich vorsichtiger; besonders strittige Agrarsegmente wurden weitgehend ausgeklammert, wodurch der unmittelbare Konflikt mit den Bauern geringer ausfällt.unn+2
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Komplexere, weniger „fotogene“ Themen bei Indien
- Streitpunkte mit Indien drehen sich viel um Zölle auf Autos und Wein, Marktzugang für IT-Dienstleistungen, Visaregeln und den CO₂-Grenzausgleich – alles technisch und weniger symbolträchtig als „Regenwaldrodung“.Europäischer Konservativer+2
- Solche Themen lassen sich schwerer in einfache mediale Narrative übersetzen, besonders im Boulevard- oder TV-Format.Europäischer Konservativer+1
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Politischer Rahmen
- Mercosur wurde immer wieder als Testfall, ob die EU ihre Klimapolitik ernst nimmt, diskutiert; entsprechend groß ist der innenpolitische Streit in Frankreich, Irland, Österreich, Belgien v.a.Reuters+2
- EU–Indien wird eher als geostrategische Diversifizierungsstrategie gegenüber China und den USA gesehen; hier gibt es breite Zustimmung zur Grundrichtung, selbst wenn viele Details kritisiert werden.Europäischer Konservativer+3
Kurz: Mercosur liefert spektakuläre Bilder und direkte Konfliktlagen mit Bauern und Klimaaktivisten, Indien eher technische Konflikte über Zollsätze, Standards und Migrationsregeln – das eine ist medientauglicher als das andere.Reuters+3
g) Ökologische und ökonomische Knackpunkte: EU–Indien vs. EU–Mercosur
EU–Indien: Knackpunkte
Ökonomisch:
- Autos und Industrie: Tiefe Zollsenkungen auf europäische Fahrzeuge stärken EU-Hersteller, können aber indische Autohersteller unter Druck setzen; Indien versucht dies durch Staffelung und Verzögerung bei Elektroautos abzufedern.Wirtschaftszeiten+2
- Dienstleistungen und Fachkräfte: EU-Branchen, die von indischen IT-Dienstleistungen und Fachkräften profitieren, begrüßen das Abkommen; andere fürchten Lohndruck oder Verlagerung höherwertiger Tätigkeiten.Der Bundesstaat+2
- Asymmetrische Gewinne: Prognosen sehen moderate, aber sektor-konzentrierte Gewinne für große europäische Konzerne (Maschinenbau, Pharma, Medizintechnik, Autozulieferer) und exportorientierte indische Branchen.Europäischer Konservativer+2
Ökologisch und regulatorisch:
- Der CO₂-Grenzausgleich (CBAM) der EU bleibt trotz FTA wirksam; Indien sieht darin ein „verstecktes Handelshindernis“ und fürchtet, dass energieintensive Exportsektoren einen Teil der Präferenzvorteile wieder verlieren.weforum+1
- Umwelt- und Arbeitsstandards werden im Nachhaltigkeitskapitel erwähnt, jedoch in eher weichen Formen, mit Schwerpunkt auf Kooperation statt harten Sanktionen.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
- Konflikte um regulative Hürden (Zertifizierung, Normen, Datenschutz, Datenlokalisierung) können dazu führen, dass zugesagte Marktzugänge praktisch schwer nutzbar bleiben.weforum+2
EU–Mercosur: Knackpunkte
Ökonomisch:
- Agrarproduktion und Konkurrenz:
- Große Sorge in der EU-Landwirtschaft, besonders in Frankreich, Irland und Österreich, vor zusätzlicher Konkurrenz durch südamerikanisches Rindfleisch, Geflügel, Zucker, Ethanol.Reuters+2
- Industrie- und Dienstleistungssektor der EU sieht Chancen in besseren Marktzugängen für Maschinen, Autos, Chemie, Pharma in Brasilien und Argentinien.Greenpeace+1
Ökologisch:
- Studien und Analysen befürchten durch das Abkommen zusätzliche Entwaldungsanreize im Amazonas und anderen Ökosystemen, vor allem über steigende Rindfleisch- und Sojaexporte.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
- Eine Greenpeace-Rechtsanalyse kommt zum Schluss, dass das Abkommen nicht mit europäischen und internationalen Klimazielen kompatibel sei und die tatsächlichen Landnutzungs-Emissionen (LULUCF) im Impact Assessment unterschätzt wurden.[greenpeace]
- Zwar gibt es ein Nachhaltigkeitskapitel, das den Abbau von Umwelt- und Arbeitsstandards zur Exportförderung verbietet und eine Zusammenarbeit beim Waldschutz vorsieht, doch fehlt vielen Beobachtern ein robustes Sanktionsregime.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
Gegenüberstellung der Knackpunkte
| Dimension | EU–Indien-Freihandelsabkommen | EU–Mercosur-FTA |
|---|---|---|
| Haupt-Konfliktfeld Ökologie | CO₂-Grenzausgleich, Industriestrom, Standards, aber wenig direkte Entwaldungsfragen Reuters+1 | Abholzung im Amazonas, Soja- und Fleischproduktion, LULUCF-Emissionen Greenpeace+1 |
| Haupt-Konfliktfeld Ökonomie | Zölle auf Autos, Wein, IT-Marktzugang, Fachkräftemobilität Reuters+2 | Agrarimporte vs. EU-Landwirtschaft, Industrieexporte der EU Reuters+2 |
| Nachhaltigkeitskapitel | Kooperation, Arbeits- und Umweltstandards, wenig harte Sanktionsmechanismen Reuters+1 | TSD-Kapitel mit Zusagen zu Waldschutz, aber Kritik wegen schwacher Durchsetzung Nachhaltigkeit im Geschäft+1 |
h) Wachstumserwartungen und BIP-Effekte
Die projizierten Effekte sind – wie bei vielen FTAs – ökonomisch relevant, aber deutlich unter dem politisch gelegentlich suggerierten „Wachstumsschub“.Europäischer Konservativer+3
EU–Indien
- Schätzungen der EU-Kommission und unabhängiger Analysen gehen von eher moderaten BIP-Zuwächsen für die EU aus – typischerweise im Bereich weniger Zehntelprozentpunkte über einen längeren Zeitraum.weforum+2
- Der Löwenanteil der Effekte entfällt auf bestimmte Sektoren (Maschinen, Autozulieferer, Pharma, Medizintechnik, IT-Dienstleistungen), nicht auf die gesamte Volkswirtschaft.Der Bundesstaat+2
- Indien erwartet deutlich stärkere Exportzuwächse: Prognosen sprechen von einer möglichen Verdoppelung der EU-Warenexporte nach Indien und kräftigen Zuwächsen im Dienstleistungsverkehr bis Anfang der 2030er Jahre; umgekehrt könnten indische Exporte in die EU ebenfalls stark wachsen.Hakenkreuz+2
EU–Mercosur
- Offizielle Bewertungen in früheren Phasen sahen ebenfalls BIP-Zuwächse im Promille- bis niedrigen Prozentbereich für beide Seiten, also eine klare, aber keine revolutionäre Verbesserung.Greenpeace+1
- Der Großteil der Gewinne entsteht durch Kostensenkungen für Unternehmen und Verbraucher (billigeres Fleisch, Soja, Rohstoffe, günstigere Maschinen), nicht durch einen makroökonomischen Boom.Nachhaltigkeit im Geschäft+1
In beiden Fällen gilt: Die Abkommen sind handelspolitisch und geopolitisch bedeutsam, die unmittelbaren Wachstumseffekte bleiben aber in einem überschaubaren Rahmen.Europäischer Konservativer+3
Anmerkung: Nun könnte man argumentieren, wenn die Wachstumseffekte überschaubar bleiben, gilt das wohl auch für die ökologischen Nachteilte. Das wäre aber zu kurz gesprungen. Es geht heutzutage eben nicht mehr nur um die Quantität des Waren- und Dienstleistungsaustauschs, sondern auch um die Qualität und Verträglichkeit, und die könnte mit Freihandelsabkommen, die Standards senken, ebenfalls sinken.
i) Blockade- und Ratifikationsrisiken: EU–Indien vs. EU–Mercosur, Rolle des Europaparlaments
Mercosur
- Das EU–Mercosur-Abkommen ist stark politisiert; mehrere Mitgliedstaaten (Frankreich, Polen, Ungarn) und Teile des Europäischen Parlaments kritisieren insbesondere die Agrar- und Umweltfolgen.Reuters+2
- Die Zustimmung des Europäischen Parlaments wird als knapp und umkämpft erwartet; scheitert sie, könnte die vorläufige Anwendung des Handelskapitels blockiert werden.GA-Allianz+1
- Selbst bei Zustimmung des Europaparlaments ist die vollständige Ratifizierung durch alle nationalen und einigen regionalen Parlamente ein jahrelanger Prozess, wie das Beispiel CETA zeigt.GA-Allianz+1
Indien
- Für das EU–Indien-Abkommen ist mit einer kritischen, aber nicht so polarisierten Debatte im Europäischen Parlament zu rechnen.Reuters+2
- Streitpunkte: Arbeitsrechte, Datenschutz, digitale Regeln, Klimakompatibilität, aber es fehlen die symbolisch aufgeladenen Themen wie großflächige Entwaldung oder massive Rindfleischimporte.Reuters+2
- Anders als bei Mercosur wirkt ein strategischer Konsens, Indien als Gegengewicht zu China zu stärken; dies dürfte die Bereitschaft zur Ratifizierung erhöhen, auch wenn Nachbesserungen und politische Zusatzerklärungen gefordert werden können.Reuters+3
Insgesamt ist eine ähnliche harte Blockade wie bei Mercosur weniger wahrscheinlich, aber nicht auszuschließen, insbesondere falls das Parlament das Nachhaltigkeitskapitel als zu schwach bewertet oder Datenschutz-/Digitalthemen eskalieren.Europäischer Konservativer+2
j) Vorläufiges Fazit der Freihandelsbemühungen – inklusive USA-Perspektive
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EU–Indien und EU–Mercosur als Antwort auf fragmentierte Globalisierung
- Beide Abkommen sind Teil einer Strategie, in einer von protektionistischen Maßnahmen, US-Zollpolitik unter Präsident Trump und zunehmender Rivalität mit China geprägten Welt eigene Märkte und Lieferketten zu sichern.Wirtschaftszeiten+3
- Die EU nutzt bilaterale Deals (Indien, Mercosur, Indonesien, Mexiko, Schweiz), um sich weniger abhängig von USA und China zu machen.Wirtschaftszeiten+2
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Rolle der USA
- Die USA verfolgen eine selektive, industriepolitisch motivierte Handelspolitik, mit Strafzöllen, gezielten Sektorabkommen und Subventionspaketen (z.B. in der Industrie- und Klimapolitik); dies zwingt die EU, eigene „Freihandels-Antworten“ zu entwickeln.Verlauf+2
- Die EU versucht, mit Indien und Mercosur alternative Beschaffungs- und Absatzmärkte zu sichern, um weniger erpressbar zu sein, wenn Washington tarifäre oder regulatorische Hebel einsetzt.Wirtschaftszeiten+2
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Spannung zwischen Handel, Klima, Sozialstandards
- EU–Mercosur zeigt, wie stark Klima- und Agrarpolitik Freihandelsabkommen politisieren können; die Nachhaltigkeitskapitel wirken bislang nicht als vollwertiger Ersatz für harte Umweltbedingungen.Greenpeace+1
- EU–Indien verschiebt den Konflikt stärker in Richtung Industrie-, Standard- und Klimapolitik (CBAM), bleibt aber mit Blick auf ökologische Wirkungen umstritten, etwa durch potenziell steigende energieintensive Produktion.weforum+2
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Begrenzte Wachstumsimpulse, hohe geopolitische Bedeutung
- Die realistischen BIP-Effekte sind begrenzt, vor allem im niedrigen Prozentbereich über viele Jahre; der größere Wert liegt in Risikostreuung, Lieferkettenstabilität und politischer Verankerung von Partnern.Europäischer Konservativer+2
- Gerade Indien ist aus EU-Sicht ein Schlüsselpartner, weil es seiner Größe wegen zu den wichtigsten Binnenmärkten der Welt gehört und mittelfristig die drittgrößte Volkswirtschaft sein wird.DW+1
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Binnenmarkt-Realität vs. Rhetorik
- Trotz der Rhetorik von „Megamärkten“ entstehen weder mit Indien noch mit Mercosur echte Binnenmärkte im Sinne einheitlicher Wirtschaftshoheit; auch die EU selbst ist politisch und wirtschaftspolitisch heterogener, als der Binnenmarktbegriff suggeriert.Verlauf+2
- Global betrachtet bleiben der chinesische und der indische Markt demografisch die größten Binnenmärkte; die EU folgt als dritter großer Markt, wirtschaftlich hinter den USA und China.Hakenkreuz+1
In Summe markieren die Abkommen mit Indien und Mercosur weniger einen neuen Freihandels-Boom als vielmehr den Versuch der EU dar, in einer fragmentierten Weltordnung ökonomisch handlungsfähig zu bleiben – eingehegt von Klimapolitik, sozialem Widerstand und dem Druck einer amerikanisch dominierten Sicherheits- und Handelsarchitektur.Wirtschaftszeiten+5
k) Kurzkommentar
Das EU-Mercosur-Abkommen ist in der Tat politisch viel aufgeladener als dasjenige der EU mit Indien. Das merken Sie auch bei uns: Bei ähnlichem Umfang der Analysen kommentieren wir zum EU-Indien-Abkommen viel weniger. Oder auch gar nicht. Der Grund ist simpel: Dass sich hier etwas Wichtiges anbahnt, hatten wir bisher genauso wenig auf dem Schirm wie die meisten politischen Beobachter, während Mercosur seine langen Schatten schon lange vorauswarf, und jetzt sind sie noch länger geworden.
Angesichts dessen, was jetzt auf Parlamentsebene geschehen ist, wird das Indien-Abkommen der EU wohl umso leichter werden, denn derlei werden sich die Parlamentarier nicht noch einmal erlauben. Auch wenn bei näherem Hinsehen die ethischen und ökologischen Probleme beim EU-Indien-Freihandelsabkommen keineswegs gering sind. Das Problem: Mit irgendwem wird die EU Handel treiben müssen, wenn es nicht darauf hinauslaufen soll, dass sie im Weltmaßstab endgültig in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Das ist alles nicht einfach, denn die USA als Partner in Sachen Fortschritt bei Umweltthemen fallen aus und in Sachen Menschenrechte und Arbeitsschutz steht die EU weltweit sowieso recht einsam an der Spitze, zusammen mit wenigen Nicht-EU-Ländern in Europa und wenigen außereuropäischen Demokratien. Das Gleiche gilt für die Bändigung der IT und KI. Indien hingegen ist ganz anders gestrickt, auch im Vergleich zu südamerikanischen Ländern. Wem will man also mit dem Abkommen einen Gefallen tun? Das ist nicht so schwer zu erraten: Das Kapital in beiden Wirtschaftsblöcken wird profitieren. Alles andere wird sich zeigen.
TH
KI-gestützte Recherche
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KI-Anfrage
a.) Wann soll der Abschluss erfolgen?
b.) Alle Punkte, alle Tarife, alle Änderungen gegenüber dem bisherigen Zustand.
c.) Größenordnung: Vergleich der Handelsströme zwischen der EU und Indien mit jenen der Mercosur-Länder.
d.) Größenordnung: Größe des „Binnenmarktes“ im Vergleich zu Mercosur.
e.) Größenordnung der Wirtschaftsblöcke Indien, EU, Mercosur, USA, China.Bitte beachten Sie: Um Binnenmärkte handelt es sich weder bei EU und Mercosur-Staaten, noch bei EU und Indien. Wirtschafts- und zollpolitisch ticken diese Länder weiterhin selbstständig, auch wenn sie Handelsbarrieren abbauen. Und die EU ist auch selbst bei Weitem nicht der weltgrößte Binnenmarkt, sondern allenfalls der drittgrößte, nach dem chinesischen und dem indischen, und bezüglich seiner Wirtschaftskraft ebenfalls nur die Nummer drei, nach den USA und China. Diese Anmerkung bitten wir in den Text zu übernehmen.
e.) Das Abkommen mit Indien erreichte medial bisher bei Weitem nicht die Aufmerksamkeit wie das EU-Mercosur-Abkommen, obwohl auch beim Abkommen mit Indien viele Standards und Nachhaltigkeitsaspekte strittig sind. Woran liegt diese geringe mediale Präsenz?
f.) Stellen Sie bitte alle Knackpunkte ökologischer und ökonomischer Art im EU-Indien-Abkommen dar und ihnen diejenigen im EU-Mercosur-Abkommen gegenüber.
g.) Stellen Sie bitte dar, wieviel mehr an Wirtschaftswachstum oder BIP sich die Partner jeweils von den beiden Handelsabkommen erwarten.
h.) Das Mercosur-Abkommen ist derzeit vom EU-Parlament blockiert worden, ist beim EU-Indien-Abkommen derlei auch zu erwarten?
i.) Ziehen Sie ein vorläufiges Fazit der Freihandelsbemühungen, auch im Hinblick auf die Wirtschaftspolitik der USA. ↩︎ zurück
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