Briefing, Wirtschaft, Economy, Arbeitswelt, Vollzeit, Teilzeit, Kapital, Arbeitende, Arbeitgeber, Lifestyle, Care-Arbeit, Betreuung, Infrastruktur, Sozialstaat, Bundesregierung, Bashing und Spaltung anstatt Zusammenhalt und neue Ideen, 1950er Jahre nicht, reaktionäre Politik, Arbeitsstunden proJahr
Das Jahr ist noch nicht sehr alt, aber in der Regierungspartei CDU haben sie mal wieder eine gesellschaftliche Gruppe gefunden, die sie bashen können: Die Lifestyle-Teilzeitarbeiter. Bevor wir in die Kommentierung einsteigen, erst die Zahlen, wie Statista sie aufbereitet hat:
Infografik: Wie viel Teilzeitarbeit gibt es in Deutschland? | Statista

Begleittext von Statista
Der Wirtschaftsflügel der CDU hat sich für ein Ende des Rechtsanspruchs auf Teilzeitarbeit ausgesprochen. Wie das Magazin Stern berichtet, soll auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar ein entsprechender Antrag mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ beschlossen werden. Wie sieht das Verhältnis von Erwerbstätigen in Vollzeit und Teilzeit in Deutschland tatsächlich aus? Wie die Statista-Grafik mit Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, wird der deutlich überwiegende Anteil der Arbeitsstunden in Deutschland immer noch in Vollzeit geleistet.
Gleichzeitig lässt sich aber auch beobachten, dass die jährlichen Arbeitsstunden von Vollzeitbeschäftigten leicht rückläufig sind, während die Teilzeit-Arbeitsstunden in höherem Maße zugenommen haben. Das zeigt die Statista-Infografik . Der Anteil von Teilzeit-Arbeitsstunden ist dabei von 28,8 Prozent im Jahr 1994 auf 33,7 Prozent im Jahr 2024 angestiegen. Es gibt also einen Trend hin zu mehr Teilzeitarbeit. Arbeiten die Deutschen deswegen insgesamt weniger? Das lässt sich aus den Daten nicht ableiten, denn die Summe aller in Voll- und Teilzeit geleisteten Arbeitsstunden ist über den genannten Zeitraum fast gleich geblieben, beziehungsweise nur leicht gestiegen (+1,2 Prozent).
Dass immer mehr Deutsche in Teilzeit arbeiten, ist ein langfristiger Trend, der auf ein Bündel aus gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren zurückgeht. Viele Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen. Dies trifft insbesondere auf Frauen zu, deren Teilzeitquote deutlich höher ist als die der Männer. Zudem haben politische und gesetzliche Rahmenbedingungen wie das Teilzeit- und Befristungsgesetz, die so genannte Brückenteilzeit und Mini-/Midijob-Reformen Teilzeitarbeit gefördert. Hinzu kommt – vor allem bei jüngeren Menschen – ein Wertewandel, der eine ausgeglichene Balance zwischen Arbeits- und Freizeit als erstrebenswert ansieht („Work-Life-Balance“). Außerdem haben Digitalisierung und mobiles Arbeiten Teilzeit und reduzierte Präsenzzeiten praktikabler gemacht.
Kommentar
Die Work-Life-Balance ist ja schon länger ein Schimpfwort der reaktionären Kräfte in Deutschland, da erscheint die Fortschreibung hin zum Lifestyle-Teilzeitarbeiter nur konsequent. In einer Weise stimmt dieser Begriff sogar: Teilzeitarbeitende verzichten auf viel Lifestyle. Und sie machen Platz für jene, die in Vollzeit arbeiten können und auch wollen.
Das deutsche Kapital und seine politischen Vertreter ist ständig auf der Suche nach Schuldigen dafür, dass es nicht mehr so rund läuft im Land. Die eigene Innovationsfeindlichkeit, miese Arbeitsplätze, üble Behandlung von Mitarbeitenden sind dabei natürlich kein Thema. Zusammen mit Merz und mit ihm als Sprachrohr will man zurück in die 1950er, vergisst dabei aber, dass damals die Menschen auch jedes Jahr einen größeren Wohlstand zu verzeichnen hatten. Das hatte natürlich eine motivierende Wirkung. Damals galt noch etwas wie ein Ausgleich zwischen den Interessen der Arbeitenden und jenen des Kapitals, denn man stand ja in Konkurrenz zum Ostblock und wollte das für alle bessere Lebensmodell anbieten.
Davon sind wir heute weit entfernt, die Menschen werden schikaniert, beschimpft, entwürdigt, während die Reichen immer schneller reich werden, und wir haben genau die Regierung, welche die passende Spaltungsrhetorik dazu liefert. Wir müssen immer wieder darüber nachdenken, wie Menschen, die selbst keine Kapitalisten sind, solche Typen wählen können und kommen zu keinem schlüssigen Ergebnis. Vielleicht merken sie aber bis zur nächsten Bundestagswahl noch, dass sie reingelegt wurden. Denn das Bashing bereitet nach unserer Ansicht die wirklichen Anschläge vor, die noch kommen werden. Die Leute werden dann schon viel zu entkräftet und gleichzeitig gegeneinander aufgehetzt sein, um zu merken, dass wir demnächst zusammen um die Renten und auch um die Gesundheit gebracht werden sollen. Von den privat Versicherten natürlich abgesehen.
Es gibt auch noch die Gruppe der Teilzeitarbeitenden, die aufgrund schlechter Infrastruktur nicht in Vollzeit gehen kann, junge Eltern, Menschen, die privat Care-Arbeit leisten. Das Kapital sollte froh sein, dass diese Menschen die Aufgaben übernehmen, die in einem funktionierenden Staat so organisiert werden, dass man nicht ständig mit Betreuungsaufgaben aller Art unterwegs ist, die eine maximale Kommerzialisierung der eigenen Person verhindern. Das Kapital hat für alle solche Aufgaben dienstbare Geister, tut sich also leicht, diejenigen zu beschimpfen, die von ihm so knapp gehalten werden, dass sie eben wichtige persönliche Arbeit nicht auslagern können.
In fortschrittlichen Ländern ist Teilzeit überhaupt kein Thema, über das man sich streitet, sondern man ist froh, dass der nur mäßige Zuwachs an Arbeitsstunden dadurch abgefedert werden kann. Denn eine Zahl bitten wir besonders zu beachten: Seit 1994 hat sich die Zahl der tatsächlich in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden kaum verändert. Das heißt, die sogenannten Arbeitgebenden haben einfach nicht mehr angeboten. Und wenn nun alle in Vollzeit arbeiten wollten, wäre das gar nicht möglich, weil es dafür an Arbeitsangeboten fehlt. Trotzdem wird mal wieder eine Gruppe an den Pranger gestellt, weil natürlich ein Teilzeitarbeitsplatz organisatorisch und relativ zu seinem Ertrag für das Kapital etwas schlechter abschneidet als ein Vollzeitarbeitsplatz. Der Aufwand in manchen Bereichen ist gleich, aber der geleistete Faktor Arbeit nicht. Wir werden heute aus – sic! – Zeitgründen keine weitere Recherche anbieten, sondern nur diesen kurzen Kommentar.
Echte Fortschritte wie eine mögliche Entbürokratisierung geraten durch ihre Art der Kommunikation zur Drohung, weil es in Wirklichkeit um den Abbau des grundgesetzlich verankerten Sozialstaats und um den Abbau von Rechten geht. Auf diese Weise kann man natürlich entbürokratisieren, es gibt einfach keine Standards mehr, die verwaltet und überprüft werden müssen.
Der Artikel wird aber in den nächsten Tagen ein Update erhalten. Darin geht es um einen Vergleich der Teilzeitarbeit in Deutschland mit anderen Ländern und wieder einmal darum, die Mythen und Falschdarstellungen der deutschen Politik zu kontern. Eine Aufgabe, die mittlerweile neben der Verfolgung des Trump-Irrsinns ein zentrales Anliegen dieses Blogs geworden ist, weil wir noch nie eine herrschende Politik hatten, die so sehr im Trüben gefischt hat wie die aktuelle Bundesregierung.
Die Grafik widerlegt übrigens auch ein weiteres Narrativ der Basher: Die Zahl der Arbeitsstunden, die Vollzeit-Arbeitende leisten, ist nicht geringer als in anderen Ländern und hat in den letzten 30 Jahren auch kaum abgenommen, aber die zunehmende Teilzeit verringert natürlich die Jahres-Arbeitsstundenzahl aller Arbeitenden. Daraus eine Bewertung zu machen, kann aber nur Menschen einfallen, die keinen ökonomischen und moralischen Kompass haben.
Wir werden den Artikel dann auch in unsere Reihe „Arbeitswelt“ integrieren.
TH
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