Auch das noch: Inflation am Valentinstag! (Statista + Kommentar)

Briefing Wirtschaft, Gesellschaft, Inflation, Valentinstag, Lebensmittelpreise, Schokolade, Schampus, Champagner, Schnittblumen, Pralinen, Gewinnmaximierung, Eigenmarken, Discounter

Auch das noch. Nun ist Valentinstag und er ist nicht mehr bezahlbar. Nicht jeden wird das stören, denn als Geschenktag ist er ja noch relativ neu und wer schon an Geburtstagen oder an Weihnachten den Konsum gebremst hat oder ihn bremsen musste, den wird die Grafik unten auf den ersten Blick nicht stören. Aber das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit.

Infografik: So viel teurer sind Valentinstagsgeschenke geworden | Statista

Begleittext von Statista

Der Valentinstag geht der Wikipedia zufolge ursprünglich auf den von den Römern hingerichteten Heiligen Valentinus zurück – wobei unklar ist, ob es ihn überhaupt oder ob sich in seiner Figur mehrere Märtyrer dieses Namens vereinen. Jedenfalls wird der 14. Februar wohl seit dem 14. Jahrhundert mit der romantischen Liebe assoziiert und seit dem 18. Jahrhundert enden als guter Anlass betrachtet, sich gegenseitig Blumen und Süßigkeiten zu schenken. Im Jahr 2026 macht der Einzelhandel mit diesem Brauch laut Schätzung des Handelsverbands Deutschland mehr als eine Milliarde Euro Umsatz. Für Konsument:innen könnte der Valentinstag dagegen dieses Jahr finanziell unerfreulich werden. So haben sich laut statistischem Bundesamt in den letzten fünf Jahren insbesondere Schokolade und Pralinen stark verteuert. Auch Blumen haben sich seit 2020 erheblich verteuert, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt. Dagegen haben die Preise für Parfum, Kosmetika und Schaumwein vergleichsweise moderat angezogen.

Kommentar

Glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht. In Deutschland wurde der Valentinstag, durch amerikanische Einflüsse nach dem Zweiten Weltkrieg und durch gezielte Werbeaktionen der Floristik, erst in den 1960ern als Geschenktag populär. Nach unterschiedlichen Quellen planen auch nur zwischen 25 und etwa 40 Prozent, ihn überhaupt zum Beschenken zu nutzen. Auch dazu gibt es eine Statista-Grafik: Valentinstag – Statistiken & Fakten | Statista.

Gemäß derselben Auswertung messen 40 Prozent der Menschen hierzulande dem Valentinstag überhaupt keine Bedeutung zu. Aber die Inflation, die oben zu sehen ist, die betrifft uns alle, an jedem einzelnen Tag im Jahr. Es mag Tage geben, an denen wir gar nichts ausgeben, aber die Fixkosten, die teure Energie zum Beispiel, das alles läuft sogar weiter, wenn wir vor lauter Angst vor mehr Monat als Geld übrig zu Hause bleiben – und heizen müssen, wie derzeit, wo der Winter einfach keine Lust hat, zu weichen.

Beinahe normal sind die Teuerungsraten bei Kosmetik und Schaumwein, wobei wir nicht verstehen, warum es am Valentinstag ausgerechnet Champagner sein muss, aber dies ist unsere persönliche Ansicht. Aber was sie zum Beispiel bei der Schokolade sehen, ist Teil eines Angriffs des Kapitals auf die Menschen, der seit Jahren läuft und während der Pandemie und dem anschließenden Ukrainekrieg neue Höhepunkte erreicht hat. Man kann jetzt fast jeden Preisauftrieb irgendwie begründen. Nun essen Sie vermutlich auch keine Schokolade, oder wenn, nur die ganz dunklen Sorten, alles der Gesundheit wegen. Dann informieren wir Sie an dieser Stelle, dass die Lebensmittel im Allgemeinen allein zwischen 2020 und 2024 um ein Drittel teurer geworden sind. Zahlen für 2026 gegenüber den Vorjahren gibt es noch nicht.

Wir gehen aber von einer Inflation in Höhe von 40 Prozent in sieben Jahren aus. Hatten Sie in den letzten sieben Jahren eine Gehaltssteigerung von 40 Prozent zu verzeichnen. Dann sind Sie ein Glückspilz, oder ein größere Veränderung wie ein Karrieresprung war die Ursache, nicht die Lohnsteigerung im selben Job.

Und bei der Schokolade dürften es derzeit auch keine 64 Prozent mehr sein, denn es ist immer noch kein Ende der Preisspirale abzusehen. Die allgemeine Lebensmittelinflation wird 2026 mit etwa 3 Prozent erwartet.

Schokolade ist, auch wenn Sie persönlich keine essen, über viele Jahre ein Produkt mit Ankerpreis gewesen, die Industrie hatte lieber mal die Rezeptur zum Billigen hin verändert, als die Preise wesentlich anzuheben. Seit Corona, seit dem Ukrainekrieg: Sie haben gemerkt, dass sie es mit uns machen können. Und so sehen dann die Preise aus, wenn niemand eingreift, wobei die frühere Qualität freilich nicht wiederhergestellt wurde.

Deutschland wäre das allerletzte Land, in dem die Politik eingreifen würde, um die Verbraucher zu schützen. In Deutschland zieht die Politik lieber über ärmere Menschen und die arbeitende Bevölkerung im Allgemeinen her, über diejenigen, die aufgrund ihres „Warenkorbs“ von den Preissteigerungen bei Alltagsprodukten besonders betroffen sind. Am unteren Ende der Einkommensskala sieht es übrigens noch schlechter aus, denn gerade die einst günstigen Lebensmittel haben besonders stark angezogen, zum Beispiel Eigenmarken der Discounter.

Die Ergebnisse dieser Art von Politik werden wir bald sehen: Die Kaufkraft für langfristige Anschaffungen sinkt, die Vermögensbildung der unteren Hälfte wird quasi unmöglich, wohingegen Milliardäre, die im Handel tätig sind, nun sicher noch schneller noch reicher werden als bisher.

Alles normal, am Tag der „romantischen Liebe?“ Für uns gibt es solche Festtage nicht mehr, weil die Stimmung einfach nicht dazu passt. Wer nicht zu den Hochprivilegierten gehört und einfach weitermacht wie bisher, trägt mit dazu bei, sich selbst immer schlechter zu stellen. Auswahl, Reduktion, wenn nötig auch Verweigerung, sind die realistischen Möglichkeiten, den Gang der Dinge zu beeinflussen.

Kollektiv tätig sein und solidarisch, besonders als Arbeitender, wäre auch eine Idee, also an der anderen Stellschraube, den Einkommen, zu drehen. Aber wir wissen ja, was kommt. Mehr arbeiten, obwohl in Deutschland immer weniger produziert wird, und länger natürlich auch. Und weniger Rente und selbst akut lebenserhaltende Gesundheitsmaßnahmen trotz Versicherung selbst zahlen müssen. Das wird alles kommen, Sie werden es sehen. Und, wenn mal gerade nichts anderes ansteht, was das Leben schwer macht, ins Lebensmittelgeschäft gehen und sich etwas gönnen wollen. Etwas ganz Kleines. Eine Tafel Schokolade zum Beispiel. Und der Frustpegel steigt sofort wieder.

Vor sieben Jahren hatten wir in unserer Schreibgruppe die Aufgabe, nach einem bestimmten Bild eine Valentinstagsgeschichte zu schreiben. Es war das letzte Jahr, in dem die Atmosphäre dazu noch vorhanden war. Die Ergebnisse waren wirklich schön, gegenseitige Geschenke, wenn man so will. Aber sie liegen weit in der Vergangenheit. Die Gegenwart ist geprägt von Sorgen um die Zukunft und dem dringenden Wunsch, den Protagonisten der aktuell herrschenden Politik etwas ganz anderes zu übergeben als Blumen. Wir werden es sein lassen, denn es bringt ja nichts. Es ist bloß schädlich für die Demokratie, und die ist kein Valentinstagsgeschenk, sondern muss jeden Tag im Kopf neu installiert werden, in diesen Zeiten, denen es so viel zum fremdschämen gibt, dass die Liebe darunter verkümmert. Vielleicht nicht ganz auf der Ebene enger Beziehungen, wohl aber der Menschheit gegenüber.

Deswegen gibt es heute kein teures Bonbon, sondern diese bittere Pille aus dem Maschinenraum der aus deutschen Kerndaten generierten Meinung – dort, wo der Antrieb inzwischen so oft auf „Stop“ steht, dass man fast vergisst, wie volle Kraft voraus sich anfühlt. Nur bei der Inflation zeigt der Hebel noch an: Vortrieb ist gewünscht.

Nichts ist endgültig, solange man lebt. Aber eines sehen wir ziemlich sicher voraus: Es wird 2027 kaum Gründe geben, einen anderen Ton zu wählen.

TH


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