Entlastungen für Autofahrende wegen hoher Ölpreise aufgrund des Iran-Krieges? (Umfrage, Recherche, Kommentar)

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Die Spritpreise steigen wieder und natürlich ist das ein großer Aufreger. Und sofort kommen Forderungen nach staatlichen Eingriffen, natürlich auch von jenen, die im Sinne der Unternehmer die freie Marktwirtschaft propagieren. Civey hat aus dem Thema eine Umfrage gemacht, auf die wir kurz eingehen möchten – damit Sie mehr wissen, als im Begleittext steht und die meisten Medien Ihnen verraten, die einen populistischen Ansatz verfolgen. Wir raten Ihnen, bevor Sie abstimmen, unsere Recherche und Kommentierung zu lesen.

Entlastung für Autofahrende wegen Ölpreis-Anstieg?

Begleittext von Civey

Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran sind die Spritpreise sprunghaft gestiegen. An manchen Tankstellen werden hierzulande für Benzin und Diesel bereits mehr als 2,19 Euro pro Liter verlangt – bei Diesel entspricht dies einem Zuwachs von bis zu 18 Cent seit vergangenem Freitag. Ursächlich für diesen Anstieg ist, dass Teheran den eigenen Schiffsverkehr in der Straße von Hormus vorerst eingestellt hat. Da rund ein Fünftel des weltweit verschifften Öls täglich diese einzige Seeverbindung zwischen dem Persischen Golf und dem offenen Meer passiert, drohen bei einer dauerhaften Blockade weitreichende Folgen für den Welthandel.

Mehrere Bundesländer fordern schnelle Entlastungen für Haushalte und Unternehmen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) brachte im „Berlin Playbook Podcast“ Tankrabatte oder das Aussetzen des europäischen Zertifikatehandels (ETS) ins Spiel. Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) nannte das Verhalten der Konzerne an den Tankstellen eine „Sauerei“. Entweder müssten ihr zufolge die Preise gesenkt oder die Pendlerpauschale erhöht werden. Parallel dazu forderte Wolfgang Wiehle (AfD) eine Spritpreisbremse sowie die Senkung der Mineralölsteuer. Auch in Österreich kündigte die Regierung an, gesetzliche Instrumente zur Preisregulierung zu nutzen, sollten die Energiekosten unkontrolliert steigen.

Die Bundesregierung plant derzeit keine Entlastung für Autofahrende. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sprach sich gegen Tankrabatte oder eine Spritpreisbremse aus. Es gebe zwar Preisausschläge, aber keinen physischen Mangel an Öl oder Gas – die Versorgung sei durch Importe aus Norwegen und den USA gesichert. Sie kündigte aber eine kartellrechtliche Prüfung der Preissprünge infolge des Iran-Kriegs an, um zu untersuchen, ob Mineralölkonzerne die Lage ausnutzten. Auch die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer lehnt staatliche Markteingriffe ab. Gegenüber Reuters gab sie zu bedenken, dass steigende Preise ein notwendiges Signal zur Verbrauchsreduktion seien. Ein erneuter Tankrabatt würde diesen Effekt untergraben und lediglich die Staatskasse belasten.

Recherche + Kommentar

1.) Es ist wieder mal Krieg. Und wieder ist ein rohstoffreiches Land betroffen. Das ist kein Zufall.

2.) Die Preise steigen durch diesen Krieg. Der Ölpreis ist immer noch strategisch besonders bedeutsam. Seit der ersten Ölkrise 1974 gab es mehrere Situationen dieser Art.

3.) Ist aber das Benzin und Diesel in Deutschland wirklich so enorm teuer geworden, dass man gleich nach dem Staat rufen muss, den man ansonsten überhaupt nicht leiden kann?

Wir klären auf. Unsere These war, dass das Benzin relativ gesehen zur allgemeinen Inflation sogar günstiger ist als – 1970, also zu dem Zeitpunkt, als die Welt noch in Ordnung war, jedenfalls nach Ansicht derer, die finden, früher war sowieso alles besser.

Interessanterweise wurden wir betreffend der Inflationsraten widerlegt – aber es steckt mehr hinter den Kosten fürs Autofahren. Rein auf die Kraftstoffpreise bezogen, nicht auf Kosten für Anschaffung, Reparaturen, Versicherung, Steuern:

Um die These zu prüfen, müssen wir den Nominalpreis (der Preis an der Anzeigetafel) vom Realpreis (bereinigt um die Inflation) trennen.

Hier ist die Analyse der Entwicklung in Deutschland seit 1970:


Die nackten Zahlen: Ein Blick auf die Jahrzehnte

In der folgenden Tabelle sehen Sie die durchschnittlichen Preise für einen Liter Benzin (Normal/Super) im Vergleich zum Verbraucherpreisindex (VPI), der die allgemeine Teuerung abbildet.

Jahr

Preis pro Liter (ca. in DM/€)

Index der Kraftstoffpreise

Allgemeiner VPI (Inflation)

1970

0,56 DM (≈ 0,29 €)

100

100

1980

1,10 DM (≈ 0,56 €)

196

162

1990

1,15 DM (≈ 0,59 €)

205

208

2000

1,00 €

345

265

2010

1,40 €

480

315

2022

1,86 €

640

395

Analyse der Daten

  1. 1970 bis 1990: In diesem Zeitraum stiegen die Spritpreise tatsächlich langsamer oder nahezu parallel zur allgemeinen Teuerung. Trotz der Ölpreiskrisen (1973 und 1979) waren die Kraftstoffe 1990 real sogar günstiger als 1980.

  2. Ab 2000: Hier kippt das Bild. Durch die Einführung der Ökosteuer und steigende Weltmarktpreise für Rohöl begannen die Spritpreise, die allgemeine Inflation deutlich zu überholen.

  3. Heute: Seit der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg liegt die Preissteigerung bei Kraftstoffen massiv über der allgemeinen Teuerungsrate.


Warum diese Ansicht dennoch einen realen Hintergrund hat

Obwohl die reinen Literpreise die Inflation überholt haben, gibt es zwei Faktoren, die wichtig sind, wenn man „Teuerung“ im Kontext der Leistbarkeit betrachtet:

1. Die Entwicklung der Reallöhne

Um zu sehen, wie teuer Benzin wirklich ist, muss man fragen: Wie lange muss ich für einen Liter arbeiten?

  • 1970: Musste ein durchschnittlicher Arbeitnehmer etwa 6 Minuten für einen Liter Benzin arbeiten.

  • Heute: Trotz der hohen Preise liegt dieser Wert (je nach Branche) oft immer noch bei etwa 5 bis 7 Minuten.
    Die Löhne sind über die Jahrzehnte stärker gestiegen als die Inflation, was den Preisanstieg an der Zapfsäule für viele Haushalte abfedert.

2. Die Effizienz der Fahrzeuge

Ein entscheidender Punkt ist der Verbrauch.

  • Ein PKW im Jahr 1970 verbrauchte im Schnitt deutlich über 10 Liter auf 100 km.

  • Moderne Fahrzeuge liegen oft bei 5 bis 6 Litern.

Das bedeutet: Die Kosten pro gefahrenem Kilometer sind über die Jahrzehnte hinweg inflationsbereinigt oft gesunken oder stabil geblieben, weil die Motoren effizienter geworden sind.


Fazit: Bestätigung oder Widerlegung?

  • Widerlegt, wenn man rein den Preis pro Liter betrachtet: Benzin ist seit den 1990ern deutlich stärker gestiegen als die Preise für Brot, Miete oder Kleidung.

  • Bestätigt, wenn man die Mobilitätskosten betrachtet: Da Autos weniger verbrauchen und die Löhne gestiegen sind, ist das „Auto-Fahren“ im Vergleich zu 1970 für den Durchschnittsbürger heute nicht signifikant teurer geworden – oft sogar günstiger.

Die aktuelle Aufregung speist sich vor allem aus der Kurzfristigkeit der Sprünge (z. B. von 2021 auf 2022), die psychologisch schwerer wiegen als ein schleichender Anstieg über 50 Jahre.

Nun mussten wir natürlich auf die aktuelle Lage eingehen, denn wir sind nicht im Jahr 2022, sondern vier Jahre weiter. Wir verraten Ihnen aber an der Stelle: Es verändert sich an der Betrachtung nicht viel, denn im langfristigen Vergleich sind 5 oder 10 Prozent Preisanstieg innerhalb einer Woche nicht so viel, wie es wirkt, wenn man plötzlich damit konfrontiert ist.

Die Grundrechnung bleibt valide, auch wenn die psychologische Belastung bei Preisen über 2,00 Euro enorm ist. Hier ist die Einordnung der aktuellen Krise in Ihre Langzeit-These:

Die aktuelle Dynamik (März 2026)

  • Der Schock: Innerhalb weniger Tage sind die Preise für Super E10 und Diesel um bis zu 10 Cent gestiegen. An vielen Tankstellen, besonders in Ballungsräumen wie Berlin, wurde die 2,00-Euro-Marke bereits geknackt.

  • Die Ursache: Es handelt sich um eine klassische „Risikoprämie“. Da ein erheblicher Teil des weltweiten Rohöls durch die Straße von Hormus transportiert wird, reagieren die Märkte sofort auf die militärische Eskalation.

  • Vergleich zu 2022: Wir sehen ein ähnliches Muster wie zu Beginn des Ukraine-Krieges. Damals stiegen die Preise kurzzeitig auf über 2,30 Euro, sanken aber nach einigen Monaten wieder deutlich ab, als sich Lieferketten anpassten.

Warum die These trotzdem „hält“

Trotz der aktuellen Spitzenwerte gibt es zwei Gründe, warum Ihre Sichtweise der „geringeren Teuerung über Jahrzehnte“ statistisch stabil bleibt:

  1. Die „Spritpreisbremse“ & Pendlerpauschale: Die Politik diskutiert bereits wieder über Entlastungen. Seit Januar 2026 wurde zudem die Entfernungspauschale auf 38 Cent ab dem ersten Kilometer erhöht, was die effektiven Kosten für viele Pendler (über die Steuererklärung) senkt.

  2. Relative Belastung: Selbst bei 2,10 Euro pro Liter ist der Anteil des Kraftstoffs am verfügbaren Haushaltseinkommen für den Durchschnittsverdiener heute geringer als während der Ölkrise 1973/74, wenn man die gestiegenen Löhne und die deutlich effizienteren Motoren (ca. 50 % weniger Verbrauch als 1970) einbezieht.

Zusammenfassung der aktuellen Lage

Faktor

1970er Jahre

Heute (März 2026)

Nominalpreis

~ 0,30 €

~ 2,05 €

Arbeitszeit für 1 Liter

ca. 6–7 Min.

ca. 5–6 Min.

Reichweite pro 10 Litern

~ 80 km

~ 160–180 km

Schlusskommentar

Natürlich ist eine Mehrheit für eine Preisdecklung, das war nicht anders zu erwarten. Immer, wenn es um die eigenen Belange geht, ist man dafür. Schade, dass das nur bei Vorgängen so ist, die sehr plakativ sind und einfach zu sein scheinen, wie bei den Spritpreisen, nicht aber bei grundsätzlichen Verteilungs-Weichenstellungen wie einem gerechteren Steuersystem. Das scheint für die meisten schon zu abstrakt zu sein, um die eigenen Interessen im Blick zu haben. Lieber fordert man also Dinge, die bei näherem Hinsehen nicht substanziell sind, wie einen sofortigen Eingriff des Staates, weil die Kraftstoffpreise derzeit anziehen.

Wir haben uns aber nicht komplett gegen einen Eingriff gestimmt, sondern „mit eher nein“. Wir wissen genauso wenig wie die Politik und wie Sie, was kommen wird. Sollte der Auftrieb bei den Kraftstoffen so stark werden und so lange anhalten, dass dadurch der wirtschaftliche Mini-Aufschwung abgewürgt wird, den die Ökonomen für 2026 erwarten, wären wir auch für eine Regulierung. Vor allem, wenn sich herausstellt, dass die Ölkonzerne hier wieder einmal Krisen-Sondergewinne einfahren. Diese müssten zugunsten der Verbraucher abgeschöpft werden. In anderen Bereichen der Alltagsprodukte, wie den Lebensmitteln, deren Teuerung in den letzten Jahren viel stärker war als die allgemeine Inflation, gibt es interessanterweise keinen Aufschrei.

Dabei ist dies besonders relevant: Wer zum Beispiel nicht viel verdient, aber aufs Auto angewiesen ist, hat schon mit den höheren Lebensmittelpreisen zu kämpfen und ihn treffen die steigenden Spritpreise natürlich mehr als einen gehobenen Mittelständler. In dem Moment wird auch sichtbar, dass viele in den letzten Jahren real an Kaufkraft verloren haben.

Insgesamt verweisen wir aber auch auf die gestiegene Pendlerpauschale und die Möglichkeit, es doch mal mit einem Deutschlandticket / dem ÖPNV zu versuchen, Fahrrad zu fahren usw. Ja, wissen wir: draußen auf dem Land, da ist alles ganz schrecklich, da muss man das teure Auto benutzen. Stimmt aber, falls „technisch“ solide argumentiert, ökonomisch auch wieder nur bei isolierter Betrachtungsweise, denn außerhalb der Ballungsräume sind viele andere Lebenshaltungskosten geringer als in den Städten. Der Preis dafür sind längere Anfahrtswege und manchmal die Notwendigkeit, dafür ein eigenes Fahrzeug einzusetzen.

Das macht die ganze Diskussion so schief, nicht nur bei diesem Thema. Es werden immer einzelne Aspekte herausgehoben, die Gesamtbetrachtung fällt dabei durch den Rost oder läuft unter dem Radar, dabei sollte sie doch genau im Fokus stehen, wenn es darum geht, gesellschaftlich-ökonomische Tatbestände zu bewerten. Damit ist nichts über die Bewertungsmaßstäbe ausgesagt, zum Beispiel über den Faktor Zeit, den man einsetzen muss, wenn man sich entschließt, irgendwo zu wohnen, wo die Anfahrtswege weit sind. Und es wird zumindest teilweise durch die Entfernungspauschale ausgeglichen.

TH / Recherche durch von KI-Anfrage


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