Knapp, aber es reicht: Cem Özdemir wird neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg +++ #Analyse +++ #Landtagswahl in Baden-Württemberg: Hohe Wahlbeteiligung von 70,5 Prozent #Hagel #Özdemir #LTWBW26 #LTWBW2026 #ltwbw

Briefing Wahlberichterstattung, Baden-Württemberg, Landtagswahl 2026, Kopf-an-Kopf-Rennen, CDU, Grüne, AfD, SPD, FDP, Die Linke, Hagel, Özdemir, Wahlrechtsänderung, Erststimme, Zweitstimme, knapper Sieg ist auch Sieg

09.03.2026 / 13:30 Uhr

Nun können wir das amtliche Endergebnis über den Artikel setzen. Das wollten wir abwarten, nachdem es noch einmal richtig knapp geworden ist, in den Hochrechnungen des späteren Abends:

  • Die Grünen: 30,2 Prozent (-2,4 Prozent im Vergleich zu 2021)
  • CDU: 29,7 (+5,6)
  • AfD: 18,8 (+9,1)
  • SPD: 5,5 (-5,5)
  • FDP: 4,4 (-6,1)
  • Linke: 4,4 (+0,8)
  • Sonstige: 7,0 (-1,5)

In der Tat hat sich der anfängliche Abstand von ca. 2 Prozent zwischen den Grünen und der CDU aus der 18-Uhr-Prognose und den ersten Hochrechnungen gegen 18:30 Uhr gestern noch auf 0,5 Prozent ermäßigt. Aber es hat für die Grünen gereicht. Cem Özdemir wird neuer Ministerpräsident werden und seinem Parteifreund Winfried Kretschmann nachfolgen. So viele Firsts: 2011 war Kretschmann der erste „Landesvater“ von den Grünen und hat den Boden für den gestrigen Erfolg bereitet. Dadurch, dass ihm ein Grüner nachfolgen wird, haben die Grünen es natürlich auch erstmals geschafft, eine Bastion trotz Personalwechsels zu erhalten. Die Schwaben und Badener waren viele Jahre lang strikt CDU-loyal, mit einem dicken gelben Pinselstrich FDP drin, jetzt sind sie wieder sehr kontinuierlich unterwegs. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage keine Panik, bei 80 Prozent derer, die ihre Stimmen abgegeben haben. Das ist schon beeindruckend, in diesen Zeiten.

Die rechte Presse schäumt und lässt „ihre Leser“ sprechen, die die Wähler in BaWü nicht verstehen. Wir hätten auch lieber ein progressiveres Ergebnis mit mehr Solidarität und echtem Fortschritt gehabt, aber sicherlich nicht das, was diese Leser meinen, nämlich einen üblen Rechtsruck wie im Osten. Das haben sich die Menschen in Baden-Württemberg noch einmal gerade so erspart, und deswegen haben sie eine gute Politik verdient, in den nächsten fünf Jahren. Eine Politik, die Vertrauen in die Demokratie stärken hilft.

Trotzdem geht auch hier die Tendenz unverkennbar nach rechts, denn die Grünen haben 2 Prozent verloren, die SPD fast 6 Prozent, während die AfD in gleichem Maße zugelegt hat. Allerdings hilft zur Einordnung auch ein Blick ins Jahr 2016: Damals war die AfD gerade erst drei Jahre alt – und erzielte bereits 15,1 Prozent. Es ist also kein Erdrutsch geworden, und dafür müssen wir dankbar sein. Im Anschluss: der gestoppte Artikel von gestern Abend und unsere Meinung.

08.03. / 22:00 Uhr

Nun haben wir den Artikel doch gestoppt, weil im Verlauf des Abends der Abstand zwischen den Grünen und der CDU nach der Wahl in Baden-Württemberg auf 0,7 Prozent geschrumpft ist, nach ursprünglich 2 bis 2,5 Prozent bei der ersten Prognose.

Die Grünen liegen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg laut ARD-Hochrechnung von Infratest dimap knapp vor der CDU. Bündnis 90/Die Grünen kommt auf 30,3 Prozent, die CDU auf 29,7 Prozent. Auf Platz drei liegt die AfD mit 18,7 Prozent. Die SPD kommt auf 5,5 Prozent. FDP und Linke erreichen jeweils 4,4 Prozent. (Quelle: ARD)

Wir werden jetzt bis zum vorläufigen amtlichen Endergebnis warten, bevor wir den letzten direkten Artikel zur Wahl veröffentlichen, denn wir wolen nicht den falschen Wahlsieger ausrufen. Ursprünglich waren dies die ersten Zeilen:

„Wir können im Grunde schon in die Analyse gehen, denn die ersten Hochrechnungen bestätigen das Ergebnis der ersten Prognosen – im Wesentlichen. Grüne und CDU sind minimal zusammengerückt (31,8 zu 29,3 = ein Minus von 0,5 Prozent Vorsprung gegenüber den ersten Prognosen in der ersten ARD-Hochrechnung, nach der zweiten Hochrechnung 31,8 zu 29,6, keine großen Veränderungen bei den übrigen Parteien im Vergleich zur unten abgebildeten Prognose.

Die 19:15-Hochrechnung zeigt nur noch einen Abstand von 1,6 Prozent (31,3 zu 29,7 Prozent, ZDF zum Vergleich: 31,6 zu 30,2 Prozent).“

Nichts wird sich hingegen an der Analyse ändern, es sei denn, die CDU zieht doch noch an den Grünen vorbei, dann müssen wir natürlich ein paar Retuschen anbringen:

Das ist ein riesiger Sieg für Cem Özdemir persönlich, denn seine Partei wird von den Menschen in Baden-Württemberg derzeit äußerst kritisch gesehen (zu viele Vorschriften: 60 Prozent, zu wenig Wirtschaft: 55 Prozent). Ihm wird also zugetraut, seine ganz eigene Politik zu machen. Woher kommt dieses Vertrauen? Weil er zum konservativen Flügel der Grünen zählt? Wir glauben, dass etwas anderes den Ausschlag gegeben hat: Dass Winfried Kretschmann, dem er vermutlich nachfolgen wird, Baden-Württemberg wie ein Mann aus dem Ländle, nicht überwiegend wie ein Grüner geführt hat, und dass ihm nicht zugerechnet wird, dass die Autoindustrie leidet.

Außerdem gibt es ja noch die Bundespolitik. Ihr wird zwar attestiert, dass sie im Sinne der Menschen in Baden-Württemberg viel zu wenig reformiert, aber eben doch eine andere Politik macht, als man es den Grünen auf Bundesebene zutrauen würde, gemäß deren Verhalten in der Ampelkoalition. Und auf Bundesebene wird im Wesentlichen entschieden, wie die Wirtschaft weiter gestärkt werden soll. Wir sagen dazu nur: Der Schuss wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nach hinten losgehen, denn bisher sehen wir keine progressiven Ansätze. Aber falls es sie weiterhin nicht gibt, könnte ja ein korrigierender Impuls von den Ministerpräsidenten der betroffenen Bundesländer kommen. Es ist bezeichnend, dass Vertreter der Bundesregierung heute Abend auf „Reformen“ verweisen, die die Wirtschaft nicht ein Jota voranbringen werden, wie die ideologisch aufgeladene und weitgehend sinnlose Abschaffung des Heizungsgesetzes (das nicht abgeschafft, sondern umgebaut wird) oder des Bürgergeldes (das im Wesentlichen nur anders heißen wird, weil es ohnehin am unteren Rand des verfassungsrechtlich Zulässigen angesiedelt ist).

Damit kann man niemanden überzeugen, der wirtschaftlich kompetent ist. Stattdessen wird der Gas-Lobbyismus zulasten erneuerbarer Energien auf die Spitze getrieben, während durch den Iran-Krieg einmal mehr bewiesen wird, wie gefährlich die Abhängigkeit von fossilen Energien ist in einer Zeit, in der die Weltpolitik immer mehr freidreht. Baden-Württemberg hat das Geld und die Power für die Konversion, anders als einige Bundesländer, die ihren industriellen Niedergang schon hinter sich haben, also soll ein grüner Ministerpräsident dafür sorgen, dass es mit der Transformation vorangeht, ist unsere Meinung dazu. Wenn er das nicht schafft, ist er nicht nur sozial auf dem Bauch gelandet, sondern auch bezüglich grüner Kernthemen. Dann wird sich die Ära Kretschmann, die 15 Jahre dauerte, nicht mit Cem Özdemir fortsetzen – der übrigens, wenn wir es richtig im Kopf haben, auf eine Weise mit einem Novum verbunden ist: Er ist, wenn er heute siegt, der erste Ministerpräsident mit Migrationshintergrund und bildet somit die Gesellschaft ab, wie sie in den letzten Jahrzehnten geworden ist, nämlich vielfältig.

Ob drei linke Spitzenkandidatinnen die Gesellschaft abbilden? Da sind wir uns nicht so sicher, auch wenn eine davon einen migrantischen Hintergrund hat. Die Parteispitze macht es mit der paritätischen Besetzung im Grunde richtig. Der Hauptgrund für ihr schlechtes Abschneiden dürfte aber wirklich gewesen sein, dass alle halbwegs Progressiven in Baden-Württemberg Cem Özdemir gewählt haben, um Rehaugen-Hagel zu verhindern. Vor allem in Städten wie Freiburg, wo die südwestliche Form von grün und woke quasi erfunden wurde. Obwohl Özdemir gar nicht so woke ist. Aber es sind harte Zeiten und man kommt nur mit harten Ansagen durch.

Für die Linke war ihr Abschneiden eine Enttäuschung, für die FDP hingegen ist das erstmalige Aus in Baden-Württemberg, ihrem „Stammland“ hingegen ein Ereignis von großem Symbolwert. Um ehrlich zu sein: Wenn dieses Land das Stammland einer Partei ist, die in der Zeit ihrer Stammwerdung vor allem aus Altnazis bestand und heute nur noch wirtschaftslibertär ist, dann ist es nicht schade um den Stammlandverlust. Wer mit seiner Einstellung gegenüber Menschen so ins Vorgestern greift wie die FDP heute, der hat keine Präsenz in einer modernen Demokratie verdient. Gerade dann nicht, wenn diese Demokratie von Rückschritt geprägt ist. Außerdem gibt es fürs rechte Denken ja noch die AfD, und die hat im Laufe des Abends in den Hochrechnungen immer mehr zugelegt. Bis sie hatte, was ihr Landeschef schon gesagt  hatte, als sie noch im 17er-Turm stand: das bisher beste Ergebnis bei einer Landtagswahl im Westen in Hessen 2023 zu knacken. Damals erreichte sie 18,4 Prozent der Stimmen. Ist die AfD nun ein gesamtdeutsches Problem? Kann man so und so sehen, angesichts von Umfragewerten bis zu 40 Prozent im Osten.

Ein Wort zur SPD. Sie hat es haarscharf verpasst, aus dem Landtag von Stuttgart zu fliegen. Ist das bitter für eine sogenannte Volkspartei. Aber wer vorher schon sagt, wer SPD wählt, kriegt CDU, hat nach unserer Ansicht nichts Besseres verdient. Dabei war die Deutschland-Koalition (CDU, SPD, FDP) gemäß Umfragen schon lange keine Option mehr. Und war es nicht die FDP, welche die SPD durch ihren Ampel-Ausstieg hat hängen lassen? Jetzt wäre die Gelegenheit, kämpferisch gegen die rechte Übermacht aufzutreten, die arme Menschen noch ärmer machen will, aber was tut die SPD? Hebt heraus, dass sie unsinnige, aber schön populistische antisoziale Maßnahmen der Union im Bund abnickt. Man möchte vor Scham im Boden versinken. Und vor allem niemals diese abgehalfterte Partei wählen. 

Wir wünschen der grün-schwarzen oder schwarz-grünen Regierung ein gutes Händchen für Baden-Württemberg. Mehr Verständnis fürs Wesentliche, als die Bundesregierung es zeigt. In unser aller Interesse muss der Industriestandort Baden-Württemberg durch kluge, nachhaltige Modernisierungspolitik verteidigt werden. Cem Özdemir hat gesagt, genau darum geht es. Wir werden ihn beim Wort nehmen, auch wenn wir genau wissen, dass die wirklich bewegenden Entscheidungen auf Bundes- und EU-Ebene getroffen werden. Er muss ein Lobbyist für die Menschen im Ländle werden, nicht für das Kapital, auch wenn dort beides enger verzahnt ist als anderswo in Deutschland. Er muss Dinge können, die sein Vorgänger Kretschmann nie musste.

Jetzt wird sich erst zeigen, ob ein Grüner wirklich ein großes, wichtiges Bundesland steuern kann, das in Schwierigkeiten steckt. Baden-Württemberg hatte 2025 eine der negativsten wirtschaftlichen Entwicklungen aller Bundesländer (BIP -0,8 Prozent). Auf noch immer hohem Niveau, aber der Wohlstand beginnt zu bröckeln. Und wenn er dort bröckelt, wird Deutschland schnell richtig ins Rutschen kommen. Gegenüber Bayern verliert das Land übrigens schon seit längerer Zeit an Boden, ist nur noch die Nummer zwei in der BRD. Diese Entwicklung hat Kretschmann nicht gewendet. Özdemir hat wirklich etwas vor der Brust, wenn sich diese Tendenz beschleunigt. Wie geschrieben: In unserem Interesse alles Gute!

18:10 Uhr

Wirtschaft ist das Thema Nummer eins und was wir wahrnehmen, haben andere Bundesländer seit Jahrzehnten erlebt: Strukturwandel als Bedrohung. In Baden-Württemberg war lange nichts anderes vorstellbar, als dass man davon profitiert. Jetzt sieht es anders aus und jetzt ist gefordert, wer wirklich Wirtschaftskompetenz für die Zukunft hat. Nun aber zu den ersten Prognosen von ARD und ZDF!

     
Prognosen 18:00 Uhr    
  ARD ZDF
Grüne 32 31,5
CDU 29 30,5
AfD 17,5 18
SPD 5,5 5,5
FDP 4,5 4,5
Linke 4,5 4,5
Sonstige 7 5,5

Dass sich jetzt ein grüner Wahlsieg abzeichnet, hätte noch vor wenigen Wochen niemand für möglich gehalten. Aber vielleicht sind nicht alle Wähler Industriearbeiter oder es dämmert einigen von ihnen, dass die Dinge sich wirklich verändern müssen. Weder die FDP noch die Linke scheinen es in den neuen Landtag zu schaffen,  und die SPD ist auf den Status einer Kleinpartei gerutscht. Wir werden weiter berichten.

16:15 Uhr

Das Duell Manuel Hagel (CDU) gegen Cem Özdemir (Grüne) ist das Herzstück dieser Wahl. Es ist das Aufeinandertreffen des 37-jährigen „jungen Wilden“ der Union gegen den 60-jährigen „Polit-Profi“ der Grünen. Hagel ist also ein junger Wilder? Wir sind diesem Attribut noch einmal nachgegangen, zuerst aber die Gegenüberstellung:

🥊 Das Duell: Youngster vs. Routinier

Kategorie

Manuel Hagel (CDU)

Cem Özdemir (Grüne)

Image

Der zupackende „Macher vom Land“. Bankfachwirt, bodenständig, betont christlich-konservative Werte.

Der „Landesvater 2.0“. Staatsmännisch, urban, gibt sich als „schwäbischer Türke“ volksnah und pragmatisch.

Kernbotschaft

„Wirtschaft zuerst.“ Er will der Industrie „Luft unter die Flügel“ geben und Bürokratie radikal abbauen.

„Wohlstand bewahren.“ Er setzt auf ökologische Innovation und will das Erbe von Winfried Kretschmann fortführen.

Wirtschaft

Fordert Sonderwirtschaftszonen mit weniger Regeln und niedrigere Strompreise durch Netzentgelte.

Setzt auf Risikokapital und grünen Wasserstoff. Sagt: „Kein Kulturkampf mehr ums Auto.“

Migration

Härtere Gangart: Koppelung von Entwicklungshilfe an Rücknahme von Geflüchteten.

Pragmatismus: „Straffällige müssen gehen, Fleißige müssen bleiben.“

Social Media

Stark auf LinkedIn, gibt sich dort als sachorientierter Landespolitiker.

Dominanz auf TikTok & Instagram (5x mehr Resonanz als Hagel), inszeniert sich mit Augenzwinkern.

🗯️ Pointierte Zitate & Giftpfeile

Die Stimmung hat sich kurz vor der Wahl massiv verschärft. Hier die schärfsten Spitzen aus dem Endspurt:

Hagel über Özdemir:

„Herr Özdemir behauptet rotzfrech, die Grünen könnten auch Auto. Das ist nicht ehrlich – er verspricht Dinge, die seine eigene Partei niemals mitgehen wird.“ (Quelle: TAZ, März 2026)

Özdemir über Hagel:

„Wer Beliebigkeit will, findet bei der Konkurrenz das bessere Angebot. Wer einen Ministerpräsidenten möchte, der sagt, was geht, ist bei mir richtig.“ (Quelle: Baden.fm, Dez 2025/März 2026)

Der „Video-Skandal“:

Kurz vor der Wahl kursierte ein altes Video von 2018, in dem sich Hagel verliebt über das Äußere einer Schülerin äußerte. Hagel nannte es im Rückblick „Mist“, während die CDU den Grünen eine „Schmutzkampagne“ vorwarf. (Quelle: Radio Köln/SWR, März 2026) 

Der Kern der Kritik: Dass in Hagels Einlassung ein sexistischer Einschlag war, anstatt, dass er auf die Sachfrage der Schülerin oder deren Kompetenz eingegangen wäre. Vor wenigen Tagen haben Hagels Nerven bei einer Sprechstunde versagt, die er in einer Klasse hatte, als er einer Lehrerin über den Mund fuhr, außerdem konnte er den Klimawandel nicht sachgerecht erklären. Nicht sehr verwunderlich, finden wir, denn das Thema ist nicht gerade die Stärke der CDU, zumal in einem Bundesland, in dem sie die große Aufgabe hätte, die Autoindustrie nicht nur einfach machen zu lassen, wie früher, sondern sie auf dem schwierigen Weg zu begleiten, trotz der aktuellen Herausforderungen wettbewerbsfähig zu bleiben. Wirtschaftskompetenz erfordert in diesen Zeiten mehr als Lobbypflege, und auf Bundesebene merkt man, wie schwer sich die Union mit den aktuellen Anforderungen tut.

📊 Die Crux der Wähler

Es gibt ein spannendes Paradoxon in den Daten von YouGov und der Forschungsgruppe Wahlen:

  • Die CDU wird als kompetenteste Partei für das Top-Thema Wirtschaft (39 %) gesehen.
  • Cem Özdemir führt jedoch massiv bei der Direktwahlfrage (47 % zu 24 % für Hagel).

Fazit: Die Wähler müssen sich entscheiden, ob sie die Partei CDU (Hagel) oder die Person Özdemir (Grüne) mehr im Staatsministerium sehen wollen. 

Hagel, der „junge Wilde?“

Da haben Sie einen absolut validen Punkt – und der Kontrast zwischen Berlin und dem tiefsten Baden-Württemberg (Hagel kommt aus Ehingen an der Donau) könnte hier kaum größer sein.

Die Bezeichnung „junger Wilder“ bezog sich primär auf seine parteiinterne Rolle und sein Alter, aber wir schärfen als Berliner Beobachter das Bild ein wenig.   

Warum „Wilder“ (interner CDU-Blick):

  • Der Putschist: Er hat mit gerade einmal 35 Jahren den erfahrenen Thomas Strobl (Schwiegersohn von Wolfgang Schäuble) als Fraktionschef und später als Landesvorsitzenden verdrängt. Das war innerhalb der eher behäbigen Südwest-CDU ein echter Machtbeben-Moment.
  • Der Angreifer: Im Landtag tritt er rhetorisch deutlich aggressiver auf als die alte Garde. Er attackiert die Grünen frontal, wo Strobl eher auf Kuschelkurs war.

Warum „Spießertyp“ (Ihre Wahrnehmung):

  • Der Habitus: Hagel ist der Inbegriff des „Musterschülers“. Er ist tief verwurzelt im Schützenverein, im Kirchenchor und im ländlichen Raum. In einem Berliner Club würde er vermutlich eher wie ein Undercover-Ermittler wirken.
  • Inhaltliche Betonsäulen: Er setzt auf klassische Themen: Innere Sicherheit, Rückendeckung für den Mittelstand, Fokus auf das Auto. Da ist wenig „wildes“ Experimentieren dabei, sondern eher eine Rückbesinnung auf die CDU der 90er Jahre – nur eben in einem jüngeren Körper.

Der „Spießer-Faktor“ als Strategie

In Baden-Württemberg ist dieses „Spießige“ (man nennt es hier eher Bodenständigkeit) eine politische Währung. Während Cem Özdemir den urbanen, hippen Lifestyle bedient, besetzt Hagel bewusst die Nische des „jungen Mannes, dem man seine Enkel anvertrauen würde“.

Pointierte Quelle: Das Magazin Cicero beschrieb ihn mal als jemanden, der „das Konservative wieder sexy machen will“, während Kritiker in der ZEIT eher von einem „politischen Wiedergänger“ sprechen, der alte Parolen in neuen Schläuchen verkauft.

Halten Sie Hagel für sexy oder eher für sexistisch? Wir müssen das von Berlin aus nicht entscheiden und wir würden unsere Wahlentscheidung auch sicher nicht danach treffen, ob ein Politiker eine gestrige Politik etwas attraktiver rüberbringen kann als die anderen in seiner Partei.

Zusammenfassend: Er ist „wild“ darin, wie er die Macht in der Partei an sich gerissen hat, aber inhaltlich ist er so solide und konservativ wie eine schwäbische Kehrwoche. 

Da in Baden-Württemberg erstmals nach dem „Modell Bund“ gewählt wird, zuzüglich der Wahlbteiligungsmöglichkeit ab 16 Jahren, haben wir hier das Wichtigste dazu für Sie zusammengefasst.

Das neue Wahlrecht in Baden-Württemberg ist heute die größte Premiere im Wahllokal. Lange Zeit war das baden-württembergische System ein Unikum in Deutschland – jetzt hat man sich dem Bundesmodell angenähert.

Hier sind die drei entscheidenden Änderungen, die heute zum ersten Mal gelten:

1. Die „Zwei-Stimmen-Revolution“

Bisher hatten Wähler in BW nur eine Stimme. Damit wählte man gleichzeitig einen Kandidaten im Wahlkreis und dessen Partei.

  • Neu: Sie haben jetzt zwei Kreuze.
  • Erststimme: Damit wählen Sie eine konkrete Person in Ihrem der 70 Wahlkreise (Direktmandat). Wer hier die meisten Stimmen hat, zieht sicher in den Landtag ein.
  • Zweitstimme: Damit wählen Sie eine Landesliste einer Partei. Diese Stimme ist die eigentlich wichtigere, denn sie entscheidet über das prozentuale Kräfteverhältnis im Landtag.

2. Einführung von Landeslisten

Früher gab es in BW keine starren Listen. Wer nicht direkt in seinem Wahlkreis gewann, konnte nur über ein kompliziertes Verfahren der „Zweit-Mandate“ einziehen (basierend darauf, wie gut man im Vergleich zu anderen Kandidaten der eigenen Partei abgeschnitten hatte).

  • Neu: Die Parteien haben nun feste Landeslisten (wie bei der Bundestagswahl). Wenn einer Partei laut Zweitstimmen 40 Sitze zustehen, sie aber nur 10 Direktmandate gewonnen hat, werden die restlichen 30 Plätze einfach von oben nach unten über die Liste besetzt. Das gibt den Parteien mehr Kontrolle darüber, welche Experten oder Spitzenkandidaten (wie Cem Özdemir oder Manuel Hagel) sicher im Parlament landen.

3. Wählen ab 16

Baden-Württemberg hat das Wahlalter gesenkt.

  • Neu: Rund 180.000 Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren dürfen heute zum ersten Mal bei einer Landtagswahl abstimmen.
  • Aber: Das gilt nur für das aktive Wahlrecht (wählen gehen). Um selbst als Abgeordneter gewählt zu werden (passives Wahlrecht), muss man weiterhin mindestens 18 Jahre alt sein.

Warum wurde das gemacht?

Das alte System führte oft zu einem „aufgeblähten“ Landtag. Da es keine Listen gab, mussten Überhangmandate sehr kompliziert ausgeglichen werden. Der aktuelle Landtag hat 154 Sitze, obwohl die Regelgröße nur 120 beträgt. Das neue System soll das Parlament (theoretisch) wieder näher an die Normalgröße bringen – auch wenn Experten warnen, dass durch das „Splitting“ (Erststimme Partei A, Zweitstimme Partei B) der Landtag trotzdem wieder groß werden könnte.

15:15 Uhr

Liebe Freund:innen der Politik, es geht wieder los und wir sind dabei. Heute, am 8. März 2026, findet die Landtagswahl in Baden-Württemberg statt. Da die Wahllokale noch bis 18:00 Uhr geöffnet sind, liegen noch keine endgültigen Zahlen vor, auch Prognosen dürfen vor 18 Uhr nicht veröffentlicht werden, aber es gibt bereits erste Zwischenstände und deutliche Tendenzen.

Aktuelle Wahlbeteiligung

Laut der Landeswahlleiterin lag die Wahlbeteiligung bis 14:00 Uhr bei 42,35 %. Das deutet auf eine hohe Wahlbeteiligung hin, 2021 lag der Wert um diese Zeit etwa 10 Prozent niedriger.

  • Wichtig: In diesem Zwischenwert sind die Briefwähler noch nicht enthalten.
  • Da etwa zwei Millionen Menschen Briefwahl beantragt haben, wird erwartet, dass die endgültige Beteiligung deutlich über diesem Wert liegen wird.
  • Zum Vergleich: Bei der Landtagswahl 2021 lag die finale Wahlbeteiligung bei 63,8 %.

Politische Tendenzen

Die Umfragen der letzten Tage deuteten auf ein sehr knappes Rennen an der Spitze hin:

Partei

Letzte Umfragewerte (ca.)

Tendenz gegenüber 2021

CDU

28 %

Deutlicher Zuwachs

Grüne

27 – 28 %

Verluste (trotz Aufholjagd)

AfD

18 – 20 %

Starke Gewinne (fast Verdopplung)

SPD

8 – 9 %

Leichte Verluste

FDP

5,5 – 6 %

Starke Verluste (Zittern um 5%-Hürde)

Linke

5,5 – 6 %

Möglicher Ersteinzug

Was ist diesmal neu?

  • Wahlalter 16: Erstmals dürfen rund 180.000 Jugendliche ab 16 Jahren mitbestimmen.
  • Zwei Stimmen: Zum ersten Mal gibt es in BW ein System mit Erst- und Zweitstimme (ähnlich wie bei der Bundestagswahl).

Wie schon bei einigen Landtagswahlen zuvor ist das Interesse der Menschen an der Abgabe ihrer Stimme erheblich gewachsen, fast alle Wahlen der letzten beiden Jahre verzeichneten höhere Beteiligungen als bei der jeweils vorausgegangenen Wahl. Hier noch einmal die aktuellen Umfragetendenzen etwas genauer:

Die aktuellsten Daten von DAWUM (Datenanalyse Wahlumfragen) zeichnen ein sehr klares Bild für die heutige Landtagswahl in Baden-Württemberg. Besonders auffällig ist der „Wahltrend“, der den gewichteten Durchschnitt der letzten Umfragen (Stand 05.03.2026) berechnet.

Aktuelle Umfragewerte (DAWUM Wahltrend)

Hier ist die Zusammenfassung der letzten verfügbaren Daten vor dem heutigen Wahltag:

Partei

Wahltrend (05.03.)

Letzte Umfrage (FG Wahlen)

Tendenz (vgl. 2021)

CDU

27,7 %

28,0 %

+3,6 %

Grüne

26,3 %

28,0 %

-6,3 %

AfD

18,7 %

18,0 %

+9,0 %

SPD

8,1 %

8,0 %

-2,9 %

FDP

5,8 %

5,5 %

-4,7 %

Linke

5,7 %

5,5 %

+2,1 %

Sonstige

7,7 %

7,0 %

Analyse der wichtigsten Entwicklungen

  1. Kopf-an-Kopf-Rennen: Während die CDU über Monate hinweg deutlich führte, konnten die Grünen laut der letzten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen am 5. März auf 28 % gleichziehen. Das Rennen um den ersten Platz ist also völlig offen.
  2. Starke AfD: Mit Werten um die 18–20 % (je nach Institut) wird die AfD voraussichtlich ihr Ergebnis von 2021 fast verdoppeln.
  3. Zittern an der 5 %-Hürde: Sowohl die FDP als auch die Linke liegen im Wahltrend nur knapp über der kritischen Schwelle. Der Einzug der Linken in den Stuttgarter Landtag wäre ein Novum.
  4. Koalitionsoptionen: Laut DAWUM-Berechnungen wäre eine Fortführung von Grün-Schwarz rechnerisch sicher möglich (ca. 60 % der Sitze). Eine Mehrheit für „Schwarz-Rot-Gelb“ (Deutschland-Koalition) oder „Ampel“ gilt nach den aktuellen Zahlen hingegen als unwahrscheinlich oder extrem knapp. 

Und hier noch einmal dieselben Werte, aber mit Vergleich zur letzten vorherigen DAWUm-Auswertung, um kurzfristige Veränderungen vor der Wahl zu zeigen:

 
Partei Prognose (%) Tendenz
CDU 27,7 % −0,3
Grüne 26,3 % +1,7
AfD 18,7 % −0,3
SPD 8,1 % −0,3
FDP 5,8 % −0,2
Linke 5,7 % −0,5
Sonstige 7,7 % −0,1

Quelle: DAWUM, Forschungsgruppe Wahlen, INSA

TH & KI-Unterstützung bei der Recherche

 


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