Nordeuropa Spitze in Sachen Gleichstellung, Deutschland kommt nicht voran: Unser Artikel zum Weltfrauentag (Statista + Recherche + Kommentar)

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Traditionell veröffentlichen wir am Frauentag einen Artikel, der sich mit dem gesellschaftlichen Thema der Gleichstellung befasst, heute anhand einer vorgestern veröffentlichten Grafik von Statista: Welche Länder sind in Sachen Gleichstellung spitze? Selbstverständlich schreiben wir dazu ein paar Anmerkungen.

Infografik: Welche Länder belegen Spitzenplätze beim Gleichstellungs-Index? | Statista

  1. Begleittext von Statista

Nordeuropa prägt seit Jahren die weltweite Spitzengruppe bei der Gleichstellung der Geschlechter. Auch 2025 stammen die führenden Länder im Global Gender Gap Index aus dieser Region: Island belegt erneut Rang eins, gefolgt von Finnland auf Platz zwei und Norwegen auf Rang drei. Die Statista-Infografik auf Basis des Global Gender Gap Report 2025 (PDF-Download) des World Economic Forum verdeutlicht damit die anhaltende Dominanz der nordischen Staaten im internationalen Vergleich.

Der Global Gender Gap Index misst Fortschritte bei Gleichstellung in den Bereichen Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und politische Teilhabe. Dass die nordischen Länder dauerhaft vorne liegen, deutet auf langfristige politische Strategien und institutionelle Rahmenbedingungen hin, die Gleichstellung systematisch fördern.

Neben den drei führenden Ländern gehört auch Schweden weiterhin zur Spitzengruppe und erreicht 2025 Rang sechs. Gleichzeitig mischen sich andere Staaten unter die Top‑Plätze: Das Vereinigte Königreich liegt auf Rang vier, Neuseeland auf Platz fünf und Moldau auf Rang sieben. Damit bleibt das Feld zwar international besetzt, die stärksten Positionen werden jedoch weiterhin von Nordeuropa gehalten.

Deutschland gehört ebenfalls zur Spitzengruppe und belegt im Global Gender Gap Index 2025 Rang neun bei einem Gesamtwert von 0,803 (1 = höchstmögliche Punktzahl). Besonders stark schneidet das Land im Bereich Bildung sowie bei der gesundheitlichen Gleichstellung ab. Deutlich größere Unterschiede bestehen jedoch weiterhin bei der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen: In der Kategorie „Economic Participation and Opportunity“ liegt Deutschland lediglich auf Rang 83 .

Der Index befasst sich nur mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden bei den Ergebnissen und nicht mit dem Gesamtniveau der Ressourcen und Möglichkeiten in einem Land. Es wird eine leichte Korrelation zwischen dem aktuellen Einkommensniveau der untersuchten Länder und den geschlechtsspezifischen Unterschieden festgestellt, wobei in reicheren Volkswirtschaften die Gleichstellung der Geschlechter etwas stärker ausgeprägt ist.

2. Recherche und Kommentar

Vielleicht hätte man noch die Länderabkürzungen erklären können, die in Deutschland nicht so geläufig sind: NIC steht für Nicaragua. Dessen gute Stellung in Sachen Gleichheit kann man auch gleich als Beispiel dafür nehmen, dass der oben referierte Index seine Macken hat.

Natürlich ist Skandinavien vorne, wie überall. Die Menschen dort würden sich eine Art der Regierung mit extremer Kapitallobby-Lastigkeit wie in Deutschland nicht gefallen lassen, die Ungleichheit privilegiert. Dadurch, dass die Politik viel unabhängiger ist, sind die Scandics auch in der Lage, in Fragen von Freiheit und Demokratie, aber auch bei der Gleichstellung, die weltweiten Standards zu setzen. Norwegen klammern wir aufgrund seines enormen Sonderreichtums durch die Öleinnahmen immer ein wenig aus, mit so viel Geld ist es leichter, soziale Ziele zu verwirklichen. Wir orientieren uns eher an Schweden und vermehrt an Finnland, das zum Beispiel auch in Sachen Transparenz der Politik weltweit führend ist und es schafft, mit viel mehr begrenzten Ressourcen, Norwegen in Sachen Gleichstellung von Platz 2 zu verdrängen.

Einsamer Spitzenreiter ist und bleibt wohl Island. Das ist sehr sympathisch, aber Kleinheit und Homogenität bringen bei gesellschaftlichen Themen natürlich auch Vorteile gegenüber ökonomisch und gesellschaftlich mehr fragmentierten größeren Staaten. Gleichwohl verstärkt diese Spitzenposition den Eindruck, dass die Skandinavier es generell besser können.

Nicaragua hingegen ist eine autoritäre Diktatur, das BIP pro Kopf liegt gerade mal um Rang 140 weltweit, sowohl nominal als auch nach Kaufkraftparität. Es gilt mittlerweile als eine der härtesten Autokratien mit hinteren Indexrängen in Sachen Demokratie, Pressefreiheit, Korruption. In Diktaturen lässt sich eine formale Gleichstellung relativ leicht umsetzen: alle sind gleichermaßen arm. Eine Frau in Deutschland, trotz der ökonomischen Ungleichheit, hat um ein Vielfaches mehr finanzielle Möglichkeiten als eine vollkommen gleichgestellte Frau in Nicaragua. Allerdings ist die Stellung Nicaraguas als einziges Land beider amerikanischer Teilkontinente kein Zufall, es gab dort eine starke Frauenbewegung, deren Erfolge nachhaltigen Einfluss auf die Gleichtstellungspolitik hatten.

In Namibia ist übrigens der heutige International Women’s Day kein gesetzlicher Feiertag, anders als in 25 anderen Ländern – aber es gibt einen eigenen, der sich mit einem Aufstand im Jahr 1959 verbindet, den 10. Dezember, der ein gesetzlicher Feiertag speziell zur Würdigung der namibischen Frauenbewegung ist.

Bei der ökonomischen Gleichstellung wurde vermutlich das „unechte Gender Pay Gap“ zugrunde gelegt, das branchenübergreifend ermittelt wird. Es liegt in Deutschland immer noch zwischen 18 und 20 Prozent, weil Frauen vermehrt in Branchen tätig sind, in denen schlechter gezahlt wird als in jenen, in denen Männer immer noch mehr dominieren. Das echte Gap hingegen liegt noch bei 5 bis 6 Prozent. Und daran muss in erster Linie gearbeitet werden, dieses abzubauen – gleiche Leistung auf gleicher Position muss gleiche Vergütung erbringen.

In Deutschland ist der Frauentag nur in zwei Bundesländern ein echter, arbeitsfreier gesetzlicher Feiertag, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Dadurch, dass er heute auf einen Sonntag fällt, haben die Frauen (und die Männer) nicht viel davon. Es gibt Länder, in denen solche Fälle durch einen freien Tag in der Woche ausgeglichen werden, darunter auch solche, bei denen man es nicht vermuten würde, wie das Vereinigte Königreich und die USA. Und das typische Kapitalisten-Narrativ, dass diese Länder ja insgesamt viel weniger Feiertage haben, trifft auch nicht zu. Die USA haben allein auf Bundesebene 11 gesetzliche Feiertage, in Deutschland sind es, je nach Bundesland, 10 bis 13. In Spanien gibt es 14 Feiertage und den Tagesausgleich.

Ein solcher Ausgleich wäre in Deutschland gerade für Frauen wichtig, die zu ihrem Broterwerb auch viel stärker in die unbezahlte Care-Arbeit eingespannt sind als Männer. Damit haben wir auch das Stichwort für einen Vergleich, der Deutschland in Sachen Gleichstellung nicht besonders gut aussehen lässt, wir haben dazu wieder eine KI-Anfrage durchgeführt:

In den letzten Jahren hat Deutschland bei der Gleichstellung eine ambivalente Entwicklung durchlaufen: Absolut gibt es messbare Fortschritte, besonders bei der politischen Teilhabe und in Führungsetagen. Relativ zu anderen Ländern bleibt Deutschland jedoch oft im Mittelfeld der EU stecken und kämpft mit strukturellen Hürden, die sich nur langsam bewegen.

Hier ist die Einordnung auf Basis aktueller Indizes (Stand 2025/2026):

A. Absolute Entwicklung: Wo es vorangeht (und wo nicht)

Deutschland hat seinen Indexwert im EU Gender Equality Index über die letzten 10 Jahre kontinuierlich gesteigert (um ca. 4,8 Punkte seit 2015).

  • Positive Treiber (Macht & Führung): Den größten Sprung gab es im Bereich „Macht“. Durch Gesetze wie das Führungspositionen-Gesetz (FüPoG II) ist der Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten signifikant gestiegen. Auch die politische Repräsentation hat sich verbessert.

  • Stagnation (Einkommen): Der Gender Pay Gap (Lohnlücke) ist eine „Dauerbaustelle“. Er sank zwar 2024 auf 16 %, stagnierte dort aber laut Daten vom Februar 2026. Frauen verdienen pro Stunde weiterhin deutlich weniger als Männer.

  • Rückschritte (Zeit): Ein wunder Punkt ist die Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit (Care-Arbeit). Hier hat sich Deutschland laut EU-Index sogar leicht verschlechtert. Frauen leisten nach wie vor den Löwenanteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung.

B. Relative Entwicklung: Deutschland im internationalen Vergleich

Obwohl Deutschland sich verbessert, ziehen andere Länder oft schneller vorbei oder halten ihren Vorsprung.

  • Global Gender Gap Report (WEF): Im Jahr 2025 schaffte es Deutschland mit Platz 9 wieder in die Top 10 der Welt (hinter Vorreitern wie Island, Norwegen und Finnland). Dies liegt vor allem an der starken Bewertung im Bereich „Politisches Empowerment“.

  • EU-Vergleich: Im EU-weiten Gender Equality Index 2025 belegt Deutschland mit 63,2 von 100 Punkten Platz 11. Damit liegt Deutschland fast exakt im EU-Durchschnitt (63,4), aber weit hinter Spitzenreitern wie Schweden (73,7) oder Frankreich (73,4).

  • Arbeitsmarkt-Paradox: Während Deutschland bei der Bildung der Frauen (Knowledge) Spitzenplätze belegt, rangiert es bei der tatsächlichen Gleichstellung am Arbeitsmarkt nur auf Platz 25 von 27 in der EU. Grund dafür sind die hohe Teilzeitquote bei Frauen und die starke Segmentierung des Arbeitsmarktes (viele Frauen in schlechter bezahlten Dienstleistungsberufen).

Zusammenfassung: Das „Gleichstellungs-Profil“ Deutschlands

Bereich

Relative Position (EU)

Status / Trend

Politik & Macht

Top-Gruppe

Starke Verbesserung durch Quoten und Repräsentation. (Anmerkung TH: Allerdings Rückgang der Quote weiblicher Abgeordneter im neuen Bundestag 2025.)

Bildung

Platz 6

Sehr gut, Frauen sind oft formal höher qualifiziert als Männer.

Arbeitsmarkt

Platz 25

Schlecht, bedingt durch das „Ehegattensplitting“ und Teilzeit-Fallen.

Einkommen

Unteres Drittel

Langsame Verbesserung, Lohnlücke bleibt über dem EU-Schnitt (12 %).


Fazit: Deutschland hat sich absolut gesehen verbessert, ist aber relativ zu vergleichbaren modernen Industrienationen kein Vorreiter, sondern eher ein „Nachzügler mit Aufholpotenzial“. Die rechtliche Gleichstellung ist erreicht, die tatsächliche Lebensrealität (besonders bei Finanzen und Zeit) hinkt hinterher.

Schlusskommentar

Sie sehen also, dass die Grafik zwar ein guter Aufhänger für das Thema des Tages ist, dass Deutschland aber bei differenzierterer Betrachtungsweise nicht unter den Top 10 weltweit in Sachen Gleichstellung rangiert, sondern trotz verschiedener gesetzlicher Maßnahmen im Vergleich zu anderen Ländern nicht vorankommt, sondern eher zurückfällt. Auf der Grafik sieht man das allerdings auch, es hat sich von Rang 6 im Jahr 2023 auf Rang 9 im Jahr 2025 verschlechtert.

Das entspricht der zunehmend repressiven gesellschaftlichen Stimmung im Land – was uns wiederum in der Ansicht bestätigt, dass es fatal ist, dass verschiedene Interessen isoliert betrachtet und sogar gegeneinander gestellt werden, obwohl sie in Wirklichkeit gleichgerichtet sind. Gerade hier könnte mehr Kooperation und Koordination auch zwischen den Geschlechtern wirksam sein: Deutschland liegt in Sachen Arbeitsmarktmöglichkeiten für Frauen auf einem beschämenden Rang 25 von 27. Und die daraus resultierenden Einengungen für Frauen wirken sich auch auf die ökonomisch-soziale Bewegungsfreiheit von Männern negativ aus, wenn es um die Gestaltung gemeinsamer Lebens- und Familienplanung und die Wahrnehmung und Durchsetzung gemeinsamer sozialer Interessen geht. 


Das Gap zwischen dem guten Bildungsprofil von Frauen in Deutschland und ihren schlechten realen Möglichkeiten am Arbeitsmarkt halten wir für noch  problematischer als das Pay Gap, auch wenn beides zusammenhängt, denn auch hier haben wir ein gemeinsames Interesse: dass von dem großen, durch die Bildung dokumentierten Potenzial der Frauen nicht aufgrund der realen Einschränkungen bei der Gestaltung von Erwerbstätigkeit so viel verschenkt wird. 

TH / EU-Vergleich mit Hilfe von KI erstellt


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