Ist die FDP am Ende? (Umfrage, Fakten, Analyse, Kommentar: Nicht dort, wo die Lobbyisten sitzen)

Umfrage, FDP, Dürr, Lindner, Bundestag, Baden-Württemberg, Landtagswahl 2026, #LTWBW26, Rülke, AfD, CDU, Grüne, Stammland, Altnazis, Bürgerrechte, Heuss, Scheel, Genscher, Disruption, Milei, Sparideologie vs. Militärausgaben-Ideologie, Menschlichkeit und die Abwesenheit derselben, Merz, Strack-Zimmermann

Nach dem Debakel der FDP bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg stellen sich immer mehr Menschen die Frage, ob die Liberalen am Ende sind. Der Kanzler sieht es so, und so lautet auch die Kurzform der heutigen Meinungsumfrage von Civey. Hier können Sie mit dem Link zur Originalumfrage abstimmen:

FDP: Am Ende? (Spielt die FDP politisch keine Rolle mehr?)

Wir hatten einen Artikel zur FDP geschrieben, als Anfang Januar 2026 schon einmal eine ähnliche Fragestellung eröffnet wurde:

Vermissen Sie die FDP?

Hier können Sie sich das Ergebnis anschauen, sogar abstimmen ist immer noch möglich, wenn wir uns nicht getäuscht haben. Damals oder bisher haben 49,3 Prozent gesagt, sie vermissen die FDP auf keinen Fall – im Bundestag, denn um ihre dortige Präsenz ging es bei der Frage. Sie ist seit der Wahl vom Februar 2025 erloschen. Die neuere Umfrage bezieht sich natürlich auf den Stand der Dinge nach der Baden-Württemberg-Wahl, die dazu geführt hat, dass die FDP im dortigen Landtag auch nicht mehr vertreten sein wird. Das hat eine besondere Bedeutung, wie Sie gleich nachlesen können. Wir haben die Begleittext von Civey zu beiden Umfragen abgebildet und unseren Kommentar zur ersten Umfrage, den wir anhand der Entwicklung zwischen Anfang Januar und dem 8. März, dem Tag der Wahl in Baden-Württemberg, aktualisiert haben.

Begleittext von Civey (12.03.2026)

Die FDP steht unter erheblichem Druck, ihre Relevanz im deutschen Parteienspektrum zu sichern.Nachdem sie bei der Bundestagswahl 2025 an der Fünfprozenthürde scheiterte, setzt sich der Abwärtstrend nun fort. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg flog die Partei am Sonntag mit 4,4 Prozent der Stimmen aus dem Parlament – ein herber Schlag, da damit eine über 70-jährige liberale Ära in ihrem wichtigsten Landesverband endet. Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke übernahm noch am Wahlabend die Verantwortung und trat als Landesvorsitzender zurück. Mit Blick auf die nächste Wahl am 22. März in Rheinland-Pfalz und den aktuellen Umfragewerten wird zunehmend über die Zukunft der Partei debattiert.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht das Schicksal der Liberalen nach dem jüngsten Wahlergebnis als besiegelt an. Die FDP sei nun endgültig von der politischen Bühne Deutschlands verschwunden und werde künftig keine Rolle mehr spielen, sagte Merz am Montag. Der Kanzler forderte die FDP-Wählerschaft auf, in Rheinland-Pfalz direkt die CDU zu wählen, um einen Regierungswechsel zu ermöglichen. Bereits Mitte Februar hatte der Unternehmer Reinhold Würth gegenüber dem Focus eine ähnliche Prognose gewagt. Er gehe davon aus, dass die FDP landes- und bundesweit komplett in der Bedeutungslosigkeit versinken werde. Das ehemalige FDP-Mitglied setze wie viele andere auf die CDU, da die Gefahr zu groß sei, dass eine Stimme für die Liberalen verloren ist, um einen nötigen Machtwechsel zu begünstigen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) wies die Aussagen des Kanzlers scharf zurück. Sie bezeichnete sie auf X als „personifizierte Wortbrüchigkeit“, da er die liberale Wählerschaft mit Ködern gelockt und sie anschließend politisch verhungern lassen habe. Seine Häme sei für die FDP nun zusätzliche Motivation für den weiteren Kampf. Auch der ehemalige FDP-Generalsekretär Volker Wissing kritisierte im Deutschlandfunk den menschlichen Umgang des Kanzlers mit seinen Mitbewerbern. FDP-Parteichef Christian Dürr betonte derweil, dass die FDP nicht tot sei, wohl aber die Glaubwürdigkeit von Merz. Laut rbb-Korrespondent Philipp Eckstein könnten die harten Worte des Kanzlers ein strategisches Manöver sein, um von eigenen Verlusten abzulenken und dringend benötigte Stimmen für die CDU zu gewinnen.

Begleittext von Civey (Januar 2026)

Heute findet traditionell das Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart statt. Mit der Veranstaltung eröffnen die Liberalen das Wahljahr 2026, in dem unter anderem Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz anstehen. Besonders Baden-Württemberg gilt als Stammland der Partei. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 war die FDP mit nur 4,3 Prozent der Stimmen an der Fünfprozenthürde gescheitert. Vorausgegangen waren monatelange Konflikte innerhalb der Ampel-Koalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), insbesondere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

FDP-Parteichef Christian Dürr will seine Partei als Reformkraft neu positionieren. In der Welt sagte er, die Liberalen sollten als „Gegenentwurf zum Status quo“ auftreten. Es gebe Millionen Menschen, die sich nach einer radikalen Reformkraft sehnten, die zugleich die liberale Demokratie schütze. Als konkrete Vorschläge nannte Dürr unter anderem die Abschaffung des Kündigungsschutzes für Fachkräfte in Start-ups sowie eine Neuausrichtung der Migrationspolitik, bei der „Asyl die absolute Ausnahme“ und „Arbeitsmigration die absolute Regel“ sein solle.

Bei den anstehenden Landtagswahlen drohen der FDP weitere Verluste. In vielen Landesparlamenten ist sie bereits nicht mehr vertreten. Der baden-württembergische Landesvorsitzende und Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke bezeichnete die Wahl in seinem Bundesland als „Mutter aller Wahlen“. Sollte die FDP dort scheitern, „werde keiner glauben, dass sie irgendwo noch die Fünf-Prozent-Hürde überspringen kann“, so Rülke.

Fakten, Analyse und Kommentar

Baden-Württemberg gilt als das Stammland des deutschen Liberalismus, wenn die FDP da nicht im Parlament bleibt, wo dann? Bei der letzten Landtagswahl war sie hier sogar noch zweistellig, gemäß dem damals für sie sehr positiven nationalen Trend“ schrieben wir einleitend im Januar 2026. Mittlerweile ist klar, das Stammland ist für die FDP verloren. Nach dem 8. März 2026 stellt sich die Situation für die FDP in den Bundesländern wie folgt dar:

a.) In welchen Parlamenten ist die FDP derzeit vertreten?

Die FDP ist aktuell in 7 von 16 deutschen Landesparlamenten vertreten. In der anderen Hälfte der Bundesländer (darunter alle Flächenländer im Osten außer Sachsen-Anhalt sowie Bayern und Hamburg) scheiterte sie bei den jeweils letzten Wahlen an der Fünf-Prozent-Hürde.

Hier ist die Liste der Bundesländer, in denen die FDP im Landtag bzw. in der Bürgerschaft sitzt:

  • Baden-Württemberg (Wahl 2021: 10,5 %, jetzt nicht mehr (4,4 Prozent)).

  • Bremen (Wahl 2023: 5,1 %)

  • Hessen (Wahl 2023: 5,0 %)

  • Mecklenburg-Vorpommern (Wahl 2021: 5,8 %)

  • Nordrhein-Westfalen (Wahl 2022: 5,9 %)

  • Rheinland-Pfalz (Wahl 2021: 5,5 %)

  • Sachsen-Anhalt (Wahl 2021: 6,4 %)

  • Schleswig-Holstein (Wahl 2022: 6,4 %)

Nirgendwo hat die FDP also bei den letzten Wahlen mehr als 6,4 Prozent erreicht, zuletzt ist sie in Bremen und Hessen nur ganz knapp in der Bürgerschaft bzw. im Landtag geblieben.

b.) In welchen Landesregierungen ist die FDP Mitglied?

Trotz der Präsenz in acht Parlamenten ist die FDP derzeit nur noch in 2 Bundesländern an der Regierung beteiligt:

  1. Rheinland-Pfalz: Hier regiert die FDP in einer „Ampel-Koalition“ mit der SPD und den Grünen.

  2. Sachsen-Anhalt: Hier ist die FDP Teil einer „Deutschland-Koalition“ aus CDU, SPD und FDP.

Diese Zahlen verdeutlichen den enormen Druck, unter dem die Liberalen zu Beginn des Jahres 2026 stehen. Mit den anstehenden Landtagswahlen im März (Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) kämpft die Partei in ihren traditionellen Hochburgen um den Verbleib in den Parlamenten bzw. in der Regierung. Ein Ausscheiden in diesen westdeutschen Ländern würde die bundespolitische Rolle der FDP, die nach der Bundestagswahl 2025 bereits geschwächt ist, weiter marginalisieren.

In Umfragen (Bund) steht die FDP derzeit gemäß Zeit-Panel bei durchschnittlich 3,4 (3,6 im Januar) Prozent Bundestagswahl: Wer führt in der aktuellen Sonntagsfrage? | DIE ZEIT. Civey, die auch die Umfrage erstellt haben, auf der wir diesen Artikel basieren, listen die FDP gegenwärtig sogar rekordverdächtig niedrig bei 2,3 Prozent Zustimmung (2,6 im Januar). Civey-Umfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?

Und wie sieht es im Moment bei der Abstimmung aus? Eindeutig vermissen (49,3 Prozent im März / am Ende der Abstimmungsphase) Prozent die FDP nicht, wenig Trauer herrscht bei weiteren 10 Prozent. Das ist beinahe eine Zweidrittel-Mehrheit. „Aber: 22 Prozent vermissen die FDP ganz doll und weitere 10 Prozent immerhin ein bisschen. Ja, dann sollen diese Leute sie doch wählen, wenn sie es so sehen. Dann hat sie auch keine Existenzsorgen mehr. Und sie würde die AfD zurückdrängen, denn wir sehen ein starkes Austauschpotenzial zwischen beiden Parteien“, so der Wortlaut unseres Entwurfs vom Januar. Es gibt in der FDP ohnehin eine Fraktion, die sie gerne zwischen Union und AfD positionieren würde, mit der entsprechenden Dosenöffnerfunktion zugunsten der AfD oder gleich als Koalitionspartner ohne die Union, wo es möglich ist. Im März / am Ende der Abstimmungsphase ist die FDP übrigens nur noch für 16,5 der Abstimmenden unabdingbar. Da auch die Zahl derer, die sie auf den Mond schießen möchten, leicht zurückgegangen ist, bedeutet dies, dass es mehr „latente“ Stimmen gibt. Ein bisschen ja, ein bisschen nein, es ist nicht mehr so wichtig. Man entwöhnt sich von der FDP.

Bei der Wahl in Baden-Württemberg hat die FDP übrigens 145.000 Wählende an die Union, 65.000 an die AfD und nur 10.000 an die Grünen und andere Parteien verloren. DieWanderung in Richtung CDU ist sicher auch dem Özdemir-Hagel-Duell geschuldet gewesen, aber 65.000 Wähler für die AfD, das gibt einen deutlichen Hinweis darauf, wie heutige FDP-Wählende ticken. Uns hat es nicht überrascht.

Nun zur neueren Umfrage, natürlich unter Vorbehalt, weil sie heute erst gestartet ist. Die Werte ähneln jenen der Januar-Abstimmung, auch wenn die Frage anders ist. 47 Prozent stimmen Merz zu, nur 11 Prozent sind ganz anderer Meinung, dazwischen etwas mehr „mehr ja, mehr nein“. Was sicher auch mit Merz zu tun hat, denn ihm zuzustimmen, kostet viele Menschen generell Überwindung. Auch uns. Und wir haben mit absolut nicht gestimmt, ihm also recht gegeben. Dabei hätten wir das streng genommen nicht tun dürfen. Wir wissen, ob wir die FDP vermissen (nein), aber wir können nicht wissen, ob sie den Dreh bekommt, wieder relevant zu werden. Wir haben bei der aktuellen Abstimmung also einen Wunsch ausgedrückt, keine Gewissheit.

Und wir müssen wirklich lachen, wenn FDP-Politiker an Merz das Menschliche vermissen, bei dieser Aussage. Ist Merz menschlich, wenn er über andere redet? Ist uns bisher nicht aufgefallen. Es gibt außer der kleinen Minderheit der Kapitalisten keine gesellschaftliche Gruppe, die er noch nicht beleidigt hat. Und es ist tragikomisch, dass seine Aussage von den Menschenfeinden aus der FDP als unmenschlich bewertet wird, die genauso denken wie er.

Wir wissen nicht, warum andere die FDP vermissen. Für uns müsste sie, nicht, weil wir sie unbedingt wählen, sondern weil wir sie wiedersehen wollten, eine unverzichtbare Funktion im politischen Spektrum erfüllen, um ein Recht auf Zukunft zu haben. In ihren Glanzzeiten war die FDP breit aufgestellt. Sie war, nachdem sie ihre starke Nazi-Lastigkeit in den Anfangsjahren der BRD hinter sich gelassen hatte, die Bürgerrechtspartei in Deutschland und die erste, die sich noch vor der Gründung der Grünen mit Umweltschutz-Themen befasste. Damals war sie noch nicht ausschließlich das neoliberal verengte, marktradikal durchideologisierte Hebelinstrument des Kapitals und wurde in einer insgesamt freundlicheren Politik-Epoche auch nicht so wahrgenommen. Sie galt als echte Mitte, Zünglein an der Waage, Regierungsmacherin, hatte zeitweise mit Männern wie Theodor Heuss, der auf eine väterliche Art, die Adenauers eher sprödes Wesen gut ergänzte und für die oben genannte südwestdeutsche Liberalismus-Linie stand, mit Walter Scheel, der vor seiner Präsidentschaft maßgeblich an Willy Brandts Ostpolitik mitgewirkt hat, Namen, die heute noch mit den guten Zeiten der BRD in Verbindung gebracht werden, mit Langzeit-Außenminister Hans-Dietrich Genscher dann nach der Wende den beliebtesten deutschen Politiker seiner Zeit in ihren Reihen.

Von diesem Glanz ist nicht viel übrig, und wenn man das Gepräge von Christian Lindner als dem führenden FDP-Mann der letzten Jahre mit Heuss, Scheel, Genscher und weiteren vergleicht, merkt man erst, wie verzwergt die FDP ist.

Der Verlust an Substanz betrifft andere Parteien ebenfalls, aber die FDP hat sich auch inhaltlich auf eine radikale Weise verengt und scheint nicht gewillt zu sein, diese Verengung zu überdenken. Das Lindner-Modell hat der FDP ja auch zum Wiederaufstieg verholfen. Sie stand vor 15 Jahren ähnlich schlecht da wie jetzt, das darf man nicht vergessen. Welche Funktion könnte sie aber heute übernehmen, würde sie wieder in den Bundestag einziehen?

Für mehr Sparsamkeit werben? Wenn wir in den letzten Jahren die FDP angeschaut haben, haben wir immer doppelt gesehen. Da war Herr Lindner auf der einen Seite, dem die Infrastruktur des Landes und die Bildungs-Chancengleichheit und derlei Dinge, die im Grundgesetz eigentlich als unabdingbar festgeschrieben sind, herzlich egal waren. Keine Bürgerrechtsverteidigung, keine Humanität, lediglich eine relativ gelassene Haltung gegenüber dem Aufwuchs an Gruppenrechten, der ja einen hinterlistigen Aspekt hat: Je mehr sich Menschen über alle möglichen Identitäten jenseits der ökonomischen Lage definieren und formale Fortschritte bejubeln, desto leichter sind sie vom Kapital zu steuern.

Was macht Ex-FDP-Chef Lindner eigentlich heute? Dazu weiter unten an passender Stelle. Wir versprechen, alles passt in unser Bild von dieser Partei.

Und da war noch MASZ. Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Die Frau, die gar nicht genug Lobbyarbeit für die Hochrüstung und damit für das Geld ausgeben betreiben konnte. Das passte überhaupt nicht zu Lindner. Während dessen Linie angesichts der aktuellen Politik aber als gescheitert gelten darf, müsste sie überglücklich sein. Man hört im Moment wenig von ihr (jetzt hat sie sich zu Wort gemeldet, siehe Civey-Begleittext zur März-Umfrage), aber wir gehen davon aus, dass sie die Linie der aktuellen Bundesregierung weitgehend billigt. Inklusive des Abbaus sozialer Rechte, der angeblich notwendig ist, um die Militarisierung zu finanzieren.

Beiden gemein ist, dass sie niemals die Reichen stärker zur Verantwortung für diese riesigen Gemeinschaftsaufgaben ziehen würden. Da wird die FDP wieder kohärent: Gute Bildung, gute Dienstleistungen, gute Gesundheitsversorgung nur noch für die oberen zehn Prozent der Einkommenspyramide, die auch tatsächlich die Klientel der FDP darstellen, wenn man die Interessenvertretung realistisch betrachtet. Die FDP hat durchaus noch Potenzial für mehr als fünf Prozent der Stimmen. Die könnte sie bei der Union wieder einsammeln – und bei der AfD.

Was sie der AfD gegenwärtig noch voraus hat? Ihre enge Anbindung und Einbindung in den Lobbyismus in diesem Land, also in die Zone, in der diejenigen sitzen, welche die BRD wirklich regieren. Die FDP ist immer noch aktiv in die Entscheidungsmechanismen in diesem Land eingebunden, viel mehr, als ihre Wahlergebnisse es vermuten lassen. Und Christian Lindners Werdegang verdeutlicht, warum es keiner demokratischen Repräsentanz mehr bedarf, wenn man erst genug „Kontakte“ hat, die man hinter den Türen der Macht nutzbar machen kann. Lindner ist offiziell politisch „out“, aber stimmt das auch, wenn man sich die Macht hinter der Politik anschaut?

Nun aber zu Christian Lindner, weil sein Werdegang so typisch für das heutige Politiker-Dasein ist.

Christian Lindner hat nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag eine ganze Palette an Rollen übernommen, die ihn in der Tat tief im Geflecht aus Wirtschaft und politischer Einflussnahme verankern.

Christian Lindner ist seit dem 1. Januar 2026 als stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei der Autoland AG tätig, dem größten herstellerunabhängigen Autodiscounter Deutschlands.

In seiner neuen Rolle verantwortet er die Bereiche Marketing, Vertrieb und Digitalisierung. Er selbst kommentierte den Wechsel mit den Worten „Auto statt Hedgefonds, Sandersdorf-Brehna statt New York“, womit er auf den Hauptsitz des Unternehmens in Sachsen-Anhalt anspielt.

Während sein Job bei der Autoland AG medial am stärksten als „bodenständiger“ Wechsel ins Herz des Mittelstands inszeniert wurde, sind es vor allem seine anderen Mandate, die Kritiker wie LobbyControl auf den Plan rufen. Er wird oft als „Tausendsassa“ bezeichnet, da er seit Anfang 2026 mindestens sechs verschiedene Tätigkeiten parallel ausübt.

Wir fassen so zusammen, dass etwas wie Übersicht entsteht.

Christian Lindner: Das Portfolio nach der Politik (Stand Januar 2026)

Hier sind die zentralen Rollen, die seine Nähe zum Lobbyismus und zu finanzstarken Interessen verdeutlichen:

Organisation

Funktion

Schwerpunkt & Brisanz

Teneo

Senior Advisor

Lobbyberatung: Die US-Firma berät Kunden wie die UniCredit-Bank. Kritiker sehen hier massive Interessenkonflikte, da Lindner als Finanzminister den Verkauf von Commerzbank-Aktien mitverantwortete.

Stiftung Familienunternehmen

Kuratoriumsmitglied

Interessenvertretung: Hier vertritt er offiziell die Interessen der reichsten Familienclans Deutschlands (die „Superreichen“), was perfekt ins Bild von der heutigen FDP passt.

Stepstone Group

Shareholder-Board

Personal & Wirtschaft: Beratung des großen Jobportals, das zum Axel-Springer-Konzern (KKR) gehört.

Lhoist Germany

Aufsichtsrat

Industrie: Der Kalksteinriese nutzt Lindners Expertise bei Rohstoff- und Geopolitik-Fragen.

Autoland AG

Stellv. Vorstand

Operatives Geschäft: Fokus auf Vertrieb und Digitalisierung beim größten freien Autohändler.

Dass Lindner nun als „Senior Advisor“ für ein US-Beratungsunternehmen arbeitet, das ausgerechnet die Banken berät, deren Dossiers er noch vor Kurzem auf dem Schreibtisch hatte, ist das klassische Beispiel für einen „Drehtür-Effekt“.

Das Personal, das jahrelang die fiskalische Strenge (Schuldenbremse) gepredigt und staatliche Investitionen in die Infrastruktur gebremst hat, profitiert nun direkt von der Expertise aus dieser Zeit in der Privatwirtschaft. Dies untermauert die These, dass die Vernachlässigung staatlicher Strukturen zugunsten privater Dienstleister kein Zufall, sondern ein Systemmerkmal dieser Politik ist. Die Disruption, die Lindner bei Ultra-Marktliberalen wie Milei schick findet, wird von ihm und anderen aktiv auch in Deutschland betrieben, um die Mehrheit verarmen und entrechten zu können.

In diesem Video wird Christian Lindners Wechsel in die Autobranche und die Kritik an seinen multiplen neuen Rollen näher beleuchtet: Christian Lindners sechs neue Jobs

Die deutsche Politik zerstört auf diese Weise das Vertrauen der „Normalbürger“, die dieses Land am Laufen halten, überraschend ist dieser Move von Lindner aber nicht, es gibt viele ähnliche Beispiele. Es gibt auch viele Karrieren, mittlerweile, die erst durch massive Promotion seitens des Kapitals zustande kamen, wie etwa die von Jens Spahn. Deswegen treten solche Leute auch nie zurück, egal, welchen Mist sie bauen. Das Kapital hat zu viel in sie investiert. Plötzlich ist die gewisse Austauschbarkeit nicht mehr gegeben, die der Politik eine Zeitlang anhaftete. Das war die Zeit, in welcher das Primat der Politik verloren war, aber Politiker noch keine 100-prozentigen Konfektionsergebnisse des Kapitals waren.

In der Breite ist keine Partei so stark im Lobbyismus verortet wie die CDU/CSU, das hat schlicht mit deren Größe zu tun und mit dem Einfluss, den sie dadurch auf mehreren Ebenen hat, aber wenn man es pro Person sieht, dürfte die Lobby-Akkumulation der FDP-Politiker noch stärker sein. Gut möglich, dass das bald nicht mehr so ist, sondern dass die AfD für das Kapital nun das kommende Ding darstellt. Der Verband der Familienunternehmer hat diese Richtung schon beschritten.

Er ist nicht identisch mit der Stiftung, für die Lindner arbeitet, aber machen wir uns nichts vor: Es handelt sich grundsätzlich um denselben Cluster von Leuten, die vor allem eines im Kopf haben, nämlich immer reicher zu werden, während die allgemeine Kaufkraft sinkt. Demokratie, Bürgerrechte? Gar in ihrer Ausprägung als Arbeitnehmerrechte? Die FDP ist die Partei, die daran gerne die Axt legen würde, nicht nur mit der Säge erst einmal die Äste beschneiden, wie die aktuelle Regierungskoalition es angeht und sicher auch erreichen wird.

Wir benötigen eine solche Partei nicht einmal mehr als klassischen Gegner, seit Friedrich Merz Bundeskanzler ist, denn er kommt aus demselben Cluster des Großkapitals. Wir können uns an ihn halten, um Muster eines Systems aufzuzeigen, in dem die Reichen immer geschont, immer mehr privilegiert, in der unfassbaren Anhäufung von weiterem Kapital bestens unterstützt werden und in dem die Mehrheit ständig auf eine sehr primitive Art eins auf die Mütze bekommt.

Und so haben wir abgestimmt: Wir leben in einer Zeitenwende, und wir haben mit der Union und in Zukunft mit der AfD genug Vertreter des Kapitals in der Politik. Die FDP kann wiederkommen, wenn sie sich darauf besinnt, dass sie auch einmal die deutsche Bürgerrechtspartei war. Und nicht unter Freiheit ausschließlich den freien Kapitalverkehr verstand. Wir sehen diese Rückkehr zu den besseren Traditionen nirgends.

Der Herr Rülke aus Baden-Württemberg, der jetzt baden gegangen ist, ist übrigens auch einer „Falken“ der FDP, der nach unserer Ansicht sofort mit der AfD paktieren würde, wenn er die Chance dazu hätte. Die wird er nicht mehr bekommen. Einer der positiven Aspekte der Wahl vom 8. März 2026.

TH / Tabellen und Analyse durch KI ergänzt


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar