Briefing Wirtschaft, Economy, Irankrieg, Benzinpreis, Dieselpreis, Kraftstoffpreis, Ölpreis, Rekordhoch, Politik, Bundesregierung, Konzeptlosigkeit, Rückwärtsgewandtheit, fossile Rohstoffe, AfD, CDU/CSU, Trump, Netanjahu, Orban, USA, Israel, Deutschland, Iran, EU, Ungarn, Wahlverhalten, Infrastruktur, Innovation & Investition, falsche Weichenstellungen
Nach der Wahl in Rheinland-Pfalz kehren wir zurück zum Alltag, also zu den Kriegen und Krisen dieser Welt und ihren Folgen. In Deutschland besonders heiß diskutiert wird der Preis für Kraftstoffe, der in den letzten Wochen erheblich angestiegen ist.
Iran: Dieselpreis klettert auf Rekordhoch / Statista

Begleittext von Statista
Seit dreieinhalb Wochen hält der Krieg im Nahen Osten mittlerweile die Welt in Atem, und eine schnelle Lösung des Konflikts ist weiterhin nicht in Sicht. Die Auswirkungen des Krieges sind auch in Deutschland bereits deutlich spürbar. Vor allem Autofahrer sind unmittelbar betroffen. Die iranische Blockade der Straße von Hormus und wiederholte Angriffe auf Energieinfrastruktur in der Golfregion haben den weltweiten Ölpreis um mehr als 40 Prozent in die Höhe schießen lassen, was zu einem starken Anstieg der Spritpreise geführt hat.
Besonders stark betroffen ist der Preis für Diesel, der seit Kriegsbeginn um 56 Cent pro Liter gestiegen ist. Laut Daten des ADAC kletterte der bundesweite Durchschnittspreis für Diesel am 23.3. auf 2,310 Euro und liegt damit nur noch einen Cent unter dem im März 2022 erreichten Allzeithoch. Damals hatte der Angriff Russlands auf die Ukraine die Energiepreise in die Höhe schnellen lassen. Wie unsere Grafik zeigt, ist auch der Preis für Super (E10) zuletzt deutlich gestiegen. Mit „nur“ 30 Cent liegt der Anstieg jedoch deutlich unter dem Preissprung von Dieselkraftstoff. Auch Super erreichte im März 2022 seinen historischen Höchstwert. Dieser lag bei 2,203 Euro.
Wie extrem die aktuellen Preise sind, zeigt ein Blick auf die Allzeithochs von Diesel und Benzin vor dem Ukraine-Krieg. Bis 2022 lag das Allzeit-Tageshoch für Diesel bei 1,572 Euro (14.11.2021). Der Höchstwert für Super E10 lag bei 1,709 Euro (13.09.2012).
Kommentar
Anstatt die Rekordhochs zu beschreiben, wäre es besser gewesen, sie in der Grafik darzustellen, sie also etwas langfristiger anzulegen. Noch besser: Die Historie der Benzinpreise einmal genauer zu betrachten, wie sie sich in den letzten 55 Jahren entwickelt haben, angefangen vor der Zeit des ersten Ölpreis-Schocks, der ersten Ölkrise (1974). Wir haben das in diesem Artikel kürzlich getan: Entlastungen für Autofahrende wegen hoher Ölpreise aufgrund des Iran-Krieges? (Umfrage, Recherche, Kommentar) – DER WAHLBERLINER .
Er zeigt, dass es Probleme gibt, aber dass sie nicht so dramatisch sind, wie sie wirken, wenn man eine Schnappatmungs-Darstellung macht, die nur wenige Monate zurückreicht, in eine ausgesprochen preisgünstige Situation hinein. Der Arbeitsaufwand, den man leisten musste, um einen Liter Kraftstoff zu erwerben, hat sich seit den 1970ern kaum verändert, und das ist angesichts der Notwendigkeit, endlich einen Umstieg auf umweltfreundlichere Mobilitätstechniken zu vollziehen, eher beschämend als beruhigend. Natürlich ist ein Krieg nicht das richtige Triebmittel, um Innovation zu beflügeln, obwohl das technisch manchmal sogar direkt der Fall ist.
In Deutschland trifft er außerdem auf eine Regierung, die so verrückt ist, wieder mehr auf fossile Brennstoffe setzen zu wollen, die jetzt also auch kurzfristig und für alle sichbar kontraproduktiv handelt. Symbolisch für das, was wir schon lange sehen und was noch lange so weitergehen wird, mit diesen Personen in politischer Verantwortung.
Populistisch wird jetzt ein Spritpreisdeckel gefordert, der wieder vor allen den Vielverbrauchern helfen würde, die schon durch die kürzlich erhöhte Pendlerpauschale bessergestellt wurden. Zahlen müssten solche Subventionen diejenigen, die sich bemühen, sparsam zu wirtschaften.
Wir können aber auch hier ganz ruhig sein, denn die gegenwärtige Regierung wird nicht auf die deutliche Weise in die Preise eingreifen wie das in anderen Ländern Europas generell mehr üblich ist, wenn die Wirtschaft aus dem Ruder läuft und die Menschen zu stark durch Gegebenheiten belastet werden, die sie nicht beeinflussen könnten.
Da wir gerade Wahlen hatten: Wäre die AfD gerade an die Macht gekommen, würde sie schon an dieser ersten Herausforderung kläglich scheitern. Auf die Weltmarktpreise hätte wie genauso wenig Einfluss wie jede andere Partei und sie ist marktradikaler als jede andere Partei, mit Ausnahme vielleicht der FDP, die hoffentlich bald aus dem politischen Spektrum verschwindet. Sie wäre die letzte politische Kraft, die sich gegen das Kapital durchsetzen und die Verbraucher besserstellen würde. Einige hoffen, dass mit den Blauen am Ruder wieder Gas und Öl ungehindert aus Russland fließen würden. Um ehrlich zu sein: Das können wir nicht beurteilen. Normalerweise wäre ein solcher Sonderweg in der EU unmöglich, aber Renegaten wie Viktor Orban zeigen, dass es eben doch möglich ist. Wenn ein traditionelles, großes Kernland der EU wie Deutschland aber so handeln würde, wäre dies das Ende des gemeinsamen Wirtschaftsraums, mit erheblichen negativen Folgen für die Verbraucher. Wir müssen das hier nicht im Detail darstellen, aber es fängt schon mit der gemeinsamen Beschaffungspolitik auf dem Energiesektor an, die dann nicht mehr durchführbar wäre.
Das Beste wäre, die USA würden einsehen, dass sie mit dem Irankrieg riesigen Mist gebaut haben, aber dafür müsste Israel es auch einsehen, und da sehen wir schwarz. Dort sind Ideologen am Werk, denen es ziemlich egal ist, ob die Welt vor einem Wirtschaftskollaps steht, und auf deren Tun muss Trump, der ursprüngliche Isolationist, der nie einen Krieg anfangen wollte, absichern. Im Moment versucht er gerade, einen Exit zu finden, der nicht allzu blamabel wirkt, während Netanjahu genau diesen Irankrieg-Exit der USA mit allen Mittel zu verhindern versucht.
So lange wie der Ukrainekrieg wird der Irankrieg nicht dauern, da sind wir uns ziemlich sicher. Es sei denn, die USA wagen sich auf das schmale Brett, mit Bodentruppen zu operieren. Wenn sie das tun, wird die Weltordnung vermutlich endgültig ruiniert sein und die heutigen Benzinpreise werden wir im Rückblick als moderat ansehen. Keine deutsche Partei kann darauf Einfluss nehmen, also muss klug in die Zukunft hinein Politik gemacht werden. Leider sehen wir keine überzeugenden Konzepte dafür, obwohl nach vier Jahren Ukrainekrieg eigentlich welche vorliegen müssten. Damals konnte man noch überrascht sein, wenn man nicht zu den hellsten Kernzen auf der Politik-Torte gehörte, aber vier Jahre später ist die Politik, die wir jetzt sehen, kaum noch zu glauben. Deutschland ist im Grunde nicht einen Deut vorangekommen in Sachen Autarkie und Resilienz gegen Krisen. Und das, obwohl jetzt Schulden ohne Ende gemacht werden, was früher ja nicht erlaubt war und teilweise die Infrastruktursicherung ausgebremst hat. Wir haben aber nicht den Eindruck, dass die Lösung der Bremse eine Verbesserung der Infrastruktur auslöst.
Gegen diese globalen Unwägbarkeiten, die wir wieder einmal sehen, bräuchte Deutschland funktionierende Institutionen und Verkehrsmittel, eine gut laufende Wirtschaft in einigermaßen krisensicheren Sektoren, viel mehr Innovation, und, als Grundlage, erheblich mehr Bildungsanstrengungen.
Der Iran wird gerne mal als Vergleich zu Deutschland herangezogen. Er hat ähnlich viele Einwohner, mittlerweile etwas mehr. Warum aber erbringt er nur ein Viertel der hiesigen Wirtschaftsleistung, obwohl das Öl einen so großen Reichtum ermöglichen würde? Man kann es auch anders sehen: Deutschland hat nichts, was andere nicht auch haben. Außer vielleicht bessere Ideen, und an denen mangelt es mittlerweile dermaßen, das Benzinpreisanstiege eher nachrangig sind gegenüber den gewaltigen Strukturmängeln, die sich hier auftürmen. Letztlich sind sie aber auch eine Folge davon: Es gibt keine validen, in Zusammenhängen gedachte Konzepte und keine Notfallpläne, die automatisch greifen, wenn bestimmte Krisenfaktoren zusammenwirken. Es gibt entweder Achselzucken oder Stümperei. Das rührt auch daher, dass Deutschland so ziemlich das letzte Land ist, in dem marktradikaler Blödsinn der 1980er von der Politik noch vollkommen ernstgenommen wird, weil sie selbst in dieser Zeit stehengeblieben ist.
Und sie wurde gewählt von Menschen, für die das auch gilt. Genau diejenigen sollen sich jetzt also nicht so aufregen, wenn’s geht. Es sind auch ihre Wahlentscheidungen, die dafür sorgen, dass hierzulande nichts mehr vorangeht. Außer den Preisen natürlich, wie schon seit einigen Jahren. Der Irankrieg wird nicht nur auf den Benzinpreis durchschlagen, wenn er länger dauert. Er wird alle Produkte teurer machen, für die Öl benötigt wird, er wird die Transportwege aller Produkte verteuern und die fossile Energie, auf die hierzulande wieder so sehr gesetzt wird. Wir wünschen uns das nicht, wir wären ja auch betroffen. Wir sagen es nur, wie es ist.
TH
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