25 Jahre gleichgeschlechtliche Ehe: Wo gilt die „Ehe für alle“? (Statista + Ergänzung)

Briefing Gesellschaft, LGBTI*, LGBTIQIA+, Queers, 25 Jahre gleichgeschlechtliche Ehe, Ehe für alle, Niederlande, EU, Westeuropa, Nordamerika, USA, Kanada, Südamerika, 1. April 2001

Am 1. April dieses Jahres feiern wir etwas, das kein Aprilscherz der fröhlichen Holländer war, sondern der Anstoß für eine weltweite Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist:

Am 1. April 2001 haben sich im Amsterdamer Rathaus erstmals gleichgeschlechtliche Paare das Ja-Wort zur Ehe gegeben.

Seitdem haben immer mehr Länder die gleichgeschlechtliche Verehelichung erlaubt, Deutschland war 2017 an der Reihe. Die Grafik zeigt, wie es Land für Land voranging – und dass trotzdem die „Ehe für alle“ nur für eine Minderzahl von Menschen möglich ist, denn die bevölkerungsreichsten Staaten der Erde sind weit von dieser Option der Eheschließung und im Ganzen weit von der Verwirklichung der Rechte von Queers / LGBTI*-Angehörigen entfernt. Quasi die gesamten Kontinente Asien und Afrika kennen keine Ehe für alle, während sie in Teilen Europas und in weiten Teilen der beiden amerikanischen Teilkontinente verwirklicht ist.

In der EU kann man die Grenze zwischen den offenen westlichen Gesellschaften und den neueren, östlichen EU-Staaten noch deutlich anhand der (Un-)Möglichkeit der Ehe für alle ablesen.

In den USA haben die Menschen vermutlich Glück gehabt, dass die Ehe für alle noch unter Präsident Barack Obama verwirklicht werden konnte. Wir können uns nicht vorstellen, dass deren Einführung heute noch möglich wäre.

An beides erinnert die Grafik von Statista, an den Aufbruch vor einem Vierteljahrhundert und an das viele, was zu tun bleibt. Und möglicherweise an das, was verteidigt werden muss, wenn man die gesellschaftlichen Tendenzen in vielen Ländern, auch in etablierten Demokratien, betrachtet.

Infografik: Wo können gleichgeschlechtliche Paare heiraten? | Statista

Begleittext von Statista

Vor 25 Jahren legalisierten die Niederlande als erstes Land der Welt gleichgeschlechtliche Ehen. Die ersten Paare gaben sich laut web.de am morgen des 1. Aprils 2001 im Amsterdamer Rathaus das Jawort und schrieben – sie schrieben damit Weltgeschichte!

Seitdem sind laut Statista-Zählung 40 Länder und Gebiete dem Beispiel der Niederlande gefolgt, wie der Blick auf die Weltkarte zeigt. In Deutschland ist die „Ehe für alle“ seit dem Oktober 2017 möglich – davor waren nur sogenannte eingetragene Lebenspartnerschaften möglich gewesen.

Etwas mehr als die Hälfte der Länder mit gleichgeschlechtlicher Ehe befinden sich auf dem europäischen Kontinent. Zuletzt kamen Liechtenstein und Griechenland im Jahr 2024 hinzu. Der Rest findet sich überall auf der Welt verstreut – Beispiele sind die USA, Thailand oder Südafrika.

Dennoch gibt es immer noch deutlich mehr Länder, in denen gleichgeschlechtliche Ehen nicht nur nicht möglich sind, sonders in denen Schwule, Lesben und queere Menschen verfolgt werden. In Ländern wie dem Iran, Saudi-Arabien der Uganda droht ihnen sogar die Todesstrafe.

Ein paar Details mehr

Hier ist eine detaillierte Analyse der aktuellen Datenlage, die den Statista-Begleittext fachlich vertieft und die globalen Trends einordnet.

Analyse: Ein Vierteljahrhundert rechtliche Gleichstellung – Dynamik und Barrieren

Die Statista-Grafik verdeutlicht eindrucksvoll, dass die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare kein kurzes historisches Phänomen ist, sondern eine kontinuierliche globale Entwicklung. Seit der Pionierarbeit der Niederlande am 1. April 2001 hat sich die rechtliche Landkarte grundlegend gewandelt, wobei drei Aspekte besonders hervorstechen:

1. Das „Atlantische Bündnis“ der Gleichberechtigung

Die Daten zeigen eine massive Konzentration in Westeuropa und auf dem amerikanischen Doppelkontinent. In Nord- und Südamerika ist ein bemerkenswerter Konsens entstanden: Von Kanada über die USA und Mexiko bis hin zu Argentinien, Brasilien und Chile ist die Ehe für alle weitgehend Standard. Dies widerlegt die These, dass es sich um ein rein europäisches Wertekonzept handelt. In Lateinamerika wurde dieser Fortschritt oft nicht durch Parlamente, sondern durch richtungsweisende Urteile der Obersten Gerichtshöfe vorangetrieben.

2. Asien und Afrika: Die großen Leerstellen

Trotz der Expansion auf rund 40 Länder bleibt die „Ehe für alle“ ein Privileg einer Minderheit der Weltbevölkerung. Die bevölkerungsreichsten Staaten der Erde – darunter China, Indien, Indonesien und Nigeria – kennen keine rechtliche Gleichstellung. In Asien fungieren Thailand (seit 2024/25), Taiwan und Nepal als regionale Vorreiter, während auf dem afrikanischen Kontinent Südafrika nach wie vor eine solitäre Stellung einnimmt. Diese geografische Diskrepanz spiegelt die tiefe kulturelle und politische Spaltung in der Bewertung von LGBTQ*-Rechten wider.

3. Europa: Ein Kontinent der zwei Geschwindigkeiten

Innerhalb Europas zeigt die Grafik eine deutliche Ost-West-Grenze. Während Griechenland und Liechtenstein im Jahr 2024 und Anfang 2025 die rechtlichen Hürden abbauten, verharrt ein Großteil Osteuropas bei Modellen der eingetragenen Partnerschaft oder verweigert jede Anerkennung. In einigen Ländern wurden sogar verfassungsrechtliche Verbote verankert, um die Definition der Ehe explizit auf die Verbindung zwischen Mann und Frau zu begrenzen. Dies zeigt, dass der rechtliche Fortschritt in der EU kein Selbstläufer ist, sondern oft an tiefen gesellschaftspolitischen Konflikten entlangläuft.

4. Die Schere zwischen Fortschritt und Verfolgung

Die Analyse der Grafik ist unvollständig ohne den Blick auf das Gegenteil der Gleichstellung: Während 40 Länder die Ehe öffnen, existieren weiterhin über 60 Staaten, in denen Homosexualität kriminalisiert wird. Die Grafik markiert somit nicht nur einen Fortschrittsbalken, sondern dokumentiert gleichzeitig eine wachsende globale Polarisierung. In Ländern wie Uganda oder dem Iran hat sich die Lage für queere Menschen parallel zur westlichen Liberalisierung teilweise sogar dramatisch verschärft.

Fazit

Die Daten von Statista zum 25. Jubiläum der ersten Gleichstellung zeigen: Der Weg, der 2001 in Amsterdam begann, hat eine rechtliche Dynamik entfaltet. Dennoch bleibt die „Ehe für alle“ ein fragiles Gut, dessen globale Verwirklichung aufgrund demografischer und politischer Widerstände in weiter Ferne liegt. Der Fokus verschiebt sich in vielen stabilen Demokratien nun von der Einführung hin zur Verteidigung dieser Rechte gegen gesellschaftliche Rollback-Tendenzen.

Einen ausführlichen Kommentar werden wir nicht schreiben, auch persönliche Beobachtungen nicht näher ausführen, die unter anderem beinhalten, dass Menschen, die selbst LGBTI*-Angehörige sind, sich bei Parteien einbringen, die Minderheitenrechte für mehr oder weniger obsolet erklären und sehr verächtlich über Gruppen sprechen, nur, weil sie eben nicht der vermeintlichen Mehrheit und dem Mainstream angehören. Wir erwarten nicht von jeder Person, dass sie ihre Identität und den Akzent ihrer Arbeit hauptsächlich bei ihrer sexuellen Orientierung ansiedelt, aber gegen eine wichtige Community zu agieren oder agitieren, der man selbst angehört, ist leider etwas, was wir auch sonst häufig beobachten: Menschen handeln gegen ihre Interessen. Oder wählen gegen ihre Interessen.

Das stärkt nicht etwa die Solidarität in der Gesellschaft in dem Sinne, dass allen geholfen ist, wenn alle sich zurücknehmen mit ihren Rechtsansprüchen, die ihre Ansprüche in langen Kämpfen, gegen erhebliche Widerstände, erwirkt haben – es untergräbt sie, weil Gleichstellung und Gleichberechtigung wieder disponibel gemacht werden sollen. Es ist demokratiefeindlich und diskriminierend. Und es kann leicht denjenigen auf den Kopf fallen, die meinen, aus persönlichen Gründen einen unsolidarischen Weg gehen zu müssen.

Die LGBTI*-Bewegung ist strukturell ähnlich der Arbeiterbewegung, nur m viele Jahre zeitversetzt, und hier wie dort drohen Rechte verlorenzugehen, wenn nicht erkannt wird, dass es wichtig ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen und zu erkennen, dass uns die Rechte auch von Gruppen, den wir nicht angehören, wichtig sein sollten, damit die Demokratie erhalten bleibt.

TH / Erweiterungsrecherche durch KI


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