Gefakte und echte Falken im Nahostkrieg

2018-07-23 Rubikon BILDMedienspiegel 30 / Kurzkommentar 

Lügen für den Krieg. Gemeinsam mit der „Bild“ bombardiert Israel die palästinensische Zivilbevölkerung. (Rubikon) 

Wenn das Ganze nicht so einen bitterernsten Propaganda-Hintergrund hätte, wäre es komplett lächerlich und man müsste angesichts dieses Bildes von einem vorgeblichen Wüstenfalken rufen: Ornithologen aller Länder, wehrt euch!

Wenn ich nicht „Rubikon“ ohnehin gerade verstärkt auswerten würde, wäre ich vielleicht gar nicht auf diesen Beitrag gestoßen. Ich mag grundsätzlich mehr die grundsätzlichen Berichte, die den großen Bogen spannen, das können sie bei „Rubikon“ nämlich besonders gut, während es ja hier eher um die alltägliche Propagandaschlacht geht, die so abstoßend ist, dass ich es mir auf jeden Fall verkneife, Klicks durch allzu reißerische Weiterverbreitungen erzielen zu wollen. Warum also überhaupt im Propagandakrieg mitmachen? Weil das Ganze auch einen  Hinweis darauf gibt, wie Propaganda in der Regel wirklich gestrickt ist: Viel zu plump, um den scharfen Augen der Alternativ-Medienfalken zu entgehen, was die Kriegsfalken, die Hass säen wollen, da basteln. Ich wende mich deshalb nicht gegen jede Verschwörungstheorie, es gibt so wunderbar viel zwischen Quatsch und der reinen Wahrheit, dass es sich lohnt, jeden Tag neu darüber nachzudenken. Und außerdem lassen sich viele Handy-Videos, beispielsweise aus dem Syrienkrieg, die schreckliche Vorkommenisse zeigen, nicht so leicht enttarnen oder auch nur zuordnen – das bildlich präsentierte Leid, die Zerstörungen an sich sind  kein Fake, aber wo wurde es wirklich aufgenommen und wer hat es wirklich verursacht?

Heute habe ich erstmal einen kurzen und nicht direkt mit dem Nahostkrieg verknüpften Beitrag über Saudi-Arabien geschrieben, mit Israel mich schon mehrmals beschäftigt – vergleichsweise dezent, wie ich meine, ich bin nicht Partei, bin nicht persönlich das Geschehen involviert. Aber ich weiß natürlich, dass dieser Krieg die Zukunft der Menschheit mitentscheiden wird und da kann jedes lächerliche Falken-Fake ein Licht darauf werfen, wie insgesamt mit der Wahrheit umgegangen wird in Gegenden, in die leider nur wenige von uns reisen, reisen können, um sich selbst ein Bild zu machen.

Aber sich ersatzweise auf die BILD zu verlassen, war immer schon eine schlechte Idee, die in Deutschland für viel Ärger und manchen Hass gesorgt hat. Die Primitivität der Berichterstattung allein ist Gift für eine moderne Gesellschaft, die sich komplexen Tatbeständen stellen muss. Dass die Lesefähigkeit der Menschen nicht gerade zunimmt, müsste der Bild entgegenkommen, aber während die Alternativmedien mehr und mehr Leser finden, nimmt die Auflage der BILD seit vielen Jahren kontinuierlich ab – und zwar stärker als bei anderen Printmedien. Einst kam sie auf sagenhafte 6 Millionen Druckexemplare und war damit die größte Boulevardzeitungs Europas, 1998 waren es noch 4,6 Millionen – mittlerweile muss sich BILD mit etwas mehr als 1,5 Millionen bescheiden.

Das Wort Massenblatt stimmt also nur  noch knapp, wenn man es mit Massenmedien vergleicht, die jeden fast jeden Sonntagabend 9 Millionen oder mehr Zuschauer beim Tatort vereinen oder bei Fußballspielen 15 oder 20 Millionen Menschen erreichen. Die Verbreitungsquote ist freilich höher als die Auflage. Ich weiß auch, was damit gemeint ist. Während eines Ferienjobs in den frühen 1990ern borgte ich mir hin und wieder die BILD von einem Kollegen Handwerker aus, nahm sie mit aufs Klo und hatte dort mal fünf ruhige und nachrichtlich wenig anstrengende Minuten mitten im Messebautrubel.

Das erwähnte Zitat von Max Goldt, das „Rubikon“ verwendet hat, stammt aus dessen Werk „Mein Nachbar und der Zynismus. In: Der Krapfen auf dem Sims. Alexander Fest Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-8286-0156-1, Seite 14. Eigentlich wollte ich in der Wikipedia nur die Entwicklung der Auflagenstärke der BILD nachschauen, aber dies fand ich da auch noch. Sicher ein lesenswertes Buch.

Wenn wir die Vorkommnisse im Nahen Osten betrachten, und damit noch einmal kurz zurück zur Erwähnung von Parteien wie Saudi-Arabien, sollten wir uns, wenn wir schon nicht selbst vor Ort sind, einmal Folgendes vor Augen halten: Wie sind die Kräfteverhältnisse? Und was wird uns von Medien wie der BILD-Zeitung darüber erzählt, wer in der Lage ist, wen zu terrorisieren, zu ängstigen, zu marginalisieren und über Jahrzehnte im Kriegszustand zu halten? George Orwell lässt grüßen.

TH

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