Der frühe Abschied – Tatort 698 / Crimetime 33

Crimetime 33 / Titelfoto © HR, Bettina Müller

I. Inhalt

Ein junger Mann kommt nach Hause und findet seine Frau am Bettchen ihrer drei Monate alten Zwillinge – Leon, einer der beiden Säuglinge, ist tot. Patrick glaubt, seine Frau Tamara habe dem Baby etwas angetan und ruft die Polizei. Er erzählt Sänger und Dellwo, dies sei nicht der erste Säugling, der ihnen unter mysteriösen Umständen „wegsterbe“; schon ihr erstes Kind, Lina, lag nach wenigen Wochen tot in der Wiege, die Todesursache blieb damals ungeklärt.

Der Fall um das tote Kind ist heikel, der Druck der Öffentlichkeit groß. Das Schlagwort „Kindsmord“ steht im Raum. Tamara kommt vorerst in Untersuchungshaft. Dellwo findet immer mehr Indizien und Anhaltspunkte, die auf ihre Schuld hinzudeuten scheinen. Sänger dagegen nähert sich der seltsamen, verschlossenen Frau langsam an. Sie vermutet, dass hier eine überforderte Mutter vorschnell als Mörderin abgestempelt wird. Könnte noch eine andere Person hinter dem Tod des Kindes stecken? Da ist zum Beispiel Sabrina, die junge Nachbarin, selbst alleinerziehende Mutter, die Patricks Nähe sucht und ihm nach Leons Tod Trost spendet (Zusammenfassung aus dem Tatort-Fundus).

  1. Kurzkritik

Das Team Charlotte Sänge rund Friedrich (Fritz) Dellwo wird mehr in ein Sozialdrama verwickelt, als dass es einen Fall löst.

Die Handlung ist im Prinzip das Innenleben der jungen Mutter Tamara, die möglicherweise ihren kleinen Sohn getötet hat. An ihrer Persönlichkeit wird der Film aufgehängt. Das hat von der Schauspielerin Lisa Hagemeister eine Menge abverlangt, aber sie hat es geschafft, eine packende, vielschichtige und mehr als ambivalente Persönlichkeit zu zeigen.
Der Fall wird weder gelöst noch steht die Ermittlungsarbeit im Vordergrund. Da Letzteres nicht der Fall ist, kann man sagen, Ersteres ist nicht so wichtig.
Ob die medizinische Erklärung der vielen Kindstote, in der Familie sei ein Gendefekt vorhanden, tatsächlich stichhaltig ist, kann man beinahe ad acta legen, denn der Witz ist ja gerade, dass dies nicht klar ist. In der Schlussszene sieht man die beiden jungen, vom Leben überforderten Leute, Tamara und ihren Mann Patrick, in ihrer Wohnung sitzen und man bekommt Angst um ihre kleine Tochter, das letzte verliebende Kind.

III. Rezension

  1. Tamara und ihre Welt

Selten wurde einer Figur in einem Tatort so viel Raum gegeben wie hier der jungen Mutter Tamara (Lisa Hagemeister), die plötzlich den Tod ihres Kindes melden muss. Hat sie das Kind umgebracht oder war es ein so genannter plötzlicher Kindstod? Ein solcher Tod kommt vor. Aber nimmt man ihn dieser Mutter ab? Dieser Person, die selbst noch ein Kind ist und zwischen ausdrucksloser Apathie und hysterischem Aufbegehren schwankt?

Die Meinungen zum Begriff der „multiplen Persönlichkeit“ gehen auseinander, aber dass die junge Frau traumatisiert und psychisch nicht gesund ist, daran besteht kein Zweifel. Aber wie viel Verzweiflung steckt in dieser gequälten Seele und wie viel Einsamkeit? Sie hat niemanden als ihren Mann Patrick (Tom Schilling), einen Telekom-Techniker. Selbst nicht gerade eine starke Persönlichkeit, sucht er hin und wieder bei der Nachbarin Sabrina Trost. Auch sie hat Kinder und lebt offenbar allein mit ihnen, immer im Stress. So ist das in den grauen Hochhausburgen in den schwächeren Frankfurter Stadtteilen, scheint der Film sagen zu wollen. Tamara weiß sogar von dem Verhältnis ihres Mannes Tür an Tür und wehrt sich nur einmal ganz kurz dagegen, auf ihre hilflos-körperliche Art.

Dann ist da die Mutter von Tamara, eine verbitterte und emotional in sich zusammengefallene Frau, der Vater von Tamara ist zurück in die USA gezogen, ohne sie. Und auch sie hatte ein Kind verloren, wie sich im Verlauf herausstellt.

Eine der großen Leistungen des Filmes ist es, dass die Figuren so präsent sind und uns gerade dadurch vollkommen im Unklaren lassen, was wirklich geschah. Nur, im Gegensatz zur Kommissarin Sänger, die einfach nur spürt, dass Tamara ihr Kind nicht umgebracht hat, finden wir das nicht so eindeutig. Wir können Fitz Dellwo verstehen, auch wenn wir nicht mit der Überzeugung, die ihm anfangs eignet und dann ziemlich plöztlich kippt, vermuten würden, dass Tamara ihren kleinen Sohn tatsächlich getötet hat.

Es geht dabei nicht um eine moralische Haltung, sondern darum, ob ihre Persönlichkeit eine Tötungshandlung zulässt. Vor allem die Unberechenbarkeit, mit der sie agiert, lässt jederzeit erahnen, dass sie auch körperlich werden kann. Einmal geschieht das, ihrem Mann gegenüber. Der aber auch seine Konflikte eher auf die hilflose Art austrägt und sie körperlich angreift, als er den Tod des Kindes bemerkt hat und sie ihm keine Erklärung, nicht einmal zusammenhängende Sätze gibt.

Alles dies versteht man zumindest unter Berücksichtigung der Figuren, wie sie hier gezeigt werden. Hätte Tamara ihr Kind getötet, wäre es wohl strafrechtlich kein Mord, sondern höchstens Totschlag im Affekt, vielleicht im minderschweren Fall, falls sie überhaupt für schuldfähig erklärt würde.

Der Psychologe Professor Steinkopf, der hinzugezogen wird, geht nicht diesen Weg, sondern tendiert dazu, das noch verbliebene Kind der Mutter zu erziehen – und es ausgerechnet in die Hände der gefühlskalten Großmutter zu geben, die es folgerichtig schreiend in einem Zimmer liegen lässt und die Tür schließt. Sie schlägt es nicht, das wäre auch zu viel gewesen, aber man kann sich gut vorstellen, in welchem Klima emotionaler Vernachlässigung Tamara groß geworden ist.

Man vermutet einen Gendefekt beinahe eher auf dieser Ebene. Biogenetiker gehen ja, so zumindest eine Meinung, auch darauf aus, dass erlebte Muster die Genausstattung mit beeinflussen und dass auf diese Weise das Starke wie das Schwache in die nächste Generation übertragen wird. Man braucht, wenn man es so sieht, nicht mehr über die Anteile von frühkindlicher Prägung und genetischer Ausstattung zu streiten, welche für die Persönlichkeitswerdung eines Menschen zuständig sind, es bedingt sich dann sowieso alles gegenseitig. Im Sinn der Evolutionstheorie ist das auch nicht unlogisch.

Hier hat man, wenn man dieser Ansicht folgt, das Gefühl, es wird konsequenterweise irgendwann keine Nachkommen dieses emotional und möglicherweise genetisch geschädigten Stammes geben. Die Evolution ist auf ihre Weise gnadenlos und nur das Sozialgefühl einer besser aufgestellten Umwelt kann dafür sorgen, dass diese emotionale Schwäche bis zu einem gewissen Grad kompensiert und für alle Beteiligten in erträglicher Weise gemanagt werden kann.

  1. Die langsamen Bilder und ein neues Genre

    Dies ist wirklich ein sehr langsam gefilmter Tatort. Ganz klar, man wollte die Figur der jungen Mutter Tamara in den Vordergrund stellen, nicht die Aktion und auch nicht die Ermittlungsarbeit. Die Eindringlichkeit, die dadurch erzielt wird, dass man die fehlenden falschen Fährten und sonstigen Handlungsstränge hier komplett auslässt, ist beklemmend. Für einen Moment dachten wir, die Nachbarin Sabrina könnte etwas mit der Sache zu tun haben, aber dann bleibt sie doch Nebenfigur.

Das neue Genre könnte man Sozialdrama mit Ermittlern nennen. Oder Sozialstudie im Tatort-Format. Beim Hessischen Rundfunk besonders beliebt. Dieser Part wird hier auch sehr gut gespielt. Keine Frage, dass Lisa Hagemeister als Figur Tamara den Film sehr gut trägt.

Aber er ist kein Tatort im eigentlichen Sinn. Und das könnten Leute, die in einem Tatort einen Tatort sehen wollen, irgendwann übel nehmen, dass in Frankfurt so selten konzeptionell-traditionell ermittelt und der Fall tatsächlich von einem Ermittlerteam gelöst wird.

Deswegen müssen wir dieses Mal auch nicht viel über Sänger / Dellwo und ihre allezeit kontroversen Ansichten schreiben. Die sind gar nicht so wichtig und wirken mal wieder etwas aufgesetzt. Vor allem, dass Dellwo sich so aufregt, fanden wir merkwürdig. Dass Charlotte Sänger hingegen merkwürdig ist, haben wir ja schon akzeptiert und finden das manchmal auch reizend. Nein, wir haben dem Realismus bei ihrer Darstellung abgeschworen, sonst müssten wir uns bei jedem Tatort-Krimi aus Frankfurt so sehr ärgern, wie eingefleischte Tatort-Fans es auch tun.

Aber dieses Mal wird das Ermittlerteam schon beinahe ganz geopfert, und das geht uns zu weit. Selbstverständlich hätte man Tamara nicht in solch guten Bildern und Szenen zeigen können, aber wir wissen ja, dass die Darstellung des Sozialen in einem Krimi normalerweise ein Kompromiss sein muss, schon wegen der auf längstens 90 Minuten begrenzten Spielzeit.

Hinter dem Risiko, das der HR mit seinen Filmen eingeht, steckt aber Kalkül, wir glauben nicht, dass die Soziallastigkeit nicht bemerkt wird. Es geht darum, auf dem Ticket eines sehr beliebten Formates einer möglichst großen Anzahl von Menschen ein Thema nahezubringen, das sie sich normalerweise nicht reinziehen würden. Man drängt Leuten, die möglicherweise selbst nahe an dem hier gezeigten, kleinen Milieu sind, sozusagen ihr eigenes Thema auf. Viele, die einen Tatort gerne schauen, würden sich niemals einen Fernseh-Problemfilm genehmigen, wie besonders die ARD sie zuweilen und anerkennenswerterweise auch zeigt. Also wählt man diese Hintertür, um in breiten Bevölkerungsschichten so etwas wie Problembewusstsein zu erzeugen.

Das finden wir sehr engagiert, aber in sich nicht schlüssig. Denn durch jene, die es tatsächlich betrifft, wird aufgrund eines Tatort-Krimis kein Ruck gehen, weil sie nicht die Kraft und die Freiheit dazu haben, sich selbst nicht nur zu erkennen, sondern auch etwas zu ändern. Wenn Tamara zum Beispiel einen Tatort schauen würde, in dem ihre Situation beschrieben wird, würde ihr Gesicht genauso leer bleiben, wie es manchmal auch ist, wenn sie wesentlich stärkeren Reizen ausgesetzt ist.

  1. Namenssymbolik

Man hat das sehr genau durchdacht, dieses Konzept des Sozialdramas auf dem Sendeplatz eines Tatortes. Tamara, Sabrina, Patrick, das sind in Deutschland alles Unterschichtnamen. Modenamen auch, die einige Jahre en vogue sind und dann verschwinden, die etwas über die emotionale Aufstellung und die Naivität der Eltern aussagen. Später sagen sie dann den Personalchefs etwas über das Alter der Kandidaten, ohne dass sie dafür weiter in die Unterlagen schauen müssen, und über deren soziale Herkunft aus, ohne dass diejenigen, welche die Namen oder tragen, auch nur ahnen, wie sie verortet werden.

  1. Auf der passiven Seite des Lebens

Immerhin hat Patrick einen festen Job bei einem Telekommunikationsunternehmen, für den er aber ziemlich durch die Gegend fahren muss und oft sehr müde von der Arbeit nach Hause kommt. Auch diesen kleinen, aber wichtigen Aspekt im Sozialgefüge, den haben wir nicht übersehen. Dass Menschen, die emotional und mental ohnehin begrenzt sind, auch noch die Jobs haben, die am meisten fordern und keinen Freiraum für Kreativität, für Kontemplation und eigene Projekte lassen.

Es ist viel selbstverständlicher, dass man sich findet, als unter Kopfmenschen, dass man heiratet, Kinder zeugt. Aber die Möglichkeiten, sie zu freien, innerlich reichen Menschen aufwachsen zu lassen, sind umso beschränkter.

In diesen gesichtslosen Wohnhochhäusern leben gesichtslose Menschen, die sich durch ein an Höhepunkten armes Dasein kämpfen und die dem Schicksal mehr oder weniger ausgesetzt sind – besonders, wenn es in Form eines plötzlichen Kindstodes zuschlägt. Oder auch in Form einer plötzlich begangenen Kindestötung.
Am Ende stehen wir am Anfang. Und am Anfang gab es eine Szene, die ganz seltsam war. Da sind die beiden jungen Eheleute nämlich irgendwo wandern gewesen und sie fragt ihn, ob er zu ihr halten wird. Da zu dem Zeitpunkt das Kind wohl noch nicht tot war, muss man im Grunde davon ausgehen, dass sie weiß, es wird etwas geschehen. Etwas, das sie nicht wird kontrollieren können.

Aber ihr totes Kind weist keinerlei Misshandlungsspuren auf, sie ist war leicht fehlernährt, aber nicht unterernährt. Es ehlen typische Anzeichen für die Fälle, in denen Mütter – und Väter – aus emotionaler Überforderung zu Tätern werden. So schön ist der Zuschauer selten mit einer zwiespältigen Lage allein gelassen worden, wie in diesem Tatort.

  1. Fazit

Dieser Tatort ist zum Nachdenken, weniger zur Unterhaltung. Immer solche schwierigen Themen zu zeigen an einem Sonntagabend, kurz, bevor die Leute wieder in die neue Arbeitswoche müssen, ist nicht ohne Brisanz. Wir verstehen diejenigen, die ihren Unmut darüber äußern. Aber es, nach großen Shows wie „Wetten, dass …“, der beste Sendplatz. Und das ist verührerisch für engagierte Programmmacher, die ihr Anliegen nicht nur einem Minderheitspublikum zeigen lassen wollen, das ohnehin sensibilisiert ist.

Der Tatort 698 ist allerdings eine Extremform und tatsächlich ein besonderes Genre. Als Drama siedeln wir ihn sehr hoch an, weil wir aber trotzdem nicht außen vor lassen wollen, auf welchem Sendeplatz die Filme stehen und sie deshalb auch als Tatorte bewerten müssen, halten wir unsere emotionale Betroffenheit etwas zurück – und geben 7,0/10.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Besetzung
Charlotte Sänger – Andrea Sawatzki
Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf
Jan Gröner – Sascha Göpel
Dr. Scheer – Thomas Balou Martin
Prof. Steinkopf – Götz Schubert
Patrick – Tom Schilling
Frau Albany – Johanna Gastdorf
Pfarrer – Steffen Münster
Richterin Glasfeld – Julia Jäger
Sabrina – Maria Kwiatkowsky
Tamara – Lisa Hagmeister
Christiane von Basedow – Iris Böhm
Rudi Fromm – Peter Lerchbaumer

Stab
Kamera – Armin Alker
Regie – Lars Kraume
Buch – Judith Angerbauer

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