Der hundertste Affe – Tatort 987 / Crimetime 60 / #Tatort #Lürsen #Bremen

Titelfoto © Radio Bremen, Svenja von Schultzendorff

Muttis und Mädels, Sprinkler und Murmeln

Es geht um viel: Es geht um Bremen! Ein ökoterroristischer Anschlag ist geplant und das Rennen gegen die Zeit und die Widerstände allerorten beginnt. Warum sagt Inga Lürsen in der Anfangssequenz, die in eine Rückblende übergeht, aber: „Wir haben’s verbockt?“

Der (je nach Zählweise) 987. oder 1000. Tatort mit dem Bremer Ermittlergespann Lürsen / Stedefreund dreht wieder ein großes Ding in einer „Großen Lage“, bleibt sich treu und ist doch neu – nicht nur, weil jeder neue Tatort ein neuer Fall ist. Die neue Version der Fortsetzungstatorte ausgenommen.

Der kleinste ARD-Sender ist seit Längerem darauf spezialisiert, mit die größten Räder zu drehen, wenn es um das Szenario rund um einen oder um mehrere Morde geht. Organisierte Kriminalität, Verwicklung von Staatsorganen ins Verbrechen, gerne auch Umweltthemen, aber auch soziale Tiefenforschung wie „Abschaum“ sind den Krimimachern in der Hansestadt nicht fremd. Der letzte Bremer Tatort „Wer Wind erntet, sät Sturm“ war ein Ökologie-Tatort.

An einer Stelle war zu bemerken, dass dieser Film vor dem September 2015 enstanden sein musste, also relativ lang „auf Halde“ lag, bevor er ausgestrahlt wurde. Dabei geht es nicht um die sommerliche Vegetation, die in diesem Film ohnehin selten zu sehen ist.

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Handlung

Bremen im Ausnahmezustand, die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) stehen unter Hochdruck: Eine Gruppe um die Umweltaktivistin Luisa Christensen (Friederike Becht) droht, die Stadt zu terrorisieren. Sie fordert ein Bekenntnis des Wissenschaftlers Dr. Urs Render (Manfred Zapatka) zu seinen Forschungen für einen Biotechnologiekonzern, aber Render schweigt. Die Erpresser sind zum Äußersten bereit, der eiligst einberufene Krisenstab um Leiter Helmut Lorentz (Barnaby Metschurat) und Kommissar vom Dienst Joost Brauer (Werner Wölbern) befürchtet das Schlimmste. Hilft die eigenwillige BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram) Inga Lürsen und Stedefreund beim Wettlauf gegen die Zeit?

Interview-Rezension mit Thomas Hocke

Die schnellen Assoziationen?

Endlich kommt auch Nils zum Schuss, ohne seine Dienstwaffe einsetzen zu müssen. Ich gönne es ihm sehr, wo er doch jahrelang unter der dominanten Inga leiden musste, was ihm tiefe Missmutfalten um den Mund eingetragen hat. Aber es steht ihm, ein wenig unzufrieden zu wirken. Manche Frauen finden das attraktiv, dass jemand nicht wirkt wie ein großes Baby, sondern wie jemand, der nicht nur von Mutti, sondern bereits vom Leben angefasst wurde.

Mist, dass ich den letzten Sprinkler-Fortbildungslehrgang ’14 geschwänzt hab, um lieber … meine Rückstände im Vertragswesen aufzubereiten. Ich wusste nicht, dass es jetzt Möglichkeiten gibt, mit einem Riesenhebel, der dem „Metropolis“-Fundus entnommen sein könnte, alle Sprinkler in einem Raum auszulösen. Aber ein guter Party-Gag, muss ich mir merken.  Ich dachte bisher, dazu braucht es eine Hitzeentwicklung und dann platzen diese Ampullen, die daraufhin konstruiert sind, dass sie genau das tun – und das ist das Signal für die Wasserfreigabe in einer bestimmten Zone. Oder so. Egal.

Ist es denn egal geworden, mit der Glaubwürdigkeit?

Ganz ehrlich, es wird mir von Tatort zu Tatort gleichgültiger. Die Macher haben mich geschafft. Erledigt. Mein Widerstand gegen solchen Blödsinn sinkt einfach deshalb, weil es nicht mehr darauf ankommt. Wir leben in einer Welt der Desorientierung, hat das nicht jemand im Film gesagt? Also, warum noch technische Vorgänge richtig darstellen? Da habe ich weitaus Schlimmeres gesehen, in letzter Zeit und überhaupt. Auch die alten Tatorte sind übrigens nicht immer so viel besser, sie sind nur weniger auf Kante genäht, die Fehler liegen in anderen Bereichen.

Was ist vertraut und was ist neu?

Es gibt eindeutige Benefits bei diesem 987. / 1000. Tatort. Schon beim Vorgänger hat man die Titelmusik – ich glaube, zum vierten Mal in der Tatortgeschichte – leicht renoviert, und damit doch so einen kleinen Jubiläumsbonus eingebaut. Man muss aber genau hinhören, um zu merken, dass es sich um eine neue Einspielung mit mehr Raumklang und etwas elaborierterem Arrangement handelt. Ich nehme an, die künftigen Tatorte werden alle diese modernisierte Version zeigen bzw. hören lassen.

Für Bremer Verhältnisse neu: Die Überdeutlichkeit der Sprache fast aller Figuren wirkt geradezu wie eine ironische Reaktion auf die häufigen Beschwerden über die Tonmischung und das Genuschel, das einige Bremer Tatorte so nervig gemacht hat. Angesichts der laut gesprochenen Stakkato-Sätze, die in „Der hundertste Affe“ dominieren, ergibt sich so auch eine ganz neue, eigenwillige Stimmung, die gut kommt, im Lagezentrum. Der hoch professionelle, megakonzentrierte Duktus allerseits wirkt zwar überzogen, die Bildsprache entspricht dem aber gut und der Film wirkt insgesamt recht einheitlich und konsequent.

Vertraut ist, dass es keine Stadt gibt, in der mehr Großverbrechen angesiedelt sind als ausgerechnet in Bremen. Eigentlich müsste Lürsen ein permanentes MEK / SEK haben, um dem gewachsen zu sein, aber, wie immer, ermittelt sie auch hier mit Stedefreund zusammen vor Ort allein zu zweit – nur im Lagezentrum gibt es ein großes Team und dieses Team ist toll gestrickt und gut gespielt. Eine der besten Ensemble-Leistungen, die ich bisher in einem Tatort gesehen habe. Das schließt die BKA-Beamtin ein, die selbstverständlich stört und auch eine PS-Störung zu haben scheint, aber sie ist, eine Ausnahme mittlerweile, nicht zum Vertuschen der Verwicklung ihrer Behörde, sondern wirklich des Aufklärens wegen gekommen und erzielt immer im selben Moment dieselben Ermittlungsergebnisse wie Stedefreund. Das muss zum Funkensprühen führen. Nils hat überhaupt viel Spielzeit, viel mehr Eigenständigkeit als in manch früherem Bremen-Tatort. Er  heißt wirklich Nils, irgendwo hab ich es schon einmal gelesen, aber hier nennt ihn ein Kollege auch beim Vornamen.

Das größte Plus, das größte Minus?

Die Darstellerleistungen sind klasse, es gibt keine Ausfälle, nur besonders markante Figuren wie den Einsatzleiter Lorentz, dem sogar Inga bewundernde Blicke schenkt, weil er den anwesenden Politiker (= Idiot) in die Schranken weist, obwohl die Chefin des Politikers auch seine Dienstherrin ist. Als der Einsatzleiter sich im Waschraum frisch macht, wirkt es gar nicht mehr unnatürlich, dass er unter dem Anzugshemd ein großes Tattoo trägt. Und jeder weiß, Tattoos sind nichts für Weicheier. Deswegen ist er es auch, der die Ökoterroristin zur Strecke bringt. Klar, die Figuren sind sehr konstruiert und auf sehr individuell gemacht, und der knackige Stil wird nicht immer ganz durchgehalten – vielleicht soll das auch nicht sein, weil es für den Zuschauer zu anstrengend wäre; manchmal verrutscht er auch dann, wenn die Wichtigkeit des Moments sein Hochziehen zum Maximum an Knappheit besonders einleuchtend wirken ließe. Aber das fällt auch deshalb auf, weil eben der Film so stilisiert ist und daraus einen Großteil seines Drives bezieht.

Respekt für das Drehbuch, weil es tatsächlich 90 Minuten nur der Krimihandlung dient. Einige politische Einlassungen inklusive, sonst wär’s kein Bremer Tatort (-> vertraut). Aber es gibt keine netten oder nervigen Privatsachen, es gibt keine unnötigen Nebenschauplätze.

Ärger über das Drehbuch, weil ich es nicht mag, wenn Ökoaktivisten so durchgeknallt dargestellt werden. Ich kenne einige Ökos, die etwas beängstigend Faschistisches haben, aber es sind doch Salon-Ökofaschisten. Ja, vielleicht haben sie, als sie noch ganz jung waren, mal Steine geschmissen oder wenig umweltfreundlich eine Mülltonne angezündet. Aber es gibt andere Gruppen, denen ich weitaus eher zutraue, 18 Menschen umzubringen, nur um Aufmerksamkeit zu erregen – und das vielleicht für eine Sache, die weniger hoch steht als die Weltrettung. Das hohe Ziel macht es auch schwierig, aber der Tenor ist schon eindeutig: Man darf nicht Leben auslöschen, zumal das von Unschuldigen, von Zufallsopfern, um auf die Auslöschung von Leben hinzuweisen.

Und dass Bayer bloß nicht Monsanto kauft, sonst haben wir wirklich „Sachs“ in Deutschland und vielleicht eines Tages erhöhte Terrorgefahr, denn „Sachs“ ist eindeutig Monsanto nachgebildet. Aber dass der Leverkusener Chemiekonzern sich für die Amerikaner interessiert, war im Juni 2015, als der Film gedreht wurde, noch nicht in den News. Das ist ganz tricky, weil, wenn schon die Saatgutprivatisierung und andere Dinge nicht zu stoppen sind, warum dann nicht besser auf diesem Zukunftsfeld per Zukauf unter deutscher Flagge? Und damit natürlich ethisch viel besser verteilt, als wenn die bösen Amis allein an allem schuld sind, das sind sie ja sowieso an allem, an was nicht traditionell die Deutschen schuld sind.

Mir war die Darstellung des Agrarchemiekonzerns dann doch etwas zu überzogen. Aber der gesamte Stil des Films ist nicht auf Subtilität aufgebaut, insofern ist es auch wieder stimmig. Der Hunger der Welt wird nicht beseitigt, damit der Profit steigt. Da ist sogar ökonomisch was faul, und Konzerne sollten sich doch wenigstens ihren ökonomischen Interessen gemäß verhalten.

Der frühe Drehzeitpunkt birgt noch ein anderes Geheimnis?

Ein Geheimnis ist es nicht gerade. Aber ab September ’15  hätte Lürsen sich gewiss nicht mehr über die alles aussitzende Mutti beschwert. Der Satz wäre im Drehbuch entfallen. Vielleicht hätte die Kommissarin sich sogar anerkennend über Mutti geäußert. ähnlich wie Winfried Kretschmann, der für sie gebetet hat. Und vielleicht hätte man sogar die Heydays der Flüchtlingskrise noch irgendwie eingebaut. Etwa so: Sachses ruchlose Manager sind auch daran schuld, weil die Leute einfach wegen deren Machenschaften entweder vergiftet  oder nicht satt werden. Und was bleibt ihnen dann, als sich in Bewegung dorthin zu setzen,  wo die Profiteure sitzen. Das wäre sehr parabelhaft gewesen.

Das vorliegende Geschehen hingegen wirkt eher wie das Resultat eines aus den Fugen geratenen, auf zu hohen Idealen und Erwartungen aufgebauten Vater-Tochter-Verhältnisses, wie eine Enttäuschung, die in eine Dekonstruktion mündet, und damit letztlich doch mehr persönlich als politisch. Die hehren Ziele sind ein Vorwand, um das entgleiste Ich freidrehen zu lassen. Ich habe mir dann einfach Menschen gedacht, die tatsächlich die schlimmsten Orte der Welt kennen und sich, befeuert durch ihre ohnehin kritische innere Struktur, maximal radikalisieren.

Möglich ist das, aber, siehe wieder oben, aber es gibt gute Gründe dafür, Ökos nicht als dermaßen getriebene Terroristen zu zeigen. In die Wertung wird diese Ansicht allerdings kaum einfließen, weil ein Szenario wie dieses immer denkbar ist, wo Menschen, aus welchen Gründen auch immer, ihre Tötungshemmung verlieren. Es zeigt aber, dass Extremismus auch Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung sein kann.

Fazit?

Ein Tatort mit großen Stärken und markanten Schwächen, aber einer der überzeugendsten Bremer, die ich bisher gesehen habe – die frühen Filme des Teams werden leider kaum wiederholt, sodass ich noch eine ziemlich Lürsen-Stedefreund-Lücke habe, aber gemäß Bewertungen im „Tatort-Fundus“ scheinen sie nicht so spektakulär gewesen zu sein wie „Der hundertste Affe“.

Ich konnte auch emotional stellenweise mitgehen und war immer fasziniert und nie gelangweilt, weil die Handlung zwar ein Bandwurm ist, die Dramaturgie auf einem Hochplateau liegt, aber die Charaktere funktionieren. Die Handlung zeigt sich nicht mit mächtig schroffen Spitzen und chilligen Wiesentälern mit Hunden und Mutter-Tochter-Geplänkel oder Lürsen basht Stedefreund, aber der Trend spiegelt sich. Und der geht unter anderem weg von zu viel Nebensächlichkeiten und fordert die Drehbuchautoren, weil sie nicht Spielzeit mit netten Kleinigkeiten jenseits der eigentlichen Handlung füllen können.

Man profiliert sich beim RB über große Szenarien und eine Annahme, die überzogen wirkt, weil Bremen vermutlich nicht bevorzugter Schauplatz politisch-terroristischer-organisationskriminalistischer Katastrophen wird, aber, und das habe ich schon in anderen Bremen-Kritiken geschrieben: Stilistisch sind sie immer ziemlich vorne dabei.

Und das andere kann man ihnen nicht seshalb ankreiden, weil man es in Berlin als mehr am Platz empfindet.

Wertung: 7,5/10

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Sabine Postel (Inga Lürsen), Oliver Mommsen (Stedefreund), Friederike Becht (Luisa Christensen), Franz Pätzold (Sven Render), Barnaby Metschurat (Helmut Lorentz), Werner Wölbern (KvD Joost Brauer), Luise Wolfram (Linda Selb), Camilla Renschke (Helen Reinders), Johannes Allmayer (Claas Beckmann), Matthias Brenner (Dr. Katzmann), Anna Stieblich (Renate Bütow), Conrad F. Geier (Jürgen Cassdorf), Manfred Zapatka (Dr. Urs Render), Knut Berger (Rolf Brosig), Jerry Hoffmann (Dabo Fofana), Sebastian Zimmler (Tom Vegener)

Regie: Florian Baxmeyer, Drehbuch: Christian Jeltsch

 

 

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