Reform des Urheberrechts ist beschlossen // #EU-#Urheberrecht #Internet #Kreative #Verlage #AxelVoss

Kommentar 82

„“Fairer Ausgleich” für Verleger oder “schwerer Schlag für digitale Pioniere”: Reaktionen zur EU-Urheberrechtsreform?“, titelt MEEDIA und schreibt weiter:

„Am Mittwoch stimmt die Europäische Kommission über die Reform des EU-Urheberrechts ab. Befürworter sehen mehr Schutz für Kreative und Verlage, Gegner das Ende von Meinungsfreiheit und -vielfalt im Internet: Das EU-Parlament hat mit der Reform des Urheberrechts heute für die Einführung des umstrittenen Leistungsschutzrechts gestimmt. Angeboten wie Google News ist es dann nicht mehr erlaubt, Ausschnitte von Pressetexten ohne Einwilligung der Verlage anzuzeigen und für Verstöße haften.“

 Das NetzDG, die DSGVO – alles Regelungen, die das Gefühl vermitteln, die „Kleinen“ im Internet, nicht die Konzerne werden angegangen, die Nutzer, nicht die Profiteure – ist das bei neuen Urheberrecht anders?

Was wir für eine Zeit in die Datenschutzerklärung gesteckt haben, nur um alle naslang darauf hinweisen zu müssen, dass wir eh nicht wissen, was Facebook & Co. nun wirklich mit den Daten unserer „Zugreifer“ machen, wenn sie ihrer habhaft werden, ist ein Witz. Und demnächst muss nochmal nachgebessert werden, wie’s aussieht. Das NetzDG kann ich mir nicht so angewendet vorstellen, dass es einigermaßen ausgewogen und nicht willkürlich zensierend wirkt. Es ist eine Zensur, da brauchen wir uns nichts vorzumachen.

Beim  Urheberrecht bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits finde ich es toll, dass das Internet so viel bietet, und das nur gegen die Preisgabe eigener Daten. Andererseits: Jeder eigenen Content erstellt, wird sich über die neue Regelung freuen. Sicher wird der Wahlberliner nicht an der Spitze der neuen Monetarisierungspyramide stehen und ob das, was wir als eigenständigen Inhalt posten, überhaupt als „verlegt“ gilt, kann ich noch nicht bewerten. Aber grundsätzlich: Glauben die, die immer alles umsonst wollen wirklich, die Menschen werden innovativer, wenn sie keine Rechte mehr an dem haben, was sie entwickeln oder verfassen? Es gibt einige, die aus reiner Eitelkeit unterwegs sind, aber die Art, wie heute im Internet mit dem Wert geistiger Leistungen umgegangen wird, wirft einen langen Schatten auf das gesamte Wirtschaftssystem und auf unsere Einstellung als Konsumenten. Ich verspreche mir durch die Neuregelung bestenfalls einen Haupteffekt, den die meisten im Moment nicht einmal als Side-Effekt im Blick haben dürften.

Unzufriedenheit mit der eigenen Situation?

Sehr richtig. Die meisten halten sich doch in dieser immer mehr prekarisierten Digitalwelt nur über Wasser, weil sie umsonst das nutzen, was andere kostenlos herstellen. Qualitativ, quantitativ und bezüglich es linken Narrativs von der „Guten Arbeit“ ist das unhaltbar. Schlimm genug, dass viele von uns nicht mehr genug verdienen, um faire Paywalls zu überwinden. Ich ärgere mich über jede Paywall, weil ich so viel auswerte, aber ich weiß auch, dass das ganze System schief hängt, sonst würde ich mich nicht so ärgern.

Alle deutschen Parteien haben die Stärkung des Urheberrechts in ihren Programmen verankert, auch meine, auch die FPD, die CDU, die Grünen. Alle müssten jetzt also konstatieren, dass ihnen zusammen ein Werk gegen die Ausbeutung im Internet gelungen ist und nicht tutn, als sei ausgerechnet mit dieser Regelung die Meinungsfreiheit hinieden gegangen. Aber wirklich vorangetrieben hat die Sache der in dieser Angelegenheit sehr kämpferische CDU-Politiker Axel Voss, dem ich an dieser Stelle für sein Engagement ausdrücklich danken möchte – wobei mein Hauptinteresse diesbezüglich mehr bei meinem fiktionalen Schreiben als beim Blogjournalismus angesiedelt ist.

Die Meinungsfreiheit ist nach meiner Ansicht nicht allein durch diese Regelung gefährdet, da spielt eher das NetzDG eine hinderliche Rolle. Besserer Schutz des Urheberrechts hindert ja nicht daran, seine Meinung auf Facebook oder Twitter zu äußern.

Das ist doch auch wieder in Partikularismus gedacht.

Wer mitverfolgt, wie eine für die Kultur so wichtige Branche, die Verlagsbranche, ums Überleben kämpft, weil keiner mehr für geistige Leistungen zahlen will oder kann, der darf hier nicht neutral bleiben. Künftig wird eben wieder mehr eine Entscheidung gefordert sein. Bin ich mehr aus geistigen Erkenntnisgewinn als auf Konsumprodukte aus? Und das ist gut so. Es geht um den Schutz der Lesekultur, nicht mehr und nicht weniger. Es ist furchtbar, mitanzusehen, wie dieses alles umsonst natürlich auch den Wert des Lesens zerstört, denn dass als wertvoll nur gilt, was kostet, das ist ja doch in uns drin, weil es fair ist, Arbeitsleistungen zu entlohnen. Was sich nicht entlohnen lässt, kann ja nichts wert sein.

Witzig finde ich besonders diese Piratentypen, die im Netz allen Content umsonst wollen und ihn dann mit einem komplett überteuerten Apple-Gerät lesen. Nicht nur die Hardware, mit der man angeben kann, zählt im Leben!

Vieles wird von den Verlagen sowieso weiterhin freigestellt werden, weil sich auch mit dem neuen Recht manche Inhalte nicht fair oder auch gar nicht monetarisieren lassen werden. Ich halte übrigens für Menschen, denen es finanziell nicht gut geht und die auf staatliche Leistungen angewiesen sind, eine Budgeterhöhung um einen bestimmten noch festzulegenden Betrag zwecks Buchung bezahlter Leistungen im Internet für wesentlich besser, als die Kreativen mit Almosen abzuspeisen. Vielleicht hat das auch positive Auswirkungen darauf, wie die miniprojektbezogene Plattformökonomie betrachtet wird.

Aber wie war das mit der eigenen Situation, nicht auf uns, die Content-Ersteller bezogen, sondern auf die Nutzer.

Der Piratenansatz, niemand kann sich mehr was leisten, also müssen alle umsonst arbeiten, den fand ich immer schon schräg und antilinks und hochgradig neoliberal – eine Abwärtsspirale, die weite Teile der neuen Arbeit prekarisiert.

Genau anders herum muss es laufen. Und wenn plötzlich die Menschen nicht mehr an alles herankommen, dann fangen sie vielleicht wieder mehr an, sich zu fragen, ob das an den bösen Verlagen und Autoren liegt oder daran, dass die Billigkonsumkette einmal, bisher nur ein einziges Mal durchbrochen wurde und die Konsequenz nur sein kann, Menschen allgemein fairer zu entlohnen, damit sie für gute Beiträge auch wieder ein paar Cent zahlen können. Ich ärgere mich im Grunde ja nicht darüber, dass es moderat ausgestaltete Paywalls gibt, schließlich bin ich in einer Zeit groß geworden, in der faire Bezahlung noch die Regel war, sondern darüber, dass ich mich nicht so aufstellen kann, dass ich an diesem fairen Austausch teilnehmen kann.

Das liegt bei den Auswertungen für den Wahlberliner natürlich an der schieren Menge und daran, dass ich sehr viele unterschiedliche Quellen nutze, die ich unmöglich alle mit einer Paywall bedienen kann. Ich glaube aber, da wird es auch weiterhin eine große Vielfalt geben. Dafür haben Menschen vielleicht wieder mehr Lust, an wirklich hochwertigen Projekten zu arbeiten, die für andere echten Erkenntnisgewinn bringen.

Auch für mich selbst ist das Thema noch nicht beendet, aber das Obenstehende ist mein erstes Gefühl zur neuen Regelung, von der ich befürchtet habe, sie kommt gar nicht. Ich bin gespannt, wie die US-Internetkonzerne reagieren und ob manches weiterhin umsonst sein wird, von dem genau dies bisher so treuherzig behauptet wurde.

TH

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