Wo in Deutschland Rechte aufmarschieren (Berliner Morgenpost) // #Chemnitz #Dresden #Berlin # @morgenpost

Medienspiegel 72

Die Berliner Morgenpost, berühmt für ihre interessanten interaktiven Grafiken, hat ein Schaubild erstellt, das ausweist, wo in Deutschland die Rechten ihre Aufmärsche inszenieren.

Zeit, nach Chemnitz etwas differenzierter zu denken?

Leider endet der Erfassungszeitraum im Juni 2018, sodass das Chemnitz, also die Demonstrationen vom 26.08. bis im Wesentlichen zum 05.09.2018, noch nicht erfasst sind. Ansonsten wären für Chemnitz sicher nicht „moderate“ 1905 Teilnehmer von 2013 bis 2018 ausgewiesen, sondern ein Mehrfaches und Chemnitz würde vielleicht das ostdeutsche Ranking anführen – falls man alle Demonstranten, die gegen den Tod von Daniel H. protestiert oder seinetwegen unterwegs waren als Rechte einstuft. Die Gesamtzahlen, welche die Morgenpost ausweist, lassen eher auf eine enge Definition schließen.

Ja, im Osten sind die Rechten mehr unterwegs, das ist wohl recht eindeutig. Aber der Grund ist im Wesentlichen nicht, dass in den größeren Städten wie Dresden Großdemos stattfinden, sondern, dass es dort viel mehr in die Fläche geht als im Westen. Man kann das als eine stärkere Durchwirkung des gesamten Gebietes der neuen Bundesländer mit rechten Zellen ansehen. Es gibt aber auch im Westen einen Hotspot, und das ist das Ruhrgebiet. Der  Zusammenhang mit sozialen Problemen und auch mit negativen Aspekten der Immigration erscheint eindeutig: Nirgends sonst im Westen wurde eine Region so von der vollkommenen Zerstörung ihrer früheren wirtschaftlichen Basis durchgeschüttelt und gibt es gleichzeitig eine solche Ballung des Clanwesens wie in diesen Städten.

Einer unsrer nächsten längeren Beiträge wird die Analyse einer Diskussion zu „Aufstehen“ am 05.09.2018 im Berliner Kino „Babylon“ sein, bei der es auch darum ging: Wo ist eigentlich links geblieben und was ist links? Im Ruhrgebiet lässt sich das klassisch veranschaulichen: Die Arbeiterschaft, die traditionell SPD gewählt hat, hat sich quasi aufgelöst und gleichzeitig sind Teile mancher Städte, besonder Duisburg und Dortmund, durch Fehler bei der Immigrationspolitik und den Niedergang der alten Wirtschaft – ich will ein bestimmes Wort nicht verwenden, daher schreibe ich: zu sozialen Brennpunkten geworden. Ganz besonders trifft das auf Stadteile von Dortmund und Duisburg zu und genau dort sind die Zentren rechter Aufmärsche im Westen angesiedelt.

Die gesellschaftliche Linke sagt: Ja, die Kohle, die musste mal enden, das ist ökologisch richtig. Das ist richtig, der Meinung bin ich auch. Aber wo sind die Alternativangebote für Menschen, die jahrzehntelang dieses Land am Laufen hielten und für ihre Nachfahren und wie ist man mit ihren Lebensräumen umgegangen? Diesen Menschen kann man nicht damit kommen, dass ja nun ersatzweise alle einander heiraten dürfen.

Das ist pointiert, schon klar, aber es zeigt, wo die Frontlinien auch innerhalb dessen verlaufen, was „links“ eigentlich darstellt oder darstellen kann. Der notwendige und richtige gesellschaftliche Wandel wird von der herrschenden Politik schon lange nicht mehr sozial abgefedert und darin liegt das Hauptproblem für das Erstarken der Rechten begründet.

Interessanterweise, das will ich nicht verschweigen, gibt es eine Stadt in Westdeutschland, in welcher mehr rechte Demonstranten gezählt wurden als in den beiden Städten des Ruhrgebiets (einzeln, nicht zusammen): München. Der soziale Faktor greift hier sicher nicht als Haupterklärungsmuster, aber München ist offensichtlich ein Ausnahmefall. Ob da bereits eine Rolle spielt, was auch gestern auf der Mieter-Demo zu bobachten war, kann ich hier nicht belegen oder negieren, aber selbst in dieser Wohlstandszone schießen die Mieten so davon, dass sich der Mittelstand tatsächlich auf die Straße begibt. Ich habe mir die Teilnehmer ein wenig angeschaut. Da waren viele dabei, die ansonsten eher ruhige Zeitgenoss_innen sein dürften, das Publikum ist anders als das, das sich in Berlin immer wieder aufmacht zum Demonstrieren (Berlin sieht mittlerweile 5000 Demos pro Jahr, also fast 14 pro Tag).

Dass wir davon, gleich ob München oder im Ruhrgebiet oder in Berlin, nicht so viel mitbekommen, liegt wohl darin begründet, dass auch kleinste Gruppenansammlungen mitgezählt werden – sonst könnte nicht die durchschnittliche Demo-Größe bei etwa 100 Teilnehmer_innen liegen. Und in Berlin natürlich auch an der schieren Menge an Demos aller Art und aller Interessengruppen.

Demgemäß relativiert sich auch das Aufkommen in der tatsächlichen Hauptstadt der rechten Demos, die ja auch sonst Hauptstadt ist: Berlin. Die 14905 Demonstrant_innen verteilen sich auf 219 Veranstaltungen, also entfallen auf jede Veranstaltung 68 Personen.

Steht Sachsen, steht etwa Dresden so im Fokus, weil es dort viel weniger Demos gibt, aber pro Demo 168 Menschen unterwegs sind, was vielleicht schon eher als ein  kleiner Aufmarsch auch medial wahrgenommen wird., in einer zudem ansonsten ruhigeren Umgebung? Diese Durchschnittszahlen sagen natürlich nichts darüber aus, wie die Verteilung ist. Zwei Großdemos mit je 2000 Teilenehmern und der Rest kleinere „Zuammenrottungen“? Oder eher eine gleichmäßige Größe? In Berlin, so mein Eindruck, ist es eher die Vielheit bei gleichzeitiger Begrenztheit der Größenordnung, die dafür sorgt, dass rechte Demos hier nicht zu den Zentralthemen gehören. Freilich, und das weist die Zahl der Demos aus allen Richtungen aus, haben wir hier auch besonders viele andere politische Themen, welche die Berichterstattung über Berlin dominieren und zudem ist die Zahl rechter Demo-Teilnehmer in Relation zur Einwohnerzahl der der Stadt geringer als in vielen anderen Städten. Die Wahrnehmung bestimmter Gegenden wird allerdings auch durch die dort stattfindenden Gewalttaten bestimmt, und die konzenrieren sich in der Regel auch eher dort, wo viele Rechte unterwegs sind im öffentlichen Raum.

TH

 

 

 

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