Hundeleben – Tatort 563 / Crimetime 91 // #Tatort #Hundeleben #Ballauf #Schenk #Köln #Koeln #WDR #Tatort563 #TatortHundeleben

Crimetime 91 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Auf der Überholspur oder in der Umlaufbahn, von der Zentrale aufgegeben?

Es gibt sie noch, die Premieren, die nicht Sonntags stattfinden. Die älteren Tatorte, die wir bisher nicht gesehen haben. Heute ist es wieder mal ein Kölner. Da Ballauf und Schenk, die Helden der sozialen Dialektik unter den Tatort-Teams, schon 71 Fälle gelöst haben, kann das passieren, denn wir haben ja erst ca. 650 von derzeit 1065 Tatorten angeschaut. „Hundeleben“ hat ein Zentralthema, das in den Folgejahren zu einem Stoff wurde, aus dem die Alpträume der Sozialpolitiker gestrickt waren. Und der ein Gesellschaftstrauma zutage treten ließ: Warum gehen wir mit unseren alten Menschen so furchtbar miserabel um und geben sie einem Notstand anheim, als wollten wir sie für etwas büßen lassen, was wir nicht auszusprechen wagten, wofür wir uns aber durch diese schlechte Behandlung unserer Vorfahren zu rächen gedachten?

Daraus hat man in Köln einen engagierten, niemals flachen, sondern recht hintergründigen Tatort gemacht, der freilich nicht ohne Übersteigerungen und gewagte Konstruktionen auskommt, um in 90 Minuten vom Leben jenseits einer eigenständigen, selbstbestimmten Zukunft zu erzählen und dabei noch eine Krimihandlung einzuflechten.

Handlung

Max Ballauf und Freddy Schenk ermitteln im Altenheim. Die Ärztin des Seniorenstifts „Abendrot“, Dr. Rose Lang wurde ermordet. Ausgerechnet im „Abendrot“ hat Freddy Schenk auch seine Großmutter Margot untergebracht – gegen ihren Willen. Jetzt plagt ihn das schlechte Gewissen. Im „Abendrot“ muss der Kommissar feststellen, dass das Pflegepersonal des Seniorenstifts vollkommen überfordert ist und nur dazu kommt, die Bewohner mit dem Nötigsten zu versorgen.

Durch diesen Missstand war es offensichtlich auch zu Spannungen zwischen Dr. Lang und der Pflegerin Tatjana Riegelsberger sowie der Heimleiterin Erika Schubert gekommen. Nach dem jüngsten Todesfall einer Seniorin, hatte die Ärztin deutliche Kritik am Pflegenotstand im „Abendrot“ geäußert. Der Heimbewohner Kehl ist überzeugt, seine Frau hätte gerettet werden können, wäre nur rechtzeitig Hilfe zur Stelle gewesen. Da stirbt vollkommen überraschend ein weiterer Heimbewohner, Konstantin Baumeister. Ausgerechnet mit ihm hatte sich Margot Schenk gerade angefreundet.

Aus der Vorschau

Gemäß der Rangliste des Tatort-Fundus ist er die Nr. 24 von 71 alle Ballauf-Schenk-Filme, also am oberen Rand des mittleren Drittels in der Gunst der Tatort-Fans angesiedelt, allerdings hat die Wiederholung ihn auf Platz 27 zurückfallen lassen, diejenigen, die jetzt erst bewertet haben, sind unter dem bisherigen Durchschnitt geblieben.

Das Thema Pflegenotstand ist ein Dauerbrenner: Den gab es vor fast 15 Jahren schon. Wie lang das doch dauert, bis die Politik sich wenigstens um ein paar Zentimeter bewegt, wie es derzeit mit einer Besserstellung der Pfleger_innen mit einem erhöhten Mindestlohn und mit der Schaffung einiger neuer Stellen der Fall ist. In die falsche Richtung ist die Politik immer viel schneller unterwegs. Das Jahr 2004, wir erinnern uns, war das zweite der Agenda 2010, der Kanzler hieß noch Gerhard Schröder. Es handelt sich also bei „Hundeleben“ um einen prähistorischen Tatort.

Dass man sich am Titel eines berühmten Films von Charles Chaplin („Ein Hundeleben“, 1918) orientiert hat, muss für die Handlung nicht unbedingt etwas bedeuten, aber man hat als Liebhaber der Kinohistorie gleich Bilder im Kopf, die den damals schon Dollar-Millionär Chaplin zeigen, wie er mit einem kleinen, gescheckten Hund zusammen als Obdachloser vagabundiert.

Rezension

In der Vorschau haben wir Max und Freddy auch als die Helden der Sozialdialektik bezeichnet und das trifft hier den Nagel auf den Kopf oder sogar mehrere Nägel mit einem Schlag. Nicht nur, dass die beiden Kölner Cops miteinander diskutieren, wie das mit der Einsamkeit, dem Alter, dem Altenheim ist, nein, Freddy schafft es nicht, einen Hund ins Tierheim zu bringen. Damit, seine Oma ins Altersheim abzuschieben, hatte er aber keine Probleme.

So einfach ist das leider nicht. Nichts ist einfach, in diesem Tatort und ich kann verstehen, dass heutige Zuschauer, die wirklich von allem  nur noch genervt sind gerne Antworten hätten, damit nicht so gut klarkommen. Zum Beispiel Freddys Verhalten: Der Hund ist jung und gesund und sehr anhänglich, die Oma hat häufig Haushaltsunfälle, vor denen der vielbeschäftigte Polizist sie nicht bewahren kann und offenbar kümmert sich auch die Zwischengeneration nicht besonders um die alte Dame, zudem ist sie eigenwillig und schnell beleidigt. Am Ende holt Freddy sie aber wieder aus dem Heim und bei dem Heim muss das wohl so sein, da kann man niemanden drin lassen, zumal am Ende von den wenigen Pflegekräften die wichtigste fehlt, weil sie von der Polizei mitgenommen wird.

Diese privat und beruflich total überlastete Pflegerin wird von Anneke Kim Sarnau sehr gut verkörpert und sie hat zu Recht mittlerweile eine eigene Schiene beim Polizeiruf 110. Sie ermittelt mit Charly Hübner zusammen in Rostock, und sorgt mit dafür, dass die Polizeiruf-Filme oft bessere Kritiken bekommen als die  nicht selten stark überzüchteten Tatorte.

War nun dieser Film aus 2004 auch überzüchtet? Überspitzt ist vielleicht der bessere Begriff. Es gab und gibt wohl immer wieder Fälle, in denen Seniorinnen etwas schneller ins Jenseits befördert werden, als es dem natürlichen Gang der Dinge entsprochen hätte oder bei guter Pflege der Fall gewesen wäre. Sowohl die Situation des Pflegepersonals als auch die alten Menschen werden auf sehr pointierte Art gezeichnet und was dabei herauskommt, ist ziemlich krass böse und gleichzeitig berührend. Selten bin ich bei einem Tatort in letzter Zeit so mitgegangen, obwohl mir schon beim Anschauen bewusst war, dass die Übersteigerung dazu führen könnte, dass die Absicht des Films eben nicht erreicht wid, nämlich Verständnis für die Senior_innen und die Pfleger_innen gleichermaßen zu wecken.

Um das Potenzial an Skurrilität auszuschöpfen, das ein solches Heim bietet, lässt man gleich mehrere der Bewohner mit ziemlich extremen Ticks durch die düsteren Gänge wandeln, wobei der Herr Kehl mit seiner Raumstation, die von der Zentrale aufgegeben wurde, den Spitzenplatz innehat, gefolgt von dem Ex-Trucker, der sich immer noch auf der Autobahn wähnt – und interessanterweise auf der Überholspur. Die bereits demente Dame, die ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel emotional nicht mehr durchsteht, ist hingegen einfach nur traurig und bemitleidenwsert und wird von einer Ex-Junkie vor dem Ertrinken bewahrt. Une ancètre, sauvé des eaux, aber sie wird keine lebenslustige Nervensäge mehr werden, sondern bleibt eine unberechenbare und fordernde Person, dem weiteren Verfall anheimgegeben.

Der Herr Kehl hingegen ist durchaus noch kräftig, wie sich am Ende herausstellen wird und seine Raumstation, das ist das Heim selbst und die Zentrale, das ist die Gesellschaft, die ihre Alten dort abgibt und sie damit aus der Welt entfernt und vergisst – wie die Pflegesituation zeigt, diese Chiffre für den miserablen Umgang und die Vernachlässigung älterer Menschen in einer Zeit, in der die Älteren die Jüngeren allerdings auch zu solchen Egoisten erzogen haben – nicht immer absichtlich. Und am Beispiel von Freddy sehen wir auch, so einfach ist diese Zuschreibung nicht. Hingegen war es wohl schon 2004 ein Skandal und ist es immer noch, wie unterausgestattet und durchkommerzialisiert das ist, was eine schöne Ruhezone für diejenigen sein sollte, die mit ihrem eigenen Zerfall und ihrer zunehmenden Gebrechlichkeit genug zu kämpfen haben.

Der Fall tritt hinter dem schwerlastigen und stellenweise doch heiteren und sogar mit einer Seniorenromanze bereicherten Darstellung des sozialen Themas zurück. Dies Ausrichtung ist nicht neu und vielen Köln-Tatorten mehr oder weniger eigen und die Verdichtung, dass Freddy seine Großmutter ausgerechnet in so ein mörderisches Heim abgibt, eine typische Tatort-Verdichtung. Und ob noch unbedingt der forsche Ich-AG-Unternehmer da rein musste, nur, um die Unterschiede zwischen Sozialmenschen und allen anderen nochmal stärker herauszuheben, ist zweifelhaft. Angesichts dessen, was mittlerweile aber alles an Absurditäten in den Filmen der Tatort-Reihe untergebracht wird, sollte man allerdings nicht auf maximalem Realismus bestehen.

Dass jedes Verbrechen, ein Totschlag, ein Mord, möglicherweise ein schwer zu bewertender Fall von unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge, letztlich einen anderen Täter oder eine andere Täterin findet, wirkt etwas verwirrend, passt aber zu dem düsteren und emotional wie beruflich-fachlich chaotischen Szenario viel besser, als wenn ein Mastermind am Werk gewesen wäre, der in dieser Vorhölle, wie Freddy das Heim richtigerweise nennt, den Überblick gehabt hätte.

Fazit

Ich fand es sehr spannend, den Alten und den Pflegekräften zuzuschauen und wie Freddy und Max sich in diesem Szenario bewähren. Für mich ist das ein Bär-Sarnau-Film, wenn man es von den wichtigsten Rollen aus betrachtet. Klaus J. Behrendts Mimik ist mir stellenweise etwas zu stark ausgeprägt und nicht ganz passend und weist auf etwas hin, was mich die ganze Zeit über leicht irritiert hat: Es sind keine direkten Schnittfehler, aber Aktion und Reaktion der Figuren von Szene zu Szene wirken manchmal etwas schräg, als wenn da mittendrin etwas fehlen würde. Der Sinnzusammenhang ist dabei nicht entstellt, aber die Interaktion wirkt dissonant und es fällt schwer, dem Film diese Eigenart als Stilmittel gutzuschreiben, weil er insgesamt nicht auf Kunstkino getrimmt ist, sondern die typische Erdenshwere der meisten Köln-Tatorte aufweist.

Trotzdem halte ich „Hundeleben“, in dem alle mehr oder weniger leben wie ein Hund und schlimmer als der einzige Hund im Film, der von sich aus dafür sorgt, dass er beachtet wird, für einen immer noch sehr ansehnlichen und wichtigen Tatort, denn wohl nie zuvor wurde das Thema Pflege so ausführlich und eindrucksvoll in einem deutschen Krimi gezeigt. Und es ist nun einmal so, dass sich der Tatort mit seinen hohen Zuschauerzahlen besser als jedes andere Format eignet, auf solche Themen aufmerksam zu machen. Die Premiere von „Hundeleben“ hatte etwa 7,5 Millionen Zuschauer, für heute Verhältnisse wäre das unterdurchschnittlich, aber Mitte der 2000er war das Format in der Neuausrichtung begriffen, hatte nicht mehr den verstaubten Touch der späten 1980er und frühen 1990er, aber auch nicht den  Kultstatus der 2010er. Ballauf und Schenk haben viel dazu beigetragen, dass die Reihe sich bis heute hält, denn nach ihrem Start sieben Jahre vor „Hundeleben“ gehörten sie sofort zu den Publikumslieblingen.

8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Margot Schenk – Helga Göring
Konstantin Baumeister – Otto Mellies
Herr Kehl – Rudolf Wessely
Tatjana Riegelsberger – Anneke Kim Sarnau
Peter Riegelsberger – Frank Köbe
Erika Schubert – Pola Kinski
Marlies Kahane – Anne Cathrin Buhtz
Thomas Kahane – Antoine Monot jr.
Frau Lübschen – Katharina Tüschen
Emma – Natascha Hockwin
Astrid – Ingeborg Westphal
und andere

Musik – Lutz Kerschowski
Kamera – Peter Przybylski
Buch – Nina Hoger
Regie – Manfred Stelzer

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