Herrenabend – Tatort 799 / Crimetime 131 // #Tatort #Münster #TatortMünster #Thiel #Boerne #Herrenabend #Tatort799 #TatortHerrenabend #WDR

Crimetime 131 - Titelfoto © WDR, Will Weber

Vorwort 2018.

Die Rezension zu „Herrenabend“ war die 13. innerhalb der „TatortAnthologie“ des ersten Wahlberliners und entstand im Sommer 2011. Sie war in ihrer Länge auch für damalige Verhältnisse ungewöhnlich, es kam erstmalig zu einem Austausch mit einem Leser und außerdem zu einem Nachtragsbeitrag, den wir hier einbinden, ebenso wie die Kommentarserie mit besagtem Leser. Ach ja, unsere erste Kritik zu einem Münster-Tatort war es ebenfalls und jeder weiß, Münster wird umfassender rezipiert als jede andere Tatort-Stadt. Auch quotenmäßig, das haben wir unter anderem im Nachtrag gewürdigt.

Wir nehmen hier die Gelegenheit wahr, anders als bisher die älteren Rezensionen nicht wenigstens optisch dem heutigen Modus anzupassen, sondern lassen sie genau so stehen, wie sie war. Das betrifft auch die Rechtschreibung und den Stil, den der Wahlberliner damals gepflegt hat. Es ist, als wenn ein alter Tatort unrestauriert gezeigt wird, oder? Durch diese Zusammmenschau entsteht auch die bisher längste Rezension in der Rubrik „Crimetime“, aber Münster ist ja für Fans, die stehen sowas durch.

  1. Inhalt

Der Mord an dem Geschäftsmann Arno Berger gibt Kommissar Thiel Rätsel auf. Denn die am Tatort sichergestellten Fingerabdrücke stammen von dem Spitzenpolitiker Rüdiger Klarbach, obwohl das eigentlich gar nicht sein kann: Der ehemalige Staatssekretär im Wirtschaftsministerium war vor eineinhalb Jahren bei einem Hausbrand in Südafrika ums Leben gekommen. Prof. Boerne persönlich hatte damals den Totenschein ausgestellt. Und als wäre dies nicht  genug Stress, muss der Rechtsmediziner nun auch noch der Steuerprüferin Leonie Krassnik Rede und Antwort stehen. Thiel ermittelt derweil im direkten Umfeld des Mordopfers. Zuletzt gesehen wurde Berger bei der Feier seines überaus umtriebigen Geschäftsfreundes Hans Lüdinghaus. Auch die Familie des verstorbenen Staatssekretärs wird observiert. Insbesondere Klarbachs Tochter Nele reagiert auf den Besuch der Polizei äußerst ungehalten (Zusammenfassung aus dem Tatort-Fundus).

  1. Kurzkritik

Was im realen Leben so schwierig ist, schon wegen der oft schwierigen Verchuldensnachweise in komplexen Systemen, hier, schön vereinfacht, funktioniert es. Alle Kapitalistenschweine werden erwischt und bestraft, bis auf eines, das flieht zum Flughafen.

Ist das jetzt wieder ein richtiger, handfester Krimi, oder überwiegt auch hier wieder das Thema? Die Bankenkrise, verbranntes Geld allerorten, Subventionsbetrug in großem Stil und immerhin ein Mord, der eine Kettenreaktion auslöst und ein Netzwerk innerhalb von Politik und Wirtschaft offenlegt, bei dem Kommissar Thiel nebenbei eine hübsche Steuerfahnderin kennen lernen darf.

Dr. Boerne hingegen hat dieses Mal viel Stress. Zuerst steht sein Ruf infrage, weil es scheint, als habe er die Identität einer Leiche falsch zugewiesen, am Ende muss er feststellen, dass eine großzügig gemeinte Selbstanzeige wegen Papieren, die ihm von einem verstorbenen Verwandten überlassen wurden, verpufft. Es handelt sich dabei um Zertifikate just jener Scheinfirma, die gerade als solche enttarnt wurde.

Da ist manch etwas plakativer Gag drin, aber insgesamt ein handlungsorientierter Tatort, der das Gleichgewicht zwischen Familiendrama und Kriminalfall besser wahrt als in den letzten Folgen zuvor.

Auch die Möglichkeiten zur Unterhaltung, die im Ermittlerteam beziehungsweise in dem Quartett Thiel, Boerne, dessen Assistentin Haller und der Staatsanwältin Klemm angelegt sind, haben sich verändert. Der überragende Wortwitz früherer Folgen ist einer eher situativen Komik gewichen. Offenbar hat man auf die Kritik an den letzten Exemplaren der Münster-Reihe reagieren wollen und der Handlung mehr Aufmerksamkeit gewidmet.

Thiel hat an Statur gewonnen, gegenüber früheren Tatorten der Münster-Serie. Er ist unnachgiebig, schnell, entschlossen, dieses etwas prollige Verhalten gegenüber Boerne, das zuletzt zu sehen war, ist zwar generell geblieben, aber es löst sich wenigstens in hintergründigem Humor auf. Noch fieser als bisher, genau wie die diebische Freude darüber, dass Boerne möglicherweise einen „Kunstfehler“ begangen hat. Thiel wirkt dadurch sehr bissig, zuweilen unkollegial, aber immerhin nimmt er Boerne insofern ernst, als er dessen Erkenntnisse umgehend für die Ermittlungsarbeit einsetzt. Es macht ihm eben Spaß, den Pathologen zu piesacken. Aber wie sich bei anderen Ermittlerteams schon zeigte, Schrulligkeit darf man nicht zu sehr übertreiben.

Ist der neue Münster-Tatort wegen der Akzentverschiebungen ein guter Fall? Wir mussten stellenweise wieder lachen, aber das Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben, das wollte sich nicht einstellen.

III.             Rezension

  1. Figuren / Ermittlerteam

Thiel / Boerne haben dieses Mal Mühe, in Schwung zu kommen. Die Anfangszenen von der freucht-fröhlichen Geburtstagsfeier des „Kartoffelkaisers“ Lüdinghaus sind beinahe episch, und klar, als der Spielzeugtraktor, der ausgiebig über den Tisch rollt, dann runterfällt, da weiß man schon, es ist was faul im Staate Westfalen und in der Münsterland-Hauptstadt Münster.

Am Tatort wird rasch, professionell aber auch sehr konventionell gearbeitet – Thiels Frage an Boerne: „Sonst keine Erkenntnisse?“ – offen geschrieben, man kann’s kaum noch hören, weil genau das in mindestens jeder zweiten Tatortfolge, unabhängig vom Team und der Region, ein Standardsatz ist. Offenbar werden Spurensicherungsbeamte und Rechtsmediziner von den Kommissaren generell als Menschen angesehen, die etwas zu verbergen haben. Es gibt sogar Momente, da denken wir, vielleicht sollte man das Element des Auffindens der Leiche, obwohl es der ganzen Krimireihe den Namen gegeben hat, einfach hin und wieder weglassen.

Thiel (Axel Prahl) ist tatsächlich, mental gesehen, ein Robin Hood, der gegen die Kapitalisten zu Felde zieht. Das äußert die selbst mit eher großbürgerlichem Hintergrund ausgestattete Staatsanwältin Klemm ihm gegenüber sehr treffend  – und, kein Wunder, besonders bei gegenwärtiger Stimmungslage, er handelt auf ganzer Linie richtig und sie muss ihm am Ende beipflichten. Immerhin ist sie dann doch integer und das ist doch auch eine Geste, einfach einen Scheck über 100.000 € von Lüdinghaus, ausgestellt für ein Projekt mit straffälligen Jugendlichen, das sie fördert, in der Luft zu zerreißen. Sie gibt Thiel dann freie Bahn, nachdem sie ihn zuvor – das sieht er richtig – behindert hat.

Im Verhältnis Thiel / Boerne hat sich einiges festgefahren, aber man bemerkt dennoch die Veränderung hin zur situationsgeprägten Inszenierung. Insgesamt dominiert das komödiantische Element nicht so die Handlung, dass man wieder darüber schimpfen muss, dass der Humor alles andere zu ersetzen hat, wie in den letzten Münster-Folgen. Zum Beispiel eine gut gestrickte Handlung. Ist aber deswegen die Handlung dieses Mal gut gestrickt? Noch sind wir bei den Figuren.

Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Haller / Alberich (Christine Ursprung) haben sich eine Art Insel bewahrt, arbeiten recht konzentriert zusammen, hier wächst außerdem immer noch der politisch unkorrekte Witz aus dem kalten Fliesenboden der Rechtsmedizin. Allerdings auch nicht mehr so dicht an dicht und so temperamentvoll wie in den früheren Tatorten des Teams. Boerne muss zwar feststellen, dass Alberich ihm die Show stiehlt, indem sie nun Witze über sich selbst macht, aber im Ganzen ist das recht ansehnlich. Dies betrifft auch den Aspekt, was die beiden aus der Rechtsmedizin für die wirkliche Lösung des Falls leisten, ohne dabei ständig in Thiels Handwerk zu pfuschen. Mit einer Anmerkung, die wir hier verorten, nicht unter „Handlung“. War dieses Modellieren des Schädels anhand der Computerscans wirklich notwendig? Wir erinnern uns, dass es acht Jahre zuvor schon möglich war, hervorragende Köpfe in 3D bei ähnlichen Voraussetzungen am Computer selbst entstehen zu lassen. Okay, etwas Show muss  sein.

Das Hase-Igel-Spiel zwischen Thiel und Boerne ist also dieses Mal auch eingeschränkt worden. Boerne hält sich für seine in 799  nicht ganz so überbordende Rolle schadlos, indem er immer kostspieligere Autos fährt – wir sind gespannt, wann er den Maserati Quattroporte dann auch abgibt und in einem Bentley mit Chauffeur aufkreuzt.

Ein Problem dieser sehr urigen Konstellation an Charakteren, die wir in jeder Folge sehen ist, das hohe Niveau an Komik zu halten und dabei noch gute Kriminalfälle zu bieten. Es ist viel schwieriger, dieser Ansammlung von skurrilen Figuren immer neue Impulse zu geben, als ein routiniert-eingespieltes Ermittlerteam hin und wieder mit Nuancen spielen zu lassen und ein paar Verbalgags zu schreiben. Nach nunmehr neun Jahren erweist sich, dass dieses Münster-Konzept viele tolle Möglichkeiten, aber auch Tücken hat.

Große Filmkomiker hatten im Verlauf ihrer Karrieren stets mit Abnutzungserscheinungen zu kämpfen. Gags immer frisch, immer anders, immer besser und nicht wie von sich selbst oder von anderen abgekupfert wirken zu lassen, das ist geradezu mörderisch schwierig. Ernste Ermittler wie Oberinspektor Derrick hingegen waren über Jahrzehnte mit dieser eher drögen Masche erfolgreich und niemand hat von ihnen mehr verlangt, als ordentliche, mit scharfem Verstand und vielleicht einer guten Intuition ausgestattete Polizeiarbeit zu machen. Damit sind sie um die Welt getingelt. Eine Prise Humor, wie oft beim Münchener Ermittlerduo zu sehen, kann man beigeben, aber wenn das ganze Konzept auf Humor, auf Gags und Skurrilität basiert, ist das eine andere Kategorie. Die tollen Schauspieler Liefers / Thiel reichen alleine nicht aus, um das im Sinne eines guten Tatortes dauerhaft zu tragen. Gerade bei diesem Konzept muss sehr viel Kopfarbeit vonseiten der Drehbuchautoren und Regisseure investiert werden.

Wir würden, damit es nicht abrutscht, für die folgenden Münster-Krimis empfehlen, entweder nochmal ganz genau die ersten Folgen zu studieren, in denen alles bestens funktioniert hat. Tolle Komik, mindestens durchschnittlich gute Fälle. Und vielleicht wieder etwas zu wagen, nach neun Jahren. Man kann Thiel und Boerne nicht auseinanderreißen, versteht sich. Aber trotzdem das Tableau verändern. Ein neuer Charakter, der alles aufmischt und interessante Konfrontationen verursacht, Entwicklungen auslöst. Egal, ob diese Figur im Team oder außerhalb angesiedelt ist. Ein wenig in die Richtung angelegt wie die Steuerfahnderin Leonie Krassnik (Ulrike Tscharre), die wir aber nächstes Mal nicht mehr sehen werden, da sie nur eine auf diesen Fall bezogene Funktion hat.

Da es schon so viele Dauerfiguren gibt, müsste vielleicht eine geopfert werden. Wir machen, obwohl in anderen Zusammenhängen der konstruktiven Kritik verpflichtet, keinen Vorschlag, wer ersetzt werden sollte. Es werden schon genug gute Arbeitsplätze vernichtet, durch Menschen wie jenen Klüngel von fiesen Betrügern, der hier am Werk ist. Und damit zur Handlung.

  1. Handlung, Setting, Goofs

Interessant, wie draußen auf dem Feld, wo der tote Berger gefunden wird, alles tief verschneit ist. Die ganze Nacht hat es geschneit. Darauf weist Boerne auch hin, als Thiel mehr Ergebnisse von Boerne will, als der weiße Tatort hergibt. Kurz darauf läuft Thiel in der Stadt herum, da pustet er in seine klammen Hände, hat Vater Herbert ihm doch die Wintersachen allesamt geklaut, um sie in einem Hilfskonvoi nach Moldavien zu fahren, aber es ist ganz trocken. Nicht die Spur eines vorangegangenen Niederschlages. So ist das mit der Stadt, das Klima weicht von Jahr zu Jahr mehr von dem im ländlichen Raum ab.

Vater Thiel ist also auf dem Weg nach Osten und hat dort immer wieder Probleme mit dem mitgeführten Haschisch. Aber plötzlich, an der bulgarisch-moldawischen Grenze, wird er für seinen Sohn endlich mal nützlich. Als externer Ermittler in Sachen Bulgarian Invest, dieser Scheinfirma, die in Wirklichkeit nur ein Bauschild auf einem Acker ist. Das Dumme ist nur, es gibt keine bulgarisch-moldawische Grenze, wie im Film behauptet wird, denn Moldawien grenzt nur an Rumänien und die Ukraine. Auch sonst ist der Einsatz von Vater Thiel als externer Ermittler wieder eine von diesen echt herbeizitierten Drehbuchgeschichten, die in ihrer Unwahrscheinlichkeit das Gefühl zurücklassen, man wird als Zuschauer nicht ernst genommen. Klar ist es witzig, aber auch komplett illusorisch. Kann nicht einfach, ohne den ganzen Brimborium, irgendjemand Professionelles nachforschen, was in Bulgarien los ist, ohne große Szenen dafür zu bekommen, und Vater Thiel irgendetwas Verrücktes tun anstatt etwas, das im Grunde über seine Möglichkeiten geht?

Dann haben wir uns doch gefragt, ob Subventionsbetrug dermaßen plump ablaufen kann, und ob ein Staatssekretär in Berlin, hier Rüdiger Klarbach (Stephan Schad), das alles ganz allein decken kann. Eher nicht. Dass wirtschaftliche Umstände falsch dargestellt werden, um Geld locker zu machen, ist sicher nichts Besonderes, aber dass bei dieser Größenordnung, bei den hohen ausgewiesenen Verlusten, über Jahre niemand vor Ort und bei Lüdinghaus kontrolliert, was dort los ist, sollte man nicht so für bare Münze nehmen. Das betrifft auch die Steuer- und Betriebsprüfungen. Das System ist auch auf persönlicher Ebene, Lüdinghaus und Dr.  Herbert versuchen alle zu kaufen, selbst Thiel, etwas zu grob gezeichnet.

Dass der vorgebliche Tote noch lebt, hat uns nicht wirklich überrascht, da wir uns sicher waren, man würde es nicht wagen, Science-Fiction zu zeigen. Fingerabdrücke sind in der Regel eben noch immer ein sicherer Hinweis auf die Identität. Woher man allerdings die Fingerabdrücke von Rüdiger Klarbach hatte, erschließt sich nicht, denn angeblich ist dieser doch in Südafrika bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und war wohl auch nicht vorher straffällig gewesen – so dass also seine Fingerabdrücke gar nicht in einer Kartei gewesen sein dürften. Von uns hat jedenfalls noch nie jemand Fingerabdrücke genommen, weil wir noch nie an einem Strafverfahren als verdächtige Personen beteiligt waren.

Die gesamte Handlung, jenseits eindeutiger Schwächen, ist zu undurchsichtig. Uns ist noch immer nicht klar, warum eigentlich der Tod von Rüdiger Klarbach zwingend inszeniert werden musste. Was soll es bringen, dass ein Staatssekretär einen anderen ersetzt? Wir haben sogar das Schreiben der Rezension unterbrochen, um in anderen Medien nachzuforschen, ob jemand sich schon dazu geäußert hat. Obwohl wir normalerweise nicht tun, um nicht von den Meinungen Dritter beeinflusst zu werden. Bisheriges Ergebnis: Nichts zu finden. Offenbar ist diese Fragwürdigkeit in der Vielzahl der Elemente mal wieder untergegangen. Und dann heißt der Mann, über den wir uns so wundern, auch noch Klarbach.

Offenbar gefällt es manchen Tatort-Drehbuchautoren, an die eigenen Grenzen zu gehen und darüber hinaus. Die Steuerfahndungsschiene, das Familiendrama, die Ermittlerkonkurrenz zwischen Thiel und Börne, die Rehabilitation Boernes nach offenbarer Ausstellung eines falschen Totenscheines, Vater Thiel auf Abwegen – alles etwas viel, um die einzelnen Elemente vernünftig auszugestalten – und um dem Publikum eine Plausibilitätsprüfung während des Tatortes zu gestatten. Trotzdem, siehe oben, fielen einige Unstimmigkeiten auf. Da schwindet ein wenig das Gesamtvertrauen.

Auch das Familiendrama ist holzschnittartig abgehandelt, auch wenn wir sagen müssen, wir gehören nicht zu denen, die den Schuss aufs Aquarium geahnt haben. Obwohl doch so gut darauf hingearbeitet wurde. Das ganze Szenario bei den Klarbachs wirkt etwas hysterisch, auch wenn man die Figur der Tochter als Sympathieträgerin hat aufbauen wollen. Darauf weisen die vielen politisch korrekten Versatzstücke in ihrem Wohnbereich hin. Anti-Atomkraft-Flyer, Protest gegen Banker-Abzocke als Klebeband auf der Tür usw. Es soll sicher tragisch wirken, dass dieses Mädchen einen Vater und einen Großvater hat, die selbst tief im Geflecht der Wirtschaftskriminalität drinhängen und dass sie sich zwischen Pest und Cholera entscheiden muss oder dafür, sich ganz von ihrer Familie zu lösen. Ist es auch, aber Nele Klarbach (Henriette Confurius) wird vom Drehbuch gezwungen, aus Überforderung überzuagieren, weil kein Platz für differenzierte Figurenzeichnung ist. Gleiches gilt für die Mutter, die aus Kaffeetassen Alkohol trinkt, damit es nicht so offensichtlich wirkt und die ebenfalls dem bösen Spiel der Männer ausgesetzt wird. Beide Frauen wissen nicht, dass der Vater noch lebt, dieser egoistische Mensch, der ihnen mal hätte ein Zeichen zukommen lassen können. Aber dann sind sie doch drauf und dran, ihm irgendwohin ins Ausland zu folgen, als wer wieder auftaucht. Zumindest die Mutter will das bis zum Schluss tun.

  1. Fazit

Dieses Mal haben wir länger an der Kritik geschrieben als üblich, beinahe zwei Stunden. Das mag daran liegen, dass uns hin und wieder die Haupthandlung  Fragefalten auf die Stirn getrieben hat. Sollten sich weitere Erkenntnisse hinsichtlich der Notwendigkeit des Untertauchens bzw. inszenierten Ablebens von Rüdiger Karbach ergeben, werden wir diese sofort in die Rezension einfließen lassen und unsere Leser ergänzend unterrichten.

Unabhängig von dieser Klarbach-Sache bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Ein großer Tatort ist „Herrenabend“ sicher nicht, Münster-Lieblinge hin oder her. Auch wenn es ein guter Gag ist, dass die Staatsanwältin Klemm mit der Männerstimme als einzige Frau am Herrenabend teilnimmt. Dass im beinahe unberührten Neuschnee jemand liegt, der alles andere als eine weiße Weste hat und davon ausgehend auch viele andere ihre Unschuldsvermutung verlieren.

Wir geben mit Thiel-Boerne-Bonus 7,0/10, und auch deswegen, weil man sich bemüht hat, den Fall wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Die Synthese ist aber nicht gelungen, und beim nächsten Mal, falls wir wieder enttäuscht werden, gibt’s keinen Bonus mehr. Wäre echt schade, wegen Prahl / Liefers und den anderen, die wir nach wie vor mögen.

dWB/AP/11-05-01

Nachtragsbeitrag

Auf dem Blog Tatort-News ist es nachzulesen. Der Tatort Herrenabend vom 1. Mai war mit 11,79 Millionen Zuschauern der erfolgreichste seit 18 Jahren und erzielte einen Marktanteil von beinahe einem Drittel aller Fernsehzuschauer während der Zeit von 20:15 bis 21:45. Besser waren die Anteile nur in den alten Zeiten, als es lediglich zwei Sender gab.

Einerseits freut uns das, und natürlich dürfen sich auch die Macher freuen. Aber sie sollten auch mal beim Tatort-Fundus in die durchschnittliche Bewertung der Folge schauen, die bereits aus über 200 Kommentaren versierter Fans besteht. Das Voting steht im Moment knapp über 6,5, noch einen halben Punkt schlechter als unsere Bewertung in der Rezension.

Natürlich gibt es Leute, die den Tatort mit 10,0 bewerten, es ist ja alles auch eine Frage des persönlichen Geshmacks, nur waren es eben nicht sehr viele, die so positiv gestimmt waren. Und wir haben weiterhin niemanden gefunden, der uns die Notwendigkeit des fingierten Todes in Südafrika erklären konnte. Und der ist  ein zentraler Punkt der Geschichte.

Im Moment gibt es u. E. einen Sondereffekt. Einerseits ist das Team Kult geworden, und dafür gebührt den Machern und dem Team selbst ein großes Lob. Andererseits gab es zuletzt mehrere weniger starke Folgen hintereinander und jetzt schauen wohl auch alle deshalb, weil sie mitreden wollen bei dem Thema, ob es endlich wieder besser wird. Wir wollen es noch nicht als Katastrophentourismus bezeichnen, aber die Warnzeichen sind trotz und vielleicht sogar wegen der extrem hohen Zuschauerbeteiligung nicht zu übersehen.

Schon vor der Ausstrahlung ist der Tatort in vielen Online-Medien ein Thema gewesen wie kaum einer vorher, und natürlich wirkt sich das in einer online-basierten Welt auf die Zuschauerzahl aus.

Thiel / Boerne haben hohe Erwartungen geweckt, im Laufe der ersten Jahre, aber die Fälle, respektive Drehbücher, haben diese zuletzt häufig enttäuscht. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich viele abwenden werden und das wäre wirklich schade für diese großartigen Figuren. Sie werden wohl nie ans Ende der Beliebtheitsskale rutschen, aber kann ein Mittelplatz das Ziel für eines der interessantesten Teams aller Tatort-Zeiten sein und ist es in Ordnung, dass die beiden zwar persönlich gut dastehen, ihre Fälle aber nicht? Gebt ihnen wieder die Top-Drehbücher, die sie verdienen, liebe Tatort-Macher.

dWB/11-05-03

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentarserie zur Originalrezension:

2019-01-30 Tatort 799 Herrenabend Kommentarspalte Ursprungsrezension

 

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