Tatort 1025 – Borowski und das Fest des Nordens / Crimetime 209 // #Tatort #TatortKiel #Kiel #FestdesNordens #Borowski #Tatort1025 #NDR

Crimetime 209 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Das Titelbild sieht dieses Mal besonders stimmungsvoll aus und das kennen wir ohnehin von den Ostsee-Krimis mit Klaus Borowski – viel Atmosphäre. Dieses Mal noch mehr davon? Und wie war der Fall so? Das klären Anni und Tom in der -> Duo-Rezension

Handlung

Kiel, unmittelbar vor Eröffnung der Kieler Woche. Alles bereitet sich auf das Ereignis des Jahres vor. Ausgerechnet jetzt bekommen es die Kommissare Borowski und Brandt mit einem besonders rätselhaften Mordfall zu tun. In einer leerstehenden Wohnung wird eine auf heimtückische Weise erschlagene, junge Frau aufgefunden.

Vom Täter, der sich am Tatort wie in einem Versteck eingerichtet hatte, fehlt jede Spur. Als wenig später eine weitere Leiche auftaucht wird klar, dass der offenbar skrupellose Täter vor nichts zurückschreckt, um wieder in der Anonymität der Stadt untertauchen zu können. Borowski und Brandt sind alarmiert: Haben sie es mit einem Serienmörder zu tun oder vertuscht der Täter einen noch weit perfideren Plan?

Das größte Volksfest des Nordens ist mittlerweile in vollem Gang und dies weckt einen immer ungeheuerlicher werdenden Verdacht. Unter dem Druck der Ereignisse werden die Spannungen im Ermittler-Team zunehmend größer. Während Sarah Brandt den Täter zur Fahndung ausschreiben will und darüber nachdenkt, die Öffentlichkeit zu warnen, mahnt Borowski zur Besonnenheit.

Anni und Tom über „Borowski und das Fest des Nordens“ 

Anni: 
Jetzt müssen wir gleich mal einsteigen in die Tatsache, dass wir einen Tatort eine Woche nach dem Anschauen bewerten – okay, sechs Tage später, wir haben ja erst Montagabend geguckt. Und das führt uns zu der Frage, wie es bei einem Kiel-Tatort zu einer solchen Verspätung kommen konnte, wo Borowski doch zu unseren Lieblingen gehört.

Tom: Was auch bedeutet, wir wissen mittlerweile, dass „Borowski und das Fest des Nordens“ von den Nutzern des Tatort-Fundus als der bisher schwächste Film des Kieler Kommissars bewertet wurde, und zwar mit deutlichem Abstand zu allen anderen. Immerhin, der erste Platz in der Gesamtwertung aller aktiven Ermittler ist ihm knapp geblieben. Wäre auch schade gewesen, wenn er den wegen eines schwach bewerteten Films hätte abgeben müssen.

Anni: Und insgesamt steht der Film auf Platz 1022, bei 1025 ausgestrahlten Tatorten. Er ist allerdings damit nicht der viertletzte, weil es ja noch die 12 österreichischen Sonderfilme gab, die nicht in die normale Durchzählung einflossen. Ist das jetzt wirklich so ein Desaster gewesen, hattest du den Eindruck? Die Presse hatte ja vorher teilweise genau anders herum geschrieben.

Tom: Ich bin ziemlich ahnunsglos in die Bewertungsfalle des Fundus getappt. Irgendetwas ist an diesem Film, das die Zuschauer zutiefst abgestoßen hat, glaube ich. Er ist nicht langweiliger als viele andere Tatorte, die sich mit der Psyche eine Täters befassen, die als Howcatchem aufgebaut sind und damit die in Kiel beliebte Thrillerschiene fahren. Ich hatte allerdings gleich das Gefühl, dieses Werk ist niemals von Sascha Arango geschrieben und von Claudia Garde inszeniert. Wenn die beiden zusammenwirkten, kamen oft die besten Kiel-Tatorte heraus. Das lag auch daran, weil sich schräge Typen beider Geschlechter mit toller Atmosphäre verbanden, und beides fehlt hier vollkommen. Es ist ganz basic alles nur auf einen Mann zugeschnitten, der eigentlich ganz normal ist, aber immer mehr durchdreht und sozusagen aus den Umständen heraus mehrfach mordet.

Anni: Das heißt, der Film ist tatsächlich möglicherweise zu normal. Und der Täter auch. Und das ist den Leuten zu dicht an ihren eigenen Umständen. Roman Eggers ist geschieden oder lebt getrennt, hat zwei Kinder mit einer, ein weiteres mit einer zweiten Frau, verliert sein Leben immer mehr aus dem Griff, seine Wohnung, eigentlich alles, wird ständig erniedrigt, angeschrieen, bedrängt, und wenn jemand nicht gute Nerven hat, kann es passieren, dass er jemanden dann umbringt. So. Es war ja auch kein Mord, in beiden Fällen, sondern einmal Körperverletzung mit Todesfolge, am ehesten … und das zweite Mal auch? Egal, darum geht’s ja nicht hauptsächlich, sondern wie eben ein ganz normaler Mensch in so eine Spirale gerät. Könnte uns ja nicht passieren, wir waren immer schön vorsichtig mit dem Nachwuchs zeugen, und irgendwie hat man den Eindruck, dass vielleicht Familienväter da am meisten angepiekt sein könnten. Weil die vertrackte persönliche Situation, das getrennt sein von den Kindern usw. so eine wichtige Rolle spielt.

Tom: Wenn wir nicht so vorsichtig gewesen wären, hätten wir vermutlich keine Zeit zum Schreiben von Tatort-Rezensionen. Jedenfalls ist das ein Film für alle Leute, die nie geheiratet haben, nie Kinder bekamen und egal, wie deren Leben auch sein mag, es gibt nicht diese schrecklichen Verluste oder diese Kumulation von Verlusten. Die Wohnung kann jeder verlieren, da sind sogar ganz vereinzelte Menschen sogar stärker gefährdet, aber ich schaue nicht nur auf die Familienbeziehungen sonder auch auf alle anderen Dinge. Wie Eggers mit Geld umgeht, was für Scheinfreunde er hat, wie er sozial aufgestellt sein muss, damit alles so negativ wird. Normalerweise gibt es immer ein paar Menschen, die dir wirklich positiv gegenüberstehen …

Anni: Das sagst du so, weil du ein paar gute Freunde hast, die bis zu einem gewissen Grad dafürstehen oder schon dafür gestanden haben. Die du im Notfall anrufen oder besuchen könntest. Aber es ist doch auffällig, dass die meisten davon immer noch nicht in Berlin angesiedelt sind, dass du hier weniger Wurzeln in zehn Jahren ziehen konntest als in den fünf oder sechs Jahren zuvor, oder? So leicht ist das nicht, tragfähige soziale Beziehungen aufzubauen, und Kinder sind kein Beweis dafür, dass nicht alles doch dysfunktional sein kann. Leider nicht. Leider nicht vor allem für die Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen müssen wie die Kinder von Roman Eggers.

Tom: Was mich an Filmen und Menschen wie hier immer verblüfft ist, dass sich niemand professionelle Hilfe sucht. Kiel ist vielleicht nicht Berlin, das ja eine riesige soziale Infrastruktur hat, aber Einrichtungen, an die man sich in seelischer Not wenden kann, gibt es dort auch. Und man kann diese Spirale stoppen.

Anni: Wenigstens diskutieren wir inhaltlich, nicht über die Qualität des Films. Sie ist nicht herausragend, aber auch nicht so schlecht, wie viele Nutzer des TF sie dargestellt haben. Ich sehe die Logik, die Konsequenz, das Unausweichliche von Eggers‘ Handlungen auch nicht, aber immerhin versucht man mal, keine riesigen Fässer im politischen oder OK-Raum aufzumachen, sondern oder die erwähnten schrägen Serienmörder_innen zu kreieren, sondern konzentriert sich ganz auf das, was Menschen in den Abgrund ziehen und ihre Hemmungen dem Töten oder Verletzten gegenüber schrittweise senken kann. Und Eggers hat wohl nicht die Kapazität, um sich Hilfe zu holen. Vielleicht wurde er so geprägt, dass man das nicht tut und alles mit sich allein ausmacht und wenn es nicht mehr geht, dann – dann kommt es in der Realität zu diesen Familientragödien, in denen Männer die Frau, die Kinder, dann sich selbst töten. So. Und warum sollten das nicht Männer wie dieser Eggers sein. Von seinem Handeln zum erweiterten Selbstmord ist es doch nicht weit.

Tom: Ja, aber vielleicht wollen die Leute das in einem Film einfach nicht sehen. Die Distanz ist zu gering, die Gefühle zu stark, das Weinen unter der Dusche und sowas alles. Aber da gibt es wohl noch etwas anderes.

Anni: Sarah Brandt, klar. Sag mir einer, warum so viele Männer einen Hass auf diese Frau haben. Weil sie von Sibel Kekilli gespielt wird? So ausgeprägt ist das doch bei anderen Frauen in Tatorten nicht, die von Schauspielerinnen mit Migrationshintergrund dargestellt werden. Etwas an dieser Frau muss euch furchtbar an die Nieren gehen. Okay, dieses Mal finde ich die Differenzen zwischen ihr und Borowski auch übertrieben, zu weit hergeholt, irgendwie aufs Ende hin geschrieben, denn Kekilli geht ja aus dem Kieler Tatort nach dieser Folge raus bzw. ist draußen. Da hätte man natürlich diese Tatsache am Schluss auch erwähnen können, wenn man es schon gefühlsmäßig so in die Richtung gehen lässt. Aber vielleicht war es zum Zeitpunkt des Drehs noch nicht klar. Trotzdem sind da beim TF wieder alle AfD-Wähler versammelt, um Brandt / Kekilli in die Pfanne zu hauen. Sie überzieht, wie gesagt, aber das steht im Drehbuch und geht nicht über das hinaus, was andere Frauen und Männer in Tatorten auch manchmal zeigen – ermittlerseitig, meine ich. Das ist ihr Typ, der offenbar einigen aufstößt.

Tom: Ja, wir können taffe junge Frauen nicht ab, das zeigt sich bei mir auch immer mehr, seit der Altersunterschied zu ihnen bei mir unüberbrückbare Dimensionen erreicht hat. War das so richtig?

Anni: Du hattest immer schon Problem, dich Frauen unterzuordnen.

Tom: Deswegen fahre ich ja auch mittlerweile auf der Schiene, dass wir nicht hierarchisch miteinander umgehen sollten. Ich lasse mich in Beziehungen nicht gerne marginalisieren, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es umgekehrt ist.

Anni: Nein, ist es nicht. Du würdest nie zum Eggers werden, weil du dich immer vorher auflehnen würdest. Und das ist gar nicht so schlecht. Kann zu einer gewissen Unstetigkeit führen, und da gibt es noch etwas anderes, aber das gehört nicht zu unserer Filmbesprechung. Aber alle Frauen werden in diesem Film furchtbar dargestellt und vielleicht ist zumindest unterbewusst auch das der Grund, warum viele ihn so abwerten. Die Angst, dass alle Frauen, die man kennt, in diese Richtung tendieren könnten. Das unbekannte Wesen von einem anderen Gender. Leider gefällt mir diese Darstellung überhaupt nicht, muss ich dir sagen. Wenn du es zielgenau interpretierst, wird der Mann einfach nervlich in den Ruin getrieben. Und ihr wollt euch so nicht sehen und die Frauen wollen nicht akzeptieren, dass sie gezeigt werden, als hätten sie dazu verantworten.

Tom: Es ist immer ein Zusammenwirken. Ich würde niemanden umbringen, da bin ich mir sehr sicher, aber ich kann nachvollziehen, dass Menschen ausrasten, die am Ende eines rabenschwarzen Tages eben doch etwas mehr zur Gewalt neigen.

Anni: Verzweiflung ist nicht zu unterschätzen. Auch bei Frauen nicht. Ich will mal nicht auf mich selbst abheben, aber dass eine Frau ihr Kind umbringt, das gibt es ja öfter. Das ist ein Ausdruck von Entpersönlichung, von innerer Zerstörung, die man sich kaum ausmalen mag. Da ein ethisch intendiertes Urteil zu sprechen, geht eigentlich gar nicht. Selbst dann nicht, wenn man die Situation kennt. Man muss die gesamte Geschichte kennen, und da hat der Film einen Mangel, weil er meint, ohne diesen Background auskommen zu können. Kann er aber nicht. Ich will wissen, warum Eggers so schrecklich emotional unterkapitalisiert ist. Das hätte ich in dem Fall gebraucht, um seine  Handlungen abzunehmen. Vielleicht ist das auch eine Art Widerstand, wie ihn viele Nutzer des TF empfunden haben. Trotzdem geht mir dieses Brandt-Bashing auf den Zeiger, das ja mit zur schwachen Bewertung geführt hat.

Tom: Borowski hat nie die ganz hohen Einschaltquoten, was ich äußerst schade finde, aber unter den Fans der Reihe ist er sehr beliebt, Brandt hin oder her, sie wird sozusagen mit in diese positive Grundhaltung aufgenommen. Also liegt es wirklich an diesem einzelnen Film und daran, dass wir nicht sehen wollen, dass alle Figuren, wie du sagst, unterkapitalisiert sind beziehungsweise ganz weit von ihrer Maximalkapazität entfernt, wie es in Fiction-Writing-Lehrbüchern genannt wird, wenn Figuren immer das leisten, was man von ihnen erwarten darf. Und das ist eben auch der Hauptunterschied zu den typischen Kieler Freaks wie dem stillen Gast, die so super abweichend sind und in ihrer Art fast perfekt. Fast eben nur, sonst würden sie ja nicht dingfest gemacht, aber da entsteht ein echtes Wettrennen zwischen diesen oft sehr intelligenten Typen und der Polizei. Hier hingegen ist von Anfang an nur Desaster zu sehen. Und offenbar ist das doch nicht so schwedisch, wie die Herkunft des Films nach einem Buch von Henning Mankell es suggeriert. Das gab es ja in Kiel schon öfter, dass man auf Nordkrimis zurückgegriffen hat, aber hier hat die Übertragung wohl nicht funktioniert. Tja. Je länger wir schreiben, desto mehr bewegen wir uns in dieselbe Richtung wie alle anderen. Deshalb jetzt mal meine Wertung: 6/10.

Anni: Ja, das geht doch noch. Ich schätze es schon, dass man versucht hat, das Innere eines ganz unauffälligen Menschen mal wieder zu entblättern und nachzuzeichnen, wie jemand so komplett aus dem Tritt gerät. Mir bleiben auch Zweifel, ob die Situationen ausreichen, um die Gewaltszenen zu verursachen, weil Eggers ja eigentlich kein gewalttätiger Typ ist, mir sind Motive wie Habgier, Eifersucht, schräge Sexualmorde, wenn es sein muss, auch mehr, wenn ich klare Motive haben will, aber ich gebe 7/10. Da ist das übertriebene Ding zwischen Borowski und Brandt mit drin, sonst hätte ich 8 gegeben. Was mir übrigens auffällt: Wir haben gar nicht darüber gesprochen, warum alles in „Das Fest des Nordens“ eingebunden ist. Ist es wie bei einigen Karnevalstatorten aus dem Südwesten, wo diese sinnleere Art von Ausgelassenheit der inneren Verzweiflung gegenübergestellt werden soll? Vermutlich schon, oder?

Tom: Mir war die Kieler Woche bisher gar nicht als Volksfest präsent, mit Umzügen und sowas alles. Das kommt wohl daher, weil immer die Segelschiffparade das einzige ist, was in den Medien gezeigt wird. Und wenn du es so siehst, fahren da die Segler aus aller Welt herum und Eggers kreist in sich selbst und kommt nicht weg, keinen Schritt, obwohl das Meer so nah ist und die Ferne, in die man fliehen könnte. Tja. Mehr kann ich jetzt dazu auch nicht sagen. Es ist eine Kulisse, die Dreharbeiten waren zufällig zu der Zeit, in der die Kieler Woche stattfand.

Anni: Gut, dass wir das noch geklärt haben. Ich finde schon, dass der Kontrast zwischen dieser Festivität und Eggers‘ Seinszustand die depressive Stimmung verschärft. Ob zufällig oder nicht. so ist es.

6,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Sarah Brandt – Sibel Kekilli
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Gerichtsmedizinerin Dr. Kroll – Anja Antonowicz
Kriminaltechniker – José Barros
Personalchef Herr Lochner – Stephan A. Tölle
Roman Eggers – Mišel Matičević
Tamara Becker – Franziska Hartmann
Tobias Becker – Carl Stubenvoll
Luisa Dussmann – Lilly Barshy
Jantje Dussmann – Katja Danowski
Maren Reese – Maureen Havlena
Daniel – Pit Bukowski
Rolf Felthuus – Ronald Kukulies
Bäckereiverkäuferin – Christiane Filla
Pensionswirtin Katrin – Lea Nacken
Nguyet Minh – Thao Vu
Polizistin – Julia Holmes
Beamter – André Lassen
u.a.

Drehbuch – Markus Busch, nach einer Idee von Henning Mankell
Regie – Jan Bonny
Kamera – Jakob Beurle
Schnitt – Andreas Menn
Szenenbild – Christine Caspari
Musik – Songs komponiert von Lucas Croon, mit einigen Stücken von Caroline Kox; Score von Antonio de Luca

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