Totentanz – Tatort 510 / Crimetime 210 // #Tatort #TatortMünchen #München #Batic #Leitmayr #Totentanz #Tatort510

Crimetime 210 - Titelfoto © BR, Erika Hauri

 Dirty old män and sweet dreams of fame

Man wundert sich beinahe nicht. Seit der Spruch „Trau keinem über Dreißig“ erfunden wurde, arbeitet man systematisch an der Diskriminierung älterer Menschen. Erstaunlich, wie viele ältere Menschen dabei sogar mitmachen, die Dödel. Aber mit dem Feminismus ist es ja ähnlich.  So kann es passieren, dass Batic und Leitmayr, damals etwa Mitte 40, von einer Discotussi als eben dies bezeichnet werden, was wir als Schlagzeile herausgequetscht haben, es war das Maximum, in dieser halbkreativen Phase. Buch und Regie haben aber zwei Männer zu verantworten, die es wissen müssen. Drehbuchautor Klaus Bädekerl war geschätzt schon über 50 und Thomas Freundner, der Regisseur, 41 Jahre alt, also etwa die Klasse seiner Cop-Darsteller. Was es neben diesem Altersgedöns noch zu erzählen gibt, findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Samstagnacht: Jenny Hellwig bricht auf der Tanzfläche eines Dance-Floor-Clubs in München zusammen. Die Männer vom Sicherheitsdienst tragen sie in den angrenzenden Ruheraum. Die Tanzenden lassen sich nicht stören. Der Gebrauch von Drogen gehört zum Wochenendvergnügen. Doch Jenny wurde ermordet, vergiftet mit Zyankali.

Die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic, Franz Leitmayr und Carlo Menzinger nehmen die Ermittlungen in der Münchner Szene auf. Ihre erste Spur führt zu „Lupo“, dem DJ. Er kannte Jenny Hellwig. Er hatte ein Verhältnis mit ihr gehabt. Doch er hat mit vielen Mädchen geschlafen. Seine Frau Karin toleriert die Seitensprünge. Den nächsten Anhaltspunkt gibt „Cowboy“ Joe seinem Schulfreund Batic. Joes Hinweis führt die Kommissare in das Milieu der Münchner Club-Betreiber. Zwischen dem K2 und dem „La Cucaracha“ herrscht Rivalität. Wurde Jenny getötet, um dem Konkurrenten das lukrative Geschäft um die neuen Walzerhallen zu verderben und sie bei den maßgeblichen städtischen Institutionen in Misskredit zu bringen?

Eine dritte Spur führt zu „God“, einem unsichtbaren Szene-Guru, der Todes-Texte über das Internet verbreitet. Wo liegen die Ursprünge der Musik, der Ekstase? Zu jedem Kult gehört ein Opfer. „Wenn die Masse sich zum Tanz versammelt, muss einer sterben“. Gibt es einen psychopatischen Killer in der Dance-Floor-Szene?

Tina Lehmann war Jennys beste Freundin. Tina ist Ärztin und schreibt an ihrer Doktorarbeit. Sie soll einmal die Praxis der Mutter in Schwindegg übernehmen. Tina und Jenny waren grundverschieden. Sie kannten sich seit Kindertagen und haben sich eine Wohnung geteilt. Zusammen mit ihrem Jugendfreund Frank Fischer sind sie einst mit großen Plänen aus dem Dorf nach München gekommen. Man nannte die Verschworenen die „Dreierbande von Schwindegg“. Jenny träumte von einer Karriere als Schauspielerin, doch zum großen Durchbruch ist es nicht gekommen. Frank hält sich als Multimedia-Künstler über Wasser, er macht u.a. Video-Installationen für Räume, „nichts für die Schlafzimmerwand…“. Sein neuestes Projekt „Visitors“ besteht aus Videoaufnahmen seiner Besucher im Atelier. Zu denen gehörten auch Jenny und Tina. Die beiden Münchner Kriminalhauptkommissare Batic und Leitmayr ermitteln in einer Welt mit eigenen Gesetzen, in der Polizeibeamte besonders schlechte Karten haben.

Einen Gastauftritt hat Bela B. Felsenheimer von „Die Ärzte“ als DJ Lupo, schreibt die ARD außerdem.

Rezension

Drei schnelle Assoziationen?

Dirty old … ja, schon wieder. Hm. Kunst zu interpretieren ist nicht Sache des Künstlers. Dorothy Parker nachweinen.

Auflösung?

Wenn man genau hinschaut, ist das ein Schlag alter Männer gegen junge Clubgängerinnen, denn die poshe Blonde, die den Spruch ihren Freundinnen in einem Anfall von Womansplaining reindrückt, irrt sich ja permanent in der Einschätzung anderer Menschen. Blond eben. Gleichzeitig ist es doch sehr witzig, wenn sie später Tina Lehmann für eine Prostituierte hält, weil jemand anderes ja nicht mit Ivo und Franz freiwillig mitgehen würde. Auch der Begriff Sexismus wird an der richtigen Stelle eingesetzt. Da merkt man, dass der Drehbuchautor Soziologie studiert hat, einiges Wording ist schon recht progressiv, für die Verhältnisse von 2002.

Und was ist Kunst? Das BVerfG legt den Begriff bekanntlich weit aus und Videoinstallationen wie die von Frank Fischer sind ja nicht gerade eine Seltenheit im heutigen Kulturbetrieb. Er ist also kein Pseudokünstler, wenn er damit Erfolgt hat. Aber mancher wird des halten wie mit der leeren Leinwand, die Millionen wert ist: Der Aufwand für die Fertigung ist viel zu klein, als dass es sich hier um große Kunst handeln könnte. Das ist eben ein eher kunsthandwerkliches Verständnis und solche Videoinstallationen sind gar nicht so wenig Arbeit. Und wie sie der Polizei helfen können! Wir meinen, derjenige, der sich diesen Part erdacht hat, kennt sich zumindest bisschen mit dem Betrieb aus. Ob das bezüglich des Clubs „K2“ auch so ist, dessen sind wir nicht sicher. Authentisch ist ohnehin in dieser künstlich, nicht künstlerisch wirkenden Szene ein schwieriges Wort und wie da die Ecstasy-Pillen massenhaft zu Boden fallen. Eindeutig abgeschaut aus „The French Connection“.

Gibt es etwas Schlimmeres, als seinem ganzen Leben lang einem Traum nachzujagen, der weit weg ist? Die Jenny wollte Schauspielerin werden und hat es nur zur fiesen Erpresserin gebracht. Ihre süße Freundin Tina wollte schreiben wie Dorothy Parker, obwohl sie ein komplett anderer Typ ist, nicht nur optisch. Da kann sich auch Ivo nicht zurückhalten: Polizist statt Dirigent. Kann es etwas Schlimmeres im Sinn eines Absturzes geben? Obdachlos anstatt Milliardär ist wenigstens noch krass und irgendwie sozialromantisch für diejenigen, die eine Story finden wollen, aber Polizist? Uff. Uns tat sie so leid, die Tina. Dabei besteht überhaupt kein Grund dazu, denn zu glauben, es zu können und es nicht auf die Reihe zu kriegen und klar zu sehen, dass man es nicht kann und aus lauter Resignation doch Ärztin werden zu wollen, was ist wohl der größere Selbstbetrug? Verzweifelte Abgrenzungsversuche wegen herrschsüchtiger Mütter oder grandioser Narzissmus wegen fordernder Väter, irgendsowas kommt häufig dabei heraus.

Typischer Humor der Münchener?

Anfangszsene: Wer wird als erster vom Mord unterrichtet. Alles ist gut, solange man sich selbst in der Pole-Position wähnt, aber wehe, es überholt jemand: Carlo. Hat zu wenig Spielzeit, der Michael Fitz. Beinahe hätten wir schon Fitzeck geschrieben, weil der ist ja im Verhältnis zu uns das, was Dorothy Parker in Relation zu Tina darstellt. Außerdem heißt er Sebastian und schreibt sich  nur mit „k“. Bester visueller Gag: Die Sexszene mit Jenny und Frank im Zeitraffer und hinter der Leinwand die Reinigungskraft, die in aller Ruhe ihren elektrischen Bohnerwachsverteiler vor sich her schiebt. Aber: Man soll Gags wie diesen nicht dutzendweise bringen. Das war hier auch nicht der Fall. Aber einmal kann zu wenig sein, das wirkt möglicherweise sie Zufall. Und so war es hier. Dreimal ein ähnliches Motiv, das sich zum Running Gag entwickeln kann, das ist super. Aber es ist besser, nur eine Szene zu bringen, als den Humor dermaßen flach werden zu lassen wie in … der einen oder anderen anderen Tatortstadt außerhalb von München.

Figuren?

Ivo und Franz natürlich. Schön eingespielt nach elf Jahren. Noch nicht die gleiche Haarfarbe, sondern grau und mittelblondrot. Oder wie immer man die Ausgangshaarfarbe von Ivo Batic bezeichnen möchte, das hängt sehr von den Farbfiltern ab, die verwendet werden, und mit denen wurde beim BR schon viel experimentiert. Immer wieder nett: Wenn die beiden in ein Milieu eintauchen müssen, weil der Dienst es verlangt und sich nicht auskennen. Dann dürfen sie das Milieu für die Zuschauer erklären, meist für die älteren, wie zuletzt das Thema KI / AI. Dass sie dabei bisschen komisch wirken, ist gewollt. Sie sind in Bezug auf Milieuerläuterung das, was die Kölner Ballauf und Schenk sozialpädagogisch, dargeboten in Thesenform, rüberbringen. Im Grunde verhält es sich hier kaum anders: Die Szene selbst ist die These, nämlich die, dass ihre Existenz irgendwie gerechtfertigt ist. Und die Bayerncops stellen die personifizierte Antithese, die Hinterfragung jedes Hypes und jeder neuen Mode dar. In ihrer Anfangszeit, so bis Mitte der 1990er, waren sie für diese Variante von Kritik am Zeitgeist natürlich zu jung, aber je reifer sie werden, desto besser kann man das mit ihnen ausspielen. In den Augen discogehender Schülerinnen waren sie ja vor 17 Jahren schon – wir haben es erwähnt. Sehr nett: Die beiden Türsteher-Dealer und was sie sonst noch alles für den Besitzer vom K2 möglicherweise machen. Der Jugendclub mit angeschlossenem Konzertsaal, „Cucaracca“, also Küchenschabe – die Konkurrenz. Hat uns sehr an zwei Berliner Jugendclubs erinnert: Gentrifizierung.  Alle müssen raus und suchen nach neuen Räumlicheiten. Natürlich hat bei der CSU und bei Teilen der SPD nur der kommerzielle Clubbetreiber eine Chance, der ist auch nicht so links-autonom.

Frappierend, wie sich dieses locker hingeschmissene Szenario mit dem von uns angedeuteten Vorgang in Berlin – nicht genau deckt, natürlich, aber das Verdrängungsproblem wird dort ähnlich referiert, wie es sich hier gerade zeigt. Nur die Grünen, vom BR 2002 schon gemocht, sehen es anders, aber die sind nicht in der Mehrheit. Da hat sich ja bei der letzten Bayernwahl in München auch bisschen was geändert.

Tina fanden wir recht ansehnlich und so gespielt, Frank schön schnöselhaft, Künstler eben, die Mutter von Tina hinreichend furchtbar. Lupo war okay, Felsenheimer hat wohl mehr oder weniger sich selbst gespielt. Allerdings müssen die meisten Darsteller auch durch Dialoge durch, die etwas kantig wirken und viel Geschick erfordern, um dabei den richtigen Ton zu treffen. Vor allem Tinas Selbstgeständnis auf dem Friedhof, gerichtet an ein Steinkreuz, also an sich selbst: Es ist leicht nachvollziehbar, dies zu fühlen, aber schwierig, es zu spielen.

Spannung, Handlungsaufbau?

Wir haben uns nicht gelangweilt, aber der Plot war schon auch 08/15. Künstlich kompliziert und dann zu einfach aufgelöst. Wann immer das Drehbuch feststeckt, taucht ein Tonband oder Video auf, das die Ermittler weiterbringt. Man hat sich doch mehr auf die Figuren konzentriert und der Film hat etwas leicht Monotones, die wohltuend sparsam eingesetzten Gags sind die eigentlichen Höhepunkte, nicht die spannenden oder dramatischen Szenen. Bis auf diese Friedhofsrede, aber dass uns diese berührt hat, liegt sicher auch an einer gewissen Seelenverwandtschaft mit der Figur, die sie hält.

Fazit?

Schlecht ist der Film nicht, aber im Fundus-Rating nach seiner vorgestrigen Ausstrahlung von Platz 462 auf Platz 510 gefallen. Heißt, diejenigen, die ihn jetzt erst gesehen und bewertet haben, sind nicht so recht begeistert gewesen. Das ist aber ein Los, das viele Tatorte derzeit teilen, die nach längerer Zeit wieder gezeigt werden. Die eh schon hoch angesiedelten Filme steigern ihre Noten immer weiter, wir sind schon gespannt, wann der Münchener Paradefall „Nie wieder frei sein“ die 9/10 überspringt, aber die Werke, die schon bisher als Mittelmaß angsehen wurden, können keine Plätze gutmachen. Wir werten einen glatten Punkt oberhalb des gegenwärtigen Fundus-Durchschnitts von und landen bei 7,5/10. Da steckt doch einige Betrachtung menschlichen Strebens drin und wie Träume zerplatzen, die gar nicht so wenig Tiefgang hat.

Aus der Vorschau

„Totentanz“ ist der 32. von mittlerweile 80 Fällen der beiden Münchener Ermittler Ivo Batic und Franz Leitmayr. Die Rangliste des Tatort-Fundus listet ihn auf Platz 45 von diesen 80, also am oberen Rand – der unteren Hälfte. Oder auch: Ein Durchschnittstatort, für die hoch angesiedelten Verhältnisse in Bayern. Insgesamt steht er auf Platz 462 von 1080, also deutlich über dem Schnitt (Stand 15.01.2019).

Wir gehen heute sammeln. Nicht dafür, dass Berlin noch mehr Geld von Bayern aus dem Länderfinanzausgleich bekommt, sondern für unsere Tatort-Kritikensammlung, aus der sich in erster Linie das Feature „Crimetime“ speist.

Wir haben die Münchener noch keineswegs komplett, deswegen gibt es zunächst diese Vorschau anstatt einer Rezension, die man sich vorher schon anschauen kann, um zu erfahren, ob sich das Anschauen lohnt und wie es ausgeht. Eine Kritik von uns zu diesem Film haben wir nämlich nicht gefunden und müssen daher gleich das Aufnahmegerät programmieren, damit wir unsere Leser_innen in den nächsten Tagen darüber informieren können, wie uns Nummer 510 oder Nummer 32 gefallen hat oder Nummer 45 oder Nummer 462 gefallen hat und was dabei herauskommt, sind zwei Mordfälle mit nachvollziehbaren Motiven.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Frau Dr. Lehmann – Daniela Ziegler
Tina Lehmann – Denise Zich
Frank Fischer – Wanja Mues
DJ Lupo – Bela B. Felsenheimer
Herr Ziegler – Rudolf-Waldemar Brem
Felix Schelski – Jockel Tschiersch
Jenny Hellwig – Mona Juric
Karin – Kathrin Freundner
Joe – Wolfgang Fierek
Professor Weber – Hubert Mulzer
Carlo Menzinger – Michael Fitz

Buch – Klaus Bädekerl
Regie – Thomas Freundner
Musik – Joachim J. Gerndt
Kamera – Benjamin Dernbecher

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