Die Wahrheit – Tatort 997 / Crimetime 254 // #Tatort #München #Muenchen #Tatort997 #Wahrheit #Batic #Leitmayr #BR

Titelfoto © BR, Hagen Keller

Wo die Lüge wahrer ist als die Wahrheit

Vielleicht muss man die Rekordzahl von 73 Tatorten auf dem Buckel haben, um so authentisch und berührend zu wirken wie die beiden Münchener Cops Batic und Leitmayr, man muss Jahre mit ihnen zugebracht, sie begleitet und miterlebt haben, um ermessen zu können, wie perfekt dieser Tatort auf genau diesen Umstand zugeschnitten ist, dass wir das durften, 25 Jahre lang und es weiter dürfen. Ein Film, der auf allem aufbaut, was hier in vielen Jahren geschaffen wurde. Wesentlich unterscheidet er sich gar nicht von vielen anderen Tatorten der letzten Jahre, und doch ist da etwas Besonderes in und mit ihm. Was es ist, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ben Schröder wird beim Spaziergang mit seiner Familie von einem Unbekannten niedergestochen – am helllichten Tag, vor den Augen seiner Frau Ayumi , seines sechsjährigen Sohnes Taro und zahlreicher Zeugen. Bei den Befragungen ergibt sich für Batic und Leitmayr eine verwirrende Vielzahl von Wahrheiten, denn die Beobachtungen der Augenzeugen widersprechen sich. Die hoch aufwendigen Ermittlungen ziehen sich ergebnislos über mehrere Monate. Immer neue Verdächtige werden verhaftet, immer wieder erhärten sich die Indizien nicht.

Als Dezernatsleiter Maurer die Soko schliesslich auflöst, ohne dass der Täter gefasst ist, liegen die Nerven aller blank. Ben Schröder war ein Zufallsopfer – zu dieser bitteren Erkenntnis gelangen Batic und Leitmayr gemeinsam mit Fallanalytikerin Lerch . Auch für Ayumi läuft die Frage nach dem Warum ins Leere. Ohne die Wahrheit zu kennen, will die junge Witwe mit ihrem Sohn nicht nach Japan zurückkehren. Fast täglich kommt sie auf das Revier, um neue Aussagen zur Tat zu machen. Details, die ihr im Nachhinein eingefallen sind. Batic und Leitmayr geraten an die Grenzen ihres beruflichen Alltags. Dann gibt es ein zweites Opfer. 

Rezension

Der älteste Film, in dem Miroslav Nemec (Ivo Batic) bisher gesichtet wurde, war „Der Pott“, ein Schimanski-Tatort aus 1988. Nun sind wir 27 Jahre weiter. Eine Generation und über 70 München-Tatorte mit dem sympathischen Schauspieler.

Dass ich vor ein paar Tagen den Nemec mit gefühlt der Hälfte seines jetzigen Lebensalters gesehen habe, ist wirklich ein schöner Zufall, denn umso größer wird die Zeittiefe, wenn man sogar vor seinen ersten Einsatz als Münchener Ermittler zurückgehen kann (1991 in „Animals“). Man schaut geradezu in einen Spiegel, merkt, dass man doch um einiges jünger ist, aber vor 27 Jahren eben auch schon dabei war und ein Empfinden zur Zeit und ihrer Stimmung hatte. Die Wirklichkeit ändert sich, und mit ihnen die Tatorte. Der Wunsch, das alles noch hundert Jahre beobachten zu können, wird stärker. Denn nicht alles wird schlechter. Würde es das, gäbe es keinen Grund, auf die Zukunft gespannt zu sein.

Die Tatorte sind also besser geworden?

Es gab von Beginn an subtile Filme in der Reihe, die sind damals vor allem im Norden entstanden und werden heute noch in Kiel gedreht, aber seit Jahren stehen die Münchener mit an der Spitze. Und in der Vorschau zu „Die Wahrheit“ schrieb ich, es gab seit sechs Jahren keinen absoluten Spitzentatort mehr von der  Isar. Ich muss das öfter tun, auch bei anderen Teams, die ich gerne mag, denn dann ist es verschrie(b)en und es passiert. „Die Wahrheit“ ist nur um Nuancen anders als viele andere Filme der Reihe, er ist realistisch und unlogisch zugleich, aber mich hat er gut erreicht, während mich die meisten älteren Tatorte, die ich mir zuletzt zwecks Weiterarbeit an der Gesamtanthologie angeschaut habe, eher distanziert zurückgelassen haben, auch wenn sie recht gut gemacht waren. Die Mischung aus Emotionalität, leisem Humor, schönen Bildern und gelungener Schauspielerführung ist eben doch münchen-typisch und wenn die Mischung stimmt, kommt dabei ein wirklich abendfüllender Film heraus. Mal sehen, ob ich heute Nacht eher Ivos oder eher Leitis Schlafstörungen nachspielen werde. Oder doch meine eigenen fortsetze. Es ist sicher auch so, dass der Film etwas bei mir triggert oder spiegelt, das merke ich schon daran, dass ich die Rezension noch am selben Abend schreibe, das habe ich mir ja mittlerweile fast ganz abgewöhnt, schaue mir die neuen Tatorte sogar manchmal erst um einen oder zwei Tage versetzt an.

Was bewirkt diesen „deep impact“, wenn man im Grunde ein ganz anderes Leben hat als diese beiden Kommissare und sich nicht ständig mit Verbrechen und Tod befassen muss?

Es sind eben auch die Typen selbst, die sich heute wieder sehr dicht herangeschoben haben. Beinahe so dicht wie die Kölner, von denen ich manchmal behaupte, dass ich sie als einzige wirklich – auf emotionaler Ebene – vermissen würde, wenn sie aufhörten, so, wie man gute Freunde vermisst, die aus dem eigenen Lebenskreis getreten sind. Aber heute Abend kam es mir vor, als sei gerade ein Mensch gegangen, eine Beziehung zu  Ende, ein Abschied für immer habe stattgefunden. So traurig schön war die Stimmung in diesem Film und so genial die Lüge und die Nicht-Auflösung. Wir arbeiten doch wirklich jahrelang an irgendetwas, nicht nur wenige Tage, um Erfolg zu  haben – oder loslassen zu müssen. Die Wahrheit liegt darin, dass mittlerweile 95 % aller Mordfälle oder als deliktisch herbeigeführt deklarierte Todesfälle ausermittelt werden, aber die Wahrheit ist auch ein Ende ohne Ende, das unendlich müde machen kann. Und ganz selten: Ohne OK, von der man eh weiß, dass sie nicht zu besiegen ist, wenn man einzelne ihrer Mitglieder dingfest macht. Sondern in Person eines einsamen Einzeltäters sehen wir die Wahrheit, die zu einer absolut begrüßenswerten Lüge führt.

Was ist das Unterschiedsmerkaml von „Die Wahrheit“ – um nicht von einem Alleinstellungsmerkmal sprechen zu müssen?

Ich habe das bisher selten eine solche Poesie in einem Tatort gesehen. In „Die Wahrheit“ wird Vieles Wahrheit, was andere Filme oft nur suggerieren: Die Schönheit, die in der Tristesse liegen kann, im Vergehen und Abschied nehmen, im niemals Ankommen, in zwischenmenschlichen Schwingungen jenseits plumper Erfüllung physischer Bedürfnisse, manches davon versuchen ja, weil der Zeitgeist so ist, die Welt kompliziert, erkennbar  mangelhaft und das Dasein nicht mit den richtigen Elementen angefüllt, viele Tatorte einzufangen und gleichen einander, weil sie zu viel wollen und nicht tief genug wirken. Das ist mit „Die Wahrheit“ anders. Man mag den Film ein wenig zu bedeutungsschwer und in diesem Sinn gestylt finden, aber es gibt immer wieder diese kleinen Einsprengsel, sogar Running Gags wie den Papierhandtuchspender, Orte, Verhaltensweisen, die uns etwas von der im Grunde komischen ewigen Wiederkehr der gleichen Dinge erzählen. Das ist viel wichtiger, als zum Beispiel das Profiling sachgemäß darzustellen und nicht auf parodistische Weise damit umzugehen, dass es keine einfachen Lösungen gibt, wenn die KT nicht dafür sorgt, dass es sie gibt. Manches wirkt kriminalistisch wieder einmal fragwürdig und erkennbar mehr dem Rhythmus des Drehbuchs untergeordnet als der Realität geschuldet, aber in diesem Fall akzeptiere ich den Postrealismus eher, als wenn die psychologische Stimmigkeit auch noch mangelhafte erscheint. Einen als Krimi und als Thriller, als Psychogramm und als Fall hervorragenden Tatort kann man beinahe nicht verlangen, einen Film, der Atmosphäre und emotionale Amplituden aufs Beste mit einem perfekten Plot verbindet. Das ist nämlich immer schon die Ausnahme gewesen, auch im Kino.

Kann es dann aber eine hohe Wertung geben?

Ich meine, es muss sie geben. Deswegen reite ich auch nicht auf Dingen herum, die ich teilweise auch als konzeptbedingt begründen könnte wie etwa den Einsatz der Profilerin Lisa Wagner, von deren Büro ich dachte: Das ist ja mal eine Zelle!, und ein paar Sekunden später sagte sie: Das ist eine Zelle. Den Trick habe ich sehr wohl bemerkt, und das war nicht schwer. Auch die Kalendersprüche fand ich ausnehmend witzig, weil der betrachtende Polizist sie immer gerade mit einer aktuellen Ermittlungssituation abgleichen kann und sie dennoch eine Scheinwahrheit darstellen, egal, ob man bereit ist, die Wahrheit anzunehmen oder nicht: Es ist alles Zufall oder Unsinn, wie mit den Horoskopen. Aber würde man nicht gerne eine vordergründige Wahrheit und damit eine Ordnung der Dinge erkennen, anstatt immer die Kopfschmerzen aushalten zu müssen, die das nahezu permanente Einwirken einer unendlich komplexen Wirklichkeit verursacht? Und wäre es nicht schön, wenn ein Typ, der so einen typischen Psychopathen-Mörder-Altar in seiner Wohnung aufgebaut hat und die Behausung selbst, wären sie nicht eine ironische Klischee-Verwendung und stattdessen der Fall gelöst?

Der Fall wird wohl tatsächlich weitergehen.

Oh ja, und hoffentlich mit Verve. Im übernächsten, dem 75. und damit größten bisherigen Jubliäumstatort aller bisherigen Tatort-Zeiten wird er Ivo und Franz wieder beschäftigen. Wie einst in Kiel der stille Gast wiederkehrte. Der wurde allerdings im ersten Fall gefasst und entkam, das ist schon eine andere Sache. Nein, hier bleibt uns der Thrill erhalten. Und vielleicht wird keine Profilerin mehr im CSI-Style behaupten, der Typ müsse mit Blick auf den Tatort wohnen, ertrüge keinerlei Kränkung, weil selbstverständlich Narzisst, habe sich über Kleindelikte an seinen ersten Mord herangearbeitet – was natürlich komplett spekulativ ist, wenn man bisher nicht das Geringste über den Täter weiß. Aber – vorsichtig mit „Unsinn“, denn möglicherweise Parodie, siehe oben.

Das Fazit?

Im Traurigen kann etwas Kathartisches liegen, insofern hat „Die Wahrheit“ echte Film-noir-Qualität, und ich war mit diesem Tag bisher unzufrieden, beispielsweise, weil mir eine Arbeit, die morgen präsentiert werden muss, noch nicht so richtig gefallen will, obwohl ich heute den halben Tag daran herumgeknaubt habe, wie man in meiner alten Heimat sagt. Ich hatte dieses Gefühl, alles fitzelt  und kribbelt. Und dann kamen die Münchener Weißhaar-Boys und gaben mir das Gefühl, in wichtigen Dingen ist die Welt genau so und das Berufsleben ewige Müh. Und wer wäre angesichts der Allgemeingültigkeit der Erkenntnis, dass immer mal wieder erschöpft sein einfach dazu gehört, nicht guter Dinge? Vor allem, wenn er sich in bester Gesellschaft weiß, aber nicht noch herausfinden muss, ob es jemanden gibt, für den er zu lügen bereit ist, ohne nur irgendetwas anderes für sich persönlich damit zu erreichen als ein gutes Gewissen und damit wieder einen guten Schlaf?

Wenn man einen persönlichen Anknüpfungspunkt findet oder mehrere, ist das übrigens immer hübsch, aber die Wertung wäre auch ohne diesen nicht wesentlich schlechter ausgefallen.

Interessant übrigens, wie das für den heutigen Tatort hergenommene Titelbild dem ähnelt, das wir für den Tatort vor zwei Wochen verwendet haben. Die Situationen sind dennoch verschieden, und da merke ich wieder, wie wichtig die Münchener Cops mit ihrer Grundehrlichkeit für die Seelenpflege sind.

8,5/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Udo Wachtveitl (Hauptkommissar Franz Leitmayr), Miroslav Nemec (Hauptkommissar Ivo Batic), Ferdinand Hofer (Kalli Hammermann), Lisa Wagner (Christine Lerch), Stefan Betz (Ritschy Semmler), Robert Joseph Bartl (Dr. Steinbrecher)
Drehbuch – Erol Yesilkaya
Regie – Sebastian Marka
Kamera – Willy Dettmeyer
Schnitt – Dirk Göhler
Szenenbild – Maximilian Lange
Musik – Thomas Mehlhorn

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