Krumme Hunde – Tatort 699 / Crimetime 256 // #Tatort #Muenster #TatortMünster #KrummeHunde #Hund/e #Thiel #Boerne#Tatort699

Crimetime 256 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Auf den Hund gekommen

Vorwort 2019

Auch diese Rezension wird bis auf die optischen Anpassungen auf den heutigen Stand vorerst ohne größere Veränderung aus dem Jahr 2011 übernommen. Angaben wie im folgenden Absatz beziehen sich also auf den damaligen Stand. Die Rezension zu „Krumme Hunde“ war die Nr. 80 in der „TatortAnthologie“ des „Ersten Wahlberliners“, dessen Beiträge wir derzeit verstärkt archivieren. Mittlerweile haben wir weit über 600 Tatorte kritisiert.

Kritik 2011

Wurde Zeit, dass ein Münster-Tatort gesendet wurde, den wir noch nicht rezensiert haben, damit Thiel und Boerne weiterhin oben bleiben – was die Zahl der für den Wahlberliner bewerteten Tatortfolgen angeht. Langfristig wird das nicht zu halten sein, denn andere Teams haben einfach schon mehr zusammen gemacht.

Und andere Teams haben durchaus eigenständige Qualitäten. Das merkt man, wenn man „Krumme Hunde“ mit den zuletzt gesehenen Tatorten aus Kiel, Frankfurt und sogar Berlin vergleicht. Warum wir das hervorheben, lässt sich aus der -> Rezension herauslesen.

Handlung

Mit einer Hunde-Tätowierung im Nacken und Einstichwunden im Rücken wird der Privatdetektiv Peter Mang halbnackt in einer Baugrube gefunden. Ist er das Opfer seiner geheimen Ermittlungen geworden?

Die Spur führt Kommissar Thiel zur Villa der Industriellenfamilie Rummel. In der Ehe von Sabine und Markus Rummel scheint es trotze der sauberen Fassade offensichtlich zu bröckeln: Schließlich zeigen die von dem Detektiv aufgenommenen Fotos, dass den Werkschef und seine neue Assistentin Christine Schauer mehr verbindet als nur ein Arbeitsverhältnis. Beauftragt wurde der Privatdetektiv von Alfred Wesskamp. Der ehemalige Werksmitarbeiter ist ein älterer Freund des Hauses Rummel.

Wesskamp verrät Kommissar Thiel auch, dass die Firma unter der Führung von Markus Rummel wirtschaftlich jüngst in eine Schieflage geraten ist. Derweil ermittelt Prof. Boerne wieder mal auf eigene Faust. Dass ihm der ermordete Privatdetektiv zum Verwechseln ähnlich sah, lässt den Rechtmediziner nicht los. Die auffällige Tätowierung des Toten führt ihn in ein einschlägiges Münsteraner Tatoo-Studio. Hier trifft er auf den Weißrussen Jan Sievic – und dessen Kampfhund. 

Rezension

Man kann es auch so sehen: „Krumme Hunde“ ist eine der ersten Folgen, die so sehr auf die Wirkung des Teams setzen, dass dabei keine echte Frische und kein halbwegs vernünftiger Plot mehr notwendig scheint. Gerade das wäre hier aber die richtige Wahl gewesen, nicht Überfrachtung mit viel zu vielen Details und Gags, die dadurch ein hohes Maß an Beliebigkeit gewinnen – die Figuren hingegen sind, außer Karl-Friedrich Boerne natürlich, zu schwach geraten, ebenso wie die Konstruktion der Handlung.

Nicht schlecht gespielt sind die Rollen von Christine Schauer (Nadeshda Brennicke) und Markus Rummel (Alexander Beyer), das umfangreiche Team um den Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) hatte schon besser für großen Humor gesorgt als in „Krumme Hunde“.

Bezeichnend finden wir es, dass wir am Tag nach dem Film Mühe haben, eine vernünftige Haupthandlung rekapitulieren zu  können – ist es Boernes Familienangelegenheit oder doch eher die Ruchlosigkeit des Unternehmers und dessen schön böser Sekretärin, die leise und giftig mordet, um an ihre wirtschaftlichen Ziele zu gelangen? Man weiß es nicht. Aber man ist etwas auf den Hund gekommen, soviel lässt sich feststellen.

Eine Vielzahl ohne stringente Bündelung und auch die Details sind nicht alle erstklassig. In „Krumme Hunde“ kann man wirklich nicht bemängeln, es gäbe zu wenige Gags oder zu wenige Figuren. Eher ist es so, dass alles zu sehr für sich steht und nicht gebündelt ist. Da ist der im Gesamtzusammenhang sinnfreie Runninggag mit Nadeshda Krusensterns Telefon schon wieder symbolisch. Not connected, dazu noch unlogisch, wer schraubt schon tagelang an einer Endstelle herum. Nicht die Logik ist ganz falsch, dafür ist der Strang mit Thiels Vater (Claus D. Clausnitzer) und dessen Altfreundin Asha (Ute Lubosch), einer Sächsin, die sich über ihre Indienzeit hinaus den Dialekt bewahrt hat, das Element zu viel vom Guten. Dass sich Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) für deren Suchtbefreiungsmantras interessiert, ist zwar angedeutet, aber nicht zu Ende gebracht. Daran merkt man am besten, dass der Tatort überfrachtet ist, es ist einfach kein Platz mehr drin für eine humorvolle Lösung der Angelegenheit.

Dass Frank Thiel wieder anstandslos seinen alten Passat aus den späten 80ern oder frühen 90ern fährt (einen noch älteren, dazu braunen Passat steuert Borowski aus Kiel), wirkt für einen Kommissar vergleichweise normal, wundert uns aber dennoch, denn wir meinen, das durfte er im vorausgehenden Münster-Tatort („Satisfaktion“) noch gar nicht, mangels Führerschein. Da ja sonst jede Veränderung so dokumentiert wird, dass der Zuschauer sie nachvollziehen kann, hoffen wir mal für Thiel, dass er sich als Polizist nicht ans Steuer setzt und sogar  losfährt, ohne dazu berechtigt zu sein. Man kann als Tatortermittler mal Beweismaterial verschwinden lassen, wie schon mehrfach staunend zur Kenntnis genommen (um einen sympathischen Täter vor der Justiz zu bewahren), das ist lässig, aber ohne Führerschein Auto fahren, das geht gar nicht.

Es gibt einige Tatverdächtige, aber Figuren wie der Weißrusse (auf dem Unterschied zum Russen, von denen sie selbst abstammt, legt Nadeshda Krusenstern Wert) sind im Grunde wertlos für die Falllösung, der Hund Wotan spielt hingegen eine handlungstragende Rolle, weil er diverses Beweismaterial frisst, auskackt oder sonst von einem Ort zum anderen verbringt, so dass es gar nichts nützt, dass die böse, schöne Christine Schauer (guter Name) Boerne im eigenen Insitut auf Eis legt. Es erstaunt uns sowieso immer wieder, wie leicht fremde Menschen Zugang zu dieser Rechsmedizin haben. Am nächsten freien Nachmittag werden wir da auch mal unangemeldet vorbeischauen. Vielleicht hört Boerne gerade Wagner (was er in „Krumme Hunde“ nicht tut, die Bemerkung, Alberich als Pflegemutter für den Hund Wotan sei wagneresk, reicht in Folge 699 ausnahmsweise aus).

Thiel, Boerne und der Zahn der Zeit? Der Wortwitz zwischen Thiel und Prahl war schon geschliffener als in Folge 699. Das liegt zum einen daran, dass Thiel beginnt, diese harte Prollmentalität zu entwickeln, die wir aus späteren Folgen kennen und die vor allem gegen Boerne gerichtet ist. Er wird nöliger und es ist weniger Platz für gelassene oder auch genervte, aber nicht auch weniger derbe Ironie als in den Folgen, die etwa bis „Satisfaktion“ reichen. Dazu kommt, dass Thiel Boerne dieses Mal sehr deutlich dafür abmeiert, dass dieser gerne mitermitteln möchte.

So oft hat Boerne schon die entscheidenden Ideen und Hinweise geliefert, dass das Verhalten von Thiel umso kleinkarierter wirkt, je länger die Zusammenarbeit der beiden andauert. Deswegen muss Boerne sich auch so sehr darauf berufen, dass es in seiner Familie offenbar auch Detektive gibt. Uns würde es besser gefallen, dass man sich hier der Realität etwas mehr annimmt und dem Verhältnis der beiden eine neue Qualität gibt: Sie arbeiten zusammen, ohne dass die Staatsanwältin und irgendwelche Polizeioberen, die es in Münster seltsamerweise gar nicht gibt, es spitz bekommen, denn im Grunde geht es ohnehin nicht, was die beiden miteinander veranstalten. Aus der Konspiration könnte aber viel zusätzlicher Witz gewonnen werden. Und am Ende konzediert Thiel Boernes Beitrag  zur Lösung, etwas großzügiger als derzeit.

Zum anderen hat Karl-Friedrich Boerne dieses Mal nicht ganz die kongenialen Dialogschreiber erwischt wie in manch anderem Tatort. Keine Frage, dass seine Sätze weiterhin zum Besten gehören, was der Film zu bieten hat, aber die Interaktion mit Thiel zum einen, die innere Qualität des wortgewandten Boerne-Humors zum anderen sind nicht at top. Letzteres mag auch daran liegen, dass Boerne gefühlt für die Hälte aller gesprochenen Worte im Film zuständig ist und in der Rechtsmedizin, bei seinen Ermittlungsversuchen und beim familiären Part.

Der eigentliche Fall, in dem ein Jungunternehmer mithilfe einer schönen Sekretärin das vernichtet, was sein Vater aufgebaut hat, tritt zu sehr in den Hintergrund. Das ist vor allem deshalb schade, weil die beiden Figuren nicht schlecht angelegt sind. Der junge Firmenchef Markus Rummel (guter Name) hat eine ganz eigene Ausstrahlung – man kann sich gar keinen Verbrecher denken, bei diesem leicht an Mr. Bean erinnernden Charme – und am Ende ist es doch logisch, dass er mit drinhängt. Die treibende Kraft jedoch ist, und das merkt man ziemlich früh, Christine Schauer. Bei der kriminellen Energie der Frau läuft einem wirklich ein Schauer über den Rücken, auch sieh hat viel Präsenz und, wenn man den Typ mag, ist sie auch sehr reizvoll.

Dass diese beiden Figuren ihr dämonisches Verhältnis zueinander nicht ausspielen dürfen, dass ihr Agieren zu wenig detailliert gezeigt wird, ist der größte Mangel an „Krumme Hunde“. Wann endlich bekommen Thiel und Boerne adäquate Gegenspieler, kann man sich hier fragen? Aus den beiden Figuren hätte man welche machen können, die  Anlagen sind vorhanden. Verschenkt – diesen Begriff verwenden wir selten, hier ist er angebracht. Der Fluchtversuch mit dem Flugzeug ist nicht mehr ganz neu, es per Auto noch gerade zu stoppen, auch  nicht. Gut, dass nicht Thiel, sondern Boerne drinsitzt, der deutlich versiertere Fahrer der beiden Ermittlerpersönlichkeiten.

Hingegen kommt es ein wenig seltsam, dass Thiel zu Rummel ins Flugzeug steigt, auch wenn nicht davon auszugehen ist, dass dieser den Kommissar einfach beiseite schafft, indem er ihn aus der Kanzel fallen lässt. Dazu ist die Lage nach Ansicht der Firmenwerte-Verramscher Rummel und Schauer zu dem Zeitpunkt noch zu gut im Griff. Man sieht dabei etwas von Münster aus der Luft. Wer tatsächlich dort wohnt, wird also etwas davon haben, wegen des Wiedererkennungswertes.

Schwach ist die Figur von Rummels Ehefrau Sabine (Henriette Heinze) gezeichnet, die einfach abtritt, obwohl sie in ihrer quasi einzigen Szene durchaus Entwicklungpotenzial zeigt. Auch der alte Ingenieur Alfred Wesskamp (Günter Junghans)  das Faktotum, das gute Herz der Firma, hätte stärker involviert und mit mehr Spielzeit ausgestattet werden können – weniger, weil seine Rolle so exzellent angelegt wäre, sondern, weil er tatsächlich eine wichtige Position in diesem Geflecht einnimmt.

Man hat in diesem Tatort nach unserer Ansicht die Gewichtung falsch vorgenommen. Oder: Diesem Drehbuch fehlte ein guter Lektor, der alles Überflüssige streicht, damit das Wesentliche stärker zutage tritt.

Fazit

Legen wir an Münster-Tatorte andere Maßstäbe an? Und wenn ja, welche? Weil sie so beliebt sind, kommt es uns vielleicht weniger darauf an, das Gute hervorzuheben, das mag schon stimmen. Wir glauben aber mittlerweile, nachdem wir beinahe jeden zehnten Tatort rezensiert haben, der je gezeigt wurde – bei den neueren Folgen ab 2000 ist der Prozentsatz deutlich höher – dass nicht etwa die Münster-Tatorte überbewertet werden, einige davon sind herrliche Unterhaltung, keine Frage, sondern dass vielmehr andere Teams unterschätzt werden. Manche Tatorte sind voller wunderbarer, sehr filmischer Details und haben großartige Subtexte, sind vielschichtig und auch spannend, wie Münsteraner Tatorte nie sein können, bei gegebener Konstellation, bei der immer sehr viele Figuren integriert werden müssen und viele Gags, die nicht unbedingt die Handlung befördern oder beschleunigen.

Es ist für uns mittlerweile nur ein konzeptioneller Unterschied  zwischen einigen Top-Tatortstädten, kein qualitativer in dem Sinn, dass Münster allen anderen voraus wäre. Es ist eine weitere Option, eine besondere Form von Kriminalkomödie, die man hier installiert hat. Aber „Krumme Hunde“ und auch einige der Folgen, die danach gedreht wurden, zeigt, dass man auf die Balance achten muss. Boerne kann nicht alles herausreißen, was ansonsten zu viel, zu wenig, zu unlogisch oder zu skizzenhaft ist.

Am Ende vergleichen wir aber doch wieder aufwärts, um es mal so  zu nennen. Das heißt, wir stellen uns neben die berechtigte Kritik und sagen noch einmal: Die Hauptfiguren, besonders Boerne, sind generell klasse und erzielen auch dieses Mal Wirkung.

7,0/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Frank Thiel – Axel Prahl
Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Silke Haller (alias „Alberich„) – ChrisTine Urspruch
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Markus Rummel – Alexander Beyer
Christine Schauer – Nadeshda Brennicke
Alfred Wesskamp – Günter Junghans
Jan Sievic – Oleg Zhukov
Henriette Boerne – Astrid Meyerfeld
Sabine Rummel – Henriette Heinze
Dr. Rudolf Boerne – Traugott Buhre
Asha – Ute Lubosch

Buch – Stefan Cantz
Buch – Jan Hinter
Regie – Manfred Stelzer
Produzentin – Sonja Goslicki
Kamera – Marco Uggiano
Musik – Lutz Kerschewski

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