Teufelskeis – Tatort 577 / Crimetime 259 // #Tatort #Leipzig #Sachsen #Ehrlicher #Kain #Neonazis #Nazis #Teufelskreis

Crimetime 259 - Titelfoto © MDR, Spitz

Grober Keil auf groben Klotz

Immer wieder am 30. April pilgern die Neonazis von Leipzig  zum Völkerschlachtdenkmal und immer wieder versucht der Staat mit allen Tricks, sie davon abzuhalten – doch im 35. Fall von Ehrlicher und Kain aus dem Jahr 2004 kommt einer im Denkmal um und die beiden Kriminaler ermitteln, weil auch ein Nazi ein Mensch ist, der ermordet werden kann. Wie sich das gestaltet, darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Ihr 35. Fall führt die Kommissare Ehrlicher und Kain zum Leipziger Völkerschlachtdenkmal. Dort wird, während am Hauptbahnhof eine Neonazi-Demonstration stattfindet, einer der örtlichen Rädelsführer namens Linhard Banzhaff tot aufgefunden. Offenbar wurde er von der höher liegenden Galerie heruntergestoßen.

Im Fahrstuhl liegt bewusstlos ein Verletzter: Stefan Mayer-Lischinski. Die Kommissare stellen fest, dass Banzhaff vor seinem Sturz in die Tiefe des Denkmals einen Schlag auf den Kehlkopf bekommen haben muss. Also: Mord! Staatsanwältin Mitterer findet in ihren Akten Hinweise, dass der mehrmals vorbestrafte, arbeitslose Betriebsschlosser schon länger als Politaktivist für rechtsradikale Gruppen unterwegs ist. Walter, der Kriminaltechniker, der alle Polizei-Videos der Demonstration sichtet, macht eine weitere wichtige Entdeckung: Banzhaff war vor seinem Tod auf der Kundgebung. Die Videos zeigen, dass er sich dort mit Mayer-Lischinski schlug, dessen geschiedene Ehefrau versuchte, die Streithähne zu trennen.

In der Wohnung des Toten kommen die Polizisten der gemeinsamen Vergangenheit der beiden Männer auf die Spur: Ein Foto zeigt sie 1989 gemeinsam bei einer Anti-Stasi-Demonstration und Briefe Mayer-Lischinskis belegen den Ekel und Hass, den er später für die wahren politischen Motive seines Ex-Freundes empfand. Die Kommissare fragen sich: Wie konnte sich Banzhaff eine so luxuriöse Wohnung leisten? Woher kommen die vielen hohen Bareinzahlungen auf den Kontoauszügen, die auf dem Korridorboden liegen?

Schließlich überraschen Kain und Ehrlicher die Oberregierungsrätin Rita Faulhaber vom Verfassungsschutz, die versucht, durch das Küchenfenster die Wohnung zu verlassen .

Die Kommissare erhalten die Nachricht, dass der Hauptverdächtige aus dem Krankenhaus geflohen ist. Als die Pastorin Antje Mayer-Lischinski Ehrlicher und Kain zum Atelier ihres geschiedenen Mannes führt, finden sie die Räume komplett verwüstet vor. Draußen vor der Tür lauern im Dunklen die, die mit dem kirchlichen Widerständler auf ihre eigene Art abrechnen wollen: Nico Röckmann, Anwalt und Agitator der Neonazi-Demo, und Hermann Waldau, der neue Leipziger Neonazi-Anführer. Röckmann versteht es sehr geschickt, die Ermittlungen der Polizei für sich auszunutzen – was die Kommissare gehörig nervt.

Als Walter ausgerechnet Rita Faulhaber auf den Bändern der Überwachungskameras zur Tatzeit vor dem Völkerschlachtdenkmal entdeckt, nimmt der Fall eine überraschende Wendung.

Rezension

Hinzufügung 2019

Diese Rezension ist eine „Lagerrezension“, die bisher nicht veröffentlicht wurde, der Entwurf stammt aus dem Jahr 2014 und wurde anlässlich der Publikation für den neuen Wahlberliner umfangreicher ergänzt als üblich – die bisherigen Bestandteile aber nur unwesentlich verändert.

Anfang der 2000er war der Begriff „Neonazi“ noch recht gebräuchlich. Da mittlerweile die Altnazis weitgehend verstorben sind, ist es einfacher geworden. Die Rezension aus dem Jahr 2014 berücksichtigt allerdings einige neuere Vorkommnisse in Sachsen noch nicht und wenn wir schreiben, dass wir das eine oder andere als zu grob gestrickt empfinden, dann müssen wir nun vorschalten, dass offenbar die Macher des MDR oder Linke wie Peter Sodann, der den Ehrlicher spielt, mehr wussten, als wir, zu einer Zeit, als die AfD noch nicht ihre heutigen Umfragewerte hatte.

Allerdings kann man auch eine andere Interpretation wählen: Einiges, was in diesem Tatort zu sehen ist, die Mentalität, die sich hier bei vielen Figuren offenbart, zeigt sich unter heutigen Bedingungen stärker und auch die Kritik daran, wie der heutige Staat in Sachsen funktioniert, bekommt dadurch mehr Relevanz.

Leipzig ist zwar weniger ein sichtbares rechtes Zentrum als Dresden, aber der Tatort ist nun einmal Ende der 1990er von Dresden nach Leipzig gewechselt. Aber manchmal geht es nicht nur um rechts oder links, sondern darum, ob Menschen autoritär oder freiheitlich veranlagt sind. So betrachtet, offenbart auch der Kommissar Ehrlicher in diesem Film vieles, worüber man diskutieren kann. Leider haben wir im Moment dazu nicht die Zeit, aber vielleicht schauen wir ihn uns bei der nächsten Ausstrahlung nochmal an.  

Der Eindruck nach dem Film? Mit den Leipzigern / Dresdnern haben wir spät angefangen, und wir meinen, das hat sich als richtig herausgestellt. Die sind so schrullig, dass man auf einen falschen Eindruck über die ganze Tatort-Reihe gekommen wäre, hätten sie von Beginn an unser Bild von der Reihe mitbestimmt.

Große Filme sind ihre Fälle meistens nicht und das muss man auch von „Teufelskreis“ sagen. Die Spannung hält sich in Grenzen und entsteht vor allem deshalb, weil wir dem Drehbuch mehr Twists  zugetraut hatten, als es am Ende wirklich zeigt – und auf allen Seiten wird ziemlich roh agiert. Man hat wohl gedacht, bei einem so unsubtilen Thema wie den Neonazis muss auch die Inszenierung entsprechend sein.

Was stört an der Inszenierung? Dass etwas besonders stört, wäre zu viel gesagt, die einfachen Parolen, die rudimentären Charaktere, die Hilfsopfer, die Kleindemagogen sind ja alle der Wirklichkeit abgeschaut. Trotzdem wirkt diese Realität irgendwie vorgespiegelt, wozu Gags wie dieses Wehrmachts- und NS-Museum, das der V-Mann Bandner als Wohnung betreibt oder die Wohnung, die zu einem Museum geraten ist, erheblich beitragen.

Das ist nicht nur überzogen, sondern auch etwas albern, zumal für einen V-Mann des Verfassungsschutzes, der eher ein unauffälliger Typ sein sollte, also jemand, der sich so exponiert und alle anderen rechts auf eine so gelackte Weise überholen will, dass ein in der Wolle gefärbter Anführer wohl eh schnell Verdacht schöpfen würde. Denn, und das ist immer die Gefahr an solchen Vergröberungen, so doof sind die Neonazis auch wieder nicht, wie sie hier gezeigt werden. Und weil sie das nicht sind, sind sie ja auch gefährlicher als man sich das von den Leuten vorstellen kann, die wir im Film sehen. Aber das ist wieder typisch Ehrlicher.

Ehrlicher persönlich? Ein typischer Ehrlicher-Tatort. Das Florett war noch nie die Waffe dieser Schiene im Kampf um die Meinungshoheit, auch nicht der Säbel, sondern eher die Axt oder der Holzkeil. Demgemäß kann Ehrlicher sich hier auch erlauben, in etwa zu sagen, dass er die gegenwärtige Demokratie Scheiße findet, weil sie Neonazis erlaubt.

Dass der Mann für die damalige PDS als Bundespräsidentenkandidat ins Rennen gegangen ist, wissen wir, aber im Grunde steht er mit einer solchen Aussage außerhalb der Verfassung. Klar darf man seine Meinung sagen, wenn es so gut passt wie hier, aber Ehrlicher hätte lieber wieder einen Polizeistaat, da wäre das Ermitteln wegen der besseren Durchgriffsmöglichkeiten so viel leichter und da gäbe es auch keine Mitarbeiter wie den Kriminaltechniker Walter, die sich an der neuen Wirklichkeit einen Dauer-Burnout holen. Anmerkung 2019: Das ist bei ihm nur in diesem Film so deutlich herausgestellt worden.

Die Freiheit bedeutet Reibungsverluste, das kann man aber offenbar nur verstehen, wenn man in Freiheit aufgewachsen ist oder in Ländern wie der Ex-DDR für sie gekämpft hat. Von wegen „Wir sind das Volk“. Peter Sodann hat sicher nicht zu den Nikolaikirchnern gehört, nicht zu denen, die diesen Spruch 1989 skandiert haben, bevor ihn sich, zumindest in diesem Film, die Nazis zu eigen gemacht, ihn usurpiert haben. Diese nölige Form von Ostalgie, die letztlich nichts anderes besagt, als dass Diktatur besser ist als Demokratie kann schon manchmal nerven.

Wenn das ein wenig polemisch war – wie der Tatort ruft, so schallt es zurück. Wir finden die Menschen, die seinerzeit gegen das System aufgestanden sind, immer noch mutig, aber bis jetzt haben wir keinen Ehrlicher-Tatort gesehen, der sie gewürdigt hat. Keinen einzigen.

Der MDR, der die Ehrlicher-Filme produziert hat, ist dermaßen opportunistisch gegenüber den Ewiggestrigen, zu denen nicht nur die Nazis zählen. Die Stasi wird einmal in einem Sinn erwähnt, der klar macht, dass die doch gar nicht so schlimm war, im Vergleich zu den jetzigen Zuständen. Auweia.

Einige Charaktere hätten es verdient, dass ihre Einstellungen einmal in einer Überwachungsdiktatur, wie sie sich ohnehin am Horizont abzeichnet, so richtig zu Nachteilen für ihr persönliches Dasein führen. Würden sie aber nicht, denn wer autoritäre Staatsformen bevorzugt, in denen zwar keine Nazis aufmarschieren, aber auch sonst die Meinungsfreiheit tot ist, der kommt mit jedem totalitären Staat klar.

Und ein überzeugter SEDler neigt dazu, das repressive DDR-System mit seiner zusätzlichen Hypothek mangelnder wirtschaftlicher Funktionsfähigkeit als einen paradiesischen Ort der Ruhe anzusehen, wo es, wie wir in den Polzeirufen aus der Vorwendezeit sehen, nur ein paar der guten, allzeit bereiten Gesellschaft entfremdete Einzeltäter als Kriminelle gab, die man mit einem gewissen pädagogischen Aufwand wieder auf den linientreuen Pfad führen kann. Schon damals waren die ideologischen Hinweise so deutlich, dass auch der am wenigsten Durchdrungene sie verstehen konnte, und den Stil hat man in den MDR-Tatorten weitergeführt – allerdings mit sich abschwächender Tendenz im Verlauf der Jahre, für die späten Ehrlicher-Filme, die in Leipzig gedreht wurden, ist „Teufelskreis“ ein Extremfall.

In „Teufelskreis“ helfen Kirchenleute nicht dabei, für die Freiheit zu kämpfen, wie vielfach in der realen DDR, sondern fördern die braune Brut – wenn auch nicht absichtlich. Den Schritt hat man dann doch nicht vollzogen und in der Kirche wird rumort. Die Nikolaikirche ist es allerdings nicht, die hier gezeigt wird.

Diese Trennung in gute und böse Diktaturen, die der Film propagiert, ist Gift für die Entwicklung mündiger Bürger und stellt nachträglich allen einen Persilschein aus, die in der DDR andere unterdrückt haben. Mit dem Vorwand, dass damit Auswüchse wie Neonazi-Aufmärsche verhindert worden seien. Besonders die vertiefte Befassung seit Chemnitz 2018 hat erbracht, dass es sehr wohl schon vor der Wende rechtes Gedankengut und rechte Strukturen im von der SED nach Aussagen von Zeitzeugen besonders hart geführten Sachsen gab.

Das war wohl eher ein Nebeneffekt, hauptsächlich wurden die Bürger daraufhin observiert, ob sie sich eine eigene Meinung erlaubten oder sogar solch verwegene Gedanken wie das fluchtweise Verlassen des Zwangssystems untereinander austauschten. Glücklicherweise sehen wir „links“ nicht als gleichbedeutend mit der Notwendigkeit einer alle Freiheitsrechte mit Füßen tretenden Staatsform an, sonst könnten wir gleich zu Hause bleiben, wenn Wahltag ist.

So, wie die Nazis mit Springerstiefeln den vermuteten Renegaten ins Gesicht treten, so tritt Ehrlicher der Demokratie, die ihn zu einem gut verdienenden Fernsehschauspieler gemacht hat, besonders in „Teufelskreis“ ins Gesicht. In einer Diktatur dürfte er sich über das herrschende System so nicht äußern. Aber das ist auch ein Preis der Freiheit und das Wohl der Freiheit: Dass wir es zulassen, dass nicht freiheitlich gesinnte Menschen aus allen Lagern über die Medien Politik machen dürfen.

Das hält die Freiheit allerdings aus, darüber sollten sich die Autoritären aller Lager im Klaren sein und die Offenheit, mit der Rechte und Linke sich in Demos gegeneinander stellen, hat den Vorzug, dass nichts im Verborgenen wirkt, sondern sich offen zeigt, wie es ist: Nämlich als eine Gesellschaft mit politischen Spannungen, wie sie in einer freiheitlichen Demokratie üblich sind.

Dazu gehört natürlich auch, dass neutral gegen alle Seiten ermittelt wird, wenn Verbrechen ins Spiel kommen. Dass nach rechtsstaatlichen Prinzipien die gleichen Tatbestände gleich behandelt werden, egal wer sie begeht und auf wessen Seiten die Sympathie der Staatsorgane bei der Judikative und bei der Polizei und im Vollzug angesiedelt sind. In der ursprünglichen Version der Kritik war es anders gemeint, als es heute überwiegend interpretiert werden muss: Dass in Sachsen die Staatsorgan den Rechten sehr freundlich gesonnen sind. 

Ist ein solches Statement dem Kern des Films angemessen? Doch, ist es. Es geht ja darum, wie hier die Realität gezeigt und sehr deutlich kommentiert wird. Der Film selbst hingegen ist so  unspektakulär, dass man über ihn kaum die 1200 Wörter schreiben kann, die Grundlage des Rezensionsschemas beim Wahlberliner sind. Er ist konventionell, einfach, im Ganzen auch logisch, was die Abläufe angeht, bei der Verhaltenslogik der Figuren wird’s schon etwas schwieriger und die Auflösung mittels heimlichem Video ist seltsam.

Man kann sie noch gerade damit rechtfertigen, dass man sagt, das Gelände der alten Fabrik wird eben per Video von der Polizei beobachtet und zufällig erwischt diese dabei ein wichtiges Gespräch zwischen der Verfassungsschützerin Faulhaber und dem Nazichef im Ledermantel namens Röckmann, der natürlich auch wieder ein zugereister Wessi ist. Auch das ist ja eine Spezialmasche der Leipzig-Tatorte, dass die Bösewichte, die echten Schlechten, die Strippenzieher und Intriganten, aus der Alt-BRD importiert sind, weil es ja im Osten gemäß Doktrin der Macher von Tatorten wie diesem keine solchen Figuren gegeben haben kann, die Ausgeburten eines falschen Systems sind. Kein Wunder, dass die Ehrlicher-Tatorte im Westen viel Befremden hervorgerufen haben und es ist denen, die dafür verantwortlich sind, egal, ob sie mit solchen Pauschaldarstellungen das Land weiter spalten, anstatt auch mal etwas für die innere Vereinigung zu tun.

Finale

„Teufelskreis“ ist kein mieser Film und Vieles, was wir sehen, kennen wir aus anderen Tatorten. Wir denken, das Nazi-Thema kann man immer wieder bringen, wenn  man ihm etwas Neues abgewinnt und vor allem nicht so an der Oberfläche bleibt, wie das  in „Teufelskreis“ der Fall ist und zum Ausgleich falsche Akzente setzt, die mangelndes Demokratieverständnis bekunden.

Allerdings: Wir finden Ehrlicher und Kain auch besonders authentisch in ihrer Art, die Dialoge wirken in „Teufelskreis“ sehr lebensecht und die Ermittlungen sind okay. Doch gerade kurz vor einer Wahl, wegen der wir auf höherer Ebene auch viel über Demokratiedefizite nachdenken müssen, nervt das allzu Plakative. Eine Rezension ist dann authentisch, wenn sie das ein wenig spiegelt und nicht Finessen sucht, wo keine zu finden sind. Schlussanmerkung 2019: Wie roh es in der Wirklichkeit zugeht, davon haben wir mittlerweile auch ein etwas anderes Bild, doch nachgerade hat sich gezeigt, dass es richtig war, das in den Ehrlicher-Tatorten extrem ausgeprägte Verständnis für alles, was angeblich nur Folge der Wende war, zu kritisieren. Wir heben trotzdem die Punktzahl für den Film um 0,5 gegenüber der ursprünglich vorgesehenen Bewertung an, weil das Thema in den letzten Jahren so relevant geworden und die Rechte auch parlamentarisch ihren Ausdruck gefunden hat. 

6/10

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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