Lesen ist kein Ponyhof. Zum Stand der Alphabetisierung / #Lesen #funktionalesAnalphabetentum #Alphabet #Buch #Zweitbuch

2018-10-05 STERN Land ohne LehrerVorgesehen war: Veröffentlichung irgendwann im September 2018. Wegen des nebenstehenden Stern-Titels „Land ohne Lehrer“, dem Scherwpunktthema eines damals aktuellen Wochenheftes.

Aber wir können auch stur sein. Manches lagert in den Entwürfen schon viel länger und wir müssen einen Dreh finden, um einen zu diesem Frühjahr 2019 passenden Bezug herzustellen, wenn wir daraus noch etwas machen wollen. Aber Lesen und Schreiben sind überzeitlich, solange noch jemand lesen und schreiben kann.

Im STERN haben wir den damals verlinkten Beitrag gar nicht mehr gefunden, aber die Version der ZEIT dürfte ähnlich ausschauen, weil es sich um eine dpa-Meldung handelt, die lediglich übernommen wurde. Dies bedeutet, wir stellen im „Fremdartikel des Tages“ oder „Außenbeitrag des Tages“ erstmals einen Text vor, der nicht mit dem Namen eines Autors oder einer Autorin gekennzeichnet ist, was ihn wiederum als kurze Mainstream-Meldung kennzeichnet. Geht sowas? Immer wieder tauchen Fragen auf, wenn man so ein kleines Magazin gestaltet.

Fragen, die sich nur stellen können, wenn man sich bezüglich der eigenen Alphabetisierung einigermaßen auf der sicheren Seite wähnt. Wir lassen uns in diesem Wahn auch nicht dadurch beirren, dass wir häufig Tippfehler einbauen und manchmal auch grammatische – oder, für Nicht-Linguisten, grammatikalische – Wischer in unseren Texten zu finden sind. Vieles davon ist der Geschwindigkeit geschuldet. Vor allem, wenn wir Entwürfe überarbeiten und dabei nicht nur einzelne Formulierungen, sondern auch den Satzbau ändern, wird es manchmal haarig, weil wir dazu neigen, rein optisch nicht immer im Blick zu haben, welchen Rattenschwanz an grammatisch notwendigen oder doch stilistisch sinnvollen Änderungen ein einziger  umgestalteter Satz nach sich ziehen kann.

Wenn wir mal die Zeit haben, können wir uns aber selbst immer weiter zur Fast- Perfektion hin endkorrigieren. Außerdem trauen wir uns an guten und schönen Tagen und wenn uns das Thema besonders liegt, eine für den Blogjournalismus mindestens ausreichende Wortgewandtheit zu. Damit rechnen wir bezüglich der Alphabetisierung zu den oberen zehn oder fünfzehn Prozent – der Bevölkerung, nicht der Blogjournalisten. Würden wir uns nicht dieser Gruppe zugehörig wähnen, würden wir aber uns nicht trauen, dieses Magazin zu machen, denn wir sind schon auch selbstkritisch. Jenseits des Wahns und diesseits, soweit er es zulässt, versteht sich.

Was haben wir also mit diesem Beitrag zu schaffen? Wir wissen außerdem aufgrund vieler Hausbesuche, dass in den meisten Wohnungen der wandgroße Bildschirm der alleinige technische Träger für die Medienrezeption ist und nicht wenigstens alternativ das wandhohe Bücherregal bzw. das, was darin aufgestellt ist.

Leser_innen, also Menschen, die uns Zeile für Zeile oder wenigstens quer, die werden es ahnen: Wir machen uns Sorgen um unser Publikum. Wir sehen eine schwindende Zahl von Menschen, die wir selbst bei größter, also weitaus größerer Anstrengung als bisher – überhaupt und von deren eigenen Voraussetzungen her betrachtet – für uns gewinnen können. Zum Glück werden wir es nicht mehr erleben, dass gar niemand mehr liest, weil das Lesen lernen nach Hören durch das noch weniger geistige Anspannung verursachende nur noch auf andere einreden, aber gar nicht mehr lesen müssen, trotz wie dafür geschaffener Augen im Kopf, ersetzt wird. Das ist noch ein paar Schulreformen voraus, bei denen im Vordergrund steht, dass auch der letzte Lesemuffel nicht mehr bloß mitgenommen wird, sondern dass man sich zu ihm in die letzte Reihe setzt und ihm bedeutet, dass auch er, wenn seien Zeit gekommen ist, eine Rolle als vertrottelter Konsument spielen darf und somit alles gut ist. Inklusion ist kein Ponyhof, aber sie wird gelingen, wenn endlich alle gleichermaßen der Ansicht sind, dass Lesen und ein paar andere frühere Grundfertigkeiten elitärer, wahlweise nerdiger Quatsch sind. Dann ist ein Land ohne Lehrer kein Fail mehr, sondern eine ganz schlaue

Um uns einzustimmen und vielleicht sogar ein wenig avantgardistisch zu sein, geben wir für diesen Beitrag die Parole aus: Wer feeler darin findet, darf sie behalten.

So, diesen Entwurf hätten wir auch rausgewuppt. Jetzt sind es nur noch 107. Aber es kommen zum Glück täglich mehrere hinzu. Dem #Mietenwahnsinn sei Dank. Aber es ist jetzt kein Fremdbeitrag mehr. Dann hätten wir noch einen Schuss frei für was Anspruchsvolles, also etwas, das dann wirklich nicht von hier und mir stammt.

TH

Medienspiegel 320

9 Kommentare

  1. Perfektion? Das habe ich gar nicht, weil das kann ich gar nicht erreichen. Ich schreibe immer so wie ich denke. Und da sind halt Fehler drin, aber das finde ich nicht schlimm. Das ist mein Stil. Es ist menschlich. Und wer meine Artikel nicht mag, der ist für den Inhalt noch nicht bereit. Manchmal muss man Regeln brechen um weiter zu kommen.

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    1. Danke für das schöne Video, ich hab bei Youtube weiterlaufen lassen und höre immer noch 😉

      Bitte nicht persönlich von dem Beitrag angesprochen fühlen, so ist er nicht gemeint.
      Ich wende mich nicht zum ersten Mal gegen die Lesefaulheit, die auch zu Denkfaulheit führt. Ich müsste zumindest im fiktionalen Bereich selbst übrigens viel mehr lesen, um die Kreativität auf dem Gebiet zurückzugewinnen und meinen Stil zu überprüfen.

      Bei den (wenn auch subjektiv-) journalistischen Beiträgen ist es so: Ich schreibe etwas, jage es relativ schnell raus, damit die Aktualität einigermaßen passt – und dann retweetet es jemand und schickt es an unzählige Adressaten von Rang und ich sehe deshalb nochmal vor der geplanten Routineüberprüfung extra drüber und merke, dass da haufenweise Fehler drin sind.

      Das ist schon peinlich, weil es auch darum geht, ein wenig ernst genommen zu werden, sonst kann ich nichts für meine kämpfenden Freund_innen im Auge des #Mietenwahnsinn/s tun.

      Ich korrigiere also schnell nach und überlege, ob ich jetzt extra noch was als Antwort druntersetze wie „Bitte alle nochmal lesen, der erste Versuch war noch nicht so gut, orthografisch“. Außerdem ist es mir wichtig, meine Kognition zu beobachten und dafür gibt es gute Gründe.

      Technische gibt es auch, deswegen werde ich mir demnächst eine hochwertigere oder höherwertige Tastatur gönnen und bin gespannt, ob sie positive Auswirkungen haben wird.

      Liebe Sonntagsgrüße
      Thomas

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      1. Nö, alles in Ordnung. Ich höre Doro ganz gern wenn ich gerade emotional unten bin. Was da in dem Lied beschrieben wird, ist so ziemlich mein Leben. Ich fühle mich auc zwischen den Städten hin und her gerissen. Ich kann mich sehr gut mit dem Text identifizieren. Ich habe Heimweh in der Ferne. Und diese ganze Peinigung tu ich mir nur an um irgendwann vielleicht das goldene Zeitalter zu erreichen.

        Ja, leider wird man nicht so ernst genommen, wenn sich Fehler in den Texten häufen. Aber mir geht es darum auch nicht. Ich möchte nur meine Gedanken verlangsamen und mich ordnen. Und da hilft es doch ein wenig mit anderen ins Gespräch zu kommen. Das ist auch der Grund, wieso ich meine Tagebücher hier veröffentliche.

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        1. Ich stamme nicht aus Berlin, aber diese Zerrissenheit fühle ich nicht Ab und zu kommt so eine nostalgische Stimmung auf.

          Wir sind jedenfalls ins Gespräch gekommen, das haben deine Betrachtungen und natürlich deine Kommentare zu meinen Betrachtungen oder Beitragen bewirkt.

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          1. Schön, wenn sie etwas in dir bewirkt haben. Ich weiß im Moment nicht, was ich will. In mir schreit es nur, dass ich freier sein möchte, aber ich weiß nochnicht wie ich dahin komme.

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          2. Ob Freiheit im heutigen Schuldienst möglich ist, kann ich nicht aus eigener Anschauung beurteilen, aber für die Kinder ist es wohl besser geworden. Die müssten nicht mehr mitziehen, sondern werden abgeholt.

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          3. Ja, ich probiere es aus. Wenn das alles nichts wird, ist auch nicht der weltuntergang. Ich hatte eine Weile als Dozentin in der Nachhilfe gearbeitet. Das hatte Spaß gemacht, aber es gab mir keine langfriustige Perspektive, weil das nur auf Honorar war, sodass ich in den Ferien harzen musste.

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          4. Es klingt sicher ein bisschen klugscheißerisch, weil materielle Absicherung nicht zu verachten ist – aber letztlich kommt Sicherheit nur von innen. Manche Menschen sind einfach so und waren immer schon so. Die meisten müssen sich das eher erarbeiten und das ist schwieriger, als sich auf eine Staatsstelle zu retten.

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