Ist Satire Satire, wenn sie mit Fake News arbeitet? Die heute SHOW und das Bauen in Berlin / @HeimatNeue @heuteshow @DWenteignen / #heuteShow #DWenteignen #Vonovia #DeutscheWohnen #Länderfinanzausgleich #Berlin #BER #Enteignung #KarlMarx #Satire #baubaubau #bauenbauenbauen #Sozialwohnung

Wer äußert sich im Moment nicht zum Mietenwahnsinn in Berlin? Er gibt ja auch prächtig viel her. Die heute SHOW vom ZDF hat viele Fans, auch unserem Freundeskreis. Es ist schon ein 15 Tage her, dass der hier verlinkte Beitrag gesendet wurde:

Einen Ausschnitt daraus, der sich mit den Nebenkosten-Praktiken der Vonovia befasst, hatten wir bereits in einem Beitrag zu diesem Konzern erwähnt.  Offenbar wurde er nachträglich auch für die heute SHOW verwendet bzw. in sie eingebettet. So weit, so gut.

In der Sendung wird aber nach allen Seiten ausgeteilt und dabei teilweise Unsinn erzählt. Satire darf alles satirisch betrachten, wer würde das bestreiten wollen? Aber bitte aufgrund richtiger Fakten. Oder es sein lassen, weil die richtigen Fakten für Satire nicht viel hergeben. Der erste vergeigte Gag ist, dass eine Mieterhöhung gezeigt wird, die bei weitem nicht die Spitze darstellt, wir haben zuletzt noch die Fälle von Verdreifachung in Friedrichshain registriert, die noch auf Modernisierungsankündigungen aus 2018 beruhen.

Wir lernen daraus übrigens: Am Zeitpunkt der Ankündigung einer Modernisierung scheidet sich altes und neues Recht, nicht am Zeitpunkt des Ausführungsbeginns. Mit der Verdreifachung hätte man jedenfalls noch einige Ohs und Ahs mehr hervorrufen können.

Falsch aber wird es, als es um das Bauen in Berlin geht. Die 30.000  neuen Wohnungen in fünf Jahren, die jetzt auf 25.000 reduziert wurden, sind nur der Teil, der von öffentlichen Trägern gebaut wird. Allein 2018 wurden insgesamt fast 16.000 Wohnungen neu bezugsfertig, was auch bedeutet, dass Berlin sich brav marktwirtschaftlich verhält und über zwei Drittel des Neubauvolumens von privaten Trägern erstellen lässt. Dass viele von diesen Wohnungen am Bedarf vorbeigehen bzw. am Bedarf der Mehrheit, kein Wort davon in der heute SHOW. Hingegen wird ein Beitrag der RBB-Abendschau so ausschnittsweise gezeigt, dass der Zusammenhang verloren geht und man meinen könnte, die 30.000 / 25.000 seien die Gesamt-Neubzahlen für fünf Jahre. Das ist eine absichtliche Falschdarstellung, die sich außerdem darauf verlässt, dass Menschen in kleineren Städten diese Zahlen normal finden, ihnen also nicht sofort auffällt, dass da angesichts einer Stadt mit insgesamt 1,9 Millionen Wohnungen etwas nicht ganz stimmen kann.

Die Berliner Verwaltung ist nicht die effizienteste und wird es wohl nie werden, egal, wer regiert. Und wir haben im „ersten“ Wahlberliner noch Listen mit den größten Fails geführt. Der Flughafen BER natürlich immer auf Platz eins. Aber so krass, wie es im Bauamtszimmer-Sketch dargestellt wird, ist es bei weitem nicht und wir wissen alle, dass die Bauwirtschaft kaum mehr schaffen kann als das, was im Moment auf die Betonfundamente gestellt wird, nachdem jahrelang sehr wenig gebaut wurde und die Kapazitäten dementsprechend schrumpften.

Sehr tricky ist auch die Darstellung der Finanzlage. Die Berliner Politik, billig zu verscherbeln und teuer zurückzukaufen, reizt natürlich zur Satire, daran führt nichts vorbei. Und dass hier manches nur geht, weil Berlin fast den gesamten Länderfinanzausgleich an sich zieht, erwähnen wir der Fairness anderen Bundesländern gegenüber auch immer wieder. Aber Köln als Gegenbeispiel soll wohl ein Witz sein: Nordrhein-Westfalen ist in den letzten Jahren auch zum Nehmerland geworden.

Nicht, weil die Menschen plötzlich viel dümmer wurden als früher, was für Berlin als Dauerzustand dargestellt wird, sondern, weil die gigantische Industriekonversion des Ruhrgebiets nach wie vor nicht richtig läuft und immer tiefere Schneisen in die Zukunftsfähigkeit des einst wirtschaftsstärksten Landes frisst. Aus den noch immer nicht komplett überwundenen Folgen der Insellage Berlins hingegen entstand die Dauer-Subventionsabhängigkeit, die sich heute durch die Nehmereigenschaft im Länderfinanzausgleich manifestiert. Alles das ist differenziert und nicht unkritisch zu betrachten, das tun wir auch.

Aber die Enteignung ganz nach dem Geschmack der Immobilienlobby so darzustellen, als ob das Land Berlin auf einen Schlag alle die 243.000 Häuser bezahlen müsste, die nach dem Modell von „DWenteignen“ zu kommunalisieren sind, ist schlicht Quatsch, nicht Satire. Wie viel Eigenkapital braucht ein Land? 20 Prozent oder sogar weniger, wie es im Osten oft üblich ist, weil sonst auch der Privathausbau kaum voran käme? Und natürlich wird auch der Unterschied zwischen Marktpreisen und Entschädigungssummen nicht erwähnt. Dass die heute SHOW nicht auf die Möglichkeiten eingehen kann, die eine neue, landeseigene, aber moderne Formen der Mieter_innen-Mitbestimmung ermöglichende Wohnungsgesellschaft gesellschaftspolitisch bietet, ist klar, Satire ist keine Rocket Science.

Warum wir uns ärgern? Weil die heute SHOW ziemlich viele Menschen erreicht und man glaubt, das, was Satire sich aussucht, basiere zahlenmäßig doch wohl auf dem, was die“echte“ heute-Sendung zur Verfügung stellen oder recherchieren kann und sei verifiziert. Offenbar ist dem nicht so.

Wir halten fest: Wenn es ans Eingemachte geht, ist das ZDF, Satire-Sendung oder nicht, ein kapitalismusnahes Medium. Die tiefgründig linken Menschen wissen, das ist ein alter Hut. Aber wir haben nicht nur Leser aus diesem Teil des politischen Spektrums.

Der Trick der Macher: Ein bisschen Empörung gegen die Machenschaften von Großkonzernen in Einzelfällen aufnehmen, die Menschen lachen befreit, vor allem, wenn sie nicht selbst vom Mietenwahnsinn betroffen sind, aber gleichzeitig diejenigen diskreditieren, welche das Übel an der Wurzel packen wollen.

Wegen des Mietenwahnsinns bzw. des Berichtens darüber fällt das ja alles im Moment weg: Wir wollten mal eine Kritik an den Mainstream-, aber auch an den Alternativmedien mit ihren unendlichen Whataboutismen schreiben. Neuer Unterpunkt, schonmal vorgemerkt für die Zeit, wenn DW & Co. enteignet sind und der Mietenwahnsinn nachlässt: Wie geschickt manipulierende, vorgeblich kritische Satire in den Leitmedien die Kampffähigkeit der Menschen gegen den Kapitalismuswahn schwächen will. Wenn es sein muss, mit falschen Zahlen.

TH / Credit to @HeimatNeue (IG HAB, Hausinitiative der Habersaathstraße 40-48 in Berlin-Mitte) für die Weiterleitung des Beitrags der heute-SHOW an uns.

Medienspiegel 340

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