Schiffe versenken – Tatort 734 #Crimetime 283 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Schiffe #versenken

Crimetime 283 - Titelfoto © Radio Bremen

Vorwort 2019: Morgen wird der Tatort „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“ Premiere haben, der letzte des Teams Lürsen-Stedefreund aus Bremen. Als kleine Hommage und weil wir neuen Tatorten die Rezension zu einem älteren Fall beistellen möchten, der einen Bezug zum neuen Film aufweist, haben wir uns für „Schiffe versenken“ entschieden, der vor zehn Jahren erstmals ausgestrahlt wurde. Natürlich wegen des Waterkant-Themas. Die Rezension stammt aus dem Dezember 2012.

Auf hoher See ist man in Gottes Hand?

Zum Glück stimmt das nicht ganz, wenn Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen an Bord ist. Die sorgt dafür, dass die Wahrheit vom überladenen Schiff ans Tageslicht kommt und natürlich klärt sie – in Zusammenarbeit mit Freund Stedefreund, der an Land geblieben ist, wer Radek Jankowski an Bord der „Karina“ ermordet hat.

Ebenso, wie es naheliegt, in einem Bergbauland einen Untertagekrimi zu inszenieren („Hilflos“, Saarländischer Rundfunk), verstehe sich von selbst, dass die Hansestädte Bremen und Hamburg auch mal mit dem Tatort-Filmteam auf See gehen. Das nennt man Regionalbezug. In Hamburg gab es das schon zu Stoevers Zeiten, und zwar gleich im allerersten Fall („Haie vor Helgoland“). In Bremen hat es etwas länger gedauert, bis Inga Lürsen sich auf ein Schiff getraut hat. Vielleicht musste sie dazu erst einen Bandscheibenvorfall haben, der auf See überraschend ausheilt. Wir wissen jetzt, Seefahrt macht manchmal lustig – in „Schiffe versenken“ ist das nicht der Fall.

Manchmal hilft sie aber auch gegen dieses Weh, das hauptsächlich auf unser verweichlichtes Dasein im Bürosessel zurückzuführen ist. Ob „Schiffe versenken“ auch sonst ein gutes Rezept gegen zu viel Indoorleben ist, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Vor der norwegischen Küste geht einem deutschen Fischerboot eine Leiche ins Netz. Der Tote ist vermutlich der zweite Offizier des Containerschiffes MS Karina, Radek Jankowski, der offenbar aber nicht vermisst wird. Zu Inga Lürsens und Stedefreunds Erstaunen sind weder die Wasserschutzpolizei noch die zuständige Reederei in Bremerhaven zur Mithilfe bereit. Als die MS Karina dann auch noch den Containerhafen verlässt, bevor die Kommissare an Bord ermitteln können, wird es Inga zu bunt.

Während Stedefreund in Bremerhaven ermittelt, fährt sie per Polizeiboot dem Containerschiff nach und begibt sich an Bord, um den Kapitän zum Umkehren zu bewegen. Doch der lässt sich gar nichts sagen, schon gar nicht von einer Frau. Auch die restliche Crew beäugt die Kommissarin mit Argwohn. Schon bald weiß Inga, dass der Mörder noch an Bord sein muss. 

Rezension

Das Mantra von den Plotschwächen lässt sich auch hier wieder singen und langsam nervt es uns schon selbst, dass zwei von drei Tatorten unglaubwürdige Momente haben. Offenbar sind die Handlungen, die sowohl logisch durchdacht wie auch originell sind, ausverkauft. Trotzdem ist „Schiffe versenken“ kein schlechter Tatort. Damit die Situation auf der M. S. Karina sich dramatisch zuspitzen konnte, musste nicht nur an den Schrauben für die Ballasttanks, sondern auch an der Stellschraube der Authentizität ein wenig gedreht werden.

Ein geschlossenes System wie ein Schiff auf hoher See eines darstellt, dazu noch ein Frachter mit nur wenig Personal, ist spannend, ab dem Moment, in dem man weiß, hier ist ein Mord geschehen und die Männer an Bord sind noch genau diejenigen, die auch während der Tatzeit an Bord waren.

In der christlichen Seefahrt ist auch nicht mehr alles so, wie es mal war. Natürlich war es nicht wirklich jemals so, aber beim Reeder Deelius wirkt es, als wir mit Kommissar Stedefreund zum ersten Mal dessen Firmensitz betreten, beinahe wie an einem sakralen Ort. Ein Ort, an dem kaufmännische Traditionen und Gediegenheit einen Ruheplatz gefunden haben, mitten in einer hektischen Welt, in der man nur noch mit Tricks und gefährlichen Geschäftspraktiken überleben kann. Auch die Person des Reeders mit seinem mehr als klassischen Auftritt steht dafür.

Doch dies alles täuscht. In Person seiner Tochter Julia, die nie zur See gefahren ist, aber garantiert eine Havward School of Economics besuchen durfte, hat die moderne Zeit Einzug gehalten. Hinter dem Rücken ihres Vaters lässt sie Schiffe mit Überladung fahren, um den Profit zu erhöhen. Dafür müssen die Ballasttanks eben leer bleiben.

Nicht der trunksüchtige Kapitän Bleibtreu, der nur noch bei Delius fahren darf (schon deswegen ein toller Name für die Figur), sondern der Erste Offizier Søndergard ist der Verbündete von Julia Delius in diesem Vabanquespiel. Vor drei Jahren ging bereits ein Schiff durch diese Praktiken verloren, das auf den sprechen Namen „Phoenix“ lautete. Das Schiff mit dem Seemann Adam Jankowski ging unter, doch sein Bruder hat auf der „Karina“ angeheuert, um Beweise gegen die Reederei zu sammen, nachdem der Phoenix-Vorfall als Unfall deklariert worden war. Das kostet ihn das Leben und deswegen ermittelt Kommissarin Inga Lürsen.

Am Schluss fasst sie noch einmal alles zusammen, was ihr in weniger als 90 Minuten passiert ist. Leiter rauf, Leiter runter, in die Ballasttanks gestiegen, in eine Kabine eingeschweißt (ausgerechnet in die des toten Jankowski), dort beinahe vergewaltigt vom Maschinisten, der zu Jankowski möglicherweise ein gleichgeschlechtliches Verhältnis hatte oder eines wollte – so ganz genau wird der Part nicht erklärt und auch nicht, wie dieser Ingenieur Otto Sibum es schaffte, in der zugeschweißten Kabine anwesend zu sein, um auf Inga Lürsen losgehen zu können.

Diese hat in „Schiffe versenken“ gar keine Zeit für ihre moralisierenden Ansprachen, das legen manche Tatortfans ihr als schwache Darstellerleistung aus. Ja, sie wirkt ein wenig anders als sonst, aber gerade, als sie in Bedrängnis ist und ihre Züge plötzlich so weich werden sie das dieses bei Starkwind schlingernde Schiff namens „Karina“, wie ihr buchstäblich die Mimik verrutscht, da bietet sie ohne viele Worte eine der besten Leistungen, die wir bisher von ihr gesehen haben.

Wie sie zum Beispiel innerhalb von Sekunden aus dem Internet an einem fremden Computer Fotos herunterlädt und auch noch ausdruckt, das ist mehr als beeindruckend, das steckt ein spezieller siebter Sinn dahinter, den wir bisher an Ina gar nicht bemerkt haben. Auch sonst recherchiert sie sich auf schwankenden Planken so vorwärts, dass die Männer an Bord ihr mehr oder weniger deutlich Bekenntnisse liefern – aber nicht zur Mordsache. Sie erfährt mehr und mehr Hintergründe, aber nicht, welches der Besatzungsmitglieder das Schiff in Kooperation mit der Reederstochter Julia Delius (Ina Weisse, die wir zuletzt im Berlin-Tatort „Dinge, die noch zu tun sind“ in einer ganz anders ausgelegten Rolle gesehen haben), so dass KHK Lürsen zu deren Ermittlung einen Trick anwendet, der wieder beweist, wie rasch sie technische Tatbestände auffasst. Sie will den Mörder zwingen sich zu offenbaren, indem sie die Maschinen stoppen lässt. Dass das schlecht ausbalancierte Schiff dabei fast unabdingbar in Seenot geraten wird, nimmt sie billigend in Kauf, der Wahrheit zuliebe – wenn man so will, ein Eventualvorsatz bezüglich der Tötung von zehn Menschenleben inklusive ihres eigenen. Aber dieser bei Agatha Christie u. a. abgeschaute Trick, dem Mörder eine Falle zu stellen, die ihn zur Offenbarung zwingt, funktioniert noch gerade rechtzeitig und die Maschinen springen nach einigen Funkenschlägen auch wieder an.

Dafür offenbart Inga Lürsen eine erstaunliche theoretische Lücke – dass eine leitende Ermittlerin an der Waterkant nicht weiß, dass das deutsche Hoheitsgebiet zwölf Seemeilen von der Küste entfernt endet, ist zwar für die Entwicklung der Handlung notwendig, lässt die forsche und immer für einen flotten Spruch gute Kommissarin aber nicht allzu gut aussehen, was die Vertrautheit mit den rechtlichen Grundlagen ihrer Arbeit angeht. Ihre Zuständigkeit endet sozusagen von ihr selbst unbemerkt und der Kapitän weist sie darauf hin. Auch Freund Stedefreund wusste in dieser Angelegenheit nicht Bescheid und muss erst einmal bei der Justiz nachfragen. Sei’s drum, niemand ist perfekt und wird in der Endnote mit einem Pflicht-Abzug angesichts solcher Aussetzer bestraft, für den der Darsteller nichts kann, denn es sind hier, wie meist, die Drehbuchautoren, die für die Unschärfen verantwortlich zeichnen.

Auch bezüglich der Auflösung kann man früh einen kleinen Kreis ziehen. Dass keiner der einfachen Seeleute hinter der Sache stecken kann, sondern dass es jemand sein muss, der ein wenig den Gesamtüberblick hat und die Frachtpapiere und –berechnungen kontrollieren kann, ist eigentlich klar. Der Kapitän wäre auch in Frage gekommen. Er wird gespielt von Michael Gwisdeck, den wir einst im Konstanzer Schlüsseltatort „Schlaraffenland“ als Mann nd Kollegen von Klara Blum kennenlernten und aufgrund seines Todes im Dienst gleich wieder verabschieden mussten. Dieser gibt den kenntnisreichen, aber versoffenen Kapitän sehr gut und hat nach unserer Ansicht mit Sabine Postel als Inga Lürsen eine gleichwertig gute Vorstellung geliefert, die naturgemäß von den weniger präsenten Schauspielern nicht erreicht werden kann – auch nicht von Oliver Mommsen als Stedefreund, der an Land bleiben muss und zwischen verschiedenen Stellen hin und her irrt, ohne dass es ihm gelingt, das Schiff auf hoher See stoppen zu lassen.

Der Kapitän wird zu differenziert dargestellt, der Ingenieur macht sich zu sehr verdächtig, also bleibt im Grunde nur der Erste und der war’s dann auch, hat aber nicht vor, mit der „Karina“ selbst unterzugehen und liefert Lürsen den Beweis, den sie braucht. Er will die Container, die er eigentlich an Deck festzurren soll, losmachen, damit sie bei Schräglage vom Schiff rutschen können und dieses sich wieder stabilisiert. Ob das technisch korrekt ist,  können wir mangels Fachkunde in Schifftechnik nicht eruieren, jedenfalls hat der Kapitän mal vorher gesagt, das Schiff werde ganz schnell kentern und das klingt eher so, als habe es nicht die Möglichkeit, sich wieder aufzurichten, wenn die Container dann bei großer Schräglage tatsächlich von Bord gegangen sind.

Finale

Unabhängig von einigen Schwächen und Fragwürdigkeiten im Detail hat „Schiffe versenken“ große Meriten, die Atmosphäre betreffend. Sowohl die Szenen im Reederbüro als auch an Bord der „Karina“, dir Darstellung dieser beiden so unterschiedlich wirkenden Welten, die aber zusammengehören und von denen jede ohne die andere nicht vorstellbar wäre, finden wir sehr gelungen – und die Mischung aus Whodunnit und Thriller, die dadurch erzielt wird, dass die Ermittlerin unentrinnbar an ihren Ermittlungsgegenstand, die M. S. Karina, gefesselt ist (für ein paar Minuten sogar fast wörtlich, mit Handschellen). Je mehr sie herausfindet, desto wahrscheinlicher werden Anschläge auf ihr Leben. Man stelle sich vor, sie wäre tatsächlich umgebracht worden: Im Normalfall hätte man niemals einem Besatzungsmitglied nachweisen können, dass es die Frau auf dem Gewissen hat, das Meer hätte sie wohl nicht wieder freigegeben – anders als bei Radek Jankowski, dessen Leiche von einem Fischereischiff aufgelesen wurde. Ein eher seltener Zufall, aber wir wollen die Kritik am Plot mit seinen recht vielen herbeizitierten Tatbeständen auch nicht übertreiben und haben uns mit „Schiffe versenken“ mindestens so gut unterhalten wie seinerzeit heimlich im Schulunterricht. Wir werten den Film knapp überdurchschnittlich mit

7,5/10.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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