Vorbestraft – Polizeiruf 110 Fall 17 / Crimetime 294 / #Polizeiruf #Vorbestraft #Polizeiruf110 #Berlin #Alexanderplatz #Weltzeituhr

Crimetime 294 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Mann, der aus der Zelle kam

„Der Mann“, so heißt auch ein Fall der Reihe Polizeiruf 110 aus dem Jahr 1975. Wir haben ihn bereits rezensiert, aber müssen nochmal drüberschauen, weil wir da ziemlich hart geurteilt haben – Keil auf Klotz, der Film ist für unseren Geschmack, und der verträgt einiges, ideologisch zu stark aufgeladen. Wir stellten nun fest, dass zwei Jahre zuvor bereits ein Stoff verfilmt worden war, der davon handelt, wie ein Mann aus dem Gefängnis zurück ins Draußen finden möchte. Noch in Schwarz-Weiß, aber mit einem recht ähnlichen Beginn. Dann aber sieht man entscheidende Unterschiede. Darüber und über andere Aspekte des Films schreiben wir in der -> Rezension

Handlung (Wikipedia)

Walter Bartsch wird aus dem Gefängnis entlassen. Der Erste, der ihn in der Freiheit nicht ablehnend begrüßt, ist sein früherer Freund Kurt Posener. Er lädt Walter am nächsten Tag zu sich nach Hause ein. Hier feiert er die Verlobung mit seiner Freundin Susi. Auch Susis Freundin Anne ist eingeladen und Walter bringt Anne nach Hause. Beide verabschieden sich mit einem ersten Kuss und einer Verabredung für den nächsten Tag.

Walter beginnt eine Arbeit in einem Zoo. Er will einmal als Tierpfleger arbeiten, doch bringt ihm einer seiner Kollegen Misstrauen entgegen. Anne wiederum vertröstet ihn am nächsten Tag, habe ihre Mutter doch einen Herzanfall erlitten, sodass sie schnell nach Hause muss. Sie will sich am nächsten Tag mit Walter treffen, muss jedoch Überstunden machen. Walter glaubt nun, dass Anne ihn sitzengelassen hat und wird in seinem Glauben auch von Kurt unterstützt. Der als wohlhabend auftretende Kurt hat Probleme: Er ist in den Diebstahl von Kaufhausware verwickelt und die Ermittler Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Lutz Subras suchen den Dieb bereits. Schon fünfmal hat Kurt kurz nach Lieferung von Waren zahlreiche Luxusgüter erbeutet und ist so zu Geld gekommen. Nun überredet er Walter zu einem weiteren Einbruch. Susi spioniert dafür Anne aus, die berichtet, dass in ihrem Warenhaus Sachen unter anderem gestohlen werden, indem sich Leute über Nacht in den Räumen einschließen lassen. Walter und Kurt gelangen genau so nachts in das Warenhaus, in dem Anne arbeitet. Sie erbeuten Schmuck, Uhren und Kameras und Kurt schlägt einen Wachmann nieder, der sie auf frischer Tat ertappt. Walter ist entsetzt und weigert sich nach der erfolgreichen Flucht, etwas von der gestohlenen Ware zu behalten. Zudem ruft er anonym die Polizei zum Tatort.

Der Schaden des Diebstahls wird auf 70.000 Mark geschätzt. Schnell ahnt Anne, dass Walter und Kurt dahinterstecken. Kurt jedoch sagt ihr, dass Walter sie liebt. Kurz vor der Anzeige bei der Polizei besinnt sich Anne daher und kehrt um. Verwirrt läuft sie auf die Straße und wird von einem Wagen erfasst. Schwer verletzt kommt sie ins Krankenhaus. Walter besucht sie am Krankenbett, doch sie schickt ihn fort, da er einer der Täter war. Jürgen Hübner und Lutz Subras sind Walter auf der Spur, da sich am Fenster, durch das sie geflohen sind, das Haar einer Antilope fand. Als beide Ermittler den Zoo aufsuchen, in dem Walter arbeitet, ist der nicht zur Arbeit erschienen. Walter stellt sich wenig später der Polizei und gibt Kurt als Mittäter an. Er zeigt Reue, dass er nicht sofort zur Polizei gegangen ist, und wirft sich vor, immer alles falsch zu machen. Jürgen Hübner jedoch sieht seine Selbstanzeige als einen Schritt in die richtige Richtung. Als Anne aus dem Krankenhaus entlassen wird, erkundigt sie sich zuerst nach Walter. Er sitzt wieder im Gefängnis, macht sich jedoch gut und würde sich über Besuch freuen, wird ihr ausgerichtet.

Rezension

Nur zwei Jahre war Walter Bartsch (nicht Dietmar Bartsch) im Gefängnis gewesen, aber als er rauskommt, kommt er aus dem Staunen kaum raus, so gewaltig super ist die DDR inzwischen geworden. Namentlich am Alexanderplatz, wo kurz vor dem Dreh auch die Weltzeituhr in Betrieb ging. Deswegen wird sie in einer Szene des Films auch schön ins Bild gesetzt. Allerdings war der Alexanderplatz mit der Uhr und auch dem Fernsehturm schon 1969 weitgehend fertig gestaltet, weshalb das Staunen des zuvor Inhaftierten ein wenig aufgesetzt wirkt. Außerdem lernen wir bei der Gelegenheit, dass jemand, der nur ein mittleres Delikt begangen haben konnte, sonst hätte er eine längere Haftstrafe zu verbüßen gehabt, in der DDR nicht zu Freigängen kam. In „Der Mann“ hat man das alles schön korrigiert und einen Mord zugrundeglegt und eine sehr lange Haftstrafe, die möglicherweise aufgrund der Schwere des Delikts tatsächlich ohne die Möglichkeit, mal nach draußen zu kommen, verbüßt werden musste –  da wirkt das Staunen über die neue DDR glaubhafter.

Ein Mord oder ein anderes Tötungsdelikt kommt in „Vorbestraft“ nicht vor. Doch beinahe stirbt eine junge Frau wegen jenem Walter Bartsch, der sich als etwas zu schwach für die Herausforderungen des frei seins erweist. Manipuliert von einem diebischen Ex-Kumpel lässt er sich auf einen nächtlichen Kaufhausdiebstahl ein. Dabei  hilft die Sekretärin ungewollt, indem sie Informationen an eine Freundin weitergibt und diese ist die Lebenspartner jenes Kumpels, die während des Films zu dessen Verlobter wird.

Ganz auffällig ist auch in diesem Film der herausragende Wert der „zweiten Chance“: Jemand geht fehl, darf aber neu anfangen und bis auf ein paar missgünstige Kollegen, in diesem Fall im Berliner Tierpark, dem östlichen Zoo der Stadt, sind alle dem reuigen Sünder wohlgesonnen. Anders aber als in „Der Mann“, in dem der Protagonist unschuldig an einem Mord ist, in den er verwickelt wird, geht Bartsch tatsächlich auf Einkaufstour, ohne an der Kasse einen Stopp einzulegen, vielmehr entweichen er  und sein Kumpel mit zwei großen Koffern über eine rückwärtige Feuerleiter.

Nichtsdestotrotz: Obwohl die nette Sekretärin wegen Bartsch einen Autounfall erleidet, obwohl er wieder straffällig wird, ist Oberleutnant Hübner, der auch in „Der Mann“ ermittelt, keineswegs verständnislos. Die Ost-Kriminaler haben eindeutig eine stärker ausgeprägte Haltung, die zwischen echt bösen Typen und Menschen mit etwas schwachen Charakter eine scharfe Trennlinie zieht und letztere bekommen immer wieder die Chance, an einem für sie angemessenen Ort im Arbeiter- und Bauernstaat resozialisiert zu werden. Ironisch: Die DDR hatte kein „Humankapital“ zu verschenken, jeder, der nicht vollkommen verdorben war, musste nicht nur resozialisiert, sondern auch für den Arbeitsprozess reaktiviert werden.

Wer dafür nicht geeignet ist, das ist der Kumpel und Verführer Kurt Posner, der einen fast westlichen Lebensstil pflegt und auch einen Westwagen fährt – oder eher den vom Fiat 125 abgeleiteten Polski-Fiat. Außerdem erläutert Kurt, der in Maßen Mondäne, dem sehr schlichten Walter, Eogismus counts. Der richtige Zeitpunkt, den früheren Sträfling in seine Machenschaften hineinzuziehen, ist gekommen, nachdem es zwischen Walter und Anne kriselt, weil die verbitterte Mutter von Anne dazwischenfunkt. Wie man mit jemandem umgeht, der wegen eines Gebrechens nicht mehr für den Sozialismus wertvoll ist, dafür scheint es kein Rezept zu geben und das wirkt sonderbar, denn die Frau mit dem Hüftschaden, die noch beweglich ist wenn auch mit Einschränkungen, hätte sicher  einen sitzenden Job in Teilzeit ausfüllen können.

Die Art, wie Kurt und seine Freundin Susi bezüglich ihrer Lebenshaltung dargestellt werden, ist recht gelungen und ganz gewiss gab es in der DDR zu jener Zeit Menschen, die lieber ihr eigenes Ding machten, als sich auf die anhaltende Zukunftsfähigkeit des Realsozialismus zu verlassen und es lag nah, sie auch gleich als gesetzlose Desperados zu zeigen. Es ist ja auch für einen Typ, der nicht unintelligent ist, kein erfüllender Job, die tollen Kaufwaren immer nur anzuliefern.

Hingegen werden Walter und Anne dermaßen schlicht gezeigt, dass man daraus Rückschlüsse ableiten kann, die wir hier aber nicht ausführlich darstellen wollen.

Auch diesbezüglich hat man in „Der Mann“ einen besseren Weg gewählt, nämlich den Protagonisten auf Augenhöhe mit den anderen Figuren agieren zu lassen und anstatt charakterlicher Schwäche eine Umständekette konstruiert, gegen die er kaum etwas ausrichten konnte.

Der schwächste Momenta in „Vorbestraft“ ist hingegen, dass ohne präzise Heranführung, mit einem Umschnitt, der Prozess von Walters Rückfälligwerdung verkürzt wird. Der Moment, in den er seinen Entschluss fasste, wird nicht gezeigt und von Kurts Bearbeitungsversuchen zum Kaufhaus-Nachtdiebstahl geht es zu schnell. Die gegenüber den Tatorten geringere Spielzeit der Polizeiruf-Filme wirkt sich in dem Fall so aus, dass die Handlung plötzlich einen Ruck nach vorne macht, während sie bis zum genanntenZeitpunkt sehr langsam aufgebaut wurde und keine Fragezeichen hinterließ. „Der Mann“ hatte bereits 76 Minuten anstatt 64, wie „Vorbestraft“, das kommt der Charakterzeichnung der Figuren zugute.

Kurios wirkt, dass ein versierter Ermittler wie Hübner einer Einbruchserie so hilflos gegenübersteht – nicht. Heute, mit einer verbesserten Kriminaltechnik, werden Gorßbanden nicht gestellt, die Berlin ganze Viertel heimsuchen, die Polizei hat in dieser Stadt auch anderes zu tun, als Alltagskriminalität zu bearbeiten, gegen welche die Opfer ohnehin meist versichert sind. Hübner arbeitet dieses Mal mit Stubras zusammen, dessen Ermittlerpremiere in „Ein bisschen Alibi“ wir bereits sehen konnten, dabei war er unter den Fittichen von Oberleutnant Fuchs und dieser Einstieg ist ganz nett gemacht, während in „Vorbestraft“ schon eine selbstverständliche Routine zu beobachten ist. Offenbar kann jeder mit jedem ermitteln, es gab ja in den DDR-Polizeirufen noch keine feste Städtezuordnung, die Schauplatz-Orte wurden nicht einmal klar benannt. Dass „Vorbestraft“ in Berlin spielt, ist allerdings offensichtlich.

Durch diese Verschiebung von Teams überall hin und das Arbeiten in verschiedenen Konstellationen vermittelt den Eindruck einer gewissen Austauschbarkeit des Personals, der vielleicht sogar gewollt ist: Im Sozialismus zählt das Ganze, nicht das Individuum und wenn der Mensch funktioniert, dann immer so, dass er, wo er gerade steht, seinen Job verrichten kann. Allerdings gibt es in „Vorbestraft“ auch eine Art Gegenbewegung. wir erfahren nämlich ein paar Fakten über die Biografie von Oberleutnant Hübner, die freilich sehr linear wirkt, sehr unauffällig. Immerhin ist dieses geradlinige Sich-Hocharbeiten mehr, als man über viele Ermittler jener Zeit in den Tatorten weiß. Auch hier wird wieder schön Pädagogik gemacht. Der gerade weg. Und wenn der mal aus Gründen, die jemand nicht zu verantworten hat, wie beim Oberwärter im Zoo, der auch mal bei der „K“ war (Herzprobleme), nicht mehr weiterverfolgt werden kann, dann findet sich ein angemessen verantwortungsvoller Ersatzposten.

Finale

Ermittlung und Verfolgung des Täters spielen in dem Film eine eher untergeordnete Rolle, ähnlich wie in vielen heutigen Tatorten, ist man versucht zu sagen, die Raub- oder Diebesbeute wird allerdings mit 70.000 Mark Ost taxiert, das ist für die Verhältnisse der Zeit in der DDR und für jene des Polizeirufs sehr viel – und nebenbei erfahren wir, dass offenbar auch in der DDR in Warenhäusern viel geklaut wurde. Es gab eben noch zu viele Menschen wie den Herrn Posner, der große Plan zu deren Abschaffung hatte offenbar nicht funktioniert.

Man konzentriert sich also auf die Charaktere, die gelingen aber nur teilweise – wie erwähnt bei Posner und Frau, auch die Ermittler, vor allem Hübner, sind nicht schlecht gezeichnet, dafür, dass sie wenig Spielzeit haben. Es ist ein Merkmal der Polizeirufe, dass die Entwicklung zum Verbrechen dargestellt wird, weshalb die Polizei erst recht spät aktiv wird.

Wie die Sekretärin Anne Keller ihrer Freundin einfach mal so ein Dienstgeheimnis verrät, das lässt sie zu naiv wirken. Wie dieses Ausplaudern vonstatten, wird wohl auch nicht gezeigt, weil das wenig Plausbile dieser Handlungsweise dann zu deutlich würde. Diedie sind beste Freundinnen, doch geht es um einen Tatbestand, der von nicht im Kaufhaus angestellten Dritten nur dann abgefragt wird, wenn ein illegitimes Interesse daran besteht – und ohne entsprechende Frage wird Anne den Verwahrungsort des Generalschlüssels wohl nicht preisgegeben haben. Dieses Verhalten spiegelt aber Walters Naivität ganz gut, die beiden passen demnach zusammen. Beinahe kommen sie aber genau deswegen nicht zusammen, was schade gewesen wäre, denn der Realsozialismus verlangte nach Persönlchkeiten und deren Fortpflanzung, die jedem Argwohn fern waren. Wenn man schon Typen wie Posner nicht umerziehen konnte, musste eben bessere neue Menschen her.

Zu spät. Jetzt müssen wir von vorne anfangen und sind leider gar nicht so arglos.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Heinz Seibert
Drehbuch Heinz Seibert
Rudolf Böhm
Produktion Uta Rabenalt
Hans W. Reichel
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Günter Heimann
Schnitt Susanne Carpentier
Angelika Hortscht
Besetzung

Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar