Wer das Schweigen bricht – Tatort 870 / Crimetime 295 / #Tatort #Frankfurt #HR #Steier #Mey #Schweigen #Tatort870

 Crimetime 295 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Mädchengemüse

Nach einer wahren Begebenheit liest sich immer gut. Und dann sind da gleich zu Beginn diese Spannung aufbauenden Gegenschnitte.

Stille. Gefängnismauern. Stacheldraht. Vögel kreisen über dem Gelände, in Freiheit. Steier in Bewegung, auf der Fahrt zum Tatort. Alles schmilzt zu einer Einheit zusammen, als er eintrifft. Großartig gemacht.

Steier wirkt kraftvoll. Konzentriert. Explodiert. Schreit JVA-Beamte an. Conny Mey mit sanfter Stimme, aber beinahe im Stechschritt. Alles wirkt innerlich aufgeladen.

Doch dann passiert es. An einer vollkommen unpassenden Stelle wird ihr Abschied so sehr zelebriert, dass die ganze Dramaturgie ins Schlingern gerät. Der Fall wird dann eher hastig zu Ende gebracht. Zwei unrealistische Szenen – wie jemand aus dem dritten Stock eines Krankenhauses springt und dann mit dem Krankenwagen wegfährt, auf den er fällt. Und die Schussszene: Das SEK war leider beschäftigt, also mussten Steier und Mey alleine ran, um eine Geisel zu befreien. Da sind die beiden noch einmal miteinander durch dick und doof gegangen und man kann froh sein, dass sich Pech und Unglück nicht in einer Katastrophe manifestiert haben.

Das alles stand sicher so nicht in der Vorlage des Fall-Analytikers Axel Petermann, der in Frankfurt für sehr gute Themen sorgt. Wir sprechen weiter darüber in der -> Rezension.

Handlung

Der fünfte Fall von Conny Mey und Frank Steier führt die beiden Frankfurter Ermittler in die hermetische Welt eines Jugendgefängnisses. Beim morgendlichen Aufschluss wird der 19-Jährige Mustafa Zeydan tot aufgefunden. Er wurde gefoltert – acht Zehennägel sind ihm gezogen worden.

Frank Steier und Conny Mey können den Tathergang zwar ermitteln, doch wie kam der Mörder nach dem Schließen der Zellen hinein und wie kam er wieder raus? Ein weiterer Insasse, Erhan Karabay, hat überlebt, auch ihm wurden die Zehennägel entfernt.

Erschwert wird die Ermittlungsarbeit durch das beharrliche Schweigen der übrigen jugendlichen Gefangenen. Von der Sozialarbeiterin Katharina Enders erfahren Mey und Steier, dass es am Abend vor dem Einschluss eine massive Auseinandersetzung zwischen dem Gefangenen Jürgen Schuch und dem Justizpersonal gab. Er sitzt seitdem im “besonders gesicherten Haftraum”.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Jürgen und den beiden Opfern? Und was haben die Schließer mit der Sache zu tun? Bei der Befragung Erhans durch Conny Mey und Frank Steier auf der Krankenstation, schweigt dieser zum Tathergang, doch flüstert er Conny zu, dass seine Frau und die kleine Tochter in Gefahr sind. Tatsächlich stellt sich wenig später heraus, dass die beiden verschwunden sind. Nun beginnt für Mey und Steier ein Wettlauf mit der Zeit.

Lars Kraume schrieb das Drehbuch für den fünften und letzten gemeinsamen Fall mit dem Kommissarteam Conny Mey und Frank Steier alias Nina Kunzendorf und Joachim Król. Die Geschichte basiert wieder auf einer authentischen Begebenheit des Kriminalkommissars und Fall-Analytikers Axel Petermann.

 Rezension

So stark die persönlichen Szenen gespielt sind, so toll die Gefängniswelt inszeniert wird, so sehr man sich wünscht, Steier und Mey würden zusammen weitermachen und man emotional davon berührt ist, dass es nicht so sein wird – dieser Tatort hat uns enttäuscht.

Weil er gegen Ende so stark nachlässt und ein so kriminell gut aufgebautes Spannungefüge nach spätestens der Hälfe des Tatortes fraglich wird und dann zusammenbricht. Es hätte ein großer Abschiedsfall werden können. Die Gene waren vorhanden. Doch nicht immer wird aus einer guten Veranlagung, einem großen Talent auch ein Star oder ein Tatort der Sonderklasse.

Aber dann gibt es Blumen zum Abschied, sie bleiben liegen in einem leeren Versammlungsraum im Morddezernat zu Frankfurt am Main. Mädchengemüse. Eine Chance vertan und das steigert die Wehmut über den zu frühen Abschied von Conny Mey. Viel Glück an der Polizeischule. Wir sind eher der Ansicht von Steier, geäußert in der Szene, in welcher er von dieser Art Veränderungsabsicht seiner Kollegin erfährt: Noch nie hat sie so große Scheiße geredet.

Einmal, nur einmal, finden wir sie nicht glaubwürdig. Denn wir wissen ja, dass sie nicht an die Polizeischule und nach Kiel wechseln wird, wo sie vielleicht Borowski treffen könnte. Sondern dass sie keinen Bock mehr auf Tatort hat. Dabei ist ihre Rolle im fünften Einsatz so wenig erotisch, dafür aber konzentriert copmäßig, vielleicht so, wie sie sie selbst gerne gespielt hat. Eine Art Abschiedsgeschenk des Senders. Manchmal wirkt ihr  Gang etwas roboterhaft.

Nachdem Steier im Gefängnis eingetroffen ist, trifft er auf einen störrischen norddeutschen Oberaufseher und einen etwas zu weich gezeichneten Gefängnisdirektor. Dazu auf eine Psychologin, die nach acht Jahren noch nicht den Glauben verloren hat. Dann auf einen Aufseher, der schon zwanzig Jahre dabei ist. Vier  bewusst einseitig ausgelegte und vor allem im Zusammenspiel mit Steier wirksame Figuren.

Schließlich die Jungs. Die Türken, die Russen, die wenigen Deutschen. Die Parallelgesellschaft im abgeschotteten Raum, die sich wiederum in verschiedene Milieus und Gesellschaften separiert. Alles wunderbar gemacht – und verpufft am Ende. Die mögliche Involvierung der Justizbeamten wird nicht auserzählt, sie finden im letzten Drittel keinerlei Gehör seitens des Drehbuchs. Die wunderbar eingeführten Figuren haben in einer recht banalen Auflösung keinen Platz. Sie sind anfangs viel zu präsent für diesen Verlauf. Da ist wieder einmal ein Mangel an inhaltlicher Geschlossenheit, den wir zu beklagen haben.

Es ist schön, dass man den Abschied von Conny Mey nicht als banale Tatsache erwähnt hat, sondern emotional darauf eingeht, und man bekommt vor Augen geführt, was alles noch hätte sein können, mit ihr und dem Kollegen Frank. Aber der Fall gerät dadurch in den Hintergrund. Haben die Macher das nicht gemerkt? Natürlich, es sind nur 10 Spielminuten, die hier vergeben werden, aber sie liegen mehrheitlich genau dort, wo ein richtig guter Krimi seine Klimax hat, seinen dramatischen Höhepunkt. Alles, was nach der etwas seltsamen Szene im Maintower kommt, wirkt angehängt. Man hat Mühe, den Krimifaden mental wieder aufzunehmen.

Wenn man schon einen Fall mit realkriminalistischer Grundlage an die realen Gegebenheiten im Leben der Figurendarsteller anpasst, dann doch bitte so, dass er dadurch nicht zerrissen wird. So, dass der Eintritt von Steier und Mey in eine solche Welt wie den Jugendknast nicht in einem schönen, aber sachfremden Nachtpanorama der Mainmetropole zerfließt.

Da spielen sie nach einigen Minuten wieder ihr Täter-Opfer-Spiel, Steier und Mey. In der Zelle des Mordopfers. Ein Ritual, mittlerweile. Am Ende des Films eines, das man höchsten mit einer subtextlichen Bedeutung unterlegen kann. Er weiß noch gar nicht, dass er das Opfer ihrer Wechselabsichten sein wird und wieder zur Flasche greifen muss. Eine neue Kollegin wird kommen und ihn vielleicht endgültig kurieren.

Da kreist die Kamera während der Befragung des Aufsehers um die Personen, Hell-Dunkel-Kontraste werden wunderbar inszeniert, es wirkt ein wenig wie bei Hitchcock. Ist es eine Liebeszene, ein Verneigen vor den beiden Frankfurt-Cops mit dem großen Talent? Ist es nur eine formale Spielerei? Wer ist im Spiel und wer ist draußen? Sehr viel filmischer Aufwand, ein mit Macht auf den Stapel geschobener Handlungsstrang, der im Verlauf absäuft, ohne einen Hafen erreicht zu haben. Die geheimnisvolle, bedrohliche Welt der JVA-Menschen wirkt später wie ein wichtiges Versprechen, das nicht eingehalten wird.

Fazit

Die Leser eines Romans und die Zuschauer eines Films, sie haben dieses Versprechen im Kopf oder im Bauch. Wenn man ein wenig geschult ist, behält man es im Kopf, wenn nicht, gibt es aber ein Bauchgefühl für den Vertrag zwischen denen, die einen Film inszeniert und denjenigen, die sich von ihm überzeugen lassen wollen.

Ganz starke Einzelszenen, wie sie für Frankfurter Tatorte schon lange üblich sind, stehen einer inkonsequenten Konzeption gegenüber. Alle Rollen sind gut gespielt, aber man hat wieder vergessen, dass wir, die Tatort-Fans, ein Gefühl für Geschlossenheit haben und wissen, wann wir gut durch einen Fall hindurch geführt werden. Wir hätten lieber das amerikanische Ende einer großen Tatortstory verkündet, aber die Wahrheit ist – es gibt keine Steigerung gegenüber dem vierten Fall von Steier und Mey, „Im Namen des Vaters“, es gibt nicht das ganz große und unvergessliche Finale.

Wir bleiben, anders als Conny / Nina, dem Frankfurter Tatort treu und schließen ein wichtiges Kapitel in der Geschichte unserer Rezensionen für den Wahlberliner: Die beiden sind das erste Team, dessen Beginn und Teil-Ende wir ausschließlich anhand von Premieren bzw. Erstausstrahlungen beschrieben haben. Noch gibt es keine Information darüber, wer Connys Nachfolgerin wird (wir gehen von einer Frau aus). Vielleicht ist sie schon gefunden, auch wenn wir uns diese Auswahl als sehr schwierig vorstellen.  Wir hoffen, dass das Versprechen, dass Steier / Mey uns gegeben haben, nun von Steier und der Neuen eingelöst werden wird  – das auf große Tatortkunst und eine adäquate Nachfolge für das 2010 abgelöste Duo Sänger / Dellwo.

Nachtrag 15.04.2013: Eine Leserin hat uns darauf hingewiesen, dass Margarita Broich offenbar in Conny die Fußstapfen treten wird, die Conny Meys energischer Gang hinterlässt. Wir wünschen der „Neuen“ viel Glück!

Anmerkung 2019: Margarita Broich hat dann tatsächlich die Nachfolge von Nina Kunzendorf angetreten, aber erst nach mehreren Steier-Allein-Tatorten und mit Wolfram Koch als neuem Partner.

7,0/10.

Joachim Król als Frank Steier
Nina Kunzendorf als Conny Mey
Nele Mueller-Stöfen als Frau Enders
Gerd Wameling als Walter Hillinger
Jürgen Rißmann als Günter Föller
Martin Reinke als Kurt Krämer
Niels Bormann als Volker Gauss
Tamer Arslan als Erhan Karabey
Beata Lehmann als Frau Dr. Beckmann
Mohammad-Ali Behboudi als Herr Karabey
Atheer Adel als Mustafa Zeydan
Heidemarie Brüny als Frau Borsig
Vilmar Bieri als Harz IV-Empfänger EDGAR
Andreas Helgi Schmid als Jürgen Schuch
Sylvester Groth als Rainer Vaske
Dina-Maureen Hellwig als Krankenschwester
Almila Bagriacik als Gülbahar
u.a.

Kamera: Armin Alker
Buch: Lars Kraume
Regie: Edward Berger

Tatort

  1. Mai 2013

Wow, toller und sehr ausführlicher Kommentar. Ich habe mal von unserer Seite einen Link hierher gesetzt, hoffe das ist ok?

Der Wahlberliner

  1. Mai 2013

Aber ja! Wir freuen uns über Verlinkungen!
Viele Grüße

TH

Brianna Mullen

  1. April 2013

Steier kleidet sich auffällig unauffällig; meist mit dunklem Anzug und ebensolchem Mantel. Hochkompetent, aber eben auch mit der nötigen Unaufgeregtheit löst er seine Fälle und ist immer noch fest davon überzeugt, dass er durch seine Arbeit zu einer besseren Welt beitragen kann.

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Antwort  –  Bearbeiten

Maren Bürgel

  1. April 2013

in unserem örtlichen Tagesblatt war am Samstag zu lesen, dass Margarita Broich die Nachfolgerin von Kunzendorf ist …

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  1. April 2013

Hallo Maren,

vielen Dank für die Info – in der Wikipedia steht es auch bereits als Tatsache. Da war ich wohl etwas hinter dem Informationsstand zurück.

Liebe Grüße
TH

 

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