Das schwarze Haus – Tatort 814 / Crimetime 302 // #Tatort #SWR #Konstanz #Bodensee #Blum #Perlmann #Haus #TatortDasschwarzeHaus #Tatort814

Crimetime 302 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Kurzvorwort 2019: Heute allerdings mehr aus Zeitgründen – bringen wir nach einiger Zeit wieder eine Rezension aus dem alten Wahlberliner in Fast-Originaloptik, es passt aber ganz gut zum vorausgehenden Beitrag, in dem wir über die Anfangszeit dieser Publikation ein paar Worte verloren haben. So wie unten sahen also die Rezensionen der damaligen Tatort-Anthologie nach etwa einem halben Jahr Wahlberliner Nr. 1 aus.

  1. Die Kommissarinohne Angelerlaubnis

Auf eine Weise ist der laue Gag, dass Klara Blum nicht weiß, dass man zum Angeln im Bodensee einen Angelpass braucht, symptomatisch für den Fall. Jemand, der schon Zeiten in der Gegend lebt und dazu noch darauf geschult ist, mit Gesetzen, Verordnungen und allen anderen Vorschriften umzugehen, der schon Fälle wie den „Kormorankrieg“ gelöst hat – weiß nicht, dass Angeln im Konschtanzer Meer not for free ist.

So träumend geht sie auch den den gesamten Fall, beinahe ein Wunder, dass es nicht noch mehr Opfer gibt, bis sie zusammen mit dem Kollegen Perlmann einschreitet. Es ist zwar wieder ihre Intuition, die Schlimmeres verhindert, aber so sehr wir ihr reduziertes Spiel diesem ständigen Upset-Sein einiger ihrer Kolleginnen vorziehen, dieses Mal wurde übertrieben. Selbst der junge Hauptkommissar Kai Perlmann, mittlerweile Bodensee-Sympathieträger der Tatort-Fans, hat sich irgendwie anstecken lassen und wirkt steifer als in vorangegangenen Folgen. Liegt es daran, dass er einen schwachen running Gag über zulässige Höchstgeschwindigkeiten referieren muss und nicht einmal die aktuelle Mercedes C-Klasse fahren darf?

Der Kontrast zwischen dem Verhalten der Ermittler und dem irrwitzigen Fall, der teilweise parodistische Züge trägt („Die Leiche liegt da, da und da“), so Perlmann nach dem dritten Opfer, das mitsamt seinem Wohnwagen in die Luft gesprengt wurde. Auf der einen Seite also ein sehr dick aufgetragener Fall, bei dem man die Glaubwürdigkeit der Personen und der Handlung nicht wirklich in den Vordergrund gestellt hat, der aber für eine Satire nicht eindeutig genug als solche gekennzeichnet ist.

  1. Handlung, Besetzung, Stab

In „Das schwarze Haus“ ermitteln Klara Blum und Kai Perlmann in einer Künstlerkolonie am Bodensee. Was wie eine kreative Idylle wirkt, gerät in Aufruhr, als der Maler Martin Neumann äußerst kaltblütig mit Hilfe eines Stromschlags um die Ecke gebracht wird.

Klara und Perlmann sind noch dabei herauszufinden, wer in der Umgebung des raubeinigen Malers Freund oder Feind war, als ein zweiter Mord geschieht. Klara Blum stellt verblüfft fest, dass der Täter offenbar die Bestseller des Krimiautors Ruben Rath als Vorlage für seine Morde benutzt. Fragt sich nur, warum? Und ob Klara, unterstützt von Kai Perlmann, ihn daran hindern kann, sein grausames Spiel noch weiter zu treiben?

Besetzung
Rolle Darsteller
Klara Blum Eva Mattes
Kai Perlmann Sebastian Bezzel
Annika Beck Justine Hauer
Pathologe Wehmut Benjamin Morik
Müller Oliver Stein
Ruben Rath Hannes Jaenicke
Ferry Rath Jonathan Müller
Susanne Gauss Annika Blendl
Patrick Jeschke Michael Kausch
Thomas Backhausen Stephan Kampwirth

 

Stabliste
Aufgabe Name
Regie: Thomas Bohn
Buch: Thomas Bohn
Kamera: Conny Wiederhold
Szenenbild: Joachim Schäfer

(Handlung, Besetzung, Stab: DAS ERSTE)

3. Rezension

Künstler unter sich

Da war doch etwas? Welcher Kriminalautor hat das schon gebracht, dass ein realer Mörder sich Romanvorlagen bedient? Richtig, zum Beispiel bei Agatha Christie kommt das vor. Die Idee ist wirklich nicht neu, aber man kann sie nehmen, immer wieder, wenn sie gut gemacht ist.

Also eine Künstlergemeinde am Bodensee, die sich in der Kulturfabrik trifft, in der es natürlich auch ein Kulturcafé gibt (beide Namen sind natürlich geklaut, so befinden sich zwei Institutionen mit diesen Namen in einer einzigen deutschen Stadt, aber natürlich gibt es kein Copyright auf solchermaßen allgemeine Bezeichnungen). Da gibt es die neurotische, lesbische Galeristin, den erfolgreichen, aber von der Kritik in Person von Klara Blum nicht übertrieben geschätzten Kriminalschriftsteller Ruben Rath, der zuvor Werbetexter war und keiner medialen Inszenierung seiner Bestseller abhold ist? Der einzelne Ideen von Menschen klaut, denen eh keiner glauben würde, dass sie die Urheber sind und die niemand beachtet? Ein kleiner Seitenhieb auf Frank Schätzing und seine Inszenierungen scheint hier nicht von der Hand zu weisen.

In Wirklichkeit ist das nicht nur Klischee, sondern auch wahr. Jeder klaut von jedem und manche sogar bei sich selbst, vor allem, wenn sie schon länger im Schreibbusiness sind. Sofern nicht ganze Texte einfach umgelabelt werden, etwa von Menschen, denen andere gutgäubige Menschen Manuskripte, Drehbuchentwürfe etc. zusenden, ist die kunstfertige Verwertung und Verfremdung der Geistesblitze Dritter okay, denn was soll eine gute Idee schon werden, in den Händen von jemandem, der zwar die eine oder andere Idee hat, sie aber nicht in einem adäquaten Buch unterbringen und auf diese Weise den Weg in die Öffentlichkeit finden kann.

Der arme Poet

Patrick Jeschke (Michael Kausch), der ehemalige Buchhalter und zeitweise Finanzvorstand der Künstler-AG oder -IG der Kulturfabrik, der ist so ein Typ. Ein Fountainhead. In Wirklichkeit mordet er gar nicht nach den Ideen aus den Büchern von Ruben Rath, sondern ganz und gar originär, denn die Ideen in den Büchern von Ruben Rath sind ja seine eigenen. Das behauptet er jedenfalls, ganz geklärt wird die Sache nicht. Wie so oft – die Wahrheit wird zwischen blanker Kopie und künstlerischer Veredelung der Jeschkeschen Mordvarianten liegen.

Was wesentlich weniger erfreut ist die Tatsache, dass man diesen Mann einerseits recht früh im Verdacht hat, für all die grausamen Morde per Starkstrom, per Explosion, per Aufspießung verantwortlich zu sein – man sträubt sich aber gleichzeitig dagegen, weil er als Person viel zu wenig dämonisch wirkt. Dieses Doppelbödige, hinter der Fassade des von allen geknechteten Möchtegernschriftstellers der unbändige, mit hoher krimineller Energie und ebenso hoher Antriebskraft ausgestattete Maniac, nein, das geht gar nicht, in diesem Fall. Das ist albern und man fragt sich sofort, wieso der Mann jetzt, plötzlich, aus dem Nichts heraus, eine in so kurzen Abständen ausgeführte Mordserie startet.

Der weniger arme Poet

Hannes Jaenicke ist das Gegenmodell und spielt den Ruben Rath, einen gutaussehenden, eben aus der Werbebranche kommenden Mann, dem der Erfolg nachläuft, auch wenn sich über die literarische Qualität seiner Werke streiten lässt. Wir wir aus der Realität wissen, geht das aber gut zusammen, dass sich Dinge verkaufen, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Und wer weiß, so schlecht sind die drei bisher erschienen Krimis von Rath gar nicht. Immerhin wird dort auf perfide Weise gemordet, dies in einer recht drastischen und doch auch leblos wirkenden und schwülstigen Sprache beschrieben. Ist das eine bewusste Spiegelung des Tatortes 814? Nein, nein, das darf man den Machern nicht unterstellen. Niemand schießt sich selbst ins Knie, wenn er nicht gute Gründe dafür hat, und die sehen wir hier nicht.

Aber Rath wird auch als Vater des autistischen Ferry (Jonathan Müller) gezeigt und als ein Schriftsteller mit Schreibblockade. Da fliegt mancher Laptop gegen die Wand. Im Ernst, die Zeiten sind vorbei. Bei einer Schreibmaschine war das etwas anderes, sie war nur ein Werkzeug. Auf einem Laptop sind aber auch alle bisherigen Ergebnisse gespeichert, und die knallt man nicht einfach gegen die Wand. Dass Klara Blum diese Stelle sieht und auch noch auf richtige Weise darauf anspielt, ist ein wenig übertrieben. Übertriebene Intuition aus dem Nichts tritt anstelle ermittlerischer Verve. Viele Figuren in „Das schwarze Haus“ wirken seltsam teigig und ihr Verhalten fehlakzentuiert.

Immerhin ist der Krimiautor Rath nicht linear, man hat sich bemüht, mehrere Seiten von  ihm zu zeigen. Zum Beispiel die des Vaters, der seinen vor sich hin bastelnden Sohn Ferry sogar dazu bringt, einmal den Tacker wegzulegen, mit dem er Bootsplanken festmacht. Der Junge ist überhaupt eigenartig – stundenlang, stundenlang geht das so. Mit den Mengen von Klammern, die er mit Pressluft über mehrere Szenen hinweg in die Planken treibt, hätte er eine Dreimastbark fertigstellen können, und am Ende kommt nicht einmal ein kleines Bodenseeboot dabei heraus. Soll das eine Darstellung des Asperger-Syndromes sein, das Menschen zu leidenschaftlich betriebenen, monotonen Tätigkeiten führt? Wir sind keine Spezialisten dafür, deswegen lassen wir den Aspekt außen vor, ob Ferry wirklich eine Asperger-Diagnose gestellt bekäme, würde er zu einem realen Facharzt gehen.

Die hübsche Bodenseetochter

Susanne (Annika Beck), um die sich im Film einiges dreht und die von Ferry geliebt wird und ihn wiederliebt, während sie für alle sonstigen weiblichen und männlichen Avancen wenig übrig hat, ist die vielleicht interessanteste Figur und die Schauspielerin ein noch recht unverbrauchtes, intensives Gesicht. Ihre Einbindung in die Handlung ist weder von großer Logik geprägt, noch ist die Figur gar zwingend für irgendetwas, aber sie sorgt für das, was die anderen nur schwer zustande bringen: Für einen Hauch von Künstleratmosphäre. Ihr nehmen wir es ab, dass sie sich in diesem Milieu ansiedelt und dass ihre sensible Art sie zu Ferry führt.

Auch hier müssen wir die Antwort auf die Frage offen lassen, ob ein Asperger-Aspirant einer solchen Frau tatsächlich gerecht werden kann, denn ihm fehlen ja gerade die hoch angesiedelten sozialen Interaktionsmöglichkeiten und kognitiven Möglichkeiten, die ein solchermaßen sensibler Typ wohl von einem Partner verlangen wird. Vielleicht ist aber auch alles anders und sie fühlt sich geborgen, weil der Junge keine Hintergedanken hat und keine taktischen Schachzüge kennt und einfach pur und nur er selbst ist. Das Klare ist auch eine Art Sicherheit. Unrealistisch ist es dann aber, von ihm zu verlangen, dass er Mitleid entwickelt und die Gefühle derer versteht, die schockiert über die allfälligen Morde sind.

  1. Fazit

Ein besonders hell leuchtender, neuer Stern am Tatorthimmel ist „Das schwarze Haus“ sicher nicht, dazu wird zu viel probiert und zu wenig durchgezogen, wirkt Vieles schräger, als es vielleicht gemeint war. Die Konstruktion als Whodunit ist geradezu missglückt, es sei denn, es war Absicht, dass man den Täter nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit klar erkennen durfte und der Fall dann zum Thriller werden sollte – kann man Jeschke noch am nächsten Mord hindern? Paff! Nein, zu spät. Und überall verteilen sich Leichenteile am Seeufer. Für einen Bodensee-Krimi ist „Das schwarze Haus“ effektüberladen und mit zu wenig Tiefgang ausgestattet. Zudem ist er ist nicht konsequent in der Plotanlage, falls er wirklich vom Rätselkrimi zum Howcatchem wechseln will. Wirklich schade, dass wir nach dem grandiosen „Herz aus Eis“, der von uns ganz hoch angesiedelt wurde, nun eine vergleichsweise niedrige Punktzahl für einen Blum / Perlmann-Fall vergeben müssen.

Hin und wieder haben wir uns gefragt, ob Klara Blum ganz leise Servus sagt und Perlmann an der Seite einer neuen Partnerin oder eines neuen Partners das Ermittlerfeld überlassen will, so wenig präsent ist sie als Figur in „Das schwarze Haus“ – dagegen spricht aber, dass auch der junge Hauptkommissar schon bessere Auftritte hatte. Für mehr als 6,5/10 Punkte reicht es dieses Mal leider nicht, aber wir bleiben dran und schauen, was kommen wird.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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