Satisfaktion – Tatort 678 #Crimetime 326 #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #Haller #Vaddern #Klemm #WDR #Satisfaktion #Mensur

 Crimetime 326 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Studenten und Herren von Schrot und Korn

Immer wieder werden in Münster neue Varianten desselben Themas ausgerollt werden wie ein dicker, roter, manchmal blutroter Teppich, gewoben aus Provinzfilz. Wie ist es möglich, dass die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm jedes Mal in einen Loyalitätskonflikt mit der eigenen gesellschaftlichen Klasse gerät und die Kurve kriegen muss. Wir schreiben darüber in der -> Rezension.

Handlung

 Im Dickicht des Münsteraner Walds wird ein männliches Skelett gefunden. Die Spur führt Kommissar Thiel und Rechtsmediziner Boerne in den Kreis schlagender Verbindungen. Während Boerne selbst einst Mitglied in einem Münsteraner Corps war und dort den Status des „alten Herrn“ genießt, ist dieses Milieu für Thiel befremdliches Neuland.

Mit der Identifizierung der Leiche als Raimund Stielike, einem Ex-Burschenschaftler, lässt sich schon bald ein Kreis von Verdächtigen ausmachen, die sich alle im Umfeld des Corps bewegen. Besonders auffällig: Ausgerechnet Raimunds Bruder Karsten und sein Vater, der allseits geschätzte Prof. Stielike scheinen im Münsteraner Corps-Wesen die Fäden in der Hand zu halten. Auch Karstens Frau Clara kannte den Toten und reagiert verdächtig. Hat die Familie Stielike etwas mit dem Mord zu tun?

Als wenig später ein zweites Burschenschafts-Mitglied spurlos verschwindet und Boerne von seiner eigenen „schlagenden“ Vergangenheit eingeholt wird, spitzt sich die Situation zu, und das sonst so eingespielte Team entfernt sich immer mehr voneinander.

Rezension 

Dito Karl Friedrich Boerne. Ein fantastischer Jan Josef Liefers kann im Prinzip jede dieser ähnlichen, aber nie gleichen Rollen spielen und diesen Figuren, die in jedem besseren Milieu zuhause sind, Lebendigkeit verleihen, ja so etwas wie Glaubwürdigkeit im Übertriebenen.

Eine Show, bei der Thiel etwas zu kurz kommt und etwas zu prollig wirkt, was in den Filmen danach leider sein Markenzeichen geworden ist. Ein wenig kurz kommt auch die Handlung, trotz Michael Degen in der ausgezeichneten Rolle des Familienpatriarchen Prof. Dr. Dr. Walter Stielike.

Der Fall wird nachvollziehbar gelöst, die Motive der beiden Mörder wirken glaubwürdig, der Humor ist dieses Mal nicht so sehr auf Wortwitz aufgebaut wie in den Münsteraner Spitzen-Tatorten, sondern kommt eher aus dem seltsamen Treiben der Burschenshaften im 21. Jahrhundert. Schöne Stereotypen, aber man kann auch nicht sagen, an dieser Darstellung von Verbindungen ist nicht etwas Wahres dran. Außerdem wurde mir mittlerweile erklärt, die Society von Münster ähnelt in der Realität wirklich dieser Mischung aus Snobismus und Spießigkeit, die in den Tatorten mit Thiel und Boerne gerne durch den Kakao gezogen wird (die Information stammt von jemandem aus meinem Umfeld, der seine in Münster ansässige Schwiegermutter nicht mag). 

  1. Ein Milieu im Milieu und ein paar Sätze zu Beziehungen

Wenn es einmal eine so deftige Darstellung des Sondermilieus innerhalb es Akademikermilieus, der Verbindungen geben würde, dann musste sie aus Münster kommen. Traditionsstudenten wie Mediziner, noch mehr wohl Juristen, sind auch heute noch durchaus dem Corpsgeist zugeneigt. Wobei Corps wiederum nur eine Teilmenge der möglichen Verbindungen darstellen.

Was hier gezeigt wird, ist die extreme Form der Farben tragenden, schlagenden Verbindung, es gibt auch wesentlich weniger auffällige, zum Beispiel christlich intendierte Verbindungen, die auch nicht Burschenschaften oder Corps heißen und selbstverständlich auch nicht schlagend sind.

Der hier geschilderte Hanauer Kreis ist innerhalb dieser Teilmenge einer Teilmenge wiederum ein ganz kleiner Ausschnitt. Ob es so etwas wie diese Sondergruppe, die noch einmal jede der ohnehin schon sehr traditionellen Regeln eines Corps toppen will, tatsächlich gibt oder ob sie nur konstruiert ist, um die Sache auf die Spitze zu treiben, entzieht sich unserer Kenntnis.

Dass aber Prof. Karl Friedrich Boerne dieser Gruppe angehört, finden wir gar nicht so abwegig. Er hat ja etwas Forsches und auch die Grundarroganz, die man wohl braucht, um solch einem abgefahrenen Haufen anzugehören. Ohnehin unglaublich, wie innerhalb des Milieus hier noch einmal ausdifferenziert wird, und das so, dass der Zuschauer, der nicht in einer Verbindung war oder ist, es auch versteht.

Was uns dann schon eher etwas seltsam erscheint ist, dass Boerne zehn Jahre lang nicht am Verbindungsleben teilgenommen hat. Er ist nun einmal ein alter Herr und da kann man sich nicht einfach so entziehen. Man hat ja auch eine Verpflichtung, die Burschen zu fördern.

Die Weitergabe von Privilegien von Generation zu Generation ist herrlich monarchisch, wird sehr gut dargestellt, aber man darf eines nicht vergessen. Beziehungen gibt es nicht nur hier. Seilschaften, wie Thiel dies nennt, gibt es, und darauf weist seine Benennung ungewollt hin, überall. Es gibt sie in Firmen, es gibt sie durch Partei- oder sonstige Gruppenzugehörigkeit, es gibt sie durch Verbände und Wirtschaftsvereinigungen, es gibt sie aber auch in durch die Zugehörigkeit zu Gewerkschaften, Sozialverbänden, durch gemeinsame Antifa-Vergangenheit und sogar durch alte Stasi-Connections. Nicht mehr so häufig, Letzteres.

Soziale Netzwerke bemühen sich um Beziehungen, Businessnetzwerke, Sportvereine, vor allem dort, wo der Sport teuer ist, alle sind am netzwerken, nur nannte man das noch nicht so, als die Burschenschaften aufkamen.

Letztlich sind Beziehungen der Ausdruck eines tiefen Wunsches nach Sicherheit und Geborgenheit. Viele Stellen werden durch Verbindungen gesetzt, Außenstehende sehen diese Dinge nicht einmal, oder man lässt sie aufgrund öffentlicher Ausschreibung, die vielleicht Vorschrift ist, glauben, sie hätten eine Chance. Es ist tatsächlich eine Sache  des Vertrauens. Jemand, den man kennt, auch wenn er nicht die bestmögliche Besetzung für einen Posten hergeben mag, der genießt ein gewisses Vertrauen. Man kann ihn einschätzen. Und die Tendenz, jemandem den Vorzug zu geben, den man einschätzen kann, ist verständlich.

Dass dabei gegenseitige Verpflichtungen entstehen, ist unausweichlich. Dass diese immer vielschichtiger, undurchschaubarer werden, dass in sie eingebundene Personen mit der Zeit immer weitere Aspekte jenseits einer objektiv und nach Sachlage besten Lösung einfließen lassen müssen, das ist nichts selten und man nennt es dann Filz. Selbst starke Charaktere, die fachlich glänzend sind, kommen selten ohne Netzwerk ganz nach oben, um zu bleiben.

Die Verbindungen, wie sie hier dargestellt werden, sind die traditionellste Form von protektionistischen Beziehungen, die sich denken lässt – neben denen der Adelshäuser untereinander; zuweilen überschneidet sich beides. Sie sind sehr konservativ, wirken hermetisch und ähneln, ein paar Spitzen und Übertreibungen herausgerechnet, ihrer Darstellung in diesem Tatort. Für das Milieu und Boerne in diesem Milieu geben wir glatt eine 10/10.

  1. Wenig Handlung, da geht ein Exkurs

Dass wir uns zuvor ausführlich mit einem der Handlung fernen Aspekt beschäftigt haben, das haben wir uns von diesem Tatort 678 sozusagen abgeschaut. Weil es wenig Handlung gibt, über die referiert werden muss, konnte man sich dem Verbindungswesen widmen. Die Konkurrenz der Söhne des Patriarchen Degen finden wir nachvollziehbar, zumindest ist es möglich, dass ein Ehrenhandel außer Kontrolle gerät und im Grunde weiß man ziemlich schnell, wer der Mörder von Raimund Stielike ist – sein Bruder Karsten (Godehard Giese). Sehr interessant allerdings, wie Thiel darauf kommt, dass das Kind der jungen Frau Stielike (Victoria Mayer), das offiziell von Karsten ist, von Raimund sein soll.

Bewiesen wird das nicht, es ist auch nicht mehr notwendig, um das Motiv zu finden, weil Karsten im Duell mit Boerne einknickt und alles zugibt. Da kam einiges an Demütigungen zusammen, das den schwächeren Bruder zum Mörder werden ließ.

Leider musste auch der Journalist Baltus dran glauben, weil er, kurz vor seinem Ende durch Krebs, noch reinen Tisch machen wollte. Dies musste die aufopfernde Mutter von Clara Stielike, Friede Timme (Tatja Seibt) verhindern, um das Glück ihrer Tochter zu sichern, die aus armen Verhältnissen in bessere geheiratet hat.

Wenn man von dieser Verbindungswelt absieht, die in einem Tatort nie zuvor so dargestellt wurde, ist der Fall konventionell und spielt sich als Familiendrama ab. Wie aber in Münster üblich, ist der Mitleidsfaktor des Zuschauers mit Opfern oder gar mit Tätern gering.

Es ist im Grunde auch etwas, das man diesen Tatorten hoch anrechnen muss. Sie sind hoch unterhaltsam, selbst wenn eher langsam im Plotaufbau, wie „Satisfaktion“, und sie werfen dem Zuschauer mit Humor und stilisierten Darstellungen der bessern Kreise die Dinge einfach an den Kopf. Sie manipulieren nicht so subtil wie andernorts, wo der Zuschauer involviert und zur Parteinahme gezwungen wird. Hier reicht eine Stellungnahme aus und es darf gelacht werden.

  1. Die übrigen Sonstigen

Thiel hat dieses Mal eine undankbare Neben-Hauptrolle, man könnte fast meinen, sein Elefant-im-Porzellanladen-Verhalten, das von mehreren Personen bemängelt wird, diese doch recht plumpe Art gegenüber jedermann, von der Staatsanwältin über den eigenen Vater bis zur jungen Frau Stielike, wirkt nicht nur wie ein Protest gegen jeden, der mehr Geld hat. Es wirkt auch wie ein Hilferuf nach Anerkennung. Nach Beachtung. Ob das die Drehbuchschreiber so wollten? Interessanterweise wurde der Irrweg nicht erkannt, diesen gutmütigen Typ immer weiter Richtung unterschichtig zu treiben, anstatt ihm seine ursprüngliche, trockene, durchaus kleinbürgerliche Ironie zu lassen. Als er sich weniger mit derben Worten in Szene setzte, war er besser.

Dass das Vertrauen zu Boerne plötzlich weg ist, wo die beiden sich schon so gut kennen, ist auch vor allem durch Thiels Disposition erklärlich. Er fühlt sich umzingelt von Leuten, die einander alle irgendwie kennen – und er, der Junge aus dem Kiez, dieses Mal nur mit St. Pauli-Kaffeebecher anstatt T-Shirt, ist der Außenseiter. Im Grunde kann er sich auf Boerne verlassen. Der Mann hat Geld, klar, man kann ihn nur mit Ruhm an der Charité dazu verführen, aus der Provinz weglocken ins Rampenlicht, wer würde solch eine Versuchung als Wahlberliner nicht verstehen? Aber letztlich ist dieser Mann sehr, sehr unabhängig, das kommt in beinahe allen Folgen rüber. Er ist nicht Opfer irgeneines Dünkels, auch wenn sein Worte zuweilen so wirken. Sein  Handeln ist anders und dem könnte Thiel ab und zu ein wenig mehr Anerkennung zollen.

Natürlich, dieses Mal enthält Boerne ihm etwas aus seiner Vergangenheit vor – doch er hatte keine Ahnung von diesem Mord an Raimund Stielike. Und das ist es letztlich, was zählt, der Rest ist tatsächlich seine Privatsache, und Thiel kann froh sein, dass Boerne so locker und, wie immer, tolerant mit Thiels unerlaubter Schnüffelei in seinen Kellerkisten umgeht. Das entscheidende Beweismaterial hat er ohnehin nicht dort gefunden, sondern – prekär, aber wahr, auch wieder durch unerlaubtes Aufbrechen von Spinden im Verbindungshaus. Einen Durchsuchungsbefehl hatte Thiel während der ganzen 90 Minuten dieses Tatortes nicht.

Nervig ist dieses Mal sein Vater, der immer nur Extratouren dreht und Thiel zusätzlich das ohnehin durch zu viel Kontakt mit gebildeten Leuten beschwerliche Leben weiter vermiest. Gut hingegen Silke Haller (Christine Urspruch), genannt Alberich, die endlich ein paar Solo-Szenen bekommt. Da wir das schön fanden, geben wir einen Teil des Verlustes an Vertrauen von Thiel in Richtung Boerne für gut, denn nur unter dieser Prämisse konnte Haller selbstständig arbeiten und direkt an Thiel reportieren.

  1. Formales

Auffällig war stellenweise die Kameraführung. Schon die Szene zu Beginn, wo das junge Mädchen im Wald in eine Grube plumpst, dabei den Schädel von Raimund findet und ihr Hund passende Knochen ausgräbt, die Kamerafahrt, das plötzliche Heranzoomen auf den entsetzten Gesichtsausdruck des Mädchens, der Schrei, alles sehr nett gemacht. Nicht selten in Münster, dass die Anfangsszenen besonders gut gefilmt sind und auch sehr lehrbuchhaft, weil der Zuschauer sofort im Geschehen ist.

Auch im Verlauf gibt es immer wieder gute Einstellungen, zum Beispiel im Haus der Stielikes, als Thiel das junge Ehepaar befragt. Immer die Leute im Profil gefilmt, diese edel aussehenden, jungen Menschen in den Gegensatz zum tatsächlich profilierten, proletarischen Konterfei von Thiel. Dann die Schnittwechsel zwischen Boernes Gefecht mit dem jungen Karsten Stielike und Thiels Szene auf dem Friedhof, wo die ältere Frau den Mord an Baltus zugibt, mit dem sie ihre Tochter schützen wollte. Diese Konferenzschaltung macht den Film zwar nicht wirklich schnell, wirkt eher auf sonderbare Weise ironisch eingesetzt.

Finale

Einfache Handlung, ausgeprägte Milieuschilderung, sehr gute Figuren: Boerne, Haller und Dr. Stielike. Die übrigen fallen ab, leider auch Thiel. Ein Tatort, der seine besonderen Qualitäten jenseits der Kriminalhandlung hat, auch formal, die Handlung ist aber nachvollziehbar und einigermaßen glaubwürdig mit Motiven unterfüttert. 

7,5/10

Wiederholungs-Vorschau

Heute abend, am 16.05.2011, wird der Norddeutsche Rundfunk den 678. Tatort „Satisfaktion“ aus Münster wiederholen.

Wir haben den Fall schon einmal gesehen und empfehlen dringend: anschauen! Er stammt aus 2007, nach unserer Ansicht die Zeit der Hochblüte des Münsterteams. Der Gagfaktor war in dieser Zeit auf dem Gipfel angelangt und die Drehbücher dieser Phase waren noch nicht so schwach wie in einigen späteren Folgen.

Wir erleben Karl Friedrich Boerne in einer seiner vielen Rollen in der besseren Gesellschaft, dieses Mal als alten Corps-Bruder und Thiel, wie immer, vollkommen unbeeindruckt.

Also notieren: 16.05.2011, 21:00 Uhr, N3, Rendevouz mit Thiel und Boerne!

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Silke Haller („Alberich“) – Christine Urspruch
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Prof. Walter Stielicke – Michael Degen
Karsten Stielicke – Godehard Giese
Dr. Leon Strobel – Thomas Clemens
Gregor Baltus – Aljoscha Stadelmann
Clara Stielicke – Victoria Mayer
Friede Timme – Tatja Seibt
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
u.a.

Drehbuch – Johannes W. Betz
Regie – Manuel Flurin Hendry
Kamera – Egon Werdin
Musik – Fabian Römer

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