Schichtwechsel – Tatort 561 #Crimetime 327 #Tatort #Kiel #Borowski #Jung #NDR #Schicht #Wechsel

Crimetime 327 - Titelfoto © NDR

Warum hat Borowski nicht mit ihr getanzt?

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Während die Ostendorf-Werft bestreikt wird, kommt es zu einem Mord am Betriebsratsvorsitzenden, der nicht so beliebt war, wie es seine Position vermuten ließe, sondern seine Machtposition gerne ausnutzte, besonders, als er eine Liste von 50 Kollegen erarbeiten sollte, die entlassen werden müssen und Borowski findet eine Menge Leute, die Gründe gehabt hätten, den Mann mit einer Taschenlampe zu erschlagen.

Frühe Borowski-Tatorte wie „Schichtwechsel“ waren oftmals klassische Whodunnits und im Vergleich zu heutigen Filmen mit dem Kieler Ermittler-Kauz konventionell. Das Thema Arbeitskampf wegen Entlassungswelle ist aber gerade bei den Werften immer noch aktuell und erinnert uns daran, dass Deutschland sich genauso deindustrialisiert wie die viel gescholtenen schwächeren Ökonomien Europas – nur nicht so schnell. Als der Film gedreht wurde, hatte Deutschland etwa 5 Millionen Arbeitslose und die Angst vor dem Abstieg war überall greifbar. Dank radikaler und teilweise kontraproduktiver Maßnahmen sind es jetzt offiziell viel weniger, aber Zweifel am Wiederaufleben des Wirtschaftswunders bleiben.

Auffällig an „Schichtwechsel“ ist, wie schön die zwischenmenschlichen Augenblicke inszeniert sind. Da sind eine Menge liebenswerter, intuitiv wirkender Szenen drin, die einen weiblichen Touch haben  Wir haben es jetzt auch nachgeschaut, mit Christine Hartmann führte tatsächlich eine Frau Regie. Das wiederum passt zu Kiel und Borowski, der hier als Typ vorgestellt wird, der mit Frauen durchaus interagieren kann. Was es jenseits von Wirtschafts- und gendermäßigen Betrachtungen zu sagen gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Streik auf der Kieler Ostendorf-Werft: Betriebsratsprecher Bruhns will der Entlassung von höchstens 50 Mann zustimmen, um den Erhalt der Kieler Werft zu sichern. Dass das nicht reichen wird, versucht ihm fast verzweifelt der Chef der Werft, Felix Ostendorf, klar zu machen. Doch Bruhns bleibt hart, denn er nutzt die Situation auch zur persönlichen Profilierung. Selbst sein Betriebsratkollege Heise, der mit der Werftführung Hand in Hand arbeiten will, kann ihn nicht umstimmen.

50 Namen, 50 Schicksale. Wer wird auf der schwarzen Liste stehen? Das interessiert auch die ehrgeizige Vorstandssekretärin Tatjana Matthies. Sie hat Angst um ihren lebensuntüchtigen Bruder Benno, der so schnell keinen anderen Job finden wird. Um Bennos Job zu retten, umwirbt sie sogar Betriebsrat Bruhns. Sehr zum Missfallen ihres Freundes Holger Clausen, der auch auf der Werft arbeitet.

Als Kommissar Borowski am nächsten Morgen zur Werft gerufen wird, liegt Bruhns erschlagen auf einem Arbeitsfloß. Der Streik ist durch eine schnelle Einigung zwischen Ostendorf und Bruhns Nachfolger Heise beendet worden. Trotzdem bedauert man den Tod des vitalen Betriebsrats zutiefst. Borowski beginnt, sich in den Kosmos der Werft-Welt zu vertiefen, um etwas über die Beziehungsgeflechte auf der Werft zu erfahren. Als die Entlassungsliste auftaucht, verdichten sich die Ermittlungen. 50 Namen, 50 Verdächtige? Nein, denn die Liste war noch nicht veröffentlicht. Doch ein Name ist ausgestrichen. Vielleicht ein konkreter Anhaltspunkt? 

Rezension

Borowski hätte Frau Ostendorf mit Leichtigkeit zum Tanz bitten können, die Gelegenheit wird er in einem Tatort nicht mehr haben (weil Verena Araghi, die in „Schichtwechsel“ als Frau des Werfteigentümers Ostendorf auftritt, nicht mehr als Schauspielerin, sondern mittlerweile journalistisch arbeitet). Da war eine sichtbare Chemie. Solche Szenen, dazu gehört auch jene, in der Borowski der Sekretärin Tatjana (Stefanie Stappenbeck) ­ein Tuch in die Hand drückt, ganz sanft, gleichen seine damals noch ziemlich trockene Art in aus – und die Tatsache, dass er mit seinem Assistenten Zainalov ziemlich ruppig verfährt. Dafür knistert es zwischen Frieda Jung und dem Kommissar, obwohl die Annäherung ersichtlich ein Langfristprojekt darstellt und noch viele Lampen durchs Präsidium wandern müssen, bis Borowski die Sterne sehen kann.

Nachträgliche Anmerkung: Obwohl derzeit so viele neue Tatorte Premiere haben, dass kaum Kapazität für die Erweiterung der Anthologie um „Altfälle“ vorhanden ist, bietet es sich hier an, weil der Tatort so schön die Tatorte 893 und 892 klammert und somit unsere Rezensionen 270 und 268. Nach „Borowski und der Engel“ bietet es sich an, unser Kiel-Projekt mit „Schichtwechsel“ weiterzutreiben, denn „Väter„, den ersten Borowski, haben wir bereits rezensiert und „Schichtwechsel“ ist der zweite. Mit „Türkischer Honig“ verbindet ihn, dass beide Filme unter der Regie von Christine Hartmann entstanden und dokumentieren, wie unterschiedlich Arbeiten ausfallen, wenn u. a. die Drehbücher sehr verschieden ausfallen können. Zudem liegt „Schichtwechsel“ wertungsmäßig genau in der Mitte zwischen „Türkischer Honig“ (6/10) und dem wundervollen „Borowski und der Engel“.

Ob der Abstand von zehn Jahren zu diesem Film das Nachdenkliche mitverursacht? Jedenfalls ist es ein seltsames Gefühl, erhitzte Werftarbeitergemüter zu beobachten, Menschen, die um ihre Existenz kämpfen – und am Ende gibt es zwei Todesfälle mit Fremdeinwirkung und beide beruhen nicht auf Vorgängen wirtschaftlicher Natur, sondern sind durch Zuspitzungen in Beziehungsgeflechten verursacht.

Ein wenig riecht das nach Themenmissbrauch – die Chance, aus einem Arbeitskampf einen solchen auf Leben und Tod zu machen, hat man jedenfalls vertan. Andererseits ist das Subgenre des Wirtschaftskrimis der Serie Tatort beinahe wesensfremd. Wenn denn wirklich gemordet wird aus Konkurrenzgründen, dann wirkt es in dieser Serie oftmals aufgesetzt und uns beschleicht der Verdacht, die Drehbuchautoren haben noch nie eine größere Unternehmenseinheit von innen gesehen und die Menschen studiert, die dort arbeiten und wie sie um Positionen kämpfen. Selten mit Tötungsdelikten jedenfalls.

Es ist eben wirklich so, dass etwa neun von zehn Tötungsdelikten von Personen aus dem persönlichen, privaten Umfeld des Opfers begangen werden. Da aber die Opfer natürlich auch Personen sind, die vielfach sozial interagieren, muss auch außerhalb dieses engen Kreises gesucht werden, zum Beispiel im Arbeitsumfeld, in Vereinen und Organisationen usw. Dass beim Totschlag oder Mord an einem Betriebsrat während eines Streiks, in dem dieser eine wichtige Rolle spielt, der Ansatz im Arbeitsbereich liegt, ist also doch nachvollziehbar. Außerdem ist Kiel nun mal eine Stadt am Meer und wo soll Lokalkolorit hergenommen werden, wenn nicht aus typischen Wirtschaftszweigen dieser Stadt oder aus dem Jachthafen, der in „Schichtwechsel“ ebenfalls eine Rolle spielt.

Die neueren Borowski-Tatorte, die manchmal von ihrer Atmosphäre, manchmal von schrägen Figuren, manchmal von beidem leben, sind klare Weiterentwicklungen gegenüber den Anfängen, nur Frieda Jungs Fehlen ist ein Minus. Das Verhältnis des Kriminalers, der ja selbst nun zehn Jahre älter ist als in „Schichtwechsel“, zur viel jüngeren Sarah Brandt (Sibel Kekilli) kann sich wohl kaum in die Richtung entwickeln, wie wir das bei Frieda Jung erlebt haben, mit dem Höhepunkt in „Borowski und die Sterne“. Das heißt auch, es ist zwangsläufig statischer angelegt und daher weniger spannend.

Wir bleiben bei der Spannung. Auch da können frühe Borowskis nicht mit den neuen mithalten. Ein Rätselkrimi muss schon besondere Handlungselemente beinhalten oder mit der Thrillerstruktur gepaart sein, um so packend zu sein wie die aktuellen Kieler Tatorte, bei denen man  nie weiß, was die seltsamen Menschen, die uns darin begegnen, als nächstes anstellen werden und ob es wieder zu Eskalationen kommt, die man keinesfalls voraussehen konnte.

Ein Whodunnit ist aber gerade dadurch geprägt, dass die Charaktere vorstellbar handeln müssen, damit der „Vertrag mit dem Zuschauer“ nicht gebrochen wird – sprich, dass die Lösung nicht durch absurde Verhaltensweisen herbeigeführt wird, die man den Figuren vorher keinesfalls zurechnen würde. Die Leute in „Schichtwechsel“ erfüllen den Vertrag, und am Ende nickten wir zustimmen, als der Bruder von Tatjana, Persönlichkeitsstil: der (geradezu panisch) abhängige Typ, für die Taten verantwortlich ist.

Zweifel gibt es auch: Zum Beispiel daran, dass dieses Fliegengewicht dem sehr robusten Betriebsratschef solche Angst einjagen konnte, wie auf dessen Gesicht zu lesen war, als er sich unvermittelt einem Angreifer gegenüber sah – und, allgemeiner, dass der Junge auf einer Werft arbeitet. Nicht im Büro, sondern dort, wo es körperlich zugeht. Möglich, dass er von seiner Schwester in dieses Verhältnis gehievt wurde, die ja zu ihrem Chef Ostendorf ein sehr gutes Verhältnis hat, wie wir im Verlauf der Handlung erfahren.

Was wir schade fanden: Dass der alte Schichtwächter mit dem Silberbart im Verlauf quasi verschwindet. Dabei gibt Borowski sich so viel Mühe, sich den Mann zurechtzulegen, weil, wie ihm sein Freund am Strand erklärt, nur das verdiente, erarbeitete Vertrauen es bewirkt, dass die stolzen Schiffbauer einem Kommissar wertvolle Informationen weitergeben. Klasse, dass Borowski als der typische Beamte und Bürokrat, welcher er ja doch ist, alle Schiffsjahrbücher durchzulesen, um die Fakten zur Werft besser im Kopf zu haben als ebenjener Mitarbeiter, der schon 26 oder 27 Jahre bei Ostendorf die Kolosse der Meere vernietet. Später wird dann aber vor allem technisch ermittelt, wobei Fingerabdrücke gleich mehrfach eine wichtige Rolle spielen.

Fazit

Die Ermittlung wirkt insgesamt überzeugend und ausführlich dargestellt, wir  haben keine riesigen, also erwähnenswerten Logikfehler gefunden und der Umgang der Figuren miteinander ist eine der größten Stärken von „Schichtwechsel“. Die Handlung ist letztlich von der Stange, was kein Fehler sein muss. Wir sind mit den Figuren mitgegangen und hatten vergnügliche Momente, aber die Grundstimmung war dieselbe wie bei anderen Genres – Interesse, Aufmerksamkeit, nicht zum Zerreißen angespannte Nerven.

Aber wir hatten für eine Minute so ein kleines Trauergefühl, dem wir nachgespürt haben, bis wir feststellten, dass es einen simplen Grund dafür gibt. Wir werden wohl in absehbarer Zeit alle Borowski-Tatorte durch haben und müssen auf die Erstausstrahlungen warten, um ihn in einem Film zu erleben, den wir noch nicht kennen.

Es war eine so schöne Entdeckungsreise durch die älteren Fälle (seit März 2011 rezensieren wir neue Tatorte möglichst schon am Abend der Premiere für den Wahlberliner, ältere wie „Schichtwechsel“ so, wie sie wiederholungsweise ausgestrahlt werden). Was gibt es punktemäßig? An heutigen Kiel-Maßstäben gemessen kommt eine niedrigere Bewertung heraus, als wenn wir team-, städte- und epochenübergreifend vergleichen. Was also tun? Wir tendieren zur Mitte.

7,5/10

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Darsteller: Axel Milberg (Klaus Borowski), Maren Eggert (Frieda Jung) · Mehdi Moinzadeh (Alim Zainalow) · Stefanie Stappenbeck (Tatjana Matthies) · Felix Eitner (Felix Ostendorf) · Joram Voelklein (Holger Clausen) · Arndt Schwering-Sohnrey · Bruno F. Apitz · Joachim Nimtz · Thomas Kügel (Roland Schladitz) · Christian Grashof (Bernd Wiegand) · Ulrich Faulhaber · Horst Kotterba · Verena Araghi · Jan Peter Heyne · Jochen Regelien · Jürgen Prediger · Benjamin Utzerath

Regie: Christine Hartmann
Buch: Jan von der Bank
Kamera: Volker Tittel
Schnitt: Angelika Strelczyk
Musik: Fabian Römer · Nick Cave: «Wonderful Life» / «Still In Love»

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