Nachtgeflüster – Tatort 675 / Crimetime 335 // #Tatort #Nachtgeflüster #Tatort675 #Köln #Koeln #WDR #Ballauf #Schenk

Crimetime 335 – Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Vorwort 2019: Aus Zeitgründen zeigen wir heute nach längerer Zeit wieder eine Rezension, die für den „ersten“ Wahlberliner im Jahr 2011 verfasst wurde, im Orginal, ohne Anpassungen an die heute übliche Optik und ohne wesentliche Veränderungen im Wortlaut, lediglich die erste Gliederungsebene in römischen Ziffern wurde entfernt und die Handlungsangabe wurde ins derzeit übliche Dunkelblau gesetzt, einige Tippfehler haben wir ebenfalls korrigiert.

SW3 14.06.2011 / ES 7.10.2007

Kleine Einführung ohne Jubiläum

An der Tatortfront gibt es leichte Entspannung, das war vorherzusehen. Anfangs hätten wir uns noch entscheiden müssen, schauen wir „Nachtgeflüster“ um 20 Uhr 15 oder etwas später „Weil sie böse sind“ (N3), der gerade ziemlich herumgereicht wird, weil er als top gilt. Beides wäre aufgrund der Sendezeiten auch möglich gewesen, aber irgendwann leidet unter der hohen Frequenz dann doch die Rezensionsqualität. Weil das Böse aber so häufig gesendet wird, haben wir’s schon rezensiert.

So konnten wir uns ohne Schwierigkeiten für Ballaufs Zehnjähriges entscheiden. Die Rezensionshäufigkeit wird nun langsam abnehmen, weil wir viele Wiederholungen schon kennen und uns noch nicht zu Neubewertungen aufgerufen sehen, nach dem wir gerade erst zweimonatiges Tatort-Rezi-Jubliäum hatten. Vielleicht mal in einem oder zwei Jahren und in interessanten Fällen.

Kurzrezension

Nicht alle Köln-Tatorte sind farblich experimentell gestaltet, aber doch einige. Nachdem wir uns mit „Bestien“ beinahe die Augen verdorben hatten, ist in „Nachgeflüster“ alles ganz schön gelb.

Das Jubiläum für Ballauf ist am Ende nett gemacht, dass er überhaupt nichts peilt, spricht nicht gerade für seine Ermittlerfähigkeiten. Die eigentliche Handlung weist eine Besonderheit auf: Es gibt keinen Mord. Nur beinahe, als der Täter seine Chefin angreift und schwer verletzt.

Die Atmosphäre ist sehr schön, einer der stimmungsvollsten Tatorte, die wir bisher zu rezensieren hatten. Schauspielerisch gibt es überwiegend Gutes zu vermelden, vor allem von den Ermittlern, die deutlich im Zentrum von 675 stehen, wie es sich für einen Jubiläumstatort gehört.

Aber die kriminalistische Seite ist – mal wieder, muss man jetzt schon sagen – schwach. Der Zufall, der die Lösung bringt und sich in einem Parkhaus ereignet, hat eine Realitätschance etwa von einem Sechser mit Zusatzzahl im Lotto. Schade. So wird auch die Bewertung, entsprechend der Tonung des Films, nur gelb, nicht grün ausfallen. Aber auch nicht orange oder rot, das ist die gute Botschaft für Ballauf und Schenk.

Inhalt, Besetzung, Stab

Maulheld oder Mörder? Für Kommissar Max Ballauf ist der Fall klar: Der Mann im Radio will sich nur wichtig machen. In der bekannten Nighttalk-Sendung von Melissa Morgenstern brüstet sich ein anonymer Anrufer damit, den Polizisten Martin Krauss erschossen zu haben. Einfach so! Und er werde wohl wieder morden. Diese Story sorgt natürlich für Schlagzeilen.

Doch Max Ballauf und Freddy Schenk verfolgen eine andere Spur im Fall ihres ermordeten Kollegen: Krauss war ein gebrochener Mann. Nach der Affäre mit einer Kollegin hatte seine Frau ihn mitsamt der Kinder verlassen. Seitdem griff er immer öfter zur Flasche. Und wie sich herausstellt, war er hoch verschuldet. Bei den Befragungen verstricken sich seine Freundin Rita Anspann und sein Box-Trainingspartner Hakan Simsek in Widersprüche. War Krauss an illegalen Wettgeschäften beteiligt?

Derweil taucht beim Radiosender ein anonymes Schreiben an Melissa mit dem Schlüssel für ein Bahnhofsschließfach auf. Nur wenig später wissen Ballauf und Schenk, der Anrufer hatte nicht geblufft. Im Schließfach finden sie den versprochenen Beweis: Die Tatwaffe.

Playlist

Sonnendeck – Peter Licht
Love is a desaster – The Kills
The good ones – The Kills
I shot the Sheriff – Eric Clapton
In a manner of speaking – Sigur Ros
Flugufrelsarium – Sigur Ros
Lied gegen die Schwerkraft – Peter Licht
No wow – The Kills
Negatif – Benjamin Biolay
A forest – Nouvelle Vague
Svenfn-g englar – Sigur Ros

Darsteller

Max Ballauf: Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk: Dietmar Bär
Dr. Roth: Joe Bausch
Staatsanwalt von Prinz: Christian Tasche
Franziska: Tessa Mittelstaedt
Hendrik Fuchs: Oliver Bröcker
Melissa Morgenstern: Annika Kuhl
Claudia Völker: Claudia Michelsen
Tinka Breuer: Maya Bothe
Hakan Simsek: Aykut Kayacik
Rita Anspann: Brigitte Zeh
Kioskbesitzerin: Sybille Schedwill
Sharon Gold: Jennifer Julia Caron
als Gast:
Lizzy: Anna Loos

Stab

Buch: Stefan Cantz, Jan Hinter Regie: Torsten C. Fischer
Kamera: Hagen Bogdanski
Szenenbild: Frank Polosek
Schnitt: Bernd Schriever
Ton: Michael Felber

Rezension

  1. Leider nicht der gelbe Unterrock, aber dafür ein Tatort in Gelb

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was man den  Zuschauern damit sagen wollte. Sind zehn Jahre Dienst die gelbe Hochzeit mit der Polizei? Es wäre sowieso gemogelt, denn entweder nimmt man Ballaufs Zeit als leitender Ermittler, dann müsste Schenk aber auch Jubiläum feiern, denn unseres Wissens sind die beiden 1997 zusammen gestartet. Oder man bezieht Ballaufs Zeit unter Flemming in Düsseldorf ein, dann sind es aber 2007 schon mehr als 15 Jahre gewesen.

Oder ist Gelb die Farbe der Einsamkeit? Oder der verzerrten Wahrnehmung der Nachtmenschen, die den Tag nur noch in Gelb sehen? Eigentlich sind für Ersteres die Grün-Grau-Töne zuständig, vielleicht also Letzteres. Ganz klar wird es nicht, aber es soll ganz sicher eine flache, zweidimensionale Welt mit entsprechender Stimmung erzeugen. Wer die Welt nur in einer Farbe wahrnimmt, sieht sie einseitig. Bei manchen ist das die rosarote Brille, bei anderen vielleicht ein intensives, nicht sehr angenehmes Gelb.

  1. Würdigung von zehn Jahren

Natürlich haben wir noch nicht alle Ballauf / Schenk-Tatorte gesehen und noch weniger sie alle rezensiert. Aber mittlerweile gibt es eine Tendenz. Sympathische Ermittler, nicht immer gleich, aber das sind sie ja nie, auch in anderen Tatort-Städten. Ein Duo, das in sich den Kern guter Freundschaft trägt, das Unterhaltungswert hat und sie sind von guten Schauspieler verkörpert, vielleicht Schenk der versiertere, der mit dem größeren Spektrum, was sich auch an seinen vielfältigen außertatortlichen Rollen belegen lässt. Was der mit den Augen macht, wenn sie sich etwas heben. Er hat eine äußerst sprechende Mimik, agiert nur selten über, und wenn, dann sind es wirklich die Augen. Männliche Schauspieler können oft nicht so mimen, wer es kann, ist im Vorteil, wie Dietmar Bär.

Wir haben ihm auch einen Absatz gewidmet, weil wir ihm auch das Jubiläum gegönnt hätten und weil es nun einmal zehn gemeinsame Jahre mit Ballauf waren, in 2007. Max Ballauf, der Gefeierte, ist einer der sensibelsten Ermittler im Tatort-Universum. Immer einsam, immer ein wenig angekratzt, das drückt sich schon stimmlich aus. Und obwohl er in letzter Zeit sichtlich reift, nicht im negativen Sinn altert, verliert sich diese noch recht jugendliche Fähigkeit zur Anteilnahme nicht. Gut, dass er einen Kumpel hat, der ihn versteht, weil er ähnlich tickt – wenn sich’s bei ihm auch etwas rauer darstellt.

Leider, und jetzt das große Aber aus den bisherigen Rezensionen (gut, dass wir mittlerweile die Statistik Der Wahlberliner – Verzeichnis der Beiträge / WB-Tatort-Rezensionen angelegt haben). Die beiden haben oft keine ganz großen Fälle. Was wir bisher rezensiert haben, liegt im Durchschnitt unterhalb dem, was andere Teams für sich verbuchen können. Die Münsteraner, die Münchener, die Frankfurter, die Ludwigshafener liegen besser. Bei den übrigen wollen wir noch keine klare Tendenz verkünden.

Das ist schade. Wir hoffen, es wird sich noch ändern, denn wir wünschen es den beiden, dass wir sie anheben können auf das Niveau, das sie schauspielerisch bringen und auf das positive Feeling, das wir für sie als Team haben. Ein Feeling, das daher kommt, weil sie auf uns vertraut wirken und wir ihnen vertrauen würden, wenn wir es in der Realität mit ihnen zu tun bekämen. Etwas viel besseres lässt sich über Polizisten wohl kaum sagen.

  1. Das Team im Jubiläums-Tatort

Die Ermittler stehen im Mittelpunkt, haben viele Szenen, darunter sehr atmosphärische. Natürlich ist 675 so ausgerichtet, dass Ballauf etwas mehr wirkt. Die langen Einstellungen auf sein ernstes, aufmerksames Gesicht in der Nacht, vor dunklem Hintergrund, das konzentrierte Zuhören, das ist mit das Beste an diesem Tatort. Es trägt auch viel zur Nachtatmosphäre bei. Und man merkt – es ist nicht langweilig, dieses Gesicht. Es spricht mit dem Zuschauer und der Umgebung, in der Ballauf sich gerade aufhält. Die Interaktion mit Freddy Schenk ist schön, aber auch etwas seltsam. Dass Ballauf nach zehn Jahren nicht merkt, dass Schenk nicht ständig nachts auf Abwegen ist, sondern damit beschäftigt, seltene Musikstücke für Ballauf zusammenzusuchen und auf CD zu brennen, okay.

Gerade ein solcher Gefühlsermittler wie Ballauf sollte im Grunde etwas mehr Antenne für das haben, was wirklich um ihn herum vorgeht. Aber so ist er ja. Immer etwas zwischen hoch sensibeler Umweltwahrnehmung und leichtem Autismus schwankend. Er hält den vermeintlichen Mörder, den er nie zuvor gesehen hat, gleich für einen Blender, lauscht zusammen mit der Moderatorin Melissa hinaus und hinein in die Nacht, in diesem spärlich beleuchteten, nachtblauen Senderaum – aber seinen langjährigen Kollegen für einen plötzlichen Nachtaktiven und Fremdgeher und traut ihm sogar ein Verhältnis zur Kollegin Franziska (Teresa Mittelstaedt) zu.

Trotzdem. Die Chemie zwischen den Figuren, besonders zwischen Schenk und Ballauf, die macht’s. Dazu die  Atmosphäre der Nacht und der Einsamkeit, die durch diesen Krimi wabert – da drückt man ein Auge zu, wenn es um Ballaufs sehr subjektive Wahrnehmung geht.

  1. Thema und Fall

Das ist mal etwas anderes gewesen, ein Nachtradio. Ort für tausend Geschichten von tausend einsamen Menschen. Wunderbarer Stoff. Da aber die Zeit in einem Tatort begrenzt ist und man viel, viel davon verwendet hat, um Gesichter zu beleuchten, ist das Talkradio unterschiedlich rübergekommen. Gute, sogar starke Szenen wechseln sich mit so mittelmäßigen ab, dass die Moderatorin Melissa Morgenstern (Annika Kuhl) selbst zugeben musste, dass sie gerade keine Sternstunde hatte.

Ein Medium in einem anderen darzustellen, ist sicher auch eine Herausforderung, aber insgesamt fanden wir’s  gelungen. Die Programmchefin, die sich selbst verführt, um Quote zu machen, der Stalker-Praktikant, das sind Figuren, die nicht ganz fern der Möglichkeiten angesiedelt wurden. Die Atmosphäre im Sender ist sehr gut wiedergegeben, auch wenn man da ein gewisses Problem hat, das man eher als Kaufmann erkennt denn als Filmspezialist.

An dem hohen, hohen Gebäude in Köln, vermutlich das höchste in der Stadt, prangt ein riesiges Logo dieses NRR-Senders mit der zusätzlichen Schrift „Nachrichten“. Da hat der WDR wohl ein wenig die eigene Größenordnung im Blick gehabt, aber nicht eine kleine, private Station, deren Zugpferd eine Nachtradio-Moderatorin ist, eine über den Äther wirkende Kummerkastentante. Domian ist schließlich auch nicht das Ding, das den WDR prägt, auch wenn er sicher besser und auch viel einfühlsamer ist, als es die Rundfunkmoderatorin Melissa hier sein konnte oder durfte. Bei der Gelegenheit: Welch eine Leistung, ein solches Format über so viele Jahre zu machen, wie Domian das tut. Ja, die Psychologen. Profis halt – Zuhörer aus Leidenschaft. Ein solcher Profi ist Melissa nicht, auch wenn sie eine reizvolle Art hat.

Das Schwächste an 675 ist die Konstruktion des Falles. Eine gewisse Vorhersehbarkeit, ähnlich wie bei der Jubiläums-Feier, ist auch dem Tatgeschehen nicht abzusprechen. Dass die Programmchefin in die Sache verstrickt ist, ahnt man schnell, wenn auch nicht, auf welche Weise. Dass die seltsam sensitiv wirkende Polizistin Rita Anspann (Brigitte Zeh) nicht ihren Freund umgebracht hat, ahnt man auch relativ schnell. Und dieser Praktikant – na ja, ab einem gewissen Punkt hat man ihn eben im Verdacht. Und zwar etwas schneller als die beiden Kommissare. Macht nichts. Wir halten unsere Rezensionen meist frei von Besserwisserei, denn bezüglich des Kriminalistischen ist es schwer für die Tatort-Macher. Ist es zu einfach, maulen alle, sie hätten’s eh gleich gewusst. Ist die Handlung zu komplex konstruiert, gibt es Klagen über Unglaubwürdigkeit und mangelnde Nachvollziehbarkeit.

In „Nachtgeflüster“ gibt es eine ganz ungünstige Konstellation. Die Handlung ist nicht schwierig und trotzdem wird die Falllösung durch einen Zufall erbracht, der nun wirklich haarsträubend ist. Freddy Schenk fährt in einem riesigen Parkhaus gegen eine Säule und  meint, das Parkhaus sei von Kleinwagenfahrern für ebensolche konstruiert worden. Mit ein paar Immobilienkenntnissen: Wir sehen mal über den Unsinn hinweg, es gibt Mindestparkplatzgrößen und die werden eingehalten, wenn auch aus kommerziellen Gründen meist nicht wesentlich überschritten. Und diese Größen bedingen die Mindestabstände der Betonsäulen, die zwischen den Parkplätzen  angebracht sind. Das reicht für kleine und auch größere Autos wie Schenks alten Buick allemal.

Dass er aber gegen diese Säule fahren musste, damit die beiden Kommissare feststellen konnten, dass just an dieser Stelle sich der Polizistenkollege, bei dem man bislang von Mord ausgegangen war, selbst umgebracht hat. Und dass noch Glassplitter dort herumliegen und tatsächlich eine Kugel in einer Art Dämm-Ummantelung steckt, die wir auch irgendwie seltsam finden, an solch einer Säule – da hat man die Lösung mit aller Gewalt gebogen, anstatt sie anständig zu konstruieren. Das gilt auch für den Part, dass der Selbstmord nicht von der Rechtsmedizin und der KTU herausgefunden wurde, dass die  Programmchefin einfach ins Auto gestiegen ist, den erschossenen Polizisten beiseite geschubst hat und mit ihm irgendwohin gefahren ist – und so weiter. Nein, das hat uns nicht überzeugt.

Fazit

Und so ist es auch dieses Mal wie zuletzt so häufig: Wir müssen Fall und Figuren trennen und kommen am Ende zu einem mittleren Ergebnis. Kein Zufall, dass die mittleren Bewertungen die bisher häufigsten in der Tatort-Anthologie sind. Ein Plus gibt’s für die Ermittler, überwiegend auch für die anderen Schauspieler, für viel Musik, für sehr viel Nachtatmosphäre, auch wenn die in der Schlussszene verblüffend schnell endet, damit wieder alles gelb werden durfte. Ein klares Minus aber für den Aufbau der Handlung und somit sind wir wieder – in der Mitte. Und geben 7,0/10.

Noch einmal zum Hinweis: 7/10 klingt natürlich nach mehr als der Mitte, aber wir haben in diesem Artikel das Wertungsschema schon einmal erklärt. Bewertungen unter 5 Punkten waren bisher nicht nötig, denn so grottenschlecht sind die Tatorte nun einmal nie, dass man nach diesem übergeifenden Wertungsmodell die Null ziehen könnte.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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