Laß mich nicht im Stich – Polizeiruf 110 Fall 96 / Crimetime 358 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Heimkind #Kinderheim #Alkoholismus

Crimetime 358 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Doch der Weg allein

Heimkinder haben es schwer. Das sieht man an Micha, dessen Weg nach draußen, ein hindernisreicher ist. Die einst alkoholkranke Mutter hat sich eine neue Familie aufgebaut und kann ihn nicht energisch integrieren, der Vater ist ein Dauerkrimineller, der versucht, den 17jährigen in einen Coup hineinzuziehen. Wie sich daraus ein Krimi ergibt und andere Aspekte von „Laß mich nicht im Stich“ beleuchten wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Der junge Micha bezieht seine erste eigene Wohnung. Er kam vor zwölf Jahren ins Heim – Mutter und Vater waren Trinker, die er seit seiner Heimeinweisung nicht mehr gesehen hat. Im Gegensatz zu anderen Heimkindern will er keinen Kontakt zu seinen Eltern aufnehmen. Nach den ersten Tagen in der eigenen Wohnung, dem Abschluss des Umzuges und dem Beginn der Arbeit beginnt er dennoch, nach seiner Mutter zu suchen. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut und nach der Scheidung von ihrem Mann Ernst Romenei in Hans Mertin einen neuen Mann gefunden. Er brachte Tochter Ilona mit in die Ehe und zwischen ihr und der neuen Stiefmutter entwickelte sich ein gutes Verhältnis. Michas Mutter ist überrascht, als Micha vor der Tür steht. Das gemeinsame Abendessen mit Hans und Ilona verläuft in kühler Stimmung, da vor allem Hans Micha nicht als Stiefsohn sehen will. Micha reagiert ernüchtert und geht.

Er trifft einen früheren Freund aus dem Heim wieder, der ihn mit zu seiner Familie nimmt. Micha versucht einen zweiten Anlauf: Er sucht seinen Vater auf. Ernst Romenei ist zwar wie seine Ex-Frau vom Alkohol losgekommen und arbeitet als Kraftfahrer, ist jedoch hoch verschuldet. Mit seinem Bekannten Bernd Tritschler raubt er einen Elektroladen aus und hofft, die Geräte nach und nach zu Geld machen zu können. Er inseriert, dass er einen Kassettenrekorder zu verkaufen habe, ahnt jedoch beim ersten Interessenten, dass es ein Polizist ist, weil der Mann sich besonders nach dem Kassenzettel zum Gerät erkundigt. Tatsächlich ist die Polizei ihm schon auf der Spur. Der zweite Interessent des Rekorders ist schließlich Micha, der seinen Vater über die Verkaufsanzeige wiedergefunden hat.

Ernst ist unsicher, wie er sich seinem Sohn gegenüber verhalten soll. Als Micha andeutet, die Eltern nur aufgesucht zu haben, weil sie an ihm Wiedergutmachung üben könnten, kauft Ernst ihm wertvolle Dinge, darunter ein Sofa und ein Motorrad. Vor seiner Mutter meint Micha, dass sein Vater sich eben wirklich gefreut habe, ihn wiederzusehen. Ernst hat unterdessen Angst vor der Polizei bekommen und die gestohlene Ware durch Bernd aus seinem Haus in eine abgelegene Scheune bringen lassen. Hier findet ein Liebespärchen die Ware und meldet sie der Polizei. Weil Ernsts Abnehmer die Ware plötzlich kaufen will, soll Bernd sie wieder zu ihm bringen, wird jedoch von der Polizei erwischt und flieht. Er berichtet Ernst von der geplatzten Aktion und der abschreibbaren Ware, als Micha gerade zu Besuch ist. Er hört die Unterhaltung mit und ahnt nun, dass sein Vater in kriminelle Machenschaften verwickelt ist.

Micha spioniert Ernst nun nach und erwischt ihn, wie er zwei Funkgeräte stiehlt. Zu Hause offenbart ihm Ernst, dass er mit Bernd eine große Aktion plane, die viel Geld bringen wird. Er will den Lohngeldtransport überfallen, der an dem geplanten Tattag mehrere Betriebe anfahren wird. Es soll die letzte Straftat sein, die er auch für Micha und die gemeinsame Zukunft begehen will. Auf Anregung von Bernd überredet Ernst seinen Sohn, bei dem Überfall mitzumachen. Er soll Ernst per Funkgerät melden, wenn ein bestimmter Wagen an einer bestimmten Straßenecke auftaucht. Am Abend vertraut sich Micha seiner Freundin Simone an, die er in der Disko kennengelernt hat. Simone rät ihm, zur Polizei zu gehen, werde er doch als Mittäter selbst bestraft. Micha weigert sich, da er seinen eigenen Vater nicht anzeigen will. Am nächsten Morgen weigert er sich vor Ernst jedoch, bei der Aktion mitzumachen. Ernst setzt ihn unter Druck, weil er und Bernd in der Nacht Michas Motorrad auf den Hof des Betriebes gefahren haben, an dem der Überfall stattfinden wird. Micha sei nun sowieso in den Fall verwickelt.

Längst konnten die Ermittler um Oberleutnant Jürgen Hübner die Frequenz des gestohlenen Funkgerätes ausfindig machen und haben herausgefunden, dass am geplanten Tattag Lohngeldtransporte unterwegs sind. Sie überwachen die für den Überfall infrage kommenden Werke. Ernst plant, bei einem Werk mit seinem LKWscheinbar unbemerkt den Eingang zu verstellen, während der Geldtransporter direkt hinter ihm warten muss. Bernd soll dann den Wagen überfallen und die Gelder an sich nehmen. Am Tattag jedoch ist Micha unentschlossen, begibt sich schließlich zur vorgegebenen Straße und sieht im beschriebenen Wagen schließlich seine Mutter sitzen. Er kündigt den Wagen nicht an, doch sieht ihn Ernst auch so. Der Überfall misslingt schließlich, weil Micha eingreift und Bernd so lange in Schach halten kann, bis die Polizei eintrifft. Er zeigt vor den Ermittlern auch seinen Vater als Mittäter an, der schließlich verhaftet wird. Micha verlässt den Tatort allein und wird wenig später von Jürgen Hübner eingeholt und angesprochen.

Rezension

Die Rezension wurde bereits Mitte Mai 2019 entworfen, mittlerweile wissen wir, dass in den den 1980ern Jugendliche und ihr Befinden in den Polizeirufen sehr genau inspiziert wurden, Beispiele dafür sind „Verlockung“ und „Inklusive Risiko“; die Kritiken dazu werden wir demnächst veröffentlichen.

Immerhin war es in der DDR so friedlich, dass Geldtransporte mit ganz normalen Personenkraftwagen ausgeführt wurden und eine Mitarbeitern hat die Geldkassette auf dem Schoß. Diese Mitarbeiterin ist unzufällig die Mutter von Micha, die sich auch im Job neu etabliert hat: Diese zweite Chance gibt es im Sozialismus immer, denn alle Arbeitskräfte werden gebraucht.

Heimkind sein aber ist für die draußen offensichtlich ein Stigma, da haben auch fast 40 Jahre Basteln am solidarischen Menschen nichts dran geändert. Wie auch an Grundproblemen wie dem Alkoholismus, der in DDR-Polizeirufen ohnehin auffällig oft thematisiert wird. Das Schicksal von Kindern, die in chaotischen Verhältnissen aufwachsen müssen, berührt jeden Menschen, der ein Gerechtigkeitsempfinden hat und wir hatten keine Probleme damit, an Micha dranzubleiben. Wir meinen, dass in der BRD viel zu lange gewartet wird, bis Kinder endlich aus desaströsen Familien oder Systemen befreit werden – allerdings, wenn man das tut, muss man eine gute Lösung aufbieten können. Meist wird diese in Form von Pflegeeltern / Adoptiveltern organisiert, aber auch heute noch leben Zehntausende Kinder in Heimen. Davon unterscheiden muss man im Grunde die Unterbringung in einem  Heim, die sich daraus ergibt, dass jemand Waise ist, was nach dem Zweiten Weltkrieg begreiflicherweise nicht selten vorkam.

Ein zweiter Themenkreis ist in den frühen Polizeirufen so prominent, dass es schon nach wenigen Sichtungen langsam langweilig wird: Schulden. Sie müssen nicht erklärt werden, die meisten Täter werden von ihnen geplagt, zumal, wenn Vermögensdelikte im Vordergrund stehen und Tötungsdelikte diese begleiten und nicht für sich stehen.

Die Idee, dass jemand einfach aus Gier und um immer mehr zu haben oder gar, weil er den Nervenkitzel schätzt oder braucht, Betrug, Diebstahl, Unterschlagung, Einbruch, Veruntreuung, die ganze Palette, begeht, kommt allerdings auch vor, diesbezüglich müssen wir den Entwurf korrigieren.

Trotzdem kommt angesichts der massiven Schuldenfalle der Verdacht au, dass ein auskömmliches Leben von DDR-Löhnen nur schwer möglich war, trotz der Subventionierung wichtiger Güter. Die Schulden bauen sich meist aus Konsumausgaben heraus auf, seltener ist die Spielsucht. Einen Fall von Beschaffungskriminalität haben wir bisher noch nicht gesehen.

„Die Kritik schrieb, dass Regisseur Thomas Jacob „einen Kriminalfall zum Anlaß [nehme], um auf die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder hinzuweisen.“ Die Schlusseinstellung des Films zeige „in ihrer symbolisch zu verstehenden Bildsprache“, dass Micha allein bleibe.[3]“

Das ist auch die Stärke dieses Films, dass er sich nicht scheut, quälende und peinliche Szenen darzustellen und wie allein man als Kind oder Jugendlicher auf sich selbst gesellt sein kann, wenn das Umfeld nicht in der Lage ist, Einbindung, Empathie oder wenigstens die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen zu gewährleisten. Interessant, wie plan und nachvollziehbar die unterschiedlichen Sichtweisen der Mutter und des Vaters sich ausnehmen, wenn es darum geht, die Gründe für den Familien-Fail von einst zu erklären.

Die Polizeiruf haben manchmal einen realistischen Touch, der die ideologische Ausrichtung unterläuft, etwa wenn Dekors und Menschen so dargestellt werden, dass man sich fragt, wo da nun der gesellschaftliche und materielle Fortschritt bleibt.

Wir sind mit den 1980ern noch nicht weit genug, um beurteilen zu können, ob es häufiger zu Polizeirufen kommt, die in damals modernen Plattenbauten spielen – vermutlich eher nicht, denn es gibt ja eine durchaus systemkonforme Tendenz dahingehend, dass häufig unübersichtliche und nicht konforme Milieus dargestellt werden: Sie sind Überreste oder Auswüchse, hinter K70-Wänden ist die Welt eher in Ordnung.

Wir waren trotzdem überrascht, als am Ende des Films das Copyright mit der Jahreszahl 1985 auftauchte, von der Anmutung, der Mode, den Frisuren hätten wir ihn auf 1980 oder 1981 geschätzt. Auch das einzige erkennbar westliche Produkt stammt ja aus den Jahren 1974-77. Es ist ein hellblauer VW Golf. Er wird gesteuert von Ernst Romenei, dem Vater von Michael. Wie kürzlich anhand eines VW Käfers erläutert in dem Polizeiruf „Das letzte Wochenende“ erläutert, weist die Verwendung eines solchen Autos eindeutig auf (a)ntisozial(istisch(e) Haltung hin und gegen Hellblau scheinen die Filmemacher in der DDR auch etwas gehabt zu haben, obwohl es den Trabant 601 ebenfalls in dieser Farbe zu kaufen gab. Seit der Verfassung des Entwurfs hat sich die Beobachtung verfestigt, dass Autos, die in der BRD produziert wurden, darauf hinweisen sollen, dass mit deren Besitzer etwas nicht stimmt.

Eines ist sicher, in dem Golf wäre der Herr Romenei den Staatsorganen, die als Kriminaler in der Regel Wartburg fahren, auf der Autobahn entkommen, lediglich die Polizeistreifen-Ladas mit den beiden malerischen Lautsprechern auf dem Dach hätten vielleicht mithalten können. Die kurze Verfolgungsjagd, die es immerhin zu besichtigen gibt, findet aber zwischen der Polizei und dem Komplizen von Romenei statt, welcher in einem verbeulten grünen Skoda 100 unterwegs ist. Sprechend ist übrigens auch der Name, der so auffällig an „Roma“ angelehnt ist.

Finale

Als Krimi und bezüglich Optik und Aufwand ist „Laß mich nicht im Stich“ eine Standardproduktion, die Welt eines Jugendlichen, der sich zurechtfinden muss und sich am Ende doch dank guter Führung im Heim als charakterlich robust erweist, nachdem er sich beinahe hätte in kriminelle Machenschaften ziehen lassen, ist mit einigem Fingerspitzengefühl skizziert worden – schade, dass über den Darsteller von Micha, Stefan Saborowski, nichts in der Wikipedia nachzulesen ist, es hätte uns doch interessiert, was der junge Mann später gemacht hat, der hier immerhin auf eine zurückhaltende, aber sympathische Art einen Film tragen musste.

Es ist in den Polizeirufen aus der DDR-Zeit wohl selten der Fall, dass die Polizisten als Charaktere so angelegt sind, dass sie die Episodenfiguren überstrahlen, zumal sie oft erst spät im Film auftreten, weil auch die Entwicklung einer Situation hin zur Ausführung eines Verbrechens dargestellt wird. Der Star ist das Kollektiv, gleichwohl hatten Polizisten wie Fuchs oder Hübner, Letzterer ermittelt hier, viele Fans. Wir halten „Laß mich nicht im Stich“ für sehenwert, auch wenn man er nicht so geradezu spektakulär ist wie etwa „Draußen am See“ aus demselben Jahr und kein trauriges Ende hat, wie die eingangs erwähnten „Verlockung“ und „Inklusive Risiko“.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Thomas Jacob
Produktion Uwe Herpich
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Edith Kaluza
Besetzung

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