Das letzte Wochenende – Polizeiruf 110 Fall 36 / Crimetime 312 // #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Wochenende #Hübner #Subras #Arndt #DDR

Crimetime 312 - Titelfoto © ARD Logo Polizeiruf 110

Informelle Bauwirtschaft

Erstmals haben wir die Rezension zu einem Film der Reihen Polizeiruf 110 / Tatort nicht mit einem Bild aus dem Film ausgestattet bzw. mit einem eigenes für die Presse angefertigten „Still“, sondern mit dem Logo. Es war im Netz leider kein qualitativ einigermaßen akzeptables Foto zu „Das letzte Wochenende“ zu finden. Das passt zu dem flimmrigen und stark changierenden Farbbild dieses Films, das weitaus schlechter ist als bei den bisherigen 1975er-Filmen „Der Mann“ und „Heiße Münzen“, die wir angeschaut haben, obwohl „Das letzte Wochenende“ die neueste der drei Produktionen ist. Noch etwas ist bemerkenswert. Man kann darüber in der -> Rezension mehr lesen.

Handlung (Wikipedia)

Als von einer Rekonstruktionsbaustelle sechs Doppel-T-Träger verschwinden, beschwert sich Bauarbeiter Herr Meisel. Beim Rekonstruktionsbau war es zu Materialüberschüssen gekommen, woraufhin sich einige Bauarbeiter entschlossen, die überschüssigen Materialien für den Ausbau des Betriebsferienheims Seehaus abzuzweigen – eine halblegale Angelegenheit. Am Ferienheim Seehaus wiederum wird viel weniger verbaut, als dort gelagert wurde: über Betriebsmaurer Heinz Kreutz, der seit Monaten am Ferienheim Seehaus arbeitet, lässt sich Bauleiter Jörg Hartmann illegal Material von der Baustelle organisieren, um damit an den Wochenenden ein eigenes Haus für sich und seine Freundin Inge zu bauen. Als Meisel Nachforschungen anstellt, will Jörg zunächst den Bau an seinem Haus pausieren lassen und verbietet Heinz, am Wochenende mit dem Fliesen des Bades zu beginnen. Auch diese Fliesen sollten von der Seehaus-Baustelle geholt werden. Inge wiederum leidet darunter, dass das Haus auch nach zwei Jahren noch eine Baustelle ist. Zudem kann sich Jörg nicht dazu durchringen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Inzwischen hat Inge eine Affäre mit Heinz begonnen, der auch am Sonnabend entgegen Jörgs Anweisung und in dessen Abwesenheit am Haus ankommt. Er hat die Fliesen entwendet und beginnt mit der Arbeit. Am Montag wird seine Leiche in einer Umkleidekabine eines nahen Strandbades gefunden.

Oberleutnant Jürgen Hübner, Leutnant Lutz Subras und Leutnant Vera Arndt übernehmen die Ermittlungen. Die Obduktion ergibt einen Tod durch Hirnblutung. Tatsächlich wurde an der Leiche eine Kopfverletzung festgestellt, die ursprünglich mit einem Pflaster bedeckt war. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Verletzung auf einen Sturz zurückzuführen ist, und Heinz anschließend noch eine Weile normal weiterlebte. Ein Badeunfall kommt jedoch nicht infrage: Heinz war Nichtschwimmer, und seine Haut wies Staubpartikel auf. Bei seiner Befragung gibt Meisel an, zu Heinz ein schlechtes Verhältnis gehabt zu haben, weil dieser Baumaterialien gestohlen hat. Er hatte ihn schon längere Zeit in Verdacht, sah ihn aber am Sonnabend auf der Baustelle Seehaus die Fliesen in ein Auto verladen. Wohin die Fliesen gebracht wurden, weiß Meisel nicht.

Bei den Vermietern von Heinz wird dessen Tasche abgegeben, die sich im Auto befunden haben soll. Peter Rusch, ein Kollege von Heinz, hatte sie am Wochenende auf der Baustelle gefunden und sich einen Spaß erlauben wollen, da Heinz die Tasche ja möglicherweise brauche. In der Tasche findet sich eine Brille samt Etui, doch war Heinz kein Brillenträger. Vera Arndt findet heraus, dass die Brille dem Kellner Arno Pfeiffer gehört. Der erinnert sich, sie zuletzt bei einem Besuch bei seiner geschiedenen Frau getragen zu haben. Bei der Frau handelt es sich um Inge, die Geliebte von Jörg. Arno hatte an dem Sonnabend seinen Sohn von seiner Ex-Frau abgeholt. Als er ihn zurückbrachte, habe Inge ihn vor dem Haus abgefangen und geweint. Heiners Auto habe im Hofe gestanden, doch Inge habe behauptet, es sei kaputt. Heinz sei nicht mehr da.

Die Ermittler befragen nun Inge. Sie erscheint gefasst, bricht jedoch nach ersten Nachfragen zusammen. Sie gesteht, dass Heinz beim Arbeiten an der Dachpappe von der Leiter gestürzt sei. Er habe sich beim Sturz den Kopf angeschlagen, habe jedoch weitergearbeitet. Die Fliesen im Bad, die er anschließend geklebt hat, wurden von ihm jedoch schief angebracht. Jörg sei früher als vermutet zurückgekommen, habe an den Bettlaken erkannt, dass beide ihn betrügen, und Heinz zur Rede gestellt. Mitten im Disput sei Heinz zusammengebrochen und gestorben. Jörg gesteht nun, die Leiche ins Freibad gebracht zu haben. Er wollte einen Badeunfall fingieren und hat daher auch das Pflaster entfernt. Arnos Brille sollte den Verdacht auf die Familie Pfeiffer lenken. Er hat zudem sowohl das Grundstück des Hauses auf Inges Namen gekauft, als auch die fingierten Rechnungen für die gestohlenen Baumaterialien auf ihren Namen ausstellen lassen. Jörg wird dennoch als Täter überführt: Herr Brock, der die fingierten Rechnungen ausgestellt hat, tat dies als Gefälligkeit für Jörg, von dem er im Gegenzug mehrere Rollschränke erwartete. Brock kennt weder Heinz, der laut Jörg die Materialien auf eigene Faust gestohlen hat, noch Inge. Sowohl Brock als auch Jörg werden verhaftet und angeklagt.

Rezension

Es gibt, wie immer, wenn man unterwegs ist, um Kategorien und Linien, eine Matrix zu erstellen, also sich in einem System zu orientieren, mehrere interessante Anknüpfungspunkte. Zum Beispiel, dass „Das letzte Wochenende“ von Regisseur Hans-Joachim Hildebrand stammt, dessen versierte Arbeit in „Heiße Münzen“ wir zuletzt gelobt haben – von der man in „Das letzte Wochenende“ aber kaum etwas sieht. Der Film ist viel plumper, ja geradezu rudimentär gegenüber dem zehn Minuten längeren Münzenklau-Werk, der unter den frühen Polizeirufen wohl so etwas wie eine Luxusausgabe darstellt. In „Das letzte Wochenende“ taucht urplötzlch, nachdem Hübner und Subras eine halbe Stunde lang ermittelt haben, Leutnant Vera Arndt auf, vielleicht hatte Sigrid Göhler gerade überraschend frei und nichts Besseres zu tun, jedenfalls wirkt ihre Einbindung vollkommen unvermittelt – wir sind ohnehin bisher daran gewöhnt, dass sie mit Oberleutnant Fuchs (Peter Borgelt) zusammenarbeitet. Aber es gibt keine Treue unter Kolleg_innen und auch sonst nicht, wie der Plot dieses 36. Polizeirufs eindeutig belegt.

Ein außereheliches Verhältnis wird wiederum durch Untreue überlagert, ein scheinbarer Mord erweist sich als  Unglücksfall, auf Baustellen wird allerhand Material veruntreut, man hat den Eindruck, es gibt überhaupt keine Werte. Da erscheint es recht schräg, dass am Ende § 161 des StGB DDR, Diebstahl sozialistischen Eigentums, zitiert wird. Das macht Hübner wohl auch mit einem gewissen Augenzwinkern. Wenn diejenigen, die den Fall konzipiert haben, mit ihm zeigen wollen, dass die Mangelwirtschaft viele Umwege verursacht, vor allem dann, wenn plötzlich Überschuss vorkommt, ist ihnen das jedenfalls gelungen. Und der Erbsenzähler ist der Held. Der Dieb hingegen haut sich den Schädel an und sieht danach doppelt und kann keine Fliesen mehr anständig verlegen. Dass die schief sind, sieht nun aber wirklich jeder und man hat dafür offenbar eine echte Reihe blauer 1960er-Badezimmerkeramik geopfert.

„Halblegal“ sei der Bau des Arbeiterheims gewesen, heißt es in der Handlungsangabe, so in etwa hatten wir uns auch festgelegt, immer um Orientierung in einer auch rechtlich ziemlicih fremden Welt bemüht. In einer Sache waren wir allerdings sehr schnell auf der richtigen Spur: Dieser Jörg Hartmann muss ein krummer Hund sein, denn er fährt ein westdeutsches Autofabrikat vo Typ VW Käfer und dieser Multimillionenseller war den DDR-Oberen wohl mehr ein Dorn im Auge als ein Mercedes, der für die Arbeiterklasse des Arbeiter- und Bauernstaates ohnehin fern jeder Realität war. Er ist auch ein Tickchen zu modisch angezogen und legt beim Fahren lässig die Hand an die Oberkante des Fensters. Dieser Mensch ist kein diszipliniertes Mitglied der sozialistischen Gemeinschaft, das weiß man sehr schnell.

Im Verlauf stellt sich aber heraus, dass er auch nur ein Sklave seines Doppellebens ist, das sich sehr aufwendig gestaltet, weil er für seine Zweitfrau ein ganzes Haus mühsam vom Herrn Kreuz zusammenklauen lassen muss. Dass derlei unrecht Treiben nicht gedeihen kann und der Arbeiter mit der Geliebten des Bauleiters ein Verhältnis anfängt oder umgekehrt und sich dann am Schwarzbau tödlich verletzt ist die höhere, die klassengerechte Form der Gerechtigkeit. Nicht zu vergessen die heftig nörgelnde Inge, die es nicht etwa schick findet, dass mehrere Männer für sie illegal unterwegs sind, sondern sich beschwert, dass dieses Hausprojekt gewisse Ähnlichkeiten mit anderen Bauprojekten im Berliner Raum aufweist: Es bleibt ein immerdauerndes Provisiorium. Hätte noch gefehlt, dass das Haus in Schönefeld errichtet wird. Der Ort heißt aber Finkenhain. Diesen Ort gibt es nicht, wohl aber eine Straße Am Finkenhain in Borgheide, das tatsächlich als Drehort in Frage kommt, denn das Strandbad, das im Film eine Rolle spielt, dürfte am Seddiner See liegen, Borkheide liegt südwestlich davon.

In gewisser Weise ist dieser Film auch recht modern. Am Ende versteht man die Zusammenhänge, aber es ist unmöglich zu erraten, wie der Tod von Allroundhandwerker Kreuz passiert sein könnte, denn einen so unglücklichen Schwarzwarbeitsunfall kann man sich nicht ausdenken. Ganz klar, Arbeitsunfälle am eigenen Haus oder darin kommen sehr häufig vor und enden nicht selten tödlich, aber man kommt deshalb nicht auf diese Lösung, weil ein Krimi nun mal einen Toten normalerweise nicht als Opfer einer so banalen eigenen Handlung zeigt wie des Erkletterns eines Bungalowdachs, auf dem die Pappe locker geworden ist und neu befestigt werden soll. Die Pappe als Ersatz für Ziegel ist ja in der Tat hier in der Gegend bei zeitgenössischen Bauwerken weit verbreitet, was aber für den Hergang des Geschehens keine Rolle spielt.

Finale

Darsteller können in einem solchen Fall nicht sehr brillieren, das gilt sowohl fürs Polizeiteam wie für die Episodenfiguren. Nur die zwiespältige und unzufriedene Inge kann sich da etwas abheben und wird von Monika Woytowicz recht eindrücklich verköpert. Vielleicht hat die Darstellerin dabei ihr eigenes Seelenleben auf den Tisch gelegt, denn trotz guter Rollen im DDR-Fernsehen ging sie 1983 in den Westen und konnte dort ihre Karriere fortsetzen. Drehbuchautor Hans Siebe hingegen arbeitete bis genau ins Wendejahr hinein und Schluss, anders als die meisten Regisseure der Reihe Polizeiruf 110, die unter den neuen Umständen mindestens noch ein paar Jahre lang weiterdrehten.

Der Film ist als Zeitbild über die Ost-Bauwirtschaft nicht uninteressant, aber kriminalistisch stark gehandicapt, weil es aussieht, als läge ein Kapitalverbrechen vor – dann ist aber keines passiert. Die Variante, dass anstatt Mord nur Totschlag oder fahrlässige Tötung oder, häufiger, vorsätzliche Körperverletzung mit unerwünschter Todesfolge vorliegt, kennen wir, aber die Prämisse, unrecht Bau ist per se tödlich, wird hier auf ziemlich unspektakuläre Weise bewiesen.

5,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Hans Siebe
Produktion Heinz Wennemers
Musik Ciril Cibulka
Kamera Tilmann Dähn
Schnitt Bert Schultz
Besetzung

 

 

 

 

 

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