Auf dem Kriegspfad – Tatort 418 / Crimetime 365 // #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Kriegspfad #KarlMay

Crimetime 365 - Titelfoto © MDR

Wenn Karl May das geahnt hätte

Eines muss man dem MDR zugute halten – Ehrlicher und Kain werden ohne Ansehen des Ansehens ihrer Tatorte mit einer liebevollen Traditionspflege bedacht, wie sie auch die Karl May-Jünger ihrem Idol und seinen Westernfiguren Winnetou und Old Shatterhand zukommen lassen. Wieso auch nicht, denn bei genauem Hinsehen ergibt sich eine Gemeinsamkeit: Die Paradesachsen Ehrlicher und Kain (dessen Darsteller allerdings Berliner ist) sind als Polizisten beinahe so skurril wie die Art von Wildem Westen, die sich jener Sachse im 19. Jahrhundert zurechtgelegt hat (der erst in die USA reiste, nachdem er ganz viele Bücher geschrieben hatte, die dort spielen und dort garantiert nicht die Welt wiederfand, die er in diesen Büchern beschrieben hatte). Wie es sonst war, mit dem Tatort 418, steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein Aufseher des Karl-May-Museums wird nachts mit einem dreihundert Jahre alten Tomahawk in der Villa Bärenfett erschlagen. Die Ermittlungen führen die Kommissare Kain und Ehrlicher zu Karl-May-Fans und Hobbyindianern und zu Häuptling Schwarzer Falke, einem echten Indianerhäuptling, der mit seinem Gefolge durch Deutschland reist. Anfangs glauben die Kommissare noch an ein Beziehungsverbrechen. Als die Ehefrau des Ermordeten Irene Schmidt dann von ihrem Geliebten Professor Schmiedel im Streit lebensgefährlich verletzt wird, scheint sich dieser Verdacht auch zu bestätigen.

Weiter mit Auflösung : Doch ein weiterer Einbruch im Museum stellt die Kommissare vor neue Rätsel. Diesmal wurde ein Medizinbeutel gestohlen. Doch hat der Unbekannte wirklich nur den Medizinbeutel gesucht? Als Kain das wahre Ziel der Einbrüche erkennt, wird Ehrlicher gekidnappt. Georg Fritsche, ein junger Deutscher, der vor fast zehn Jahren seine Heimat verlassen hat, um bei einem Indianerstamm zu leben, will die Rückgabe einer Büffelmaske, eines indianischen Heiligtums, erzwingen.

In einer dramatischen Aktion gelingt es Kain, Ehrlicher zu befreien. Den Freitod Georg Fritsches können die Kommissare jedoch nicht verhindern.

Rezension

Wenn man diesen Tatort als eine Art Traum im Traum deutet, kann man alles, was an ihm mehr als merkwürdig erscheint, wie den Rauch einer Friedenspfeife (Kalumet) in den Himmel ziehen lassen und eine philosophische Haltung zu dem einnehmen, was sowieso im Auge des Betrachters liegt: Was ist zum Beispiel die Wahrheit von Menschen, wenn ein Hobby wie das Indianer spielen sich bei ihnen zu einer erst mit ihrem Tod endenden Passion auswächst, weil sie selbst nicht den Kinderschuhen entwachsen?

Kein Wunder, dass es zu Extrem-Ausformungen kommt, wie bei Georg, dem die Kindheit gestohlen wurde, wie wir nebenbei und viel zu knapp runtergerotzt erfahren, und der sich dadurch in eine Art Ethno-Trance steigert, die am Ende tödlich wird. Das Blöde ist, Menschen, die ihr ganzes Leben einem Hobby widmen und dazu noch Gleichgesinnte finden, die gewissermaßen per se naiv sind, weil sie sich eskapistische Hauptbetätigungsfelder suchen; die Bastler, Fußballfanatiker, Esoteriker, Mittelalter- und sonstige vergangene Epochen-Nachahmer, Extremsportler, also viele Spinner, die haben es in gewisser Weise leichter, weil sie an etwas glauben. Das vereint sie mit religiösen Menschen. Wer nie so richtig Fan von irgendetwas war oder ist, dem fehlt auch die kindliche Bewunderungsfähigkeit, die Hingabe an das Unsinnige, die das Leben sehr bereichern kann.

Blöd aber auch, dass diese Form von Spiritualität oder alle Arten von Ersatz für Spiritualität in einem Tatort wie „Auf dem Kriegspfad“ so veralbert wird, dass der Tatort selbst nicht etwa satirisch, sondern hochgradig albern wirkt. Nicht selten hat man sogar den Eindruck, die Schauspieler müssen absichtlich chargieren, um den Eindruck zu steigern, dass nicht nur die Karl May-Festspiele eher von Knallchargen als von Profis gestaltet werden. Man beachte übrigens den naiv-dümmlichen Gesichtsausdruck des Publikums während der Freilichtbühnen-Aufführung in der Sächsischen Schweiz – der verrät uns einiges über die Haltung der Filmemacher zu ihrem Sujet.

Wir haben nicht, wie Bruno Ehrlicher, alle 65 Karl May-Bände gelesen (sondern höchstens fünfzig), und wir sind weit davon entfernt, diese Lektüre für unproblematisch zu halten, ihres vordergründig ethnisch-ethisch korrekten Anstrichs zum Trotz, aber der Volkschriftsteller und seine noch heute große Fangemeinde hätten eine ernsthaftere Betrachtung des Phänomens verdient als diesen Tatort. Man hat auch der Versuchung nicht widerstanden, die Logik komplett wegzulassen, weil das Spirituelle, das ein anwesender echter Indianer verströmt, sich ohnehin nicht daran festmachen lässt, ob es nun Einfluss auf die kuriose Handlung nimmt oder nicht.

Das Schicksal der Figur Georg hat eine gewisse Tragik, und es gibt genug Menschen, die auf die eine oder andere Weise so schräg sind wie der Möchtegern-Büffelmasken-Wiederbeschaffer, der neben allem anderen auch noch die Frage an uns heranträgt, wie wir es mit fremden Kulturschätzen halten, die wir in unseren Museen beherbergen und sehr ungern an die Nachfahren der Urheber zurückgeben wollen. Irgendwie ist das Schicksal der Native Americans offenbar nicht so sehr eine Folge der Waffenungleichheit zwischen ihnen und den in ihre Gebiete eindringenden Weißen wie des Verlustes von heiligen Stammessymbolen. Denkt wenigstes jener Georg, der das Symbol fürs Ganze nimmt.

Wir haben infolge wachsender Kenntnis bezüglich der Ehrlicher-Kain-Tatorte in einer kürzlich erstellten Rezension festgehalten, dass die Leipzig-Tatorte der beiden wesentlich flüssiger, ausbalancierter, vielleicht auch etwas konventioneller sind als die Filme bis 2000, die in Dresden spielen. Ein besonders schlagendes Beispiel dafür ist sicher „Auf dem Kriegspfad“, in dem der Humor der beiden nicht gegen die schrecklich überzeichneten, aber nicht hinreichend skurrilen übrigen Charaktere ankommt. Der Plot steckt voller Sackgassen, und dazu gehört auch die kleine Lovestory, die Ehrlicher tatsächlich haben darf (und nicht Kain, wie sonst, wenn die beiden sich persönlich an Verdächtige oder andere Figuren annähern), dazu gehören Gags wie Kains sich immer wieder selbstständig machender Dienstausweis, die einfach nur lau sind und nicht ins Schema einer Spiritualität passen, die garantiert nicht in der Fähigkeit zur Telekinese mündet.

Finale

Dem Film fehlt es an Respekt gegenüber allem, was er verhandelt. Weil wir selten Rollen herausgreifen, weil wir die Fehler in einem Film weniger den Menschen vor der Kamera als denen dahinter zurechnen, stellen wir das, wenn wir dann doch unseren Unmut über einzelne Darstellungen äußern, unter den Vorbehalt der mangelnden Fürsorge seitens der Regie und der Drehbuchverfasser. Viele Dialoge in „Auf dem Kriegspfad“, schon zu Beginn zwischen Kain und Ehrlicher, im Verlauf wird’s kaum besser, sind grottenschlecht und vermasseln den beiden Cops die Fähigkeit, den Zuschauer gut in den Film hineinzulotsen, um diesem die Annahme der kuriosen Handlung etwas zu erleichtern.

Wenn man immer wieder denkt: „Was ist das denn jetzt wieder für eine blöde, unangemessene Reaktion gewesen?“, weil man von den Figuren nach mehr als 30 Tatorten, die man nun kennt, gewisse Muster zurechnet und eine gewisse Form von Humor, tut man sich auch mit dem ohnehin schwierigen Szenario dieses Tatorts noch schwerer, wenn diese Charaktere so verschoben wirken.

Wir haben auf eine andere Tatsache ebenfalls mehrfach Bezug genommen: Dass die beiden Sachsen-Cops vor der Einführung der Münster-Schiene durch den WDR die witzigsten Figuren in der Szene waren, wenn auch mehr dem trockenen Witz als dem sketchartigen Klamauk verhaftet, aber hier gehen sie unter – im Klamauk mit Karl May und den Indianern.

Vielleicht hat dieser Tatort zu den Filmen gehört, die den MDR auf die Idee gebracht haben, Ehrlicher und Kain nach Leipzig wechseln zu lassen, um eine gute Mischung aus Neuanfang und Wahrung der Kontinuität hinzubekommen, verwunderlich wäre es nicht. Zwei Tatorte später („Einsatz in Leipzig“) war es dann soweit. Dresden hat durch einige Ehrlicher-Tatorte der 1990er, unter anderem „Auf dem Kriegspfad“ ein seltsames Nachwende-Image, das von Zerrissenheit zwischen Gestern, Heute und Morgen geprägt ist – und es herrscht eine ziemlich unheimliche Atmosphäre, die tiefe Einblicke nicht nur in den Seelenzustand von naiven Indianerfans zulässt.

Wir haben noch nie für einen Tatort weniger als 4/10 Punkten vergeben, und der erste dieser Sündenfälle war nicht nur durch mangelnde Qualität, sondern auch durch die Tendenz des Films motiviert – aber 4,5/10 für „Auf dem Kriegspfad“ sind dennoch weniger als das, was wir uns beim Start der Anthologie als Untergrenze ausgedacht hatten (5/10) (1).

(1) Alle Angaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der Entstehung des Entwurfs im Jahr 2015. Die vorliegende Kritik wird nun erstmals veröffentlicht.

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


Hauptkommissar Ehrlicher Peter Sodann
Hauptkommissar Kain Bernd Michael Lade
Alena Vicky Volioti
Häuptling Schwarzer Falke Murray Small Legs
Irene Schmidt Svenja Pages
Georg Fritsche Armin Marewski
Prof. Schmiedel Rolf Römer
Jilly Liz Burch
Musik Claudius Brüse
Kamera Wolfram Beyer
Drehbuch Wolfgang Hesse
Regie Peter Ristau




Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar