Die Dunkle Seite – Tatort 665 / Crimetime 364 // #Tatort #Ludwigshafen #SWR #DiedunkleSeite #Odenthal #Kopper

Crimetime 364 - Titelfoto © SWR, Krause-Burberg

Vorwort 2019. Zur Abwechslung und wegen Zeitdruck machen wir heute wieder einmal ein Original sichtbar und zeigen eine Rezension aus der Anfangszeit der TatortAnthologie (damals die Nr. 60) des „alten“ Wahlberliners so, wie sie in 2011 geschrieben wurde. Lediglich die Zeile mit dem Bildnachweis und unser Copyright am Ende wurden geändert bzw. beigefügt.

I. Kurzkritik

Es geht um finanzielle Sorgen, um Familie und um häusliche Gewalt. Was so einfach klingt, wird in diesem Tatort zu einer großen Zahl von Handlungselementen aufgebaut und das Ende ist vielleicht nicht komplett vorhersehbar, aber auch nicht überraschend.

Die Figuren in „Die dunkle Seite“ kommen unterschiedlich stark rüber, herauszuheben ist die Leistung von Jeanette Hain als Anna Lindner, die einen Tatort emotional zusammenhält, der im Ganzen sehr konstruiert und nicht sehr liebevoll gemacht wirkt.

Auch spannungsseitig ist der Film in der Folge eher von mäßiger Qualität, dafür ist ein Drehbuch verantwortlich, das diverse Schwächen aufweist. Zudem hat man einfache Fakten falsch dargestellt, und auch das trägt dazu bei, dass wir den Tatort als eher lässig-routiniert heruntergedreht empfanden denn als engagiertes Einzelwerk.

II. Inhalt, Besetzung, Stab

Beim Raubüberfall auf einen Speditions-Laster wird einer der Fahrer getötet und ein weiterer schwer verletzt. Die Ermittlungen führen Lena Odenthal und Mario Kopper immer wieder zu der Spedition zurück, denn schnell liegt die Vermutung nahe, dass es einen Informanten innerhalb der Firma gab.

Als Lena und Kopper von den Zahlungsschwierigkeiten der Spedition erfahren, scheint der Täter festzustehen. Doch dann passiert ein zweiter Mord und die beiden Kommissare müssen mit ihren Ermittlungen wieder von vorne anfangen.

Darsteller:

Lena Odenthal: Ulrike Folkerts
Mario Kopper: Andreas Hoppe
Frau Keller: Annalena Schmidt
Anna Lindner: Jeanette Hain
Holger Lindner: Wotan Wilke Möhring
Maria Wieland: Lisa Kreuzer
Alex Vohwinkel: Joachim-Paul Assböck
Vera Vohwinkel: Jenny Deimling
Benny Wieland: Christoph Luser
Ansgar Thiele: Lutz Blochberger
Becker-Spusi: Peter Espeloer
Pathologe: Mike Buch
Direktor Wolf: Wolfgang Hepp

Stab:

Regie: Thomas Freundner
Buch: Xaõ Seffcheque und Jürgen Starbatty
Kamera: Georg Steinweh
Musik: J. J. Gerndt

III. Rezension

1. Die wunderbare Welt der Wirtschaft

Viele Tatorte nehmen mögliche ökonomische Motive her, um einen vernünftigen Plot zu erschaffen. Hier ist es die Spedition Wieland, geführt von Schwiegersohn Holger Lindner (Wotan Wile Möhring), die in Zahlungsschwierigkeiten ist. Das ist mittlerweile schon so ausgetreten, dass es nicht mehr aufs Thema selbst ankommt, sondern darauf, ob es gut dargestellt ist. Wir akzeptieren, dass bestimmte Motive immer wieder erscheinen, es ist ja auch realistisch.

Die Sache mit den großen Flachbildfernsehern, die sich die Spedition selbst klaut, um einen Versicherungsbetrug zu inszenieren und gleichzeitig werden die Fernseher auf dem Schwarzmarkt verscherbelt, das war für 2007 sicher okay, mittlerweile  müssten das schon extrem besonders hochwertige Fernseher sein, dass sich so etwas lohnen würde, Flachbild-TV ist nun einmal mittlerweile popularisiert. Aber der Part ist okay, wenn auch höchst konventionell und es ist recht schnell zu erahnen, dass jemand von der Spedition mit in der Sache drinhängen muss.

Was hingegen nicht geht, ist ein Insolvenzantrag der Krankenkasse, der rechtskräftig geworden ist. Es stimmt zwar, dass Gläubiger bei Überschuldungsvertrag einen Insolvenzantrag stellen können, aber der Antrag an sich kann nicht rechtskräftig werden. Nur ein Bescheid bzw. ein Verfahren können dies, und ein Insolvenzverfahren, das in diesem Fall durchzuführen gewesen wäre, das zieht sich. In der Zeit hätte die Firma noch viele Möglichkeiten gehabt, sich gegen den Untergang zu wehren.

Falls es der etwas gewalttätige Schwiegersohn Holger Lindner nicht wusste, sie erfahrene Schwiegermutter Maria Wieland (Lisa Kreuzer) hätte es wissen müssen, dass ein Insolvenzantrag einer einzelnen Gläubigerin noch nicht das Ende der Dinge darstellt. Zudem wirkt es, als sei der Antrag ohne vorheriges Mahn- und Vollstreckungsverfahren eingeleitet worden, aber wir sagen mal, das ist nicht zu ermitteln. Schon möglich, dass über längere Zeit Krankenkassenbeiträge einbehalten wurden, um die Löhne zahlen zu können. Das kommt bei klammen Unternehmen auch tatsächlich vor.

Bei der Gestaltung einiger Szenen hat man sich auch etwas vertan – jedes Mal, wenn die Gebäude der Spedition ins Bild kommen, fahren gerade LKW zur  Be- und Entladung vor oder stehen an der Rampe einer Lagerhalle. Und das mitten am Tag, wo bei einer so relativ kleinen Spedition alle Autos auf der Autobahn sein sollten.

Es ist also keine große Spedition, aber eine gut ausgerüstete, die lange im Geschäft ist. Mit keiner Silbe wird erwähnt, dass ein solches Unternehmen normalerweise in der Lage ist, sich Kredit zu verschaffen, um einen vergleichsweise kleinen Engpass von 10.000 Euro in den Griff zu bekommen. Schon die Bank, die die Mercedes-Actros-LKW finanziert hat, wird ein Interesse daran haben, ihr Geld nicht wegen 10.000 Euro Krankenkassenschulden abschreiben zu müssen. Dieser ganze Komplex wird nicht einmal angerissen, die Firma ist plumps, von heute auf morgen pleite, und der Zschauer hat das zu schlucken.

Die Versicherung, die hier angesprochen wird, wird bei vorliegender Sache keinesfalls direkt auszahlen, sondern schön abwarten, was die Polizei  ermittelt, wenn ruchbar wird, dass es zu einem Mord im Zusammenhang mit dem Klau von LKW und Ladung kam. Bei solch großen Summern schalten die Versicherung zudem eigene Gutachter und Ermittler ein. Versicherungen werden immer wieder betrogen, der Verdacht auf einen solchen Betrug ist also für eine Versicherung ein Routineszenario, das sie immer ins Kalkül ziehen wird. Das heißt, der Überfall und die daraus erwachsende Versicherungssumme sind nicht geeignet, um kurzfristig Abhilfe aus dem Zahlungsemgpass zu schaffen.

Drehbuchautoren, den Eindruck haben wir häufiger, sind nicht in ökonomischen Kontexten zuhause und verkaufen dem Publikum derlei Zusammenhänge auf eine so vereinfachte und – siehe oben, Insolvenzantrag – auch sachlich oft unstimmmige Weise, dass man sich immer wieder ärgert. Das mag bei einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette angehen, aber nicht bei Filmen, die Flagschiffe der deutschen Fernsehindustrie sind und wo unter den Zuschauern auch Leute sitzen, die nicht nur Ahnung von solchen  Zusammenhängen haben, sondern die das Geschehen kritisch und wachsam bezüglich der Glaubwürdigkeit der Darstellung verfolgen.

2. Die Figuren

Odenthal und Kopper treten in „Die dunkle Seite“ nicht so stark hervor wie in anderen ihrer gemeinsamen Fälle. Odenthal gewinnt zwar, als es dann um  häusliche Gewalt geht, wieder die übliche Präsenz, die sie in schmerzvoller Betroffenheit zeigt, aber das Thema kommt ja erst  zum Schluss auf und wird ein wenig zu sehr wie der plottechnische  deus ex machina gezeichnet. Trotzdem hat Lena Odenthal eine unangenehme Art, mit anderen Leuten umzugehen – hier zum Beispiel bedrängt sie eine Zeugin, die unter Schock steht, und lässt sich auch von deren Mutter nicht davon abbringen, geht diese auch selbst später sehr hart an. Da fragen wir uns immer, ob das wirklich bei Ermittlungen hilft.

Und ob man die tatsächlichen Täter damit nervös machen kann und sie zu einer Aussage bringt, können wir insofern schwer sagen, als wir noch nicht in der  Situation waren, aber generell eher auf stur schalten, wenn uns Amtspersonen zu prätentiös daherkommen. Wir meinen auch, versierte Täter werden sich davon nicht schrecken lassen, weil sie immer mit allem rechnen.

In „Die dunkle Seite“ (der Titel ist viel zu allgemein gehalten) sind die Täter ja keine Profis, in Wirklichkeit handelt es sich um eine Mischung aus ökonomischem und familiär-häuslichem Drama. Und aus diesem Drama sticht die Figure von Anna Lindner (Jeanette Hain) deutlich hervor. Sie spielt differenziert und intensiv, man kann also sagen, immerhin hatten die Tatortmacher bei der Besetzung der wichtigsten Figur einen guten Griff getan. Dass sie dichthält und ihrem Mann gegenüber loyal ist, obwohl er sie seit Jahren schlägt, das halten wir bei dieser jungen Frau, die sehr emotional und gleichermaßen pflichtbewusst wirkt, gut für möglich.

Hingegen ist das Verhältnis ihres Mannes mit der fesch-forschen Vera Vohwinkel, deren Mann als alter Moto-Cross-Kumpel von Lindner beim Überfall mithilft und später die Ware lagert und weitergibt, schon ziemlich hineinkonstruiert. Na klar, es dient der Erhöhung der Verdächtigenzahl beim zweiten Totschlagsdelikt, dem an Lindner. Von Veras Nacktszene abgesehen, die Kopper für einen Moment träumen lässt, sind die Figuren nicht sehr präsent, Gleiches gilt auch für den jungen Wieland, den Taxifahrer, der ebenfalls an der Sache mitgewirkt hat und seinen Schwager nicht mag, weil er, wie die Mutter, weiß, dass dieser zur Gewalt neigt.

Am Ende insistiert Odenthal geradezu, dass Mutter Wieland auf Notwehr plädieren soll, angesichts der nun feststehenden Tatsache, dass sie ihren Schwiegersohn mit einem von seine Moto-Cross-Pokalen erschlagen hat. Keine Frage, dass eine Frau das kann, diese Pokale haben ihr Gewicht. Frau Wieland aber tut sich schwer, sich als Notwehropfer darzustellen, vielmehr kommt irgendwann einmal  der Punkt, an dem auch sie als jemand, der Loyalität sehr hoch schätzt, handelt.

Wotan Wilke Möhring als Holger Lindner spielt übrigens nicht schlecht, aber dass er den Fahrer, der beim Überfall dabei ist, dermaßen zurichtet, wird trotz seiner Gewaltneigung, von der man im Verlauf erfährt, nicht sehr stimmig, denn zur häuslichen Gewalt gibt es hier einen deutlichen Unterschied: Die Szene findet vor mehreren Zeugen statt, auf einem Parkplatz, nicht außerhalb des Hauses und gegenüber jemandem, der kurz zuvor noch eine Pistole in der Hand hielt (was bei dem Typ, das haben die Filmemacher richtig erkannt, auch wieder nicht sehr glaubwürdig kommt). Leute, die häusliche Gewalt ausüben, können sich ja außerhalb dieser Zone, die verschwiegen ist und in der klare Hierarchien der Angst aufgebaut wurden, meist erstaunlich gut benehmen und hier geht es ja auch darum, die Sache unauffällig und erfolgbrend abzuwickeln.

3. Kleiner Schienbeintritt gegen Männersportarten

Dass Lindner und Vohwinkel, die beim Fernseher-Raub zusammenarbeiten, sich von Moto Cross kennen, ist für uns kein Zufall. Es hätte ja auch Schach sein können oder Synchronschwimmen. Nein, nein, da muss etwas Zünftiges her, etwas, das gewaltbereiten Menschen Möglichkeiten zum Abreagieren bietet, auch das Quälen eines Motorrads über Stock und Stein und durch jedes Schlammloch hat ja so etwas Archaisches – dergestalt kommt es jedenfalls als Subtext zum Vorschein. Und es passt ja auch zu jemandem, der im Kraftfahrgewerbe unterwegs ist.

Interessant wäre es mal, alle Figuren kontra anzulegen. Also ein überraschendes Milieu und aus dem Klischee fallende Typen zu zeigen, bei gleichbleibendem Thema. Der Krimi ist ein konservatives Genre, das merkt man dem Tatort 665 leider gut an – und in Ludwigshafen, das bemerkt man auch immer mehr, wird diese besonders gepflegt. Manchmal allerdings mit mehr Hingabe, als es bei „Die dunkle Seite“ den Anschein hat.

IV. Fazit

Insgesamt ist dies ein höchst durchschnittlicher Fall für Lena Odenthal. Natürlich ist das Thema wichtig, aber es wirkt ein wenig draufgepropft, nicht etwa ausgearbeitet (hätte man dies getan, hätte man allerdings keinen klasisschen Whodunnit inszenieren können, das ist die Crux). Viele Details haben uns nicht besonders überzeugt. Manchmal gab es eine durchschnittliche Bewertung, weil große Höhen und Tiefen zusammen leider auch nicht zu mehr gereicht haben, hier ist es eher so, dass es weder in der einen, noch in der anderen Richtung große Ausschläge gab.

Mit dem gleichen Ergebnis: 6,5 von 10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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