Totenstille – Tatort 972 #Crimetime 367 #Tatort #Saarbrücken #Stellbrink #Marx #SR #Totenstille #Gehörlose

Crimetime 367 - Titelfoto © SR, Manuela Meyer

Küsse, Tränen und ein lernendes System als Kommissar

Im fünften Tatort mit Kommissar Stellbrink als Tatort-Ermittler in Saarbrücken hat man sich ein besonderes Thema, ja eine besondere Welt vorkommen. Die der Gehörlosen. Andererseits: Die Aufforderung zur Inklusion sagt, man soll das Besondere nicht zu sehr hervorheben, sondern sich der Tatsache bewusst sein, dass uns viel verbindet und dass wir andererseits alle eigenständig als Beobachter*innen und Teilnehmer*innen am sozialen Geschehen sind.  

Der Aufwand, den man in diesem 972. Tatort betrieben hat, um dem Zuschauer alle Aspekte des Seins als Gehörloser nahezubringen, ist immens. Dies mit einem Krimi zu verbinden, der tatsächlich funktioniert, ja eingangs sogar darauf basiert, dass ein Zeuge ein aufschlussreiches Gespräch per Lippen lesen entschlüsseln kann, weil er gehörlos ist, ist eine Herausforderung. Wie gut diese gemeistert wurde, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Während in einer Gaststätte ein Leichenschmaus für den bekannten Leiter einer Gehörlosenschule stattfindet, kommt beim Sex im Hotelzimmer ein Stockwerk höher eine Frau ums Leben. Georg, ihr Sex-Partner, ruft einen Freund an, um die Leiche zu entsorgen. Er fühlt sich bei dem Telefonat im Auto unbeobachtet, aber Ben, ein gehörloser Gast der Beerdigungsfeier, liest den Telefondialog von den Lippen ab und versucht hinterher, den Täter zu erpressen. Nachdem die Polizei die Leiche gefunden und identifiziert hat, ermitteln Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink und sein Team zunächst unter den Gästen der Beerdigungsgesellschaft, die aber mit der Toten in keiner Verbindung stehen.

Als aber dann eine schwerhörige junge Frau ermordet aufgefunden wird, hat Stellbrink einen Schlüssel zur Lösung in der Hand, weil beide Fälle über Ben miteinander verbunden scheinen.

Rezension

Was war das Beste am Tatort „Totenstille“? Er fängt zwar mit einem Begräbnis an, doch totenstill ist es darin nicht. Viele der Charaktere haben zwar ihre Hörfähigkeit verloren oder sie ist stark eingeschränkt, aber man hat es geschafft, gerade diese Menschen als sehr emotional, auch als stolz und widerspenstig zu zeichnen. Das entspricht meinem persönlichen Eindruck, der durch meine Kindheit geprägt ist.

Gibt es einen besonderen Zugang? Ich bin kein Spezialist auf dem Gebiet. Ein Junge in unserer Straße, ein Jahr jünger als ich, war gehörlos. Von Geburt an allerdings, sodass er keine verständliche Sprache hatte, sondern nur Laute. Er gehörte zu denen, mit denen ich häufig gespielt habe. Ich habe nie Gebärdensprache gelernt, wir haben uns nonverbal und ohne Gesten verständigt. Es war ein wenig wie während meines ersten Sprachaufenthalts in England mit den kleinen Jungs der Gastfamilie. Mein Englisch und deren Englisch waren einigermaßen rudimentär, aber trotzdem hat’s viel Spaß gemacht, mit ihnen zusammen zu sein. Kinder haben eine fantastische Intuition, die leider später und gerade im sozialen Raum oft verloren geht. So fiel mir, als wir alle schon so aufs Teenie-Alter zugingen, also nach langer Zeit auf, dass der erwähnte Junge nie volles Mitglied der „Clique“ war und ich auch nicht viel getan habe, um Anschluss zu bewirken. Es gab da eine Szene, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist und die typisch für diese Situation war – die mir etwas darüber sagt, wie Exklusion aus Gedankenlosigkeit, nicht aus Absicht, wie im Film als Bens Jugenderlebnis dargestellt, geschehen kann. Details würden hier zu weit führen.

Dabei fällt mir ein, dass im Film als mehr oder weniger selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass Gehörlose und Hörende an derselben Schule unterrichtet werden, sonst hätten die anderen Ben nicht körperlich angehen können, woraufhin aber sein Interesse an Kampfsport entstanden ist. Diese Darstellung ist übrigens dem Inklusionsanliegen des Films abträglich – warum, muss man wohl kaum erklären. Diese Form der Inklusion gab es damals, zumindest „bei uns“, weder in der Grundschule noch in der Sekundarstufe. Der, den ich im Kopf habe, musste immer relativ weit  zu einer Schule für Gehörlose fahren. Er hat später eine Gehörlose geheiratet, die er dort kennen gelernt hat und die beiden haben Kinder, die nicht gehörlos sind.

Speziell unter dem Aspekt der Erfahrung, wie sind die Figuren? Ich finde, dass Benjamin Piwko als Ben Lehner diesen Typ, der eine ganz eigene Art von Auflehnung gegen sein Handicap entwickelt und Stolz, eine Unbeugsamkeit, und der ein bisschen finster und nicht immer legal ist, der eine leicht veränderte Wahrnehmung auf Werte und Wichtigkeiten hat – und der in seiner Welt ein starker Typ geworden ist, der anderen etwas beibringt, viel von dem ausstrahlt, was ich auch an jenem Jungen beobachtet habe.

Der Trotz, den der Ausgeschlossene entwickelt, ist sehr spürbar. Da kommt etwas raus, was schon beinahe James Dean-Qualität hat. Außenseiter gegen Insider, Definition der eigenen Stellung in Gruppen und außerhalb von Gruppen. Sehr bewusste Wahrnehmung und sehr dezidierte Meinung. Das gibt es bei Menschen, die nicht im Mehrheitsstrom mitschwimmen. Hinzu kommt eine scharfe Beobachtungsgabe, die das fehlende Hören teilweise kompensiert. Das Lippenlesen zu beherrschen, von dem man verstandesmäßig zunächst denken müsste, es kann nur funktionieren, wenn jemand die Lippen wirklich sehr, also überbetont deutlich formt, fußt auf dieser Fähigkeit, kleine Nuancen optisch wahrzunehmen.

Ich fand diese Darstellung authentisch. Das gilt auch für die übrigen Darsteller der Gehörlosen, die auf ihre Art echter und emotional purer wirken als diejenigen, die sich mit ihrer Sprache auch gut verstecken können. Wir verwenden unsere Sprache auch, um Dinge, die durchaus pointiert dargestllt werden können, um sie durch Sprache zu dämpfen und marginalisieren. Das tun die Gehörlosen im Film erkennbar nicht. Sie leben ihre Konflikte, anstatt sie „sich anzuschauen, sie in ein Kästchen zu stecken und das Kästchen dann zu schießen.“ Es muss raus, bei diesen Menschen, und das ist gut so.

Sich selbst zu spielen ist gewiss auch nicht so einfach, wenn man damit so offensiv umgehen muss, wie es erforderlich ist, um einen Film daraus werden zu lassen. Was den Eindruck guter Schauspielleistungen natürlich verstärkt ist die Notwendigkeit, viel mit Gestik zu arbeiten. Das hat grundsätzlich etwas Lebendiges, bei Lehner auch Explosives.

Großes Lob an den SR, dass sie endlich mal themenseitig zugepackt und sich das getraut haben, nach der herben Kritik für die ersten Filme der Stellbrink-Reihe. Man hätte ja auch so optieren können, dass man sich auf die sichere Seite schafft und sich andere Teams zum Vorbild nehmen – die Publikumslieblinge.

Das Risiko hat sich also gelohnt? Ja. Auch wenn noch längst nicht alles passt. Ich gehe davon aus, dass die intensive Einbindung der Gehörlosen-Kommunikation in den Film und der Annäherung zwischen Stellbrink und ihnen von Fachleuten begleitet wurde. Und Fachleute sind Fachleute, daher wirkt das sehr gewissenhaft und ich finde es vollkommen in Ordnung, dass viel erklärt und dadurch der Film verlangsamt wird. Im Gegenteil, einige durch SMS beschleunigte Handlungselemente gehören zu denjenigen, die ich fragwürdig fand. Vor allem aus Gründen der Beweiseignung, die solche schriftlichen Zwiegespräche haben. Aber da stößt man auch schon auf die Unebenheiten des Drehbuchs: Wie soll ein Erpresser, der nicht reden kann, mit dem Erpressten heutzutage anders einen Austausch hinbekommen als per Schriftnachricht übers Smartphone?

Trotzem ist die Idee bei genauerer Betrachtung alles andere als gut. Vor allem hätte jeder Erpresste doch nicht einfach eine SMS zurückgeschrieben, sondern versucht, mit der anderen Seite zu reden. Diesen Versuch hat man ausgelassen. Auch der zweite, also echte Mord, das Motiv dazu. Naja. Ich verzeihe dem Tatort einiges, wegen seiner Ambitionen und der guten Darstellung des Themas Gehörlosigkeit, aber die Auflösung ist schwach. Auch, als der Film gedreht wurde, musste man nicht alles auf Afghanistan, Syrien und die Ukraine gleichzeitig abladen und einen jungen Mann seine Schwester umbringen lassen, nur, weil sie als Kind bevorzugt wurde – wegen ihres Handicaps. Überhaupt sind die Nicht-Gehörlosen gewissermaßen das Problem des Films.

Sind die Hörenden schlechter inszeniert? Eindeutig. Man hat sich so sehr auf die Gehörlosen konzentriert, dass man möglicherweise gar nicht gemerkt hat, dass die anderen teilweise sehr flach wirken. Der Mörder-Bruder, die Mutter, aber auch das Ermittler-Team, da ist zu wenig dran und drin. Sicher war es eine bewusste Entscheidung, den Gehörlosen viel Raum zu geben, aber müssen deshalb die Dialoge derer, die sprechen können, so schwach sein? Komisch, wenn Stellbrin mit Ben zugange ist, da stimmt alles, das macht Freude beim Zugucken und beweist, was für ein kapabler Schauspieler Devid Striesow ist. Bis auf die Idee, das, was die anderen über ihn sagen, auch per Lippen lesen zu ermitteln – die ist gut! – wirkt jedoch alles recht rudimentär. Muss denn die Novizin bei der Polizei so ein Klugscheißer*innen-Stereotyp darstellen? Muss Lisa Marx in den Hintergrund, nur weil man sie vorher zu ruppig aufgestellt hat? Jetzt wirkt sie schon fast verkrampft, hat zu wenig Spielzeit und muss außerdem eine aufgesetzte Art Einfühlungsvermögen zeigen. Warum darf sie nicht herzlich, aber auch rau sein? Vielleicht sollte sie mal einen Kommunikationskurs mit Berlinern machen (mit echten, nicht mit zugezogenen wie uns). Die Art der Leute hier würde gut zu ihr passen. Das Überspitzte der ersten Filme zurückfahren, sie aber nicht zu weichgespült wirken lassen.

Auch Striesows Darstellung ist nicht ganz frei von Hochs und Tiefs. Die humorigen Elemente, die weitgehend an seiner Befassung mit der Gebärdensprache aufgehängt werden, klappen eindeutig besser als die ernsten oder gefühligen. Er hat nun einmal ein komisches Talent und die Arbeit mit den Gesten liegt ihm.

Und weil er so brav versucht, sich den Gehörlosen auf diese Weise anzunähern, gönnen wir ihm die hübsche Frau mit den wilden roten Locken von Herzen, aber er wirkt immer so linkisch in Sequenzen wie jener am Ende, wo seine Dachterrassenwohnung zum Danceclub wird. Da fehlt der Kick, der auch ihn etwas leidenschaftlicher rüberkommen lassen würde. Das ist der Moment, den wir für unser Titelbild gewählt haben – in der Vorschau hieß es noch eher „niedlich“, aber bewegt bebildert wirkt es halt wenig unterengagiert. Wer weiß, vielleicht unterschätze ich diesen Knuddelbär-Charme.

Das wiederum kontert etwas die Wirkung des allerletzten Moment, in dem Ben, der mit auf die Party gekommen ist, dasitzt und weint, weil er doch wieder irgendwie draußen, nicht inkludiert ist oder sich so fühlt, oder / und weil er jetzt erst begreift, als er Stellbrink mit seiner Ex sieht, dass er das Wichtigste in seinem Leben verloren hat – gemeint ist seine jetzige Freundin. Wer weiß genau, was ihm in dem Moment durch den Kopf geht, aber die Szene ist durchaus berührend.

Auch als Kommissar kann Stellbrink noch zulegen. Angenehm, wie er aus der Freak-Ecke geholt wurde, nur der Roller bleibt wohl. Jetzt ist nicht er der Hanf-Züchter, sondern eine der Episoden-Figuren. Aber daran sollte man es nicht festmachen. Sie müssten jetzt aufpassen, dass sie seine weiche Art nicht dadurch kompensieren wollen, dass er rumpoltern muss. Das steht ihm überhaupt nicht. Eher sehe ich ihn als einen der Kommissare, die auf eine eher ruhige und freundliche Art an Ausstrahlung gewinnen können.

Wie kommt der Tatort in der Endabrechnung weg? Das Profil des neuen Teams ist noch nicht ausgefeilt. Die Unsicherheit, wohin denn nun die Figuren entwickeln soll, nach den Verrissen anlässlich der ersten Filme, merkt man deutlich. Gut, dass dieses Problem nicht aufs Thema übergegriffen und dass man nicht der Versuchung erlegen ist, einen Mainstream-Film zu machen. Normalerweise wäre die Wertung wegen der eher lieblos gebastelten Krimihandlung etwas schwächer, aber die Gehörlosen machen den 972. Tatort für mich zum bisher besten des nicht mehr ganz so neuen Saar-Teams. Vier Jahre hatten sie nun Zeit, sich zu konstituieren. Stellbrink und Marx wirken auch deshalb noch so ungewohnt, weil der SR nur einen Tatort pro Jahr produziert und weil man vertraute Nebenfiguren vom Vorgängerteam Kappl / Deininger übernommen hat.

7,5/10

© 2021, 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Jens Stellbrink – Devid Striesow
Hauptkommissarin Lisa Marx – Elisabeth Brück
Horst Jordan – Hartmut Volle
Staatsanwältin Nicole Dubois – Sandra Steinbach
Mia Emmrich – Sandra Maren Schneider
Ben Lehner – Benjamin Piwko
Hilde Reichert – Lena Stolze
Marc Reichert – Franz Hartwig
Ambra Reichert – Jessica Jaksa
Georg Weilhammer – Martin Geuer
Susanne Weilhammer – Nina-Mercedés Rühl

Drehbuch – Peter Probst, Co-Autor Julia Probst
Regie – Zoltan Spirandelli

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