Teufel im Leib – Tatort 579 / Crimetime 371 // #Saarbrücken #Tatort #Tatort579 #Palu #Deininger #Teufel #Leib

Crimetime 371 - Titelfoto © SR, Manuela Mayer

Brustimplantate mit Folgewirkungen

Insidergags ohne Insiderwissen sind immer schwierig: Wenn zum Beispiel Palu offenbar ganz unmotiviert dem saarländischen Ministerpräsidenten fast über den Fuß fährt, dann liegt es daran, dass die saarländische Staatskanzlei tatsächlich in derselben Ecke liegt, in der man das Filmkommissariat eingerichet hat, in der Nähe der barocken Ludwigskirche und somit der historisch-restaurierten Altstadt von Alt-Saarbrücken. Das war’s schon.

Der Film zerfällt in zwei Teile und was wir nach den ersten ca. 80 Minuten nicht nachvollziehen konnten, wurde danach schlagartig klar. Klar steht das alles in der -> Rezension

Handlung

Gastauftritt von Ministerpräsident Peter Müller als er selbst

Sandra Waller, Patientin in einer St. Ingberter Schmerzklinik, leidet. Sie macht Professor Dr. Till Pfortner, einen der renommiertesten Chirurgen im Lande, für ihre psychische Krise verantwortlich. Hauptkommissar Palu selbst wird Zeuge, als die junge Frau den angesehenen Arzt auf offener Straße tätlich angreift.

Während die Therapeutin Dr. Cordula Scholz versucht, Sandra Waller nicht nur von ihren Schmerzen, sondern auch von ihrem Selbstzerstörungs-Trip zu befreien, geschieht ein Mord. Die Ärztin und Malerin Barbara Schreiner wird erschossen – unmittelbar vor der Vernissage ihrer neuen Ausstellung „Teufel im Leib“. Bald darauf muss Hauptkommissar Palu zu einem weiteren Tatort: Sandras Vater, der Gynäkologe Dr. Alfred Waller, liegt tot zu Hause – ebenfalls erschossen.

Rezension

Nachdem wir von der Einleitung schon hierher verwiesen haben, wollen wir unsere Leser*innen nicht länger auf die Folter spannen: Bis kurz vor Schluss verstanden wir nicht, warum viele Tatort-Fans den Film so schlimm finden. Danach schon.

Bis zur Exekutionsszene sahen wir einen zwar nicht rasant gefilmten, aber nett gemachten Film mit überwiegend überzeugenden Figuren und einem Ermittlungsteam, das wir noch nie so knuffig erlebt haben wie hier. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man zum Tod von Jochen Senf im Jahr 2018 gerade diesen Film gezeigt hat, obwohl er – nun ja, ab der 80. Minute wirklich durchdreht. So ansatzlos, dass es unfreiwillig komisch wirkt. Vielleicht ist es nicht einmal ganz unfreiwillig. Vielleicht hat Regisseur Hans-Christoph Blumenberg auch mit dem totalen Überzeichnen der Figuren in den letzten Minuten ausdrücken sollen, dass ihm das Drehbuch nicht gefällt, an dem sich kein anderer als Jochen Senf, also Max Palu, versucht hat.

Blumenberg hat zwar auch am Drehbuch mitgearbeitet, wofür er dabei zuständig war, wissen wir aber nicht. Dialoge schreiben oder überarbeiten? Plot mitgestalten oder überarbeiten? Letzteres hätte doch zu einer etwas mehr naturalistischen Darstellung führen sollen, die Dialoge sind hingegen, immer mitdenken: bis zu etwa Minute 80, nicht so schlecht, wie einige Fundus-Kurzkritiker sie beschrieben haben. Etwas gestelzt stellenweise, dem Milieu entsprechend, aber wunderbar flüssig zwischen Palu und Deininiger. Vor allem Gregor Weber liefert hier eine seiner besten Darstellungen, diejenigen, die ihn später als Co-Ermittler von Kappl zeigen, eingerechnet. Vielleicht, weil er einfach ganz natürlich spielen und sogar eine Affäre haben darf, anders als die schrecklich kaputten, innerlich oder / und äußerlich verstümmelten Menschen im medizinischen Komplex, der vom Gynäkologen über die Schmerztherapeutin bis zur Schönheitsklinik reicht.

Klar, die Handlung ist nicht realistisch, ein Chirurg wie Pfortner würde nie so weit kommen, dass er eine eigene Klinik leiten kann und die Zeit zwischen seinem Aufenthalt in Metz und dem Aufbau dieses Silikoneinsatz-Unternehmens ist viel zu kurz, ein Renommee muss man sich schon erst einmal aufbauen und das geschieht in der Regel nicht dadurch, dass man aus dem Nichts auftaucht, sondern sich in einer Klinik als junger, angestellter Arzt erst einmal einen Namen macht, möglicherweise einer Berühmtheit assistiert und irgendwann in die erste Reihe aufsteigt. Und das schafft man sicher nicht wenn fast jede OP schiefgeht.

Krass ist das Gewinnstreben in Kooperation mit der Firma, die mit Pfortner neue Implantatprodukte testet – überzogen, aber im Gegensatz zur Kunst „Teufel im Leib“ und der extremen psychischen Deformation des Chirurgen, deren Herkunft wir notabene nicht erfahren, keineswegs aus der Luft gegriffen. Die Verwendung von Menschen als Versuchskaninchen oder Laborratten, wie Deininger sagt, ist keine Seltenheit und wird oft mit ein paar tausend Euro prämiert. Den Fall, dass jemand, der in einen Versuch einwilligt, eine Gratis-OP bekommt, ist also ebenfalls denkbar. In Berlin lesen wir oft von Studien, die den Teilnehmern etwas Geld einbringen und selbstverständlich geht es dabei auch um den Test von noch nicht zugelassenen Mitteln. Dass die Probanden dafür eine besondere Erklärung unterzeichnen müssen, welche die Behandler von der Verantwortung für Folgeschäden freistellen soll, ist üblich und ist auch üblich, wenn jemand eine Schönheits-OP durchführen lässt. Trotzdem gibt es natürlich Grenzen für Pfusch und kann es zu Schadensersatzforderung oder gar Strafverfolgung kommen.

Obwohl der Film erst in den Schlussminuten zum Knaller wird, ahnt man schon vorher, wer die Täterperson ist, obwohl sie ja den Pfortner zu einem früheren Zeitpunkt nicht töten konnte, obwohl sie das gerne getan hätte. Man muss sich das vorstellen: Ein Arzt ist mit einer Frau zusammen, die sich für ihn perfektionieren lassen will und sich ihm chirurgisch anvertraut und er verstümmelt sie absichtlich. Es gibt nichts, was es nicht gibt, und auch im Saarland geschahen schon grausige Morde, aber es ist ja nicht nur die Handlung, sondern auch das hemmungslose Überspielen fast aller Charaktere am Ende, das den Film plötzlich abdrehen lässt. Wir werden es bei Mutmaßungen belassen darüber belassen müssen, was die Macher von „Teufel im Leib“ sich dabei gedacht haben, einen Film mit viel Flair auf diese Weise zu verhunzen.

Finale

Nicht in allen Saarbrücker Szenekneipen werden strikt französische Chansons gespielt, aber die Musikuntermalung ist stellenweise sehr schick – und dann wieder ein zu beliebiges Gedudel, das Szenen nicht untermalt, sondern sie seichter wirken lässt. Das war in den frühen 2000ern aber noch durchaus üblich, viele Szenen mit nichtssagendem Klang-Geplätscher zu unterlegen, seitdem ist es immer düsterer und dräuender geworden. Wir hätten dem Film einige Seltsamkeiten gerne nachgesehen, wenn – ja, wenn eben nicht das Ende so furchtbar wäre. So müssen wir leider bestätigen, dass dieses Palu-Werk nicht zu den Highlights des Saarländers unter den Tatortkommissaren zählt. Sehr schade denn die Besetzung, das Spiel und das Setting hätten eine andere Handlungsführung verdient gehabt. Vor allem ab der 80. Minute.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Die Palu-Tatorte aus Saarbrücken werden nicht gerade in kürzester Frequenz wiederholt, obwohl sie doch einen gewissen Seltenheitswert haben, denn der Saarländische Rundfunk sendet nur einen neuen Tatort pro Jahr.

Deswegen kam Palu mit seinen 18 Filmen auf 17 Dienstjahre. Offenbar stellt sich bei der langsamen Produktionstaktung auch nicht die Routine ein, der es bedarf, um eine großartige Schiene aufzubauen, denn die Tatorte mit Jochen Senf als Max Palu und zum Teil mit Gregor Weber als Ermittlungspartner Deininiger zählen nicht zu den beliebtesten der Reihe. Wir haben kaum die Gelegenheit zu prüfen, woran das liegt, denn der SR betreibt keine Traditionspflege in dem Sinn, dass er mal anfangen würde, alle Saarbrücken-Tatorte (insgesamt 39) von Beginn an zu wiederholen. Heute ist es auch der Hessische Rundfunk, der einen Tatort aus Saarbrücken zeigt.

Jochen Senf ist 2018 verstorben, die nachfolgende Ära Kappl-Deininger, die nach unserer Ansicht viel Potenzial hatte, ist vom Sender beendet worden, der Nach-Nachfolger Stellbrink hat seinerseits gekündigt. Was wird kommen? So viel Potenzial wie einige andere Tatortstädte hat das Dreiländereck auch, aber vielleicht sucht dort nicht nur der Tatort nach einer Identität oder einer Erzählung, die für längere Zeit trägt.

Der Film ist mit Sky du Monat, Jessica Schwarz und Leslie Malton in wichtigen Episodenrollen ungewöhnlich prominent besetzt, doch gemäß den Bewertungen auf der Plattform Tatort-Fundus ist „Teufel im Leib“ innerhalb der Palu-Liste ein mittelguter oder mittelschlechter Tatort (9 von 18), was leider bedeutet, dass er in der Gesamtrangliste nur auf Platz 882 von 1099 Filmen steht.

Immerhin wurde er im Jahr 2004 schon im Milieu der Schönheitskliniken angesiedelt und kam damit dem Münchener Tatort „Unsterblich schön“, der sich mit demselben Thema befasst, zwei Jahre zuvor.

Außerdem spielt der Titel auf den französischen Filmklassiker „Diable au Corps“ aus dem Jahr 1947 an, mit dem der jugendliche Superstar Frankreichs in den frühen 1950ern, Gérard Philipe, seinen Durchbruch hatte. Wir vermuten aber, dass der Tatort 579 eher wenig Anklänge an diesen Film zeigt. Oder doch? In der Playlist finden sich immerhin Titel einiger berühmter französischer Filmkomponisten wie Francis Lai und Georges Delerue.

Nicht zu vergessen: Der damalige saarländische Ministerpräsident und jetzige Bundesverfassungsrichter Peter Müller, der beim BVerfG die konservative Fraktion stärkt, hat einen Gastauftritt.

Wir haben diesen Tatort noch nicht gesehen, daher nur eine Vorschau anstatt einer Rezension – wir werden in den nächsten Tagen eine Kritik zu „Teufel im Leib“ verfassen.

Besetzung und Stab

Max PaluJochen Senf
StephanGregor Weber
Dr. Cordula ScholzLeslie Malton
Professor Till PfortnerSky du Mont
Sandra WallerJessica Schwarz
Dr. Alfred WallerChristian Berkel
Dr. Barbara SchreinerSascha Ley
MargitTatjana Clasing
Frau BraunAlice Hoffmann
Musik:Frank Nimsgern
Kamera:Klaus Peter Weber
Buch:Jochen Senf
Hans Christian Blumenberg
Regie:Hans Christoph Blumenberg

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