Kalter Engel – Tatort 885 / Crimetime 375 // #Tatort #Erfurt #Grewel #Funck #Schaffert #MDR #Tatort885

Crimetime 375 - Foto © MDR, Guido Werner

Jung ist ist auf jeden Fall besser

Eine Studentin wird am Ufer der Gera gefunden und ein Doppelfrauenmörder gerät in Verdacht, hier ein drittes Mal getötet zu haben, die jungen Kommissare Funck, Schaffert und die noch jüngere Praktikantin Grewel machen sich auf den Weg der Recherche von Medizinpräparaten, Bier und Supermärkten und es kommt zu Begegnungen mit dem entsprungenen Doppelmörder, einer Escort-Studentin, die verdächtig nach Freddy Schenks Tochter aussieht sowie einem Mediziner, und wir wissen ja, wo im Tatort ein Mediziner, da Dreck am Stecken. Was es sonst zu diesem Film zu sagen gibt, steht in der -> Rezension.

Studieren ist ein wichtiges Thema in diesem Tatort. Studenten studieren Tag und Nacht und schaffen ihre Prüfungen nur mit Aufputschmitteln (Realität: tatsächlich nehmen mittlerweile 10-20 % der Studierenden leistungsfördernde Substanzen ein, zu unserer Zeit waren’s noch Spickzettel, kunstvoll eingearbeitet in Gesetzestexte, getürkte Hausarbeiten und unabwendbare Panik vor Klausuren, die aber während der Klausuren seltsamerweise verflog).

Außerdem müssen Studenten viel Geld nebenbei verdienen, was zu Jobs in Imbissbuden (weniger schlau), Escort-Services (schlau, aber auch irgendwie der Prostitution nah und nur für besser aussehende Studentinnen und, in geringerem Umfang, männliche Kommilitonen geeignet) oder zum Dealen mit den oben erwähnten Substanzen führen kann (schlau und besonders für BWLer mit kaufmännischem Grundverständnis und Zugang zu Medizinern, am besten erpressungsweise, geeignet).

In diesem Tatort werden so viele Versatzstücke bisheriger Krimis aus Generationen verarbeitet, dass man geradezu von einem Prototyp oder einer Art Zusammenfassung aller bisherigen Tatorte sprechen kann: Nerviger Chef. Nervige, klugscheißende Praktikantin. Zwei Buddies, die noch viel Zeit zur Entwicklung bis hin zu echt wirkenden Kommissaren haben. Gekünstelte Jugendsprache. Mediziner als rückgratlose Träumer. Polizisten in Krankenhäusern, die bewachte Patienten entkommen lassen. Kommissare, die Tätern nachlaufen. Eher neu: Dass sie auch schießen, anstatt sie ebenfalls entkommen zu lassen. Immerhin. Es gibt noch mehr von diesen Versatzstücken, aber an dieser Stelle ist Schluss mit der Aufzählung.

Im Grunde sind dies alles Grundelemente des Polizeikrimis. Die werden auch in Zukunft wiederkehren. Doch so hilflos aneinandergereiht wie hier kommt das Versatzstückhafte besonders zur Geltung. Bei der Inszenierung hat man die ganz sichere Nummer gewählt. Hochkonservativ mit ein paar unmotivierten Einsprengseln von Modernität (Bahnhofszene), die belegen sollen, man hätte ja auch anders gekonnt, wenn der bekanntermaßen altbackene MDR das zugelassen hätte. Die nachfolgende Handlungsbeschreibung der ARD klingt viel zu hochgestochen für diesen Krimi.

Handlung

In einer temporeichen Verfolgungsjagd kann das Erfurter Ermittlerduo Kriminalhauptkommissar Henry Funck und Kriminaloberkommissar Maik Schaffert den mutmaßlich mehrfachen Frauenmörder Roman Darschner festnehmen. Eine Frau scheint dem Mörder jedoch noch vor seiner Ergreifung zum Opfer gefallen zu sein: Die schöne Studentin Anna Siebert, 24, wurde erschlagen an der Gera aufgefunden.

Gemeinsam mit der unerfahrenen Polizei-Praktikantin Johanna Grewel, die ihnen von ihrer Chefin, Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger, sprichwörtlich vor die Nase gesetzt wurde, brechen die Kommissare zum Tatort auf.

Zunächst gerät er unter Verdacht: der mehrfache Frauenmörder Roman Darschner.

Die ersten Ermittlungen deuten darauf hin, dass Anna wie die anderen Frauen gequält und umgebracht wurde. Doch warum hat Darschner sein Opfer diesmal nicht komplett ausgezogen? Sollte er gestört worden sein? Darschner selbst weist jede Beteiligung an allen Morden zurück.

Die Durchsuchung von Annas kleinem Studentenzimmer zeichnet ein ungewöhnliches Bild der Toten: Anna Siebert hatte nicht nur teure Klamotten, auch bereitete sie offenbar einen Umzug in eine große, neue Mietwohnung vor. Lisa Kranz und Valerie Bultmann, zwei Bekannte aus Annas Umfeld, beschreiben die Tote zudem als einen Menschen, der andere für seine Zwecke benutzte. Woher hatte eine Studentin so viel Geld? Ein reicher Freund, ein „Sugar Daddy“? War Anna wirklich die letzte getötete Frau des Roman Darschner? Oder wurde sie Opfer eines anderen Gewaltverbrechens? Dies sind nur einige der Fragen, die die jungen Kommissare und ihre Praktikantin bei ihren Ermittlungen immer tiefer in das studentische Milieu der heutigen Zeit führen. Am Ende entsteht ein spannendes Puzzle aus verletzter Liebe, Drogen, Gewalt – und die Frage, ob ein weiteres fragiles Leben noch rechtzeitig gerettet werden kann?

Rezension

Studieren ist ein wichtiges Thema in diesem Tatort. Studenten studieren Tag und Nacht und schaffen ihre Prüfungen nur mit Aufputschmitteln (Realität: tatsächlich nehmen mittlerweile 10-20 % der Studierenden leistungsfördernde Substanzen ein, zu unserer Zeit waren’s noch Spickzettel, kunstvoll eingearbeitet in Gesetzestexte, getürkte Hausarbeiten und unabwendbare Panik vor Klausuren, die aber während der Klausuren seltsamerweise verflog).

Außerdem müssen Studenten viel Geld nebenbei verdienen, was zu Jobs in Imbissbuden (weniger schlau), Escort-Services (schlau, aber auch irgendwie der Prostitution nah und nur für besser aussehende Studentinnen und, in geringerem Umfang, männliche Kommilitonen geeignet) oder zum Dealen mit den oben erwähnten Substanzen führen kann (schlau und besonders für BWLer mit kaufmännischem Grundverständnis und Zugang zu Medizinern, am besten erpressungsweise, geeignet).

In diesem Tatort werden so viele Versatzstücke bisheriger Krimis aus Generationen verarbeitet, dass man geradezu von einem Prototyp oder einer Art Zusammenfassung aller bisherigen Tatorte sprechen kann: Nerviger Chef. Nervige, klugscheißende Praktikantin. Zwei Buddies, die noch viel Zeit zur Entwicklung bis hin zu echt wirkenden Kommissaren haben. Gekünstelte Jugendsprache. Mediziner als rückgratlose Träumer. Polizisten in Krankenhäusern, die bewachte Patienten entkommen lassen. Kommissare, die Tätern nachlaufen. Eher neu: Dass sie auch schießen, anstatt sie ebenfalls entkommen zu lassen. Immerhin. Es gibt noch mehr von diesen Versatzstücken, aber an dieser Stelle ist Schluss mit der Aufzählung.

Im Grunde sind dies alles Grundelemente des Polizeikrimis. Die werden auch in Zukunft wiederkehren. Doch so hilflos aneinandergereiht wie hier kommt das Versatzstückhafte besonders zur Geltung. Bei der Inszenierung hat man die ganz sichere Nummer gewählt. Hochkonservativ mit ein paar unmotivierten Einsprengseln von Modernität (Bahnhofszene), die belegen sollen, man hätte ja auch anders gekonnt, wenn der bekanntermaßen altbackene MDR das zugelassen hätte. Die nachfolgende Handlungsbeschreibung der ARD klingt viel zu hochgestochen für diesen Krimi.

Studieren ist also nicht mehr das individuelle Ding, das es mal war, und auch die jugendliche Polizeiwelt ist konfektioniert.

Seltsam, wie das Thema sich mit der Inszenierung verbindet. Alles wirkt hohl, künstlich, ein wenig roboterhaft, unpersönlich, allenfalls rudimentär entwickelt. Wie die heutigen Studenten offenbar sind, die sich nicht mehr politisch oder sonstwie im Leben umschauen, sondern stur durch ein mittlerweile komplett durchorganisiertes und für die Wirtschaft konfektionierte Berufseinsteiger produzierendes Universitätssystem schleppen, immer am Rande des Wahnsinns, aber nie Zeit für den Blick über den Tellerrand.

Klar, Lärm kann nerven. Auch da haben wir Erinnerungen – an Partys zur Unzeit im Studentenbunker, an Ohrenstöpsel, an jenes Auf-den-Tisch-Hauen in der Seminarbibliothek, als sich jemand zum x-ten Mal das Flüstern gewagt hat.

Aber was sich in der  U-Bahn morgens andeutet, setzt sich vermutlich an den Unis fort. Alles guckt stumpf und daddelt bestenfalls am Smartphone herum, anstatt wild diskutierend und unflätig lachend oder pöbelnd ältere Mitfahrer zu nerven. Wie es angesichts dieser Herde von Jungschafen zu Exzessen wie neulich in „Gegen den Kopf“ kommen kann, erscheint auf den ersten Blick rätselhaft. Vermutlich war’s ein wildes, durchgedrehtes Schaf, das lieber zuschlägt, anstatt sich einige Jahre später seiner Sardine-in-der-Dose-Existenz bewusst zu werden und eine psychiatrische Klinik aufzusuchen, um wieder zu sich selbst und seiner Urtümlichkeit zu finden. Keine nachahmenswerte Handlung, aber wenn man sie im Zusammenhang und in Gegenüberstellung mit den Typen aus „Kalter Engel“ (Titelherkunft ungewiss) sieht, die Kehrseite einer wenig glänzenden Medaille.

Manch gequälte Jugendseele kneift aber auch lieber in Brustwarzen von unliebsamen Nebenbuhlerinnen, imitiert einen Serienmörder. Wirkt unglaubhaft, aber was ist heute schon glaubwürdig? Es ist ja im Grunde auch egal, ob man an das glaubt, was man lernt und ob es einen Nutzen hat, steht doch eh alles in der Wikipedia. Da kann den Normalstudenten die Verzweiflung ob seiner Daseinsberechtigung überkommen und er ahmt eine Mordvariante nach, die vermutlich auch schon in der Wikipedia beschrieben ist.

Mit anderen Worten: Aus einem der wirklichen großen Themen unserer Zeit, der beschleunigten Annäherung an „Brave New World“ und „1984“ gleichermaßen und freiwillig-gezwungen, hätte man einen großen Film machen können. Aber was haben sie getan? Genau. Einen Tatort produziert, der genau so seelenlos wirkt wie die kritisierten Verhältnisse. Klar, das ist auch eine Form von adäquater Umsetzung. Zu grandiosen Schauspielleistungen kann es konsequenterweise nicht kommen, weil ja glatte Normtypen dargestellt werden.

Auch die Jungkommissare sind betroffen. Sie sind sozusagen im Keksstadium der Polizistwerdung und wenn der MDR die Nerven behält, dürfen wir nun jahrelang zuschauen, wie aus Leuten, die Jugendsprache imitieren, echte Typen werden.

Zurück zur U-Bahn. Nicht den Studenten, sondern den jungen Migranten zuhören: Wenn schon Slang, dann bitte so wie dort, „Dicker“ hat nämlich „Alter“ mittlerweile als Hauptanrede abgelöst, die universelle Verwendung ist ähnlich ausgeprägt. Aber wie cool und in schönen Zusammenhängen mit absolut sinnfreien Dialogen wird das hier in Berlin gesprochen, und nicht als eine verjüngend gedachte Beifügung zu Normalsätzen, wie sie, abzüglich „Alter“, schon Legionen von Polizisten im Film gesprochen haben.

Nein, Macken haben die neuen Erfurt-Kommissare nicht. Vielleicht dürfen sie Manierismen entwickeln, wenn man ihnen Zeit dazu gibt. Der große, gut aussehende könnte seinen rudimentären Machismo zu einer Art gepflegtem Frauenheldentum transformieren, der kleinere mit dem süßen, ironischen Lächeln, der könnte hintergründigen Humor einbringen. Also etwas, das es in „Kalter Engel“ leider überhaupt nicht gibt. Man hat stellenweise den Eindruck, Humor wird getestet, wird zaghaft angedeutet, aber dann traut man sich wieder nicht. Oder man denkt, man hätte sich getraut, der Zuschauer aber hat Mühe, auf diese Idee zu kommen. In Richtung Humor sollte wohl das Verhältnis der Kommis zu ihrer Chefin gehen, aber die Interaktion wirkt dialogseitig, unterstützt durch viel zu statische Bildgestaltung, so hölzern, dass man beinahe Mitleid mit allen beteiligten Schauspielern bekommt.

Das Gefilmte wirkt ältlich, die Kommissare sind zu jung. Daraus kann kein harmonisches, modernes und mit guten Figuren gefülltes Tatort-Werk entstehen. Hinzu kommen die heute üblichen Ungenauigkeiten und Seltsamkeiten: Wo hat um Himmels Willen der ausgebrochene Daschner diese gewaltige Maschinenpistole her, mit welcher er sinnloser- und racheweise vor Krammes Wohnungstür auftaucht? Wie kann jemand auf Rezept solche Unmengen von Medikamenten bekommen wie der Dealer-Student Danckert? Okay, stoppen wir an dieser Stelle die Fitzelei, diese Wischer sind nicht die Hauptschwäche des Films.

Möglicherweise hat man beim MDR sehr langfristig gedacht. Die Kommissare sind so jung, dass sie, Erfolg bei den Fans und anderen Zuschauern vorausgesetzt, eines Tages Lena Odenthal oder die ergrauten Münchener als Dauerbrenner ablösen könnten. Damit dies passiert, muss aber an vielen Stellschrauben gedreht werden. Die Thüringer sind aber Tüftler und wer weiß, vielleicht bekommen sie das im Lauf der Zeit hin.

Finale

Einen Pluspunkt wollen wir nicht unerwähnt lassen: Die Handlung ist nachvollziehbar und nicht zu komplex geraten, lässt zumindest prinzipiell den Figuren Raum, wirkt auch nicht überkonstriert und unglaubwürdig. Das ist der Hebel, an dem wir ansetzen, um den üblichen Anfängerbonus in die Bewertung aufzunehmen. Diesen Aspekt einbeziehend, kommen wir aber leider auch nur auf 5,5/10. Der Eindruck, dass Teampremieren in 2013 nicht so recht gelingen wollen, verfestigt sich. Allerdings, Funck und Kramme haben einen Vorteil gegenüber Stellbrink und Tschiller: Sie sind noch nicht so sehr in die falsche Richtung unterwegs, dass nur die ruckartige 180 Grad-Umkehr als Ausweg gelten kann. Vielmehr hat man sie so gestaltet, dass jedwede verbessernde oder falsche Justierung ohne unmäßigen Kraftakt möglich ist.

Der Hauptdarsteller mit dem klassischen Namen Friedrich (Mücke) und der ebenso klassisch angenehmen Optik und der verschmitzte Benjamin Kramme lassen es zu, dass man sie mehr fordert und besser in Szene setzt. Ein schönes und gewiss lohnendes Projekt – wir wünschen den Machern und dem Sender viel Erfolg und werden den Gang der Dinge beobachten und kommentieren.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Anna Siebert – Julia Ritter
Caroline Siebert – Therese Hämer
Claire – Maja Meinhardt
Gerichtsmediziner – Marco Pickart Alvaro
Johanna Grewel – Alina Levshin
Kriminalhauptkommissar Henry Funck – Friedrich Mücke
Kriminaloberkommissar Maik Schaffert – Benjamin Kramme
Lisa Kranz – Henriette Confurius
Marcel Steinke – Tim Morten Uhlenbrock
Michael Danckert – Florian Bartholomäi
Nachbarin – Eva Meckbach
Petra Fritzenberger – Kirsten Block
Prof. Dr. Rolf Petkus – Karl Kranzkowski
Roman Darschner – Godehard Giese
Spurensicherung – Nadine Wrietz
Valerie Bultmann – Karoline Schuch

Drehbuch – Thomas Bohn
Regie – Thomas Bohn
Kamera – Martin Schlecht
Musik – Mattias Lindblom, Anders Wollbeck, Michael Zlanabitnig

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