Der Tote im Nachtzug – Tatort 817 / Crimetime 396 // #Tatort #Frankfurt #HR #Steier #Mey #Nachtzug #Tatort817

Crimetime 396 - Titelfoto © HR, Johannes Krieg

Nicht lange gefackelt

Eines kann man nach zwei Folgen mit Steier & Mey sagen: Der verbissene Grübler hat den richtigen Riecher für die Lösung, aber die taffe Jungkommissarin setzt alles ohne langes Grübeln in Aktion um.

Wir sind zwiespältig gestimmt, den Tatort 817 betreffend. Ein Duo, das mindestenso so viel Show bietet wie die Vorgänger Sänger / Dellwo, erfrischend anders, immer für eine Überraschung gut – aber auch bereit, einfach mal Beweismaterial verschwinden zu lassen, um der leidgeplagten Frau eines Mannes zu helfen, der Selbstmord begangen hat. Das kennen wir schon von Ballauf & Schenk und auch aus München– überall, wo die soziale Gerechtigkeit wichtiger ist als das dienstlich korrekte Handeln, wird uns ein wenig mulmig. In diesem Fall als persönlich Betroffene – als Versicherungsnehmer, die Betrüge wie den hier gezeigten in ihren hohen Prämien wiederfinden.

Außerdem könnte die Hauptkommissarin vielleicht doch hin und wieder Schuhwerk tragen, mit dem man tatsächlich einen Täter verfolgen kann. Sportlich genug dazu ist sie, das nimmt man ihr ohne Weiteres ab. Das betrifft nicht nur das tägliche Joggen, sie sieht das ganze Leben so, wie die eingestreute Affäre mit dem Militärpolizisten Thomsen (Benno Führmann) beweist. Mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Conny Mey wird früh morgens – noch in Joggingkleidung – zum Bahnhof beordert. Im Nachtzug aus Warschau wurde eine blutüberströmte Leiche mit Schusswunde gefunden, ein Verdächtiger ist beim Eintreffen der Polizei geflohen. Frank Steier, nach einer Stichverletzung eben erst aus der Reha entlassen, ist ebenfalls bereits vor Ort. Alles sieht nach einem Raubmord aus.

Das Ermittler-Duo Frank Steier und Conny Mey sucht Elsa Lange auf, die Frau des Ermordeten, um ihr die traurige Nachricht zu überbringen. Von ihr erfahren sie, dass ihr Ehemann Sanitäter bei der Bundeswehr in Afghanistan war, doch vor drei Jahren wegen Medikamentenmissbrauchs entlassen wurde. Schließlich finden Mey und Steier heraus, dass sich der flüchtige Hauptverdächtige, Stanislav Kilic, und Elsas Mann Rüdiger aus Afghanistan kannten. Beide waren an krummen Geschäften beteiligt. Wollte sich Kilic rächen? Der Fall bekommt eine neue Wendung, als plötzlich auch Feldjäger großes Interesse an Kilic zeigen.

Rezension

Das Zwischenmenschliche ist schön herausgearbeitet, wundervolle Momente, Details und Dialoge zeugen vom Elan, mit dem hier an dem und mit dem neuen Frankfurt-Team gearbeitet wird. Der Fall selbst ist unspektakulär und am Ende kein Fall. Darin liegt auch das Hauptproblem der Konstruktion – dass die KTU diese Möglichkeit kategorisch ausschließt. Darüber hinaus gibt es ein paar Fehler und Fragwürdigkeiten, deren Gewicht wir aber nicht überbewerten wollen.

Chandler und die anderen lassen grüßen. „Der Tote im Nachtzug“ ist einerseits klassisch gefilmt, mit bewussten Reminiszensen an frühere Zeiten. Dazu zählt Steiers Büro, sein Hang zum Wein, der Jazz, der die Figur sehr atmosphärisch in die Richtung einsamer Wolf treibt. Im Grunde ist er ein Charakter aus dem amerikanischen Film noir der 40er Jahre, gebrochen durch Panikattacken, die aus dem Angriff auf seine Person im ersten Fall („Eine bessere Welt“) oder aus alten Traumata herrühren können.

Ihm wird die auf den ersten Blick hyperemanzipiert wirkende Kommissarin Conny Mey gegenübergestellt, die bei genauem Hinsehen ebenfalls ein Rückgriff auf die schwarze Serie mit ihren attraktiven und sexuell offensiven Frauentypen ist. Manchmal ist eben auch das Klassische noch gut für eine Transskription ins Heutige. Oder: Man war vor 70 Jahren schon einmal sehr, sehr weit und das Echo dieser damals wie heute faszinierenden Filmtypen hallt nach.

Es ist ganz offensichtlich, dass man in Deutschlands amerikanischster Stadt Frankfurt Anleihen bei den großen Krimiautoren des frühen 20. Jahrhunderts genommen hat, als man da Duo Mey / Steier entwickelte. Obwohl sie ganz gewiss nicht typisch sind für die deutsche Polizei, auch nicht für die großstädtische, wirken die beiden echt, ihre Authentizität rührt aus den schauspielerischen Qualitäten ebenso wie aus der bisher konsequenten Anlage der Figuren.

Allerdings ist das Duo nicht „hard-boiled“ in seinen Aktionen und Dialogen, das passt nach wie vor nicht nach Deutschland und schon gar nicht in die Welt der Staatsdiener, in die man diese Figuren mit einigem Risiko verlegt hat, weg von der Halbwelt und den Kontakten zur Unterwelt, dem Milieu, in dem sich die privat ermittelnden Vorbilder bewegen.

Kein Fremder im Zug. Der Tod im Zug ist ebenfalls ein Klassiker – und mit welchem Aufwand hat man ihn inszeniert. Weil es in Deutschland keine dieser schönen, alten Abteilwagen mehr gibt, hat man einen polnischen Zug genommen und musste die ganze Story um diesen Waggon herum anlegen, den man schließlich in einer Frankfurter Halle geparkt hat. Die Spannung von „Der Tote im Nachtzug“ resultiert aber nicht aus der Situation im Zug, und das unterscheidet die Plotanlage von diesen wunderbaren Filmen, wie Alfred Hitchcock sie inszeniert hat und in denen ein zahlenmäßig begrenztes Personal, eben die Gäste des Zuges oder nur eines einzigen Wagens, als Täter eines Tötungsdeliktes infrage kommen. In Frankfurt wird früh aus dem Zug  ausgestiegen.

Hingegen schreiten die beiden Ermittler gut 12 Kilometer Strecke ab und finden tatsächlich die Waffe, mit welcher sich Rüdiger Lange (Stephan Grossmann) selbst getötet hat, so, wie es einst Miss Marple tat („16 Uhr 50 ab Paddington“). Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass dabei wirklich etwas herauskommt. Aber wir lernen einmal mehr: Das Unwahrscheinliche stellt sich als das Richtige heraus, wenn inspirierte Spürnasen am Werk sind. Warum aber hat Lange die Vorhänge zugezogen? Ein Abschiedssymbol für einen, der von der Bühne der Welt abtreten will? Und wofür war dieser Umstand wichtig?

Es gibt einige nicht ganz schlüssige Momente und Elemente in „Der Tote im Nachtzug“, selbst die wundervolle Szene, in welcher Mey und Steier die 7 Minuten zwischen Wecken und sicherem Tod des Rüdiger Lange nachstellen, führt ja im Grunde zu keinen neuen Erkenntnisssen. Die Atmosphäre stimmt, das Knistern zwischen der hochgewachsenen Kommissarin und ihrem älteren Kollegen auch – aber die kriminalistische Schärfe und Konsequenz ist über den ganzen Fall hinweg eher bescheiden. Damit hätte Hitchcock sich nicht zufrieden gegeben. Bei ihm hatte jede Sekunde im Film eine Bedeutung und auch die romantischen Minuten waren in die Dynamik des Geschehens eingebunden.

Das Soziale lebt. Dass man beim HR auch nach Sänger / Dellwo das Soziale weiter pflegt, macht das Ende deutlich. Da lassen die Ermittler den Revolver im Fluss verschwinden, mit dem Lange sich umgebracht hat, damit dessen Frau die Lebensversicherung auch ausgezahlt bekommt. Denn Versicherungen sind ein wenig komisch, in den Bedingungen steht, und das stimmt in der Realität, dass ein festgestellter Suizid die Auszahlung verhindert.

So sehr soziales Verhalten mittlerweile wieder salonfähig ist und so sehr die Privatwirtschaft immer mehr beweist, dass sie nicht fähig ist, ohne Eingriffe einen „Markt“ zum Wohl aller zu gestalten, wird hier nicht nur ein Dienstvergehen begangen. Nein, die Mey hat den Steier breitgequatscht, sich strafbar zu machen, und das nicht in geringem Umfang. Die Szene, in der sie das tut, ist wunderbar gefilmt, in echter Hitchcock-Manier: Die beiden sitzen im Auto, die Kamera ist draußen und man versteht nicht, was die beiden da eigentlich bereden. Wieder ein Klassiker, diesmal aus der Abteilung: Wie schaffe ich Suspense? Man erfährt es nur aus der folgenden Konsequenz, was sich zugetragen hat: Die arme Witwe Lange (Inka Friedrich), die sich und die Kinder mit Outbound-Callarbeit von zuhause aus durchzubringen versucht, erbt sozusagen 250.000 Euro aus der Risiko-Lebensversicherung des Mannes, weil die Ermittler Schicksal spielen.

Darauf wollte man beim HR offenbar nicht verzichten. Filmische Folge sind schöne Momente. Dennoch sollte die neue, sozialere Welt nicht auf Straftatbeständen aufbauen, auch nicht auf gut gemeinten. Da wäre es besser, ins Versicherungsrecht einzugreifen und zu verbieten, dass Suizid einen Hinderungsgrund für die Auszahlung einer Versicherung darstellt. Das meinen wir durchaus ernst. Denn ein Suizid ist immer eine Tragödie, und jemand, der mental und wirtschaftlich klar denken kann, wird einen solchen nicht begehen – auch nicht, um den überlebenden Teil seiner Familie besser zu stellen. Die Selbsttötungsrate würde sicher nicht wesentlich ansteigen, wenn das Versicherungsrecht allgemein und in diesen hoch dramatischen Fällen eine geringere Zahl an mehr oder minder trickreichen Ausschlussklauseln zulassen würde.

Alte Reflexe und neue Brüche. Das Soziale ist vielleicht ein Reflex, ein HR-Verhalten, das nicht ohne Weiteres durch ein neues Team neu interpretiert werden kann. Dieses Verschwindenlassen von Beweismaterial haben wir aber auch schon in Köln und München gesehen – jeweils, um den wirklichen Täter nicht sichtbar werden zu lassen, weil dieser die Moral auf seiner Seite hat. Man verlässt sich bei der Exekutive nicht auf die Judikative, ist die wenig beruhigende Botschaft, die man mit etwas Nachdenken herausarbeiten kann.

Andere Standards werden auf interessante Weise variiert oder gar durchbrochen. Zwar sagt die Hauptkommissarin Mey zum Hauptkommissar Steier, er sei ein Rassist, als dieser eine abfällige Bemerkung über den tatverdächtigen Polen Stanislav Kilic (Jevgenij Sitochin) macht, aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Sollte man meinen. Zwar wird die Kumpanei deutscher und polnischer Afghanistan-Soldaten bei Drogendeals („Medikamente gegen Opiate“) beschrieben, aber das Gefühl lässt sich nicht vermeiden, dass der hier gezeigte Pole alles andere als ein netter Mensch ist. Er bringt zwar den Kameraden Lange nicht um, wohl aber auf der Flucht einen unschuldigen Polzeihund – und das ist in Deutschland beinahe gleichwertig. Es wird also gegen das Klischee vom brutalen Ostmenschen gesprochen, er wird aber dem Klischee entsprechend gezeigt. Vielleicht ist das alles aber auch nur ein unverkrampfterer Umgang mit der Wirklichkeit: Der Hang zum Verbrechen macht nicht vor Nationalgrenzen halt und es gibt überall solche und solche Charaktere.

Finale

„Der Tote im Nachtzug“ ist modern gefilmt, hat eine großartige Atmosphäre und wird von kapablen Darstellen getragen. Alles Frankfurter Schule. Der Fall selbst ist eher zurückhaltend konzipiert und nicht ganz ohne Fragwürdigkeiten inszeniert, es mangelt an Stringenz und wir hatten das Gefühl, dass man auch deshalb einen Selbstmord gezeigt hat, weil man den Hintergrund eines Mordes am Ex-Soldaten Lange nicht glaubwürdig und ins Zeitschema von 90 Minuten passend zu konstruieren in der Lage war. Wegen dieses Tatbestandes musste die Arbeit der KTU auf einem Niveau gezeigt werden, das heutigen Möglichkeiten und einer Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten von mehr als 95 % nicht ganz entspricht. An dieser Schwäche ist „Der Tote im Nachtzug“ nicht gestorben, sondern durch eine selbst verabreichte Kugel. Der Tatort 817 hat den Anschlag auf die Logik qualitativ gerade noch überlebt, muss aber einige Federn lassen und wir werten trotz eines großartigen Ermittler-Duos mit knapp durchschnittlichen 7,0/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Steier – Joachim Król
Hauptkommissarin Conny Mey – Nina Kunzendorf
Daniel Behnken [Polizeipsychologe] – Arnd Klawitter
Chef der Mordkommission – Gerd Wameling
Elsa Lange – Inka Friedrich
Thomsen – Benno Fürmann
Rüdiger Lange – Stephan Grossmann
u.a.

Drehbuch – Lars Kraume
Regie – Lars Kraume
Continuity – Béatrice M. Hoffmann
Kameraassistenz – Nadine Lang
Kamera – Armin Alker
Produktionsleitung – Gabriele Leiner
Produzent – hr-fernsehfilm
Requisitenfahrer – Daniel Bengner
Szenenbild – Olaf Schiefner

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