Weil sie böse sind – Tatort 751 / Crimetime 399 // #Tatort #HR #Sänger #Dellwo #böse #Weilsiebösesind #Tatort751

Crimetime 399 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Tatort-Folge 751, gesehen am 24.04.2011 (Das Erste)

Vorwort 2019. Nach einiger Zeit schicken wir wieder einmal eine Rezension als Wiederveröffentlichaung „in Originaloptik“ auf die Reise. Die Kritik zu „Weil sie böse sind“ wurde am 5. Mai 2011 geschrieben und war die Nr. 8 der damaligen Tatortanthologie. Ergänzt haben wir lediglich den Copyright-Hinweis des Titelbilds (die ersten Rezensionen, auch die Nr. 8, waren noch gar nicht mit Bildern ausgestattet), unser eigenes Copyright aktualisiert und Besetzung und Stab beigefügt.

„Weil sie böse sind“ zählt nach Meinung der Nutzer, die auf der Plattform Tatort-Fundus ihre Bewertungen abgeben, zu den Top Ten aller Zeiten und ist damit auch der am höchsten eingeschätzte Tatort des vorvorletzten Frankfurt-Duos Sänger und Dellwo. Der Film entstand 2010, woran an man sieht, dass es in Frankfurt mindestens einen Umbruch mehr gegeben hat als geplant.

„Die vom HR produzierte Tatort-Folge 751 „Weil sie böse sind“ aus Frankfurt erhielt zahlreiche Auszeichnungen. So wurde der Krimi 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis als bester Fernsehfilm ausgezeichnet, dazu kommt eine Nominierung für den Adolf-Grimme-Preis.“ (Tatort Fans)

Naturgemäß hatten wir zu Beginn noch wenig Erahrung damit, Tatorte bezüglich der eigenen Bewertung einzuordnen und vergaben für „Weil sie böse sind“ 7,5/10 Punkten. Wir waren aber auch nicht so krass begeistert wie einige andere Fans, daran erinnern wir uns noch und es kam später zu höheren Punktzahlen für andere Sänger-Dellwo-Filme. Die Bewertung kommt uns noch heute realistisch vor.

Vieles aber hat sich seitdem geändert – nicht nur die Optik und vor allem die Gliederung unserer Kritiken, wir sprechen auch nicht mehr von „Folge“, weil der Tatort keine Serie, sondern eine Reihe mit in der Regel in sich abgeschlossenen Filmen darstellt (mit bisher zwei Ausnahmen in Form von Zweiteilern und einigen Zwittern, in denen bestimmte Motive aus früheren Filmen weitergeführt wurden, nicht aber die Haupthandlung).

Nach etwa sechs Jahren hatten wir beim „ersten Wahlberliner“ eine veröffentlichte Zahl von 455 Krimi-Rezensionen erreicht, jetzt nähern wir uns nach 13 Monaten der 400er-Marke. Das ist nur möglich, weil es viele Archiv-Beiträge wie diesen gibt, die wir erneut zeigen können – mit unterschiedlich starker Überarbeitung, wobei diesbezüglich die Zeit, die uns dafür zur Verfügung steht, keine unerhebliche Rolle spielt. Derzeit kommen viele Veröffentlichungen hinzu, weil in der Premieren-Sommerpause ein großer Reichtum an älteren Tatorten – und Polizeirufen, die wir nun ebenfalls berücksichtigen – herrscht, die wieder einmal gezeigt werden.

 Inhalt: 

 Wir hassen die Bösen nicht,
weil sie uns schaden,
sondern weil sie böse sind

(Jean Jacques Rousseau)

Rolf Herken, alleinerziehender Vater eines autistischen Sohnes, weiß nicht mehr weiter. Finanziell und privat immer mehr in die Enge getrieben, macht er sich auf zum Anwesen der Familie Staupen, um dort Hilfe für seinen Sohn zu erbitten. Aus seinen genealogischen Studien glaubt er zu wissen, dass sich deren und seine Vorfahren schon einmal im Mittelalter begegnet sind und dass die Familie Staupen seine Familie damals übervorteilt und ihren bis zum heutigen Tag anhaltenden Wohlstand darauf begründet hat. Mit den Vorwürfen und der Bitte konfrontiert, demütigt der alte Staupen Rolf Herken so lange, bis der ihn im Affekt erschlägt.

Noch in der Nacht findet sein Sohn Balthasar Staupen seinen Vater und schmiedet einen Plan.

Fritz Dellwo und Charlotte Sänger vermuten den Täter im engsten Familienkreis, doch alle haben ein Alibi für die Mordnacht. Die Ermittlungen geraten immer mehr in eine Sackgasse. Da werden kurz hintereinander der Bruder und die Schwester des Ermordeten tot aufgefunden. Haben es die Frankfurter Kommissare mit einem Serienmörder zu tun, und wenn ja, welches Motiv treibt ihn an? (Zusammenfassung aus dem Tatort-Fundus.)

Kurzkritik:

Der Tatort 751 ist ein echter Kracher. Man kann auch sagen, ein Reißer. Drei Leichen, ein Auto geht mit zwei Insassen in Flammen auf und am Ende entkommt derjenige, der drei Menschen zu Tode gebracht hat, klanglos, weil er eben nicht der Böse ist.

Die Figuren sind teilweise schrill überzeichnet und auch zwischen den Ermittlern Sänger und Dellwo knistert es erheblich. Hochspannung zwischen Menschen, wohin man schaut, die Folge der Ereignisse ist so rasant, dass die Ermittler nicht unbedingt Schritt halten können und am Ende auch den Fall nicht lösen. Was soll’s. Die Gerechtigkeit hat ja doch gesiegt.

Wer viel Action, krass böse Menschen und mittelalterliche Waffentypen wie den Wurfstern mag und nicht unbedingt Wert legt aufs klassische Mitraten (das geht hier nicht, weil 751 nicht nach dem Whodunit-Prinzip aufgebaut ist, nach dem sowohl die Ermittler als auch die Zuschauer zunächst nicht wissen, wer gemordet hat), der kommt hier auf seine Kosten.

Leider gibt es die futuristische Einsatzleitzentrale in Frankfurt nicht (mehr), die hätte gut zu diesem Krimi gepasst. Dafür sitzen Sänger und Dellwo brav in einem altbackenen Büro und giften sich gegenseitig an.

 Rezension:

 Da der Tatort 751 ziemlich aus dem Rahmen fällt, bauen wir die Rezension auch anders auf als üblich.

  1. Humor, bitte

Wer keinen Sinn für verrückte Figuren und Handlungselemente hat, kann gleich abschalten und muss sich 751 nicht weiter genehmigen. Klar ist der Film unrealistisch, sowohl, was die Typen angeht als auch den Handlungsverlauf. Der Regisseur wird der Letzte sein, der das nicht bemerkt hat. Je mehr jemand bereit ist, Skurriles, Schräges und auf schon witzige Art Brutales zu akzeptieren, also ein wenig Trash im Stil von Pulp Fiction auch in einem Tatort zu akzeptieren, desto mehr kann er mit 751 etwas anfangen. Und je mehr dies der Fall ist, desto mehr lohnt es sich auch, diese Rezension weiterzulesen.

  • Mangelnder Realismus im Detail

Die Polizei hat in dem großen Haus des abgrundtief bösartigen Millionärs Reinhard Staupen (Markus Boysen), das der erste Tatort ist, ein wenig den Überblick verloren und die Überwachungskamera nicht gesehen. Hätte sie das, wäre der Rest der Handlung obsolet gewesen. Denn dass der Millionärssohn Balthasar Staupen (Maximilian Schweighöfer) die CD verbrennt, die Rolf Herken (Milan Peschel) als Mörder des Reinhard Staupen zeigt und auch, wie er schön in diese Kamera hineinschaut, das ist schwach, polizeiarbeitsmäßig gesehen. Sagen wir mal, das ist für uns die auffälligste Ungereimtheit gewesen.

Dass es insgesamt zu viele Spuren gibt, als das Rolf Herken mit drei Morden davonkommt, ist ein übergreifendes Problem. Allerdings – es wäre ja möglich, dass das Ende des Films nicht das Ende des Falles ist. Es ist nirgends erwähnt, dass die Ermittlungsarbeit abgeschlossen ist. Wir meinen, das hat der Regisseur bewusst offen gelassen und sich damit auch eine Tür. Rein moralisch ist die Sache allerdings erledigt. Das Gute in Form des gedemütigten Rolf Herken, der im Affekt den Mord 1 begangen hat und zu Mord 2 und Mord 3 durch das Handeln von Balthasar Staupen geradezu genötigt wurde (juristisch ist es in keinem der drei Fälle Mord, alle drei Tötungsdelikte sind als Totschlag, Tatmehrheit, zu werten), hat nun einmal gesiegt.

  • Mangelnder Realismus bei den Figuren und der Logik

So überzeichnete und gleichzeitig stereotype Figuren zu bringen, so comichafte Charaktere, das hat man bisher bei kaum einem Tatort gewagt und es war volle Absicht. Die Bösen sind natürlich allesamt Geldsäcke und selbst der Sohn, der dem Guten zum Sieg verhelfen will und es auch schafft, geht in Flammen auf. Die Staupens, die seit 700 Jahren auf Kosten anderer ihre Macht und ihren Einfluss ausdehnen, sind ausradiert, innerhalb weniger Tage. Und das alles ausgelöst durch einen alleinerziehenden Vater, einen eigentlich harmlosen Mann, der in Bedrängnis geraten ist. Den nimmt man noch als glaubwürdig, alle anderen mehr oder weniger nicht. Doch wer die Übersteigerung der Figuren als Konzept akzeptiert hat, kommt damit klar.

Grandios spielt Matthias Schweighöfer den Sohn Balthasar, der gar nicht genug vom Video kriegen kann, auf dem sein Vater umgebracht wird und der die Gerechtigkeit in der typisch großkotzigen Manier eines Millionärssöhnchens ins Auge fasst. Bis zum Schluss bleibt er ein typischer Vertreter einer hypertrophen Klasse und stirbt deshalb zusammen mit einem Exemplar der bösen Sorte – Rolf Herkens Kollegin Sandra Jakesch (Sandra Borgmann). Trotzdem mochte man ihn schon nach kurzer Zeit und besonders, als klar war, dass er auf seine verschrobene Art Ernst mit der innerfamiliären Abrechnung macht. Dass er Herken da immer tiefer hineinzieht, der sowieso schon im Schlamassel steckt, dass dieser mit der Situation und den ganzen Extremcharakteren, denen er in Form verschiedener Staupens begegnet, komplett überfordert ist, verstärkt die Schräglage des Figurentableaus.

Die Handlung ist psychologisch nicht stimmig, weil die Figuren nicht nach Erkenntnissen über innere Vorgänge agieren, sondern als Stereotypen, noch logisch in dem Sinn, dass sich ein Element notwendig aus dem vorherigen ergibt.

  • Zeitthema

Den beliebten Blick aufs Zeitthema machen wir wieder in der vorgesehenen Art, konventionell als Punkt vier. Um gleich festzustellen, es war wohl an der Zeit für einen Abgesang auf die herrschende Klasse in Form von Großrittern, Boxpromotoren und Kuratoriumsvorsitzenden in einer Form, die man sich wenige Jahre zuvor in einem Tatort noch nicht erlaubt hätte. Da hat die Bankenkrise wohl einiges freigesetzt an Spiellust und Lust auf Satire. Denn der Film weist durchaus satirische Züge auf und trägt die auch hier enthaltene Sozialkritik nicht mehr im Betroffenheitsduktus vor.

Dass ein solcher Tatort gerade in Frankfurt gedreht wird, ist nicht unsinnig. Ein Provinztatort wäre für diese rasante Action im gehobenen Sozialmenü das schwierigere Terrain gewesen. Aber dort, wo die großen Banken stehen und Milliarden und Milliarden sinnlos verpulvern und die Hypertrophie des Systems am besten erkennbar ist, die Realsatire neben der Berliner Politik am deutlichsten spürbar, da geht auch eine solche Handlung. Man hat zwar der Versuchung widerstanden, sie im Bankermilieu anzusiedeln, aber die Idee, ein altes Geschlecht zu bringen, das schon seit dem Mittelalter andere aussaugt (ausgerechnet die Herkens, die aber damals auch noch anders hießen), das ist höchst originell.

  • Die Ermittler gehen als Ermittler ziemlich unter, zoffen sich dafür aber ein wenig

 Charlotte Sänger hat keine Zeit sich mit ihrer feinen Sensorik einzufühlen, Dellwo keine Gelegenheit, einen guten Polizistenkumpel zu mimen, Rudi Fromm will eigentlich abtreten, tritt aber etwas hervor, weil auch seine beiden Ermittler von der fiebrigen Stimmung dieses Tatortes angesteckt werden und in Konkurrenz zueinander gehen – um die Nachfolge von Fromm und darunter die Ermittlungsarbeit leidet. Das entschuldigt nicht das nachlässige Agieren der Polizei in diesem Tatort 751, aber es passt. Zum Team haben wir uns schon anderweitig geäußert, wo es auch eher angebracht war und Charlotte Sänger stärker rüberkommt. Genau genommen hätte man den Film auch ohne Ermittler drehen können – aber er ist nun einmal ein Tatort.

Offenbar gab es tatsächlich Probleme zwischen den Schauspielern Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf, die mittlerweile zum Aus für dieses Frankfurter Team geführt haben. Die beiden sind in der Tat recht unterschiedliche Typen, wie wir schon einmal festgestellt hatten (Rezension zu Tatort 676). Allerdings spielt sich der Zoff, den wir hier sehen, gleich ob real unterfüttert oder nur inszeniert, nicht auf einer „Meta-Ebene“ ab, wie in einer Rezension im Tatort-Fundus behauptet wird. Er ist einfach ein zusätzliches inhaltliches Element, das den Fall leider wenig an die Grenze zur Überfrachtung bringt. Es mangelt diesem Element auch das Skurrile, es sticht inhaltlich ab und dieses Mal sind wir uns nicht sicher, ob dieser Kleinkrieg zwischen Guten tatsächlich von der Regie bewusst als kleinkariertes Kontra zum großen Bösen angelegt ist.

  • Musik als Verstärker

Die 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven musste es schon sein, die hier sinnfrei, aber wirkmächtig den Abgesang des Geschlechtes derer von Staupen illustriert, auch das ist natürlich eine ironische Verwendung des Erhabenen während des Untergangs des Pompös-Hohlen. Dies verstärkt die parodistische Tendenz von 751.

  • Die Meinung der anderen

Der Film polarisiert, das war in verschiedenen Fremdwertungen und –rezensionen nachzulesen. Wir schlagen uns eindeutig auf die Seite der Befürworter, auch wenn wir es für keine gute Idee hielten, wenn diese Extremform eines Pulp-Tatortes Schule machen würde.

  • Fazit, Bewertung

Manche Schwächen kann man nicht einfach negieren und sagen, alles dient dem Konzept, deshalb gibt es auch in der Bewertung Abstriche für allzu starke Beugungen der Sachlogik. Die Figuren hingegen nehmen wir, wie sie sind, als typische Gestalten, wie sie der stärksten Parodie eines Tatortes, die wir bisher gesehen haben, eignen. Dagegen wirkt der nebenbei abgehandelte Konflikt zwischen den Kommissaren Dellwo und Sänger zu bieder und dies kann auch nicht damit voll rechtfertigt werden werden, dass er das nahe Ende dieser Zusammenarbeit andeuten soll.

Wir werten 751 als einen sehr interessanten Tatort mit 7,5/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf
Kommissarin Charlotte Sänger – Andrea Sawatzki
Rolf Herkel – Milan Peschel
Staatsanwalt Dr. Scheer – Thomas Balou Martin
Reinhard Staupen – Markus Boysen
Balthasar Staupen – Matthias Schweighöfer
Mike Staupen – Peter Davor
Freya Staupen – Adele Neuhauser
Rudi Fromm [Leiter Mordkommission] – Peter Lerchbaumer
Sandra Jakesch – Sandra Borgmann
u.a.

Musik:Fabian Römer
Kamera:Dominik Schunk
Buch:Michael Proehl
Regie:Florian Schwarz

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